Ausstellungsbesprechungen, Meldungen zum Kunstgeschehen

Katharina Hinsberg – withdrawn, Städtische Galerie Offenburg, bis 18. April 2010

„Zeichnen kann wie Regnen beginnen, manchmal mit dem Klopfen eines Stiftes auf Papier. Dann gibt es das Prasseln mit Fingernägeln und -kuppen oder -kappen, Kappen mit Graphitminen als Krallen, Krallen, die man dann kappen kann, abschneiden, oder einschneiden. Ein Schneiden kann ein Wiegen sein, Wiegen wiederum wie Wogen im Korn vor dem Schnitt, das Feld gestrichelt in der Schraffur der Halme, oder der Linien aus Furchen und Schnee.“ Mit diesen eindrücklichen Worten beschreibt Katharina Hinsberg ihre vielgestaltige Beziehung zum Zeichnen. Günter Baumann hat sich die Ausstellung für PKG angesehen.

Die Zeichnung hat Konjunktur: Das Institut für Auslandsbeziehungen hat eine Ausstellung zu dieser Gattung auf Reisen geschickt – sie macht zur Zeit Station in Bonn; in Eislingen startet demnächst die vierte Biennale der Zeichnung; und so manche Galerien und Museen sind dem Trend auf der Spur und präsentieren Einzelausstellungen wie die Städtische Galerie Offenburg, die mit einer Schau die 1967 geborene Zeichnerin Katharina Hinsberg, Bremer Kunstprofessorin, ehrt.

Was manchem noch gewöhnungsbedürftig vorkommt, der die herkömmliche Griffelkunst vor Augen hat, ist längst etabliert (wenn auch wohl noch kein Gemeinplatz): Die Zeichnung hat sich die dritte Dimension erobert, die Bastion der Malerei hat sie schon vor einer halben Ewigkeit genommen. Vor keinem Medium macht die Zeichnung Halt, und vor allem ist sie die Gattung, die sowohl das größte Sprengpotential innerhalb der herkömmlichen Gattungen hat, zumal sie vielfältiger einsetzbar ist als alle anderen Künste. Katharina Hinsberg macht in Offenburg den Auftakt zu einer Serie von Ausstellungen, die sich dem Thema Zeichnung widmen. Was ihr vordergründig gar nicht so wichtig ist, ist genau das, was der Besucher zunächst erwartet: die Linie als gesetzte Umrisse auf Papier. Sie macht die Linie vielmehr zum entgrenzten Protagonisten, zum furiosen Zeichen im Raum, mal in roten Endlosbändern, mal als grau getönte Schlieren an der Wand entlang. Oder sie lässt die Linie grade noch als Rahmenlinie gelten, in deren Mitte jegliche Zeichnung ausgespart wurde. Und wenn schon Papier, kerbt Hinsberg ihre Striche wie Wundmale ein. Mit ihrem Minimalismus bereichert die Künstlerin die Spielfelder einer Gattung, die eines figurativen Inhalts gar nicht mehr bedürfte. Deutlicher hat sich die Zeichnung nur selten ganz sich selbst zugewandt, wie hier in dem hochkonzentrierten, spektakulären Werk von Katharina Hinsberg. Der Titel verweist auch darauf, dass es ihr allenfalls um ein Mit-Zeichnen geht, was immer die Linie »selbst« schon anlegt bzw. anrichtet, ansonsten meint das englische »withdraw« auch »(sich) zurückziehen« – die entsprechenden Arbeiten sind mittels Bohrmaschine »gezeichnet« worden... Am stärksten ist die Künstlerin da, wo sich die Zeichnung zur Installation öffnet, wo die Grenzen zum Raum bzw. zur Architektur aufgehoben sind und die grafische Gestaltung sich auf poetische Weise verselbständigt.