Buchrezensionen

Kluckert, Ehrenfried: Die Kasseler Gärten. Raffinierte Perspektiven, Hirmer-Verlag, München 2007.

Es ist ebenso tröstlich wie desillusionierend, dass Voltaire, der hellste Kopf des »siècle des Lumières«, der an scharfem Biss kaum zu überbieten war, am Ende seines »Candide« seinen Helden zu der schlichten Einsicht kommen lässt, dass nichts gefährlicher sei als Größe und es doch am besten sei, seinen Garten zu bestellen.

Jeder Garten will eine Annäherung an den Garten Eden sein. Er sucht im Kleinen, was im Großen verwehrt ist: Geborgenheit, Ordnung, Harmonie, das verlorene Paradies. Mal dominiert dabei die Kunst über die Natur, mal tritt sie hinter dem Postulat der Natürlichkeit zurück und entwickelt eine besonders künstliche Form, natürlich sein zu wollen. Und in fast allen Gärten ist noch abzulesen, dass durch allen Wandel der Zeiten und des Geschmacks hindurch historische Schichtungen transparent geblieben sind.

So auch in Kassel. Dennoch gibt es auch hier so etwas wie eine Abfolge, an der sich die Gartenentwürfe von der Spätrenaissance bis an die Schwelle des 20. Jahrhunderts ablesen lassen. Dass das hier zu besprechende Buch gerade jetzt im Frühsommer erschienen ist, dürfte kein Zufall sein: Die documenta 12 öffnet bald ihre Tore, und zu ihrem erklärten Konzept gehört es, dass die zeitgenössische Kunst die diversen Gärten der Stadt (und nicht nur wie bisher gelegentlich die Karlsaue) miteinbezieht.

Der Plural des Titels ist also bewusst gewählt. Ehrenfried Kluckert, der sich neben etlichen Veröffentlichungen vor einigen Jahren mit dem Standardwerk »Gartenkunst in Europa. Von der Antike bis zur Gegenwart« als Experte empfahl, hat im Auftrag der MHK (= Museumslandschaft Hessen Kassel) darauf hinweisen wollen, dass es in und um Kassel eine ganze Gruppe von Gärten gibt, die es wieder zu entdecken oder zumindest ins Bewusstsein zu heben gilt.

Fortsetzung von Seite 1

Das ist ihm überzeugend gelungen. Der Band ist klar gegliedert, beginnend mit den historischen Wurzeln der Kasseler Residenz und Landgrafschaft, widmet sich der Verfasser zunächst der Entwicklung des barock ausgestalteten Augartens am Ufer der Fulda.

Dann wendet er sich dem »größten Bergpark Europas« zu, der sich kilometerweit um und vor allem oberhalb des Schlosses Wilhelmshöhe erstreckt. Schließlich behandelt er die weniger bekannten kleinen Gärten, das Rokoko-Lustschloss des 17 km entfernten Dorfs Calden, oder den Park Schönfeld am Stadtrand und die Relikte, die es noch in anderen Bereichen der hessischen Residenzstadt zu sehen gibt.

Ein besonderer Kunstgriff des Hirmer-Verlags besteht darin, die wunderbaren Fotografien und alten Pläne sich quer in einem Panoramaformat von 23 x 30 cm ausbreiten zu lassen, so dass dem Auge wie in der Natur eine Weite suggeriert wird, in der es genüsslich weiden und schweifen kann. Anlass für die Veröffentlichung sind die derzeitigen Umstrukturierungen der Kasseler Museumslandschaft, in deren Verlauf auch die Parks und Gärten wieder als Einheit in den Blick kommen sollen.

Das geschieht nicht im Sinne eines vermeintlich rekonstruierenden Purismus, sondern mit Blick für ein vielgestaltiges kulturelles Erbe von annähernd 600 Jahren. Barock-geregelte Anlagen mit zentralisierenden Schneisen und Alleen, klaren Wasserachsen, Parterren und Broderies bilden häufig nur den geometrischen Rahmen für spätere Umgestaltungen mit weiten Wiesenflächen und Baumgruppen, die zu Clumbs im Sinne der englischen Landschaftsgärten zusammengefasst wurden.

Fortsetzung von Seite 2

So auch in der stadtnahen Karlsaue, deren Patte d’oie und Arabesken immer noch das Grundgerüst bilden, und dessen Hauptallee schon vom Bowlinggreen der Orangerie aus das große Bassin mit der Schwaneninsel anvisiert, in deren Zentrum wiederum ein kleiner klassizistischer Tempel steht, - dieser wie jene in ihrer Konchenform fein aufeinander abgestimmt.

Für Georg Dehio war der Gartenpark des Habichtswaldes hoch über der eigentlichen Residenz »das Grandioseste, was irgendwo der Barock in Verbindung von Architektur und Landschaft gewagt hat« (hier S.58). Dass der neue Geist, den man vielleicht in Rousseaus »La Nouvelle Heloise« von 1761 am besten greifen kann, in Kassel so früh wie sonst nirgends auf dem Kontinent Einzug hält, ist hier wie in den Karlsauen auf Schritt und Tritt zu sehen.

»Die Natur pflanzt nicht nach der Schnur« war fortan die Devise. Sanft modellierte Grashügel und sentimentale Szenarien waren nun angesagt, in denen die Teiche und Seen die »Augen der Landschaft« und die gewundenen Wege die »stummen Führer« einsamer Betrachter wurden, wie der gartentolle Fürst Pückler es nannte.

Und tatsächlich ist die Achse, die vom Gipfel des Waldhangs mit dem Oktogon, auf dessen pyramidaler Spitze die kolossale Herkules-Statue steht, den steil abfallenden Kaskaden zum schmetterlingsförmigen Neptunsbrunnen zum Schloss führt, ein nach wie vor imponierender Entwurf. Von hier aus schafft sie über die Wilhelmshöher Allee die Verbindung zur Stadt.

Fortsetzung von Seite 3

Entscheidende Anregungen hatte sich der Landgraf Karl 1699 auf einer Reise nach Italien gesucht, wo er inkognito die Villa d’Este in Tivoli, die Villa Farnese (in deren Treppenhaus damals der berühmte Herkules stand), vor allem aber die Villa Aldobrandini in Frascati besuchte. Hier wie dort ist der terrassenförmige Steilhang der Ausgangspunkt einer Choreografie, deren Hauptdarsteller das Wasser ist.

Nach der barocken und englischen Umgestaltung folgte die sentimentalische und die »Umschaffung« ins Heroisch-Romantische. Nachdem der »Götze Le Notre entlarvt und vom Thron gestürzt [wurde]« (hier S.94), gaben  William Chambers, Lancelot Brown und schließlich Christian Cay Lorenz Hirschfeld den Ton an.

Das Sentimentalische, bizarr-verzärtelte, der Hang zum Exotismus, der seine schönste Blüte um 1800 in einem ganzen chinesischen Dorf namens »Mulang« trieb, wurden abgelöst von der schaurig-schönen Teufelsbrücke mit dem tiefen Schattenreich darunter, von romantischen Grotten und der neogotisch gebauten Ruine »Löwenburg«, in deren Gruft der Landgraf Wilhelm IX. begraben sein wollte.

Wie die reichhaltigen Erfahrungen eines Lebens sich in ein menschliches Gesicht mit Falten und Furchen eingraben, so sind in die verschiedenen Gärten die unterschiedlichen ästhetischen Gestaltungsabsichten eingegraben. Und vielleicht erscheint es ja nur aus Unkenntnis etwas hochgegriffen, wenn man, wie Ehrenfried Kluckert, von einem ganzen »Kassler Gartenkontinent« spricht.

 

Diese Seite teilen