Meldungen zum Kunstgeschehen

Kunst im Saarland April/Mai 2011

Im April und Mai 2011 hat der Frühling mit seinen sprießenden Knospen und dem jungen Grün der Blätter das Saarland zur Gänze erreicht. Parallel zu diesem farbenprächtigen, munteren Treiben haben auch die Galerien und Museen ihren Frühjahrsputz beendet und warten nun mit einem vielfältigen und hochwertigen Kunstprogramm auf. Unsere Autorin Verena Paul hat ihre Empfehlungen für Sie zusammengestellt.

Kunst im Saarland
Kunst im Saarland

Im Westen viel Neues

Die galerie m beck in Homburg/Schwarzenacker präsentiert bis 22. April 2011 eine wundervolle Parallelausstellung: Karin Mansmann »Think Look«, Constantin Jaxy »Recent Works», Darko Malenica »New World« sowie Njörn Unaveus »Enkaustik». Ihre Bildmotive findet die 1960 in Tholey-Hasborn geborene Künstlerin Karin Mansmann in ihrer gesamten Umgebung. Eindrücke aller Art, die sie im täglichen Leben quasi »im Vorübergehen« sammelt, liefern den Stoff für ihre überwiegend abstrakten Kompositionen. Das Werk des 1957 in Bremen geborenen Künstlers Constantin Jaxy zeichnet hingegen die Affinität zum Technischen und Architektonischen aus. Er ist primär fasziniert von der Konstruktion, sowohl der realen als auch der gebauten Architektur, wie zum Beispiel eine Brücke, ein Stadion oder die Kuppel des Reichstages. Weiterhin interessiert er sich für technische Gebilde, wie Kräne am Hafen, eine Achterbahn oder das Verwirrspiel des überdehnten Schattenwurfs eines Baugerüstes, das durch seine Dynamik bühnenbildartige Wirkung erreicht. Jaxys Umsetzung seiner Wahrnehmungen ist vielgestaltig, denn er zeichnet, malt, druckt, stellt Objekte und Skulpturen her oder realisiert Installationen.

Der 1968 in Novi Sad geborene Darko Malenica, der in der galerie m beck mit seiner surreal anmutenden, farbkräftigen Malerei schon häufiger Gast war, präsentiert nun seine kleinformatigen und nicht minder beeindruckenden Zeichnungen und Lithographien. Der 1961 in Bremen geborene Künstler Njörn Unaveus verarbeitet in seinen abstrakten Bildern persönliche Eindrücke und Emotionen und lässt sich bei seinem künstlerischen Schaffen ganz darauf ein, wobei nicht selten der Ausgangspunkt ein ganz anderer ist als das Ergebnis. Seine Technik: Enkaustic-Malerei. Diese spezielle Wachsmaltechnik wurde bereits von den Griechen, Römern und Ägyptern angewandt. In der griechischen Antike und im alten Ägypten zur Zeit des Pyramidenbaues (Mumienportäts) erlebte die Malerei mit heißem Wachs Blütezeiten. Heute wird mit Hilfe eines bügeleisenförmigen Maleisens geschmolzenes Wachs auf einen nichtsaugfähigen Untergrund aufgetragen. »Ich selbst«, so der Unaveus, »benutze zur Zeit einen speziellen Karton oder eine beschichtete Leinwand. Jedes Bild von mir ist ein Unikat.« Vielfältige Präsentation, eingebettet in eine grandiose Atmosphäre!

Noch bis 1. Mai 2011 präsentiert die Städtische Galerie Neunkirchen mit »Requiem für Vincent« die Arbeiten des 1950 in Nauheim geborenen Künstlers Ottmar Hörl. Seine aufsehenerregenden Arbeiten, etwa die Installationen »Zwergenaufstand«, »Das große Hasenstück« oder »Eulen nach Athen tragen«, sind bestimmt von Themen des Alltags. Denn so erklärt der Künstler, »ich habe mich von dem Gedanken verabschiedet, Werke für die Ewigkeit zu schaffen. Mich interessiert der Gedanke des Auftauchens und Verschwindens. Die Arbeit, die ich als Bildhauer mache, löst sich wieder auf. [...] Ich verstehe Kultur nicht als hierarchische Konzeption, sondern kämpfe darum, daß sich möglichst viele Menschen in einer Gesellschaft damit auseinandersetzen.« Eine grandiose Ausstellung, die ich allen Freunden moderner Kunst unbedingt empfehlen möchte!

Vom 16. April bis 29. Mai 2011 zeigt die Stadtgalerie Saarbrücken die Werke der 1960 in Rheinhausen geborenen Künstlerin Barbara Hindahl, die in ihren vielfältigen künstlerischen Arbeiten die optische und akustische Wahrnehmung untersucht, damit experimentiert und dergestalt verblüffende Zeichnungen, Raumbilder, Video- und Klanginstallationen erzeugt. Häufig wird dabei auch das Publikum wie in einer von der Künstlerin vorgegebenen Choreografien einbezogen. Die Bauanleitung für ein »Billy«-Regal scheint frei im Raum zu schweben. Ein großes orangerotes grafisches Zeichen legt sich über eine Ansammlung alter Fahrräder. Sichtbar jedoch sind beide Bilder nur von einem einzigen Punkt im Raum aus: Anamorphosen. Bohrlöcher und Dübelköpfe in der Galeriewand sind verdoppelt. Es zeigt sich, dass die »Zwillinge« der Schadstellen Bleistiftzeichnungen sind, und die Kaffee- und Stockflecken, die Fingerabdrücke auf einem Blatt Papier erweisen sich augentäuschend als mit feinsten Farbstiftlinien gesetzt. Rätselhafte Anordnungen von Buchstaben bilden die Partitur einer Klanginstallation; das filmische und klangliche Material einer Videoprojektion liefert ein Tintenstrahldrucker, dessen Innenleben bei der Arbeit gefilmt wird. Eine Schau, auf die ich schon sehr gespannt bin!

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Der Titel der Ausstellung »L.Wittgenstein. Tlp 2.01231« von Jochen Höller, die bis 8. Mai 2011 in der Galerie des Saarländischen Künstlerhauses in Saarbrücken präsentiert wird, erscheint vorerst etwas kryptisch. Jedoch verbirgt sich hinter diesem der Verweis auf einen Satz in Ludwig Wittgensteins Logisch-Philosophische Untersuchungen, der folgendes beschreibt: »Um einen Gegenstand zu kennen, muss ich zwar nicht seine externen - aber ich muss alle seine internen Eigenschaften kennen.« Diesen Ausspruch hat der 1977 im niederösterreichischen Amstetten geborene Künstler Jochen Höller auf sich und seine Umgebung angewandt und ist dabei auf interessante Ergebnisse gestoßen. Einige seiner Arbeiten setzen sich mit der Beschreibung eines Menschen anhand von Listen auseinander, wie der Liste des monatlichen Konsums von Produkten, der gelesenen Bücher oder dem sozialen Umfeld. Andere Arbeiten untersuchen Inhalte von Büchern oder interne Eigenschaften von alltäglichen Gegenständen, beispielsweise in dem Bild »Karl Marx - Das Kapital«. Dieses 750 Seiten lange Monumentalwerk hat Jochen Höller seziert und lediglich auf zwei Wörter reduziert: Arbeit und Geld. Das Resultat sind zwei Haufen die sich gegenüber stehen.

Im Studio des Saarländischen Künstlerhauses zeigt Louise Merzeau mit »Les images orphelines« bis 8. Mai 2011 ihre digitalen Fotocollagen und Fotomontagen, die aus Fotografien der Künstlerin und anonymen Fotos aus dem Internet zusammengefügt sind. Millionen Fotos schwirren durchs World Wide Web ohne dass ihre Urheber bekannt sind oder gar das Abgebildete identifiziert werden kann. Im Netz verschwinden solche vergessenen Bilder nicht einfach. Sie lassen sich nicht löschen. Stattdessen tauchen sie unerwartet wieder auf durch Verlinkungen oder andere Schnittstellen. Man findet die vergessenen Bilder des Internets in Sammlerbörsen, kann sie herunterladen und für eigene Zwecke nutzen. Sie zeigen fremde Gesichter und unbekannte Orte. Louise Merzeau hat diese Bilder mit eigenen Fotografien kombiniert und damit in einen neuen künstlerischen Zusammenhang gestellt. Sie erzählen von einer imaginären Wirklichkeit, die uns in ihrer zauberhaften Ästhetik berührt.

Die Videoinstallation „Projektion I - Fenster“ der 1981 in Daun/Vulkaneifel geborenen Judith Röder für das Studioblau des Saarländischen Künstlerhauses beschreibt das Fenster als Grenzort, der trotz seiner Offenheit und Transparenz eine gebrochene, zwiespältige Situation erzeugt. Das gleichermaßen trennende wie verbindende Fenstermotiv, das unter anderem auch in der Malerei der Romantik eine wichtige Rolle spielte, wird von Licht erfüllt und verwandelt sich im Rhythmus von Tag und Nacht, im Ein- und Ausblick, im Bild und Gegenbild.

Das Fenster selbst, Öffnung und Leerstelle, wird in der Installation zur Projektions- und Bildfläche von Endlichkeit und Weite, Vertrautheit und Fremdheit, Gegenwärtigkeit und Ausgrenzung. Im Fensterrahmen, als Ausschnitt eines größeren Ganzen, werden die Begegnung und der Zustand der Entzweiung von innerer und äußerer Wirklichkeit, von Selbst- und Welterfahrung für den Betrachter spürbar. Wieder einmal drei hochwertige Präsentationen, die uneingeschränkt zu empfehlen sind!

Die Alte Sammlung des Saarlandmuseums präsentiert vom 28. Mai bis 28. August 2011 die Ausstellung »Der Zauber der Landschaft. Zeichnungen aus dem Besitz der Alten Sammlung«. Die hier gezeigten, zum überwiegenden Teil erstmals publizierten Werke – hauptsächlich aus der Zeit der Aufklärung und der Romantik – geben zumeist natürlich belassene, teils reale Landschaften wieder, die vielfach durch architektonische Versatzstücke bestimmt werden. Häufig transportieren die Zeichnungen, wie etwa die von Jacob Philipp Hackert oder Ferdinand Kobell, ideengeschichtliche Inhalte, die Folge glaubensspezifischer und politischer Umbrüche einer Idealisierung Arkadiens sind. Andere Werke, beispielsweise jene Carl Blechens, werden durch eine starke religiöse Mystifizierung geprägt. Ausklingen wird die Ausstellung mit Landschaftszeichnungen von Karl Friedrich Johann von Müller aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in denen das Ringen um eine gesellschaftliche oder politische Verortung abgeschlossen zu sein schien und Landschaften durchaus auch reine Reiseerinnerungen sein durften. Ein leise daherkommendes Highlight, das bei Ihrem Saarlandbesuch aber unbedingt eingeplant werden sollte!

Mit der Doppelausstellung »Zeitgleich« dokumentieren der Künstlerkreis Neunkirchen und die Künstlergruppe Untere Saar eine enge Zusammenarbeit im Atelier Museum Haus Ludwig in Saarlouis und im Rathaus Neunkirchen. Beim Saarlouiser Ausstellungsprojekt in Neunkirchen, das vom 7. bis 21. April 2011 zu sehen ist, bleibt die Künstlergruppe Untere Saar ihrem Konzept treu: Gemeinsamkeit durch »Einheit in der Vielfalt«. Damit ist diese Ausstellung nicht programmatisch, sondern pluralistisch geprägt und lebt von Kontrasten: Abstraktion, Realismus, Fotografie und Malerei. Die 16 KünstlerInnen werden dabei zahlreiche neue Werke vorstellen. Nach anderen Schwerpunkten hat der bereits seit 56 Jahren bestehende Neunkircher Künstlerkreis im Atelier Museum Haus Ludwig seine Ausstellung konzipiert. Die 10 Mitglieder werden vom 3. bis 25. April 2011 einen Querschnitt ihrer aktuellen Arbeiten zeigen: Malerei, digitale Bildbearbeitung, Aquarelle, Mischtechnik sowie Skulpturen. Ein Kunstaustausch, auf den man gespannt sein darf!

Mit der Präsentation »Die Kelten – Druiden. Fürsten. Krieger« gibt das Weltkulturerbe in Völklingen bis 22. Mai 2011 erstmals einen breiten Einblick in dieses vergessene Kapitel unserer Kultur. Vor 2500 Jahren war das Saarland mit Luxemburg, Lothringen, Rheinland-Pfalz und dem belgischen Wallonien ein wichtiges Zentrum Europas. Hier lebten Kelten. Ihre Fürsten waren gefürchtete Krieger, die den Grundstein für eine neue Kultur, die Latène-Kultur, legten. Ihre Schmiede beherrschten die Kunst, Eisen zu gefürchteten Waffen und innovativen Werkzeugen zu formen. Mehr als 150 ausgewählte Exponatengruppen lassen Innovation, Kultur und Macht der Kelten in der 6000 Quadratmeter großen Gebläsehalle lebendig werden. Eine beeindruckende Ausstellung in nicht minder imposantem Rahmen präsentiert!

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Mit »Papier in Bewegung! Pop-up-Bücher und Papiermechanik« gewährt das Deutsche Zeitungsmuseum in Wadgassen bis 1. Mai 2011 neben den von Walter Ruffler gefertigten Modellen Einblicke über die historischen Papierskulpturen sowie zeitgenössische Modelle aus aller Welt, einschließlich der Pop-up-Buchkunst. Dem Bremer Künstler Walter Ruffler gelingt es, auf beeindruckende Art und Weise Papier Leben einzuhauchen. Seine beweglichen Papierobjekte überzeugen mit Witz, Charme und Kreativität. Angefangen vom flügelschlagenden Drachen über kopflose Angestellte bis hin zu musizierenden Eseln ist ein vielfältiges Spektrum dieser besonderen Papierkunst zu bestaunen. Vielfältig sind auch die Möglichkeiten, Papier in Bewegung zu bringen. Neben der verbreiteten Kurbelmechanik gibt es auch Modelle, die mit Sand, Druckluft oder speziellen Zugmechanismen betrieben werden. Eine Ausstellung, die sicher auch den jüngeren Ausstellungsbesuchern viel Freude bereiten wird!

Die Ausstellung »Menschen machen Zeitung. 250 Jahre Saarbrücker Zeitung« zeigt das Deutsche Zeitungsmuseum dann vom 9. April bis 28. August 2011. Aus Anlass des 250-jähriges Bestehens der Saarbrücker Zeitung, die damit eine der ältesten Tageszeitungen Deutschlands ist, präsentiert die Ausstellung die ereignisreiche Geschichte des Blattes: Von den Anfängen als Anzeigenblatt im 18. Jahrhundert bis zur auflagenstarken Regionalzeitung im 19. und 20. Jahrhundert. Vieles hat die Zeitung in den 250 Jahren ihres Bestehens mitgemacht: Kriege und Zerstörung, Besatzungszeiten, Zensur bis hin zu Ausweisungen von führenden Mitarbeitern, Verbote, Boykottmaßnahmen und nicht zuletzt auch zahlreiche Umbenennungen des Blattes. Ein Schwerpunkt der Ausstellung bildet die Darlegung der Veränderungen im Herstellungsprozess in den vergangenen 50 Jahren. In einer Gegenüberstellung werden mithilfe von Abbildungen die unterschiedlichen Arbeitsabläufe einerseits der Nachkriegszeit, andererseits der heutigen Zeit dokumentiert. Auf diese Weise sollen die Menschen, die täglich dafür sorgen (und dafür gesorgt haben), dass die Zeitung pünktlich erscheinen kann, in den Mittelpunkt der Ausstellung gerückt und der Wandel in der Arbeitswelt im Druckbereich veranschaulicht werden. Eine Ausstellung, auf die sich nicht nur die Saarländer freuen dürfen!

Wie politisch es im Programm des Deutschen Zeitungsmuseum weitergeht, zeigt schließlich die Ausstellung »Unter Druck. Die Zeitungen der Friedlichen Revolution «, die ab dem 7. Mai 2011 zu sehen ist. Der Ruf nach Pressefreiheit und SED-unabhängigen Zeitungen nach jahrzehntelanger verfassungswidriger Zensur gehörte im Herbst der Friedlichen Revolution 1989 zu den ersten Forderungen in den politischen Friedensgebeten, während der Demonstrationen und an den Runden Tischen in der DDR. Offiziell gab es in der DDR keine Zensur. Doch die SED-Führung übernahm Lenins Sichtweise, dass die Presse »die schärfste Waffe der Partei« sei, und reglementierte das Zeitungswesen. Mit handvervielfältigten Periodika brachten gesellschaftliche Gruppen und die Kirche vor der Wende alternatives Gedankengut unter die Leute. Nach dem Fall der Mauer wurden bis zur Wahl im März 1990 DDR-weit 43 unabhängige Zeitungen gegründet, mit Witz und Charme, laienhaft oder professionell aufgemacht. Dem Druck der »gewendeten« früheren SED-Organe und der bunten Papierlawine aus dem Westen war der »Aufbruch zur Vielfalt« nicht gewachsen. Doch diese Zeitungen begleiteten über viele Monate engagiert die Demokratisierung der DDR nach dem Höhepunkt der Friedlichen Revolution und bleiben Dokumente von Bürgermut und Freiheitswille. Ein echter Tipp für alle Geschichts- und Politikinteressierten!

Kunst ist, wie der französische Erzähler und Dramatiker Albert Camus es formulierte, »eine in Form gebrachte Forderung nach Unmöglichem«. Dieses Streben nach dem Unmöglichen, dem Undarstellbaren beobachten zu dürfen, ist eine unglaubliche Bereicherung und deshalb wünsche ich allen BesucherInnen der saarländischen Kunst- und Kulturlandschaft im April und Mai 2011 wieder einen fruchtbaren Austausch und viel Vergnügen mit der gezeigten Kunst, Ihre Verena Paul.