Meldungen zum Kunstgeschehen

Kunst und Kolonialismus

Die Geschichte der Kolonisierung ist eine der »Versklavung, Ausbeutung, Migration«, wie es auf der Internet-Seite des Goethe-Instituts heißt. Perspektiven jenseits der kolonialen Vergangenheit möchte das Institut, als Vertreterin Deutschlands im Ausland, mit dem Projekt »Episoden des Südens« entwickeln. Dabei werden alte Narrative einer konsequenten Überprüfung unterzogen und neu diskutiert. Andererseits hat es aber auch bereits zur Kolonialzeit Menschen gegeben, die den Vertretern nichteuropäischer Kulturen auf Augenhöhe begegnet sind. Oft haben sie sogar einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet, dass die alten Traditionen erhalten geblieben sind und oft sogar Einfluss auf Europa ausüben konnten. Susanne Braun hat sich in diesem Spannungsfeld auf Spurensuche begeben und ist dabei unter anderem auf den rituellen Charakter von Techno-Musik und die ethnologische Bedeutung von Malerei gestoßen.

Auf dem Tisch steht ein Gefäß. Darum herum sitzen mehrere Menschen. Sie alle haben verschiedene Ausbildungen und stammen aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten. Der Reihe nach versuchen sie sich an Erklärungen für die Bilder auf dem Gefäß, um darüber auf dessen Herkunft schließen zu können. Letztlich ähnelt kein Erklärungsversuch dem anderen. Ganz offensichtlich haben sie jedoch alle etwas mit der persönlichen Situation des Erklärenden selbst zu tun. Die Spannung steigt. Welche Erklärung kommt der Wahrheit am nächsten? Doch eine Auflösung des Rätsels kann es nicht geben, zumindest nicht zum gegenwärtigen Zeitpunkt. »Wir wissen auch nicht, woher genau das Objekt stammt und in welchem Zusammenhang es entstanden ist«, erklärt Anna Viebrock, Kuratorin des Museum Folkwang, dem das Gefäß gehört. »Ich bin eigentlich Kuratorin für moderne Kunst und weiß es auch nicht. Wenn jemand Lust hätte, Forschungen darüber anzustellen, würden wir uns freuen«.

Die Veranstaltungsreihe, in deren Rahmen dieses Gespräch stattfand, nennt sich »Episoden des Südens«. Ins Leben gerufen hat sie das Goethe-Institut Brasilien zusammen mit Partnern aus Wissenschaft und Kunst. Ziel ist, die Fixierung auf Europa und den Norden in Wissenschaft und Kunst aufzulösen. Doch an diesem Abend ergeben sich erstaunlich viele Ähnlichkeiten zwischen Nord und Süd. Im Folgenden wird die Situation der Urbevölkerung in Brasilien und Grönland dargestellt. Laymert Garcia, Professor für Philosophie und Soziologie in São Paulo, und Kimmernaq Kjeldsen, Sängerin und Schauspielerin aus Grönland, sprechen über Traditionen, die erst langsam wieder selbstverständlicher Teil des Alltags werden. In beiden Ländern haben europäische Eroberer die traditionelle Lebensweise der Urbevölkerung verboten oder erschwert. Heute erobern sich die Ureinwohner in beiden Ländern langsam ihre Sphären und Einflussbereiche zurück. Brasilien ist heute autonom und keine Kolonie Portugals mehr, Grönland ist immer noch autonomer Teil Dänemarks.

Am Ende des Gesprächs präsentiert Kimmernaq Kjeldsen den Umgang mit der traditionell von den grönländischen Inuit verwendeten Trommel. Ähnlichkeiten tun sich auf mit den zu rituellen Zwecken eingesetzten Rhythmen, wie sie etwa auch aus Afrika und Südamerika bekannt sind. Als der Musiker und DJ eomac seine dumpf wummernden Techno-Beats auflegt, wird klar, dass er diese Tradition vieler Inuit auf beeindruckend kreative Weise zeitgenössisch und clubtauglich fortsetzt.

Jemand, der offenbar mit weißen Überlegenheitsgefühlen und -gesten wenig anzufangen wusste, war der Maler, Musiker und Kurator Walter Spies (1885-1941). Schon früh kehrte er Deutschland den Rücken und verbrachte sein Leben in Indonesien. Romina Pistor hat Spies eine beeindruckende Biografie gewidmet, in der sie gleichzeitig das Verhältnis der europäischen Kunstszene zur primitiven Kunst indigener Völker generell beleuchtet. Der Ausdruck »primitive Kunst« ist in diesem Zusammenhang natürlich in keiner Weise abwertend gemeint, sondern gilt heute als anerkannter Begriff für Kunst, die als besonders ursprünglich gilt.

Spies wurde 1885 in Moskau als Sohn einer einflussreichen deutschen Kaufmannsfamilie, die in Russland lebte, geboren. Damit er nicht als deutscher Soldat am Ersten Weltkrieg teilnehmen konnte, wurde er 1914 in Russland interniert. Nach Ende des Krieges kehrte die Familie nach Deutschland zurück. Spies lernte dort den Schriftsteller Hans Jürgen von der Wense und den Stummfilmregisseur Walter Murnau kennen sowie Paul Klee, George Grosz oder Emil Nolde. Gemäß den Recherchen von Romina Pistor »malte, philosophierte und musizierte« Spies zu dieser Zeit.

Doch obwohl er in der Kunstszene viele Freunde fand, fühlte er sich nicht wohl und litt an Depressionen. 1923 verließ er Europa für immer und reiste nach Indonesien. Er schlug sich zunächst mit Gelegenheitsarbeiten durch und bekam schließlich eine Stelle als Pianist und Dirigent des europäischen Orchesterensembles. Dort transkribierte er traditionelle javanische Musikpartituren in Noten für europäische Instrumente. Darüber hinaus begeisterte sich Spies »für alle klassischen javanischen Tanz- und Theaterformen und erforscht ihre Entwicklung unter islamischem Einfluss«. Auch in seiner Malerei thematisierte Spies immer wieder dortige Mythen und Legenden und ließ sich beispielsweise von der mystischen Atmosphäre des Urwalds inspirieren. Romina Pistor attestiert Spies in seiner Malerei »eine spontane Vorliebe für den Traum, das Phantastische und das absichtsfreie Spiel der Gedanken«, die »fast dem kindlichen Denken nahe kommt«.

1932 wurde das Bali-Museum von der niederländischen Regierung mit dem Ziel gegründet, der balinesischen Kultur mehr Ausdruck zu geben. Spies wurde Konservator des Museums, gründete seine eigene Kunstsammlung und unterstützte balinesische Künstler in ihrer Ausdrucksfähigkeit. Die respektvolle Haltung den Einheimischen und ihren Traditionen gegenüber behielt er bei und er ist den Menschen auf Java und Bali bis heute als »beliebter und hilfsbereiter Freund« in Erinnerung geblieben, der dem »balinesischen Lebenssinn und kosmologischen Glauben wohl wie kein anderer Europäer nahe zu kommen wusste«. Romina Pistor arbeitet heraus, in welchem Maße die Begeisterung für primitive Kunst bereits von Paul Gauguin und Anfang des 20. Jahrhunderts von den europäischen Avantgarden wie Dada oder Malern wie Pablo Picasso geteilt wurden. Außerdem zeigt sie in interessanter und gut verständlicher Weise, welche unterschiedlichen Erwartungen an die Kunst in Europa und die religiös geprägte auf Bali gestellt wurden.

Dass es im Gegenzug dazu auch indonesisch-stämmige Menschen gab, die einflussreicher Teil der Kunstszene in Deutschland geworden sind, zeigt Martin Jankowski in seinem Buch »Indonesien Lesen«. Wichtigstes Beispiel ist der javanische Prinz Raden Saleh Syarif Bustaman (1811-1880), der sich von den Niederländern in klassischer Malerei ausbilden ließ. Er hielt sich am Dresdener Hof und im Herzogtum Gotha auf und wurde zu einem wichtigen Vertreter der spätromantischen deutschen Malerei. Außerdem gilt er als Mitbegründer der für Europa im 19. Jahrhundert so wichtigen Orientalismus-Strömung.

Ein wenig wie Walter Spies hat die Malerin Ruth Baumgarte (1923-2013) sich in ihrer Arbeit dem afrikanischen Kontinent gewidmet. Sie ist dorthin zwar nicht ausgewandert, hat ihn aber seit den 1950er Jahren immer wieder längere Zeit bereist. Entstanden sind viele sehr farbenfrohe Bilder, die den oft mühevollen Alltag illustrieren. Dabei hält die Malerin dem Betrachter den skeptischen Blick der Afrikaner entgegen. Ihre Bilder sind zur Zeit in der Ausstellung »Turn of the Fire« im Ludwig Museum im Deutschherrenhaus Koblenz zu sehen.

Hineingeboren worden ist Ruth Baumgarte in eine alte Theaterfamilie. Ihr Vater war Kurt Ruppli, der Schauspieler, Regisseur und späterer Verwaltungsdirektor bei der UFA sowie Mehrheitseigner der Tobis Filmproduktionsgesellschaft. Sowohl die UFA als auch die Tobis Filmproduktionsgesellschaft hatten in den 1930er und 1940er Jahren einen wesentlichen Anteil an der Filmproduktion der Nazis. Ruth Baumgarte konnte in den 1940er Jahren Grafik und Malerei in Berlin studieren und arbeitete während dieser Zeit für die Kaskeline-Zeichentrickfilm-Ateliers. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs war sie zunächst als Pressezeichnerin für die erste deutsch-russische Tageszeitung und als Gymnasiallehrerin tätig. 1945/46 siedelte sie nach Bielefeld über und arbeitete dort als freie Malerin und Grafikerin.

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Ob Ruth Baumgartes großes Interesse an Afrika wohl mit den Nazi-Verstrickungen ihrer Familie zusammenhängt? Auf jeden Fall malt sie unglaublich empathische und respektvolle Bilder der Afrikaner, die von den Nazis bekanntlich als minderwertig eingestuft worden sind. Im Katalog zur Ausstellung in Koblenz attestiert ihr Chirikure Chirikure, einer der bekanntesten Lyriker und Erzähler Afrikas, dass er »glücklich« gewesen sei, als er ihre Werke zum ersten Mal gesehen habe. Im Gegensatz zu vielen anderen Europäern sei es ihr oft gelungen, die tatsächliche Situation im Land in ihren Bildern einzufangen. »Ihre Werke zeugen davon, wie tief sie sich nach Afrika hineinziehen ließ. Die Länder Afrikas und seine Völker waren für sie keine Modelle, die es auf der Leinwand festzuhalten galt, sondern ein integraler Bestandteil ihrer Lebensreise«, schreibt Chirikure.

Die Afrikaner, die Ruth Baumgarte zeigt, wirken nicht fremdartig. Ganz im Gegenteil tragen sie meist vertraute Gesichtszüge, die von denen europäischer Menschen nicht zu unterscheiden sind. Auch die Hautfarbe der dargestellten Männer und Frauen wirkt in den farbintensiven Bildern wie ein natürlicher Bestandteil der Umgebung. Ohnehin verschmelzen bei Ruth Baumgarte sehr oft Mensch und Natur zu einer untrennbaren Einheit. Farben und Formen bilden eine sich ästhetisch und ohne Brüche ergänzende Komposition. Hier wirkt der Mensch nicht wie derjenige, der die Welt nach seinen Vorstellungen formt, sondern eher wie ein Produkt der Lebensverhältnisse in seiner Umgebung. In Baumgartes Bildern schwingen viele Momente der europäischen Kunstgeschichte mit. Ihre Farbpalette ist farbenfroh und expressiv; sie ähnelt etwa der von Gauguin oder den Brücke-Künstlern. Gleichzeitig fängt sie das schillernde Spiel von Licht und Schatten in eher impressionistischer Weise ein und erinnert damit entfernt an Monet. Manche Bilder haben dabei viel Ähnlichkeit mit einem Comic. Insbesondere dann, wenn Ruth Baumgarte wohl beabsichtigt, mit ihnen eine für die dortigen Verhältnisse exemplarische Geschichte zu erzählen. Interessanterweise haben die Bilder oft dokumentierenden Charakter. Dabei wirken sie nicht selten etwas surreal. Wie Walter Spies ist sie auch ein wenig Chronistin der dortigen Sitten und Gebräuche.

Natürlich sind nicht nur rein bildliche Gestaltungsmittel in der Lage, fremde Kulturen aus weiter Ferne in die Nähe der Lebenswirklichkeit eines Betrachters zu rücken. Auf Basis eines europäischen Narrativs bewegt sich beispielsweise das Theaterstück »Malalai – die afghanische Jungfrau von Orléans«. Das Stück ist eine Koproduktion mehrerer Theater - darunter das DNT aus Weimar, das AZDAR Theatre aus Afghanistan, das Theater Chur und das Schauspielhaus Bochum. Auf der Bühne wird Deutsch, Französisch, Persisch und Hebräisch gesprochen. Der Kern der Geschichte von Malalai von Maiwand aus Afghanistan und der Jungfrau von Orléans, die im 15. Jahrhundert in Frankreich gelebt haben soll, ähneln einander. Wie Johanna von Orléans den französischen Truppen zu einem unerwarteten Sieg über die englischen verholfen haben soll, hat rund 300 Jahre später auch Malalai das Glück auf dem Schlachtfeld drehen können. Der Legende nach kämpften in diesem Fall die Afghanen gegen die britischen Kolonialherren. Als die Schlacht bereits verloren galt, soll Malalai die afghanischen Truppen mit ihrem weißen Schleier als Fahne in den Sieg geführt haben. Auch Malalai hat ihren Einsatz offenbar nicht überlebt. Johanna von Orléans starb auf dem Scheiterhaufen, Malalai auf dem Schlachtfeld. Bis heute gilt sie in Afghanistan als Heldin. Es werden Mädchen nach ihr benannt, von denen man sich ein besonderes Engagement für die Gesellschaft erhofft. Dazu gehört auch Malala Yousafzai, die bisher jüngste Friedensnobelpreisträgerin. Sie hatte sich für das Recht auf Bildung von Mädchen und Frauen eingesetzt und ist mit fünfzehn Jahren nur knapp einem Attentat der Taliban entkommen.

Friedrich Schillers 1800 in Leipzig uraufgeführtes Theaterstück »Die Jungfrau von Orléans« dient als Grundlage für »Malalai - die afghanische Jungfrau von Orléans«. Es ist 1800 in Leipzig uraufgeführt worden. Die romantische Tragödie hat nur wenig mit den historischen Fakten um 1500 zu tun. Schiller entwickelt den Stoff als Geschichte einer unkonventionellen Frau, die selbstlos ihre Pflicht erfüllt und die Franzosen rettet. Auch der Thronfolger und spätere französische König Karl denkt vorwiegend mitfühlend an sein Volk und ist bemüht, so viele Menschen wie möglich zu retten. Sinnlose Brutalität oder Rachegedanken scheinen ihm fremd zu sein. In Schillers Stück entdecken sogar Kriegsgegner auf dem Schlachtfeld ihr Mitgefühl füreinander, wenn sie sich begegnen. Diese Haltung erinnert an Kants kategorischen Imperativ und die Figur des Königs der Franzosen scheint als eine Art Prototyp des aufgeklärten Herrschers entworfen zu sein.

Obwohl »Malalai« nur entfernt an die Handlung aus Schillers Drama erinnert, ist der auf Mitgefühl und Kommunikation ausgelegte Charakter erhalten geblieben. Ähnlich wie bei Schiller funktioniert die Verständigung hier offenbar auch in unterschiedlichen Sprachen. Sie muss auch nicht immer verbal erfolgen, sondern findet scheinbar auch auf fast unsichtbaren Wegen über Körpersprache, Mimik oder Gestik statt. Das wirkt manchmal ein bisschen magisch. Fast so, wie auch die religiösen Erscheinungen und Stimmen, die Johanna von Orléans führen und für Außenstehende unsichtbar bleiben.

In diesem Stück sind vor allen Dingen die realen Umstände, unter denen es entstanden ist, Thema auf der Bühne. Die Zuschauer erfahren, dass die Theatermacher in Afghanistan keine Stücke mehr aufführen können, weil es vor zwei Jahren einen Anschlag der Taliban gegeben hat. Erst nach langem Hin und Her durften sie nach Europa ausreisen. Auf der Bühne beschreiben sie die Freude darüber wieder spielen zu dürfen. Doch auch hier schwingt die Sorge um ihre Familien, die sie in Afghanistan zurücklassen mussten, immer mit. Insgesamt beschreiben den Alltag in einer Gegend, die sich in einer Art Dauerkrieg befindet und in der jeder Tag der letzte sein kann. Interessanterweise bietet in diesem Zusammenhang gerade die Geschichte der Johanna von Orléans eine geeignete Grundlage, auf der sich über Malalai von Maiwand und die Rechte von Frauen gefahrenfrei sprechen lässt.

Zwar stehen die Geschichte von Malalai und die Situation der Afghanen im Vordergrund, doch auf der Bühne tun sich auch andere Konflikte auf. Beispielsweise zwischen Männern und Frauen, Ost und West, unterschiedlichen Ethnien und welche, die aus Rollenzuweisungen innerhalb einer Gruppe entstehen. Die israelische Schauspielerin Hadar Dimand ist eine der drei Frauen, die Malalai beziehungsweise Johanna von Orléans verkörpern. Sie spricht auf der Bühne über die jüdische Vergangenheit, Gewalt und ob Vergebung möglich sein kann. Insgesamt werden die Rollen vieler Schauspieler oft getauscht, so dass eine große Nähe zwischen den vielen Menschen und ihren Geschichten entsteht. Trotz aller Auseinandersetzungen endet der Abend versöhnlich.