KunstGeschichten

KunstGeschichte: Aktfotos

Zum Sommerende geht es in der neuen KunstGeschichte von Erich Wurth noch einmal heiß her: Bei einem Fotoshooting soll der hoch versicherte Aktfotograf Erwin Kodovsky sein Ende finden. Ob sein Sohn das Geld bekommt?

Erwin Kodovsky wurde dieses Jahr sechzig. Einundsechzig würde er nicht mehr werden. So hatte es jedenfalls sein Sohn beschlossen.
Am einunddreißigsten Juli wurde die Lebensversicherung fällig und die Zahlung würde über hunderttausend Euro betragen, da der Fotograf Erwin Kodovsky nun zwanzig Jahre lang monatlich weit über dreihundert Euro Prämie bezahlt hatte. Die genaue Summe wusste sein Sohn Bernhard nicht, jedenfalls war seinerzeit die Police auf genau 1,5 Millionen Schilling abgeschlossen worden.

Im Ablebensfall war die Versicherungssumme an den Überbringer der Police auszuzahlen und Bernhard Kodovsky war im Besitz des Dokumentes. Sollte Erwin Kodovsky aber den ersten August bei guter Gesundheit erleben, ging der Betrag natürlich an ihn selbst.
Folglich musste Vater Erwin zeitgerecht ins Gras beißen.

Dieser Erwin Kodovsky war der weithin sichtbare Beweis für die Behauptung, dass auf künstlerischem Gebiet außer Talent noch eine gehörige Portion Glück vonnöten ist, um wirtschaftlichen Erfolg zu haben. Erwin hatte dieses Glück gehabt, als er im Dienste einer Klatschzeitung bei einer Prominentenparty gerade in dem Moment auf den Auslöser gedrückt hatte, als eine damals sehr bekannte Fernsehdiva sich an einem Kaviarbrötchen verschluckt hatte und daran zu ersticken drohte.

Die verzerrte Fratze mit den weit aufgerissenen Augen der Schauspielerin, die nach Luft rang, war damals durch die Presse gegangen und hatte Erwins Ruhm begründet. Fortan konnte er für seine Fotos verlangen, was er wollte, irgendeine Agentur war immer blöd genug, den geforderten Betrag zu berappen.
Seither hatte Erwin hauptsächlich Kunstbücher herausgebracht. Vor allem Bücher voller Aktfotos, die zweifellos eine gewisse künstlerische Qualität aufwiesen, aber sich trotzdem gut verkauften.
Allerdings behaupteten böse Zungen, dass die Motive der Arbeiten den Hauptanteil am Erfolg der Produktionen hatten – und das mag völlig zutreffend sein.

Wie dem auch sei, Erwin Kodovsky hatte nie Probleme mit der pünktlichen Überweisung der Prämien für seine Lebensversicherung gehabt. Und jetzt sollte sich die Sache rentieren.
Allerdings für seinen Sohn Bernhard…

Dieser hatte derzeit Schulden wie ein Stabsoffizier, hauptsächlich Wettschulden. Seinem penetrantesten Gläubiger, dem dubiosen Buchmacher „Bulgaren–Bully“ hatte er zwar erklärt, dass er spätestens im August wieder bei Kasse wäre und er hatte dem Ganoven, der aus Plovdiv stammte und sich benahm wie eine Bulldogge — insbesondere, wenn er sich verarscht fühlte — auch haarklein expliziert, wie er zu einem namhaften Betrag zu kommen gedachte.

Sogar eine Kopie der Lebensversicherungspolice hatte er dem Bulgaren präsentiert, aber Bulgaren-Bully versprach seinerseits, den Bernhard genau beobachten zu lassen und die entsprechenden Maßnahmen zu ergreifen, wenn er verarscht werden sollte.

Die Zeit drängte also für Bernhard, aber glücklicherweise erfuhr er von dem Projekt „Tiefe Sonne“ grad rechtzeitig.
Sein Vater plante einen Band dieses Titels mit Aktfotos auf dem Wasser, bei tief stehender Sonne, um das Streiflicht auf einem nackten Frauenkörper möglichst effektvoll in Szene zu setzen.
Der Frauenkörper gehörte einer jungen Slowakin, einer gewissen Mascha, die über ein hübsches Gesicht, und eine beachtliche Oberweite verfügte, was für eine Serie von Aktfotos ja eine geradezu ideale Kombination darstellt. Mascha war Krankenpflegerin, in der Altenfürsorge tätig und betreute im Zuge der Heimkrankenpflege die Frau Fasselböck, eine neunzigjährige Witwe, in deren geräumiger Wohnung sie auch in den sechs Monaten pro Jahr, die sie in Wien verbrachte, logierte.

Erwin Kodovsky hatte vor, die Fotos am Abend auf einem Elektroboot an der Alten Donau zu machen und Bernhard wunderte sich, wie sein Vater auf den Gedanken gekommen war. Denn Erwin Kodovsky, jeder sportlichen Aktivität abhold, war geradezu wasserscheu und konnte natürlich nicht einmal schwimmen. Sein Modell Mascha musste ihn dazu überredet haben. Überredungskünsten junger Frauen war Vater Kodovsky durchaus zugänglich, obwohl seine sechzig Lenze seine diesbezüglichen Aktivitäten bereits etwas eingeschränkt hatten.

Aber immerhin! Die Alte Donau ist zwar nur etwa drei Meter tief, aber auch in drei Meter tiefem Wasser kann man erfolgreich ersaufen, wenn man nie gelernt hat, an der Oberfläche desselben zu bleiben.
Bernhard Kodovsky hatte also vor, einen überraschenden Besuch am Boot seines Vaters während des Fotoshootings zu absolvieren, bei dem sein Vater „unglücklicherweise ausrutschen und ins Wasser fallen würde“...
Die Mascha würde wohl kaum in der Lage sein, den bedauerlichen Unfall zu verhindern beziehungsweise die geeigneten Maßnahmen zur Rettung des Fotokünstlers zu ergreifen.

Nun gibt es in Wien vier Gewässer, die „Donau“ in ihrem Namen tragen. Da ist einmal die Donau selbst, der Hauptstrom, der in seinem 1871 bis 1875 gegrabenen Bett dahin fließt, dann die „Neue Donau“, das 1972 bis 1987 errichtete Entlastungsgerinne entlang des linken Ufers, das nur bei Hochwasser genutzt wird und sonst bei ausgezeichneter Wasserqualität als Badesee zur Verfügung steht.
Schließlich gibt es den 1588 regulierten „Donaukanal“, der einen bis an die Innenstadt schiffbaren Wasserweg darstellt, und die „Alte Donau“, den ehemalige Hauptarm des Stromes, der seit der Regulierung in den siebziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts ein vom Grundwasser gespeistes, stehendes Gewässer bildet.

Die Alte Donau verfügt als einziges der vier Gewässer über einen reichhaltigen Bewuchs von Wasserpflanzen und die Stadt Wien setzt regelmäßig „Mähboote“ ein, um die Schlingpflanzen unter Kontrolle zu halten und es den Segelbooten zu ermöglichen, ihre Schwerter zu benutzen, ohne in der Vegetation stecken zu bleiben.

An dem Abend, an dem Erwin Kodovsky das Elektroboot mit seiner Kameraausrüstung und seinem Modell von der Wagramer Straße aus in Richtung Norden steuerte, war wieder einmal eine Mahd fällig, die Blätter der Makrophyten bedeckten teilweise bereits wieder die Wasseroberfläche und der Fotograf Erwin freute sich über die zusätzliche Möglichkeit, die Pflanzen in Kontrast zur nackten Haut seines Modells setzen zu können. Musste die Mascha eben auch ins Wasser, es war ja warm genug.

Mascha hatte tatsächlich nichts dagegen, ins Wasser zu hüpfen. Allerdings, als das Elektroboot schließlich die Mitte des Gewässers in Höhe des „Arbeiterstrandbades“ erreicht hatte, breitete sich ein wahrer Urwald von Wasserpflanzen an der Wasseroberfläche aus — und Mascha bekam Angst.
Nein. Da springe sie keinesfalls hinein. Die Wasserpflanzen könnten sich an ihren Beinen verheddern und sie würde elend ersaufen. Erst, wenn die Pflanzen abgemäht wären, würde sie ins Wasser gehen.

Das wäre sinnlos, meinte Erwin. Grad die Pflanzen wären für seine Fotos wichtig!
Dann nur mit Tauchgerät, forderte Mascha. Falls sie an einer Schlingpflanze hängen bliebe, könne sie dann wenigstens nicht sofort ersaufen.

Erwin überlegte. Tauchgerät war vielleicht gar keine schlechte Idee. Tauchermaske, Flossen, Sauerstoffflasche und sonst nichts wären immerhin eine Bekleidung, die durchaus ihren Reiz haben könnte. Dazu die Pflanzen, die tief stehende Sonne und Maschas Lächeln…
„Gut. Kriegst a Sauerstoffgerät“, versprach Erwin und wendete das Boot, um zur Kagraner Brücke zurück zu fahren. „Aber nächste Wochen hupfst rein da!“

Am Rand der Straße, die die Bezeichnung „An der oberen Alten Donau“ trägt, stand Bernhard Kodovsky an seinen alten Wagen gelehnt, seinen Vater und die Mascha durch ein Fernglas beobachtend. Ja, zum Teufel, warum fuhr der zurück? Soeben hatte Bernhard sich beim Bootsverleih ein ebensolches Boot ausborgen wollen, wie es sein Vater benutzte, da machte sich dieser davon!

Fluchend blies Bernhard sein Vorhaben ab. Na, wenn nicht heute, dann eben das nächste Mal! Sein Vater brauchte ja die Aufnahmen dringend, immerhin hatte er gestanden, dass der Verlag bereits drängte. Da hatte die vollbusige Mascha wahrscheinlich keine Lust, sich heute fotografieren zu lassen. Das Mädel hatte ja schon Allüren wie eine Diva. Na ja, bei diesem Busen…

Was Bernhard nicht wusste, war, dass er selber beobachtet wurde. Und zwar von einem Herrn, der den Spitznamen „Dentistenmarkus“ trug, weil nach Auseinandersetzungen mit ihm der jeweilige Gegner üblicherweise die Dienste eines Zahnarztes in Anspruch nehmen musste, was meist mit erheblichen Kosten verbunden war, weil die Krankenkassen für Zahnersatz nicht aufkommen.

„Dentistenmarkus“ war natürlich einer der Leute vom Bulgaren-Bully und er hatte den Auftrag, dem Bernhard Kodovsky eine Zahnlücke zu verschaffen, um ihn zu rascherer Bezahlung seiner Wettschulden zu animieren.
Als Bernhard nach Hause fuhr, musste Dentistenmarkus die Durchführung seines Auftrages natürlich ebenfalls verschieben. Von seinem Handy aus rief er Bulgaren–Bully an und erklärte ihm die Situation, worauf der Bulgare beschloss, den Bernhard nochmals anzurufen und ein letztes Ultimatum zu stellen. Falls Bernhard dieses verstreichen ließ, sollte der Markus dem Vater Bernhards, Erwin, selber das Licht ausblasen.

Bulgaren–Bully hatte es satt. Besser, dem Bernhard die Arbeit abzunehmen, als sich darauf zu verlassen, dass der Fotograf Erwin Kodovsky noch rechtzeitig ersaufen würde.
Bernhard ließ das Ultimatum tatsächlich verstreichen. Und schuld daran war die Mascha.
Diese hatte nämlich die erste Woche nach dem missglückten Fotoshooting dazu benützt, sich nach einem Tauchgerät umzusehen. Ihre beachtliche Oberweite hatte dann den Verkäufer im Sportgeschäft veranlasst, der hübschen Slowakin einen kostenlosen Lehrgang im Umgang mit der Sauerstoffflasche anzubieten — und da der Verkäufer, ein gewisser Rick Löffler, ein attraktiver, junger Mann war, hatte Mascha dem zugestimmt. Die Folge war, dass Mascha erst nach drei Wochen so weit war, mit dem Tauchgerät umgehen zu können. Dann allerdings hatte sie Gefallen an der Sache gefunden —
und am Verkäufer, der außerdem ihr Tauchlehrer war, übrigens auch.
Es war deshalb bereits Anfang Juli, als Erwin Kodovsky den nächsten Versuch, die passenden Aufnahmen in den Kasten zu kriegen, machen konnte.

An einem heißen Juliabend machten sich Mascha und Erwin auf den Weg von der Kagraner Brücke auf die Wasserfläche der Alten Donau.
Mascha bestand darauf, möglichst weit vom Ufer entfernt ihren Bikini abzulegen. Also suchte Erwin wieder jene Stelle auf, an der sie schon vor drei Wochen einen Versuch unternehmen wollten und wo es Vegetation in Hülle und Fülle gab. Die Alte Donau hat zwar noch immer die Breite des ehemaligen Hauptstromes, aber mehr als etwa dreihundertfünfzig Meter sind es kaum. Das musste allerdings reichen, um Mascha die Gewissheit zu geben, dass es keine ungebetenen Zuseher gab.

Im Westen lagen das Arbeiterstrandbad und die „Glasscherbeninsel“, so genannt, weil das Gebiet bis in die Sechzigerjahre des 20. Jahrhunderts, vor Errichtung der großzügigen Parkanlage, eine unverbaute „Gstätten“ war, im Osten der Stadtteil Floridsdorf. Zuseher konnte man also nicht ganz ausschließen, aber Mascha entledigte sich ganz unbefangen ihres Bikinis, schnallte sich das Sauerstoffgerät um und ließ sich zögernd in das etwa 21 Grad warme Wasser gleiten.

Erwin schoss ein Foto nach dem anderen und freute sich, dass er teilweise auch die Wolken, die den Donauturm umrahmten, mit ins Bild bekam. Obwohl in Wien die Meinung herrscht, der schönste Platz der Stadt wäre oben auf dem Donauturm, weil man von dort den Donauturm nicht sähe, empfand Erwin das schlanke, hohe Gebäude ganz passend als Kontrast zu Maschas so ganz anders gearteten Rundungen.

Dann unternahm Mascha ihren ersten Tauchgang.
Der üppige Pflanzenbewuchs faszinierte sie, als sie in das Gewirr der Schlingpflanzen eintauchte. Sie hatte ja bisher bei ihren Tauchstunden mit Rick nur die Schönheiten des gefliesten Schwimmbeckens im Amalienbad kennen lernen dürfen und sich so frei unter Wasser in natürlicher Umgebung bewegen zu können, das war schon etwas anderes!
Die Atemluft aus der Flasche schmeckte zwar etwas seltsam, so nach Kunststoff mit einer Beimengung von Katzenscheißearoma, aber Mascha fühlte sich trotzdem sauwohl da am Grund des Gewässers. Deshalb vergaß sie die Fotos und trieb sich einige Minuten im Grün der Makrophyten umher.

Mittlerweile waren zwei weitere Elektroboote auf dem Weg zu jenem des Erwin, in dem dieser das Gesicht in die tief stehende Sonne hielt und darauf wartete, dass Mascha wieder vom Grund des Gewässers herauf kam. Das eine Boot, das sich näherte, war mit Bernhard besetzt und kam von Süden, das andere kam aus Osten und dessen Insasse war der Denrtistenmarkus.

Sowohl Bernhard als auch Markus hatten vor, den Erwin ins Wasser zu schmeißen. Das Ersaufen würde er als Nichtschwimmer dann wohl selber zustande bringen.
Bernhard wusste von dem Fototermin natürlich von seinem Vater, mit dem er häufig telefonierte. Und Bulgaren–Bully wusste es von Bernhard, der es dem Buchmacher verraten hatte, weil er besorgt war, dass dieser die Geduld verlieren und ihm den Dentistenmarkus zu einer kleinen Aufmunterung schicken könnte.

Mittlerweile war Mascha an die Wasseroberfläche gekommen, hängte sich an den Rand von Erwins Boot und schob sich die Taucherbrille auf die Stirn. Wie ein Hütchen saß die Brille dann auf ihrem schwarzen Haar und Erwin schoss wieder eine Menge Fotos, wobei es ihm die Wassertropfen in Maschas hübschem Gesicht angetan hatten. Dann musste Mascha ein paar Mal abtauchen und Erwin fotografierte dabei ihren süßen, nackten Hintern.

„Ich bleib bissel unten“, sagte Mascha. „Ist schön dort. Wie im Urwald!“
„Na, bleib net zu lang“, mahnte Erwin. „Sonst ist die Sonn’ weg und ’s Licht reicht nimmer.“
Mascha nahm das Mundstück wieder zwischen die Zähne, schob die Maske zurecht und weg war sie.

Erwin lehnte sich bequem im Boot zurück und ließ sich weiter die tief stehende Sonne ins Gesicht scheinen. Die Mascha war wirklich ein Prachtmädel. Erwin bedauerte es, bereits so alt zu sein. Na ja, vielleicht bestand ja doch die Möglichkeit, dass sie sich zu einer zärtlichen Stunde überreden ließ. Offenbar mochte sie ihn ja. Erwin beschloss, nach den Fotos einen diesbezüglichen Versuch zu unternehmen.

Um die Zeit bis zu Maschas neuerlichem Auftauchen zu nützen, sah sich Erwin dann die Fotos an, indem er sie auf dem Display der Digitalkamera aufrief. Dummerweise waren da neben Maschas Po zwei Elektroboote im Hintergrund zu sehen, die dicht nebeneinander auf dem Wasser lagen. Na, die konnte man dann ja weg retuschieren, die moderne Technik machte so was ja leicht möglich.

Mittlerweile waren Bernhard Kodovsky und der Dentistenmarkus, etwa fünfzig Meter von Erwins Boot entfernt, etwas aneinander geraten.
Der Markus befahl dem Bernhard, sich zu verziehen. Er selber werde dafür sorgen, dass Bernhards Vater nicht mehr zu seiner Versicherungssumme käme. Das wäre sicherer, denn Bernhard, das Weichei, könnte es sich immerhin nochmals überlegen. Es wäre ja doch etwas ganz anderes, den eigenen Vater abzumurksen, als einen Unbekannten.

Bernhard war nicht einverstanden und verlangte seinerseits, der Markus möge sich umgehend schleichen. Sein Vater ginge einen hergelaufenen Ganoven nichts an.
Worauf Markus ein Messer zog und ankündigte, dem Bernhard „dies und das“ abzuschneiden, wenn er der Aufforderung, sich zu verziehen, nicht umgehend Folge leiste. Und da Bernhard genug Fantasie hatte, sich das „dies und das“ vorstellen zu können, gab er klein bei.

Was die beiden allerdings nicht wissen konnten, war, dass Mascha ganz knapp hinter dem Heck des einen Bootes schwamm und das Gespräch der beiden mithörte.
Sie war am Grund des Gewässers zwischen den langen Stängeln der Makrophyten herumgetaucht und hatte alle Scheu vor den Pflanzen verloren. Das waren ganz harmlose Gewächse und sollte man sich tatsächlich in einem davon verfangen, genügte ein kräftiger Riss dran und man war frei.
So hatte sie sich doch eine ganze Strecke von Erwins Boot entfernt und dann sah sie plötzlich an einer Stelle mit weniger Bewuchs zwei Bootsrümpfe über sich. Sollte sie sich im Kreis bewegt haben und eines davon war das Boot mit Erwin?

Mascha tauchte auf und bemerkte sofort, dass es fremde Boote waren, denn da sprachen zwei Männer miteinander und Erwins Boot sah sie weiter im Osten liegen. Soeben wollte sie wieder abtauchen, da fielen die Worte vom „Vater abmurksen“. Mascha tauchte nicht ab, sondern lauschte.
Als schließlich der eine Mann sein Boot auf das von Erwin zusteuerte und das andere liegen blieb, war Mascha in etwa darüber im Bilde, was hier passieren sollte.
Erwin war in Gefahr!
Und ohne lange zu überlegen tauchte Mascha und schwamm, in die Richtung, in der Erwins Boot lag.

Es ging nicht sehr rasch zwischen den vielen Pflanzen. Aber ein Elektroboot ist auch kein sehr schnelles Fortbewegungsmittel. Mascha kam bei Erwins Boot gerade an, als Erwin ins Wasser geschmissen wurde.

Keine zwei Sekunden brauchte Mascha, um bei ihm zu sein. Erwin strampelte, hatte die Augen geschlossen, den Mund zugekniffen und war offenbar in Panik. Mascha klopfte ihm auf die Schulter und hielt seinen linken Arm fest. Da machte Erwin die Augen auf und Mascha streifte ihr Sauerstoffgerät ab. Dann holte sie noch einmal tief Luft, bevor sie ihr Mundstück dem Erwin zwischen die Zähne schob.

Auftauchen konnten sie jetzt nicht, das war Mascha bewusst. Der Mann da droben im Boot hatte immerhin noch ein Messer!
Also hielt Mascha den Erwin fest und bedeutete ihm, dass er unter Wasser bleiben müsse. Erwin schien zu begreifen, denn er nickte.
Mascha hoffte inständig, dass das eine Boot sich entfernen möge. Aber der Mann da oben wollte anscheinend sicher gehen, dass Erwin nicht mehr hochkam und die beiden Boote rührten sich nicht.

Langsam ging der Sauerstoff in Maschas Lungen zu Ende. Etwa zwei Minuten waren sie jetzt da unter den Booten. Mascha deutete auf die Sauerstoffflasche und auf ihren Mund und Erwin nickte wieder. Dann holte er sichtlich tief Luft und gab Mascha das Mundstück.
Mascha atmete hastig ein paar Mal tief durch und gab das Mundstück zurück, das Erwin dankbar entgegen nahm. Weitere zwei Minuten vergingen, dann brauchte Mascha wieder Atemluft und Erwin überließ ihr für kurze Zeit das Mundstück.
Und dann endlich, als Mascha bereits wieder eine gute Minute den Atem angehalten hatte, bewegte sich das eine Boot weg.

Vorsichtig tauchte Mascha auf, nur so weit, dass sie Luft bekam. Und sofort kehrte sie zu Erwin zurück und wartete nochmals beinahe zwei Minuten. Dann erst half sie Erwin an die Oberfläche. Das Boot mit dem Angreifer war bereits eine schöne Strecke entfernt.
Hinter Erwins Elektroboot, das sie als Sichtschutz benutzten, hingen Mascha und Erwin dann noch einige Zeit an der Bordwand. Erst, als vom Boot des Angreifers nichts mehr zu sehen war, kletterte Mascha in das Fahrzeug und half Erwin hinein.

Erwin hustete erst eine gute Minute lang, dann lag er völlig apathisch auf seinem Sitz und Mascha schlüpfte in ihren Bikini. Der Fototermin war natürlich zu Ende.
Dann begann sich Erwin zu regen. Er bedankte sich in bewegten Worten für seine Rettung und er war voller Bewunderung für Maschas Mut und ihren Einfallsreichtum, ihm das Mundstück des Tauchgeräts zu überlassen. Was denn wohl der Grund für diesen infamen Angriff gewesen wäre, fragte er. Er kenne den Angreifer ja gar nicht!

Da erzählte Mascha, was sie gehört hatte, als sie hinter dem Heck von Bernhards Boot auftauchte.
Natürlich zog Erwin die entsprechenden Schlüsse daraus.
„Was? Mei Bua?“, rief er immer wieder.
„Er hätt’s sicher net g’macht“, beruhigte Mascha mehrmals. Da fiel Erwin Kodovsky ein, dass er ja die beiden Boote da drüben ungewollt fotografiert hatte. Na, am Computer zu Hause würde man die Fotos so weit vergrößern können, dass zu erkennen wäre, wer da in den beiden Fahrzeugen drin war!
Erwin brannte darauf, sie sich anzusehen.
Und Mascha kam mit. Denn Erwin machte einen so kläglichen Eindruck auf sie, dass sie es nicht übers Herz brachte, ihn allein zu lassen.

Zu Hause schaute sich Erwin die Fotos auf dem Computermonitor an. Maschas Hintern kam super zur Geltung und die beiden Boote im Hintergrund waren deutlich zu sehen. Als Erwin den Bildausschnitt vergrößerte, war deutlich sein Sohn Bernhard erkennbar, der mit dem Mann sprach, der Erwin ins Wasser gestoßen hatte.
Erwin schäumte vor Wut.

„Mach dir nix draus“, sagte Mascha. „Vielleicht ich hab schlecht verstanden. War nicht gut zu hören, da im Wasser.“
Aber Erwin rief den Bernhard sofort an.
„Erwin Kodovsky, i sprech aus’m Himmel“, sagte er, als Bernhard das Gespräch annahm. „Muss mich leider von dir verabschieden, Bernhard, weil wir zwei, wir sehen uns nimmer. Nie mehr! Du kommst nicht da her! In der Hölle is scho a Kessel reserviert, wo’st’braten wirst, du Vatermörder!“

Bernhard war soeben damit beschäftigt, sich anzusaufen. Jetzt, wo sein Vater als Wasserleiche auf dem Grund der Alten Donau lag, kam er erst drauf, dass er den alten Herrn doch ganz gern gehabt hatte.
Er machte sich die bittersten Vorwürfe. Hätte er doch dem Bulgaren–Bully nichts gesagt von der Versicherung. Oder, noch besser, hätte er doch nie auf Pferde gewettet!

Bernhard Kodovsky war ein Häuflein Elend, als sein Vater anrief und Bernhard heulte vor Freude auf, als er die Stimme seines Vaters vernahm: „Papa! Bin i froh, dass d’ no lebst!“
„Tu i net. I bin hin. Ersoffen wie a junge Katz im Sack“, sagte Erwin.
„I hab net g’wusst, dass der Dentistenmarkus di ins Wasser schmeißt“, jammerte Bernhard. „Er wollt di überreden, dass d’ was von deiner Lebensversicherung rausrückst, damit i meine Schulden beim Bulgaren-Bully zahlen kann!“

Erwin blieb bei seiner Strategie. „I schick dir die Mascha“, sagte er. „Die soll dir das Würgel abdrehn und i wart auf di vorm Eingang zur Hölle. Da kriegst dann no a Packel Haustetschen bevor s’ di frittieren!“
„Sei net deppert, Papa“, meinte Bernhard. „Dei’ Nummer steht am Display. Du bist z’Haus, net im Himmel! I bin ja so froh!“

Und weil Bernhards Stimme tatsächlich so erleichtert klang, wurde das Vaterherz weich und Erwin fühlte, wie ihm die Tränen in die Augen stiegen, obwohl gerade dazu überhaupt kein Grund vorhanden war.
„Depperter Bua“, sagte er und legte auf.
Und dann beratschlagten Mascha und er, ob der Fotograf Erwin Kodovsky seinen Sohn anzeigen sollte, oder nicht.

Natürlich entschied sich Vater Kodovsky dafür, nur gegen den Unbekannten Anzeige zu erstatten, der ihn ins Wasser geworfen hatte. Immerhin existierte ja ein brauchbares Foto und Mascha war ja Zeugin dafür, dass Erwin tatsächlich ersoffen wäre, wenn sie ihm nicht geholfen hätte.

So kam es, dass der Dentistenmarkus schließlich wegen versuchten Mordes vor Gericht kam. Bernhard natürlich auch, aber nur als Zeuge — und es gelang ihm, sich aus der ganzen Sache herauszureden. Er hätte nie die Absicht gehabt, seinem Vater was anzutun!

Erwin verkaufte das Foto von Maschas Hintern mit den beiden Booten an diverse Zeitungen und kassierte ganz schön ab. Immerhin kam es nicht allzu oft vor, dass auf einem künstlerischen Foto zufällig ein Mörder zu sehen war. Auch Mascha bekam einen schönen Lohn für ihre Heldentat, den Erwin zu retten. Einige Wochen lang erhielt sie lukrative Angebote, als Fotomodell zu arbeiten und sie konnte sich einen ansehnlichen Betrag zur Seite legen.
Somit war Maschas nacktes Hinterteil sozusagen eine Goldgrube geworden.
Man darf aber nicht den falschen Schluss aus der Begebenheit ziehen, dass nur jene Aktfotos wertvoll wären, die noch andere Dinge zeigen! Verhinderte Mörder zum Beispiel.
Erwin Kodovski wird gerne jederzeit bestätigen, dass es sich bei den Leuten, die nackte Damen fotografieren, nur um seriöse, immer der reinen Kunst verpflichtete kreativ Schaffende handelt!
Aber etwas anderes hätte ja ohnehin niemand angenommen.

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