KunstGeschichten

KunstGeschichte: Brücken

Es ist ein ungeschriebenes Gesetz auf dem Kunstmarkt, dass Werke toter Künstler mehr Geld bringen. Von einem geizigen Hotelbesitzer geprellt, erinnert sich der Aquarellmaler Peter Tarat daran. Was sein Entschluss alles nach sich zog, erfahren Sie in der neuen KunstGeschichte von Erich Wurth!

Hundert Blätter!
So einen bedeutenden Abschluss hatte Peter noch nie gemacht! Er freute sich wie ein kleines Kind, trotz des geradezu lächerlichen Preises pro Blatt.
Peter Tarat war jetzt beinahe siebzig, ein eher kleiner, schlanker Mann mit markanten Gesichtszügen und einem weißen, kurz geschnittenen Vollbart. Er war immer untadelig gekleidet und machte auf andere einen durch und durch seriösen Eindruck. Von einem Maler hatte er auf den ersten Blick überhaupt nichts an sich.
Das war vor allem auf den Einfluss seiner Frau Angela zurückzuführen, die mit ihren fast fünfundsechzig noch immer äußerst attraktiv aussah, obwohl weder sie selbst noch ihr Mann ein leichtes Leben gehabt hatten.

Peter Tarat entstammte einer alten Hugenottenfamilie. Seine Vorfahren waren irgendwann nach der Bartholomäusnacht im August 1572 zuerst ins Saarland geflohen und später, nach dem Ende der Türkenkriege, um 1690, als die Gegend um Wien ziemlich entvölkert war, hierher gezogen. Unter dem erzkatholischen Kaiser Leopold I. war das Leben für Calvinisten hier zwar auch kein Honiglecken, aber die kaiserliche Verwaltung war eher geneigt, über Glaubensfragen hinwegzusehen, wenn dringend Arbeitskräfte benötigt wurden.
Das Pensionistenpaar Tarat bewohnte gemeinsam mit zwei Katzen eine kleine, aber sehr gemütlich eingerichtete Eigentumswohnung im 14. Bezirk, nahe der Vorortelinie. Peters Pension war nicht gerade berauschend. Er war Angestellter bei einem Unternehmen gewesen, das Werbeartikel vertrieb und da war ihm die Verkaufstätigkeit immer ein Gräuel. So genannte »Giveaways«, also billige Kugelschreiber, Feuerzeuge, Notizblocks und ähnlichen Kram um ein paar Cent pro Stück an Firmen verklopfen zu müssen, die um jeden halben Cent feilschten, war nicht gerade eine befriedigende Tätigkeit.

Angela hatte überhaupt nur die Mindestpension, da sie einen Großteil ihrer Zeit für die Pflege kranker und behinderter Verwandter aufbringen musste und nur zeitweise berufstätig gewesen war. Die Pflege ihrer Schutzbefohlenen hatte sie psychisch stark beansprucht und nur ihrer Disziplin hatte sie es zu verdanken, dass sie noch immer den Eindruck einer schönen, lebenslustigen älteren Dame machte.

Ein bisschen aufbessern konnte Peter das Familieneinkommen mit seiner Malerei. Peter malte Aquarelle, Landschaften in unverwechselbarem Stil, die auf den ersten Blick geografisch identifiziert werden konnten, obwohl er allzu naturalistische Elemente tunlichst vermied. Man sah etwa ein Blatt und wusste: Das ist im Wienerwald bei Heiligenkreuz – und gleich wird es regnen.
Wie Peter diesen Effekt erzielte, wusste er selber nicht so recht. Es war nicht so, dass er einen speziellen Trick angewendet hätte. Er hatte das Blatt eben nur in der Nähe von Heiligenkreuz gemalt und sich dann beeilt, sich irgendwo unterzustellen, denn tatsächlich war der Regenguss losgebrochen, als die Farben noch nicht ganz trocken waren.

Außer der aktiven Malerei hielt Peter noch einen Malkurs in der Volkshochschule, der bei den Teilnehmern sehr beliebt war. Peter war ein liebenswürdiger, sehr geduldiger Lehrmeister, der es verstand, auf die speziellen Bedürfnisse, aber auch auf die Stärken seiner Schüler einzugehen.
Aber die Lehrtätigkeit brachte finanziell auch nur grade ein Trinkgeld.
Seine Blätter bot er zwar immer wieder Galerien an, aber das Interesse daran war, trotz der unzweifelhaften Qualität der Gemälde, recht gering.

So lebte das Ehepaar Tarat ohne wirkliche finanzielle Sorgen und konnte sich sogar einen Kleinwagen leisten, mit dem Peter in die Umgebung Wiens fuhr, um an Ort und Stelle zu malen und Angela die Sonderangebote der Supermärkte nutzte, indem sie auch längere Anfahrten in Kauf nahm, um größere Mengen gerade benötigter, verbilligter Artikel in den Kofferraum zu packen.

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Jetzt konnte Angela den Wagen natürlich nicht mehr so häufig haben, denn jetzt musste Peter erst einmal die hundert Blätter malen und dazu musste er seine Staffelei und das Material transportieren können.

Hotelzimmer sollten damit ausgestattet werden. Zweiundneunzig davon gab es in dem Hotel, das soeben renoviert wurde. Und die Direktion der Hotelkette hatte nur grade einmal dreißig Euro pro Bild bewilligt. Normalerweise konnte Peter etwa einen Hunderter für ein Aquarell erwarten, also rechnete sich die Sache nur, wenn er nicht viel für Sprit investieren musste. Deshalb kamen weite Ausflüge in die Umgebung nicht in Frage.
Außerdem wollte die Geschäftsleitung des Hotels eine Art »Serie«. Ein Thema, ein gemeinsames Motiv, sollte alle Bilder miteinander verbinden. Etwa Schlösser oder Burgen oder Flusslandschaften. Das bliebe dem Maler überlassen, hatte Direktor Reiterer gemeint.
Auf dem Heimweg von der Besprechung mit der Hotelleitung überlegte Peter, was denn in Frage käme. Möglichst nahe gelegen, um Spritkosten zu sparen, möglichst vielfältig und doch sollte man erkennen, dass die hundert Bilder zusammen gehörten.

Parklandschaften, ging es Peter durch den Kopf, als er am Schloss Schönbrunn vorüber fuhr. Parks gab es genug in Wien! Und jeder hatte seinen eigenen Charakter.
Aber dann, er war gerade in der Linzer Straße unterwegs, fiel sein Blick auf die Brücke der Vorortelinie, die die Straße überspannt.
Brücken! Das war es!
Brücken waren immerhin auch auf den Eurobanknoten abgebildet. Brücken verbinden, Brücken überwinden Trennendes! Und Brücken gab es in Wien mehr als genug! Allein die vielen, die Otto Wagner für die Stadtbahn entworfen hatte.

Angela war froh, als Peter zu Haus ankam. Sie wollte unbedingt noch in einen etwa fünf Kilometer entfernten Baumarkt, wo es billig Katzenstreu gab und eine größere Menge davon besorgen. Also gab ihr Peter den Autoschlüssel und sie brauste ab. Erst, als sie voll bepackt zurückkam, konnten sie über den Auftrag des Hotels sprechen.
Dreitausend Euro! Peter versprach, möglichst pro Tag ein Aquarell zu malen, also gab das fast tausend Euro pro Monat! Eine höchst willkommene Finanzspritze, zumal der Geschirrspüler im Begriff war, den Geist aufzugeben.
Angela ärgerte sich allerdings, dass Peter nicht mehr als dreißig Euro pro Blatt hatte herausholen können.

»Angela, ich leb’ halt leider noch«, sagte Peter. »Wenn i schon bei den Würmern wär’, hätten die vielleicht mehr ’zahlt.«
»Na, so is’ es mir trotzdem lieber«, sagte Angela und gab ihrem Peter einen Kuss, wobei sie sein weißer Bart so angenehm kitzelte.
Obwohl in den wenigen Sekunden zwischen Peters Heimkehr und Angelas Aufbruch zum Baumarkt nicht über die Aquarelle fürs Hotel gesprochen worden war, hatte Angela seine fröhliche Miene gesagt, dass er die Sache abgeschlossen habe. Drum hatte sie eine Flasche Roten mitgebracht und abends entschädigte dieser den Peter dafür, dass es nur Krautfleckerln gab, die Peter nicht so besonders mochte.

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Am nächsten Tag begann Peter bereits mit seiner Brückenserie. Und zwar begann er in unmittelbarer Nähe, mit der Vorortelinie.
Diese Bahnstrecke ist ein Kuriosum. Eine am 11. Mai 1898 eröffnete Gebirgseisenbahn innerhalb der Wiener Stadtgrenzen mit etlichen Brücken, vier Tunnels und fünf Viadukten, verbindet die knapp fünfzehn Kilometer lange Strecke zwischen den Haltestellen Hütteldorf und Handelskai, wobei die nordwestlichen Außenbezirke der Stadt Wien durchquert werden.
Die Planung unterlag seinerzeit Otto Wagner und fälschlicherweise bezeichnet man dessen Bauwerke an der Vorortelinie als dem Jugendstil zugehörig. Die Eisenbahnbauten auf dieser, etwa gleichzeitig mit den innerstädtischen Stadtbahnstrecken errichteten Linie, sind aber eher dem Historismus zugehörig und der »freien Renaissance« verpflichtet.

Peter begann mit der Brücke über die Linzer Straße, erstens, weil er durch den Anblick dieses Bauwerks auf die Idee für die Brückenserie gekommen war, und zweitens weil es sich um die südlichste Brücke der gesamten Strecke handelte.
Nun war Peter vertraut mit Bäumen, die einer Landschaft ihr Gepräge verleihen. Die Grau- und Brauntöne der Hausfassaden in unmittelbarer Nachbarschaft der Brücke erforderten eine andere Vorgangsweise als grüne Hügel und leuchtende Getreidefelder. Und obwohl die Linzer Straße in diesem Bereich Bäume aufweist, dominieren nicht die Ahornblätter, sondern der Fahrdraht der Straßenbahn und parkende Fahrzeuge den Gesamteindruck.
Im Übrigen ist dieser Teil der Linzer Straße nicht grade ein Motiv für Maler. Die gesamte Gegend ist eher gesichtslos, austauschbar und könnte Teil einer jeden größeren Stadt sein. Zinshausfassaden aus der Zeit der Wende zum zwanzigsten Jahrhundert sind eben meist nicht grad große Kunstwerke.

Aber Peter machte eines aus seinem Aquarell! In der für ihn typischen Art fing er die Atmosphäre ein, in der die kleinen Leute, meist Rentner und Immigranten, ihr Leben verbringen. Nein, Höhepunkte gab es hier keine – und genau das drückte das Aquarell in einer leicht bedrückenden, aber gleichzeitig versöhnlichen und optimistischen Art aus.
Als er abends mit seinem ersten Blatt heimkam, wirkte dagegen seine Frau Angela bedrückt.
»Direktor Reiterer vom Hotel hat angerufen«, berichtete sie. Den Luxus eines Mobiltelefons leistete sich das Ehepaar Tarat nämlich nicht, obwohl die Fernsehwerbung ja ihr Möglichstes tut, allen klar zu machen, dass es ohne ein solches nicht mehr geht. Angela konnte daher ihren Peter nicht gleich verständigen und seit vier Stunden überlegte sie nun, wie sie ihrem Mann die schlechte Nachricht möglichst schonend mitteilen konnte.

Peter ahnte sofort, dass es nichts Erfreuliches war, was Angela auf dem Herzen lag.
Es war fast noch schlimmer, als er befürchtet hatte. Das Hotel hätte nochmals kalkuliert, hatte der Direktor erklärt. Die acht Bilder, die man in der Halle hatte aufhängen wollen, würden durch Werbeplakate ersetzt und für jene in den zweiundneunzig Zimmern könne man höchstens fünfzehn Euro pro Stück bezahlen.
Peter war maßlos enttäuscht.
Na ja, Kunst brächte eben keinen unmittelbaren, materiellen Nutzen für den Auftraggeber, meinte er. Einen Tag würde er an so einem Aquarell malen, also entspräche das einer Entlohnung von etwa zwei Euro pro Stunde. Eine Putzfrau kriege das Fünffache.

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»Als lebender Künstler bist halt eher uninteressant, meint der Direktor«, sagte Angela mit viel Bitterkeit in der Stimme.
Peter zuckte die Schultern. »Na, dann krepier ich halt«, sagte er.
Angela erschrak. »Untersteh dich«, rief sie.
»Nur für die Hotelfritzen«, beruhigte Peter. »Die Bilder bringst ihnen du und sagst, mich hat der Teufel g’holt. Und wenn die net die vereinbarten dreißig Euro dafür blechen, kriegen sie nix.«
»Ja, wie willst denn das machen?«
»Du wirst das machen«, sagte Peter. »Nur denen sagen, ich hab die Patschen g’streckt und meine Bilder sind plötzlich gefragt. Sag ihnen, du könntest leicht ein’ Hunderter kriegen dafür. Wirst seh’n, die berappen.«

Mit neuem Enthusiasmus stürzte sich Peter in die Arbeit an den Bildern. Am nächsten Tag nahm er sich die nördlichste Brücke der Vorortelinie über die Heiligenstädter Straße vor, aber dann stand ihm der Sinn nach Abwechslung und er malte die Floridsdorfer Brücke über die Donau.
Er hatte bereits über sechzig Aquarelle fertig, als er die Brücke der U-Bahnlinie U6 über die Wienzeile und den Wienfluss malte, von der weg sich die Trasse der U-Bahn so steil ins Tal der Wien zum Umsteigebahnhof Längenfeldgasse absenkt, und um die es seinerzeit so heftige Diskussionen gegeben hatte, weil der Erhalt des schönen, alten Bauwerks die Kosten für die Umstellung der alten Stadtbahn auf U-Bahnbetrieb verteuert hatte.

Peter saß auf einem Campinghocker in der Grünfläche, die die dreispurige Richtungsfahrbahn der Gürtelstraße von den Straßenbahngleisen trennt, und war ganz versunken in die Aufgabe, die Brücke und die dahinter sichtbaren Gewitterwolken zu einer harmonischen Einheit zu kombinieren. Um ihn herum toste der Verkehr, die Straßenbahnen bimmelten heftig beim Vorüberfahren, weil Peter nahe an deren Gleisen saß, aber er ließ sich nicht beirren.
Doch dann fühlte er die Anwesenheit eines anderen Menschen. Gehört hatte er nichts, dazu machten die Fahrzeuge um ihn zu viel Lärm, aber er fühlte, dass ihm jemand über die Schulter sah. Er drehte sich um.

Es war eine junge Frau, keine dreißig Jahre alt und betont jugendlich gekleidet: Graue Jeans, buntes T-Shirt und weiße Laufschuhe. Sie hübsch zu nennen, wäre übertrieben gewesen, aber ihr Gesicht hatte etwas Sympathisches. Konzentriert sah sie sich das Bild an, das beinahe fertig war. Peter lächelte der Frau zu.
»Cool«, sagte diese. »Sind das wirklich nur Wasserfarben?«
»Sicher«, bestätigte Peter. »Aquarelle haben das so an sich.«
»Verkaufen Sie die?«, wollte die junge Frau wissen.
»Das da is bestellt«, erklärte Peter.
»Und was kostet so was?«
»Fast nix. Bevor ein Maler die Patschen g’streckt hat, sind seine Bilder kaum was wert.« Und dann ritt Peter plötzlich der Teufel. »Drum werd’ i bald die Patschen strecken«, sagte er. »Damit meine Frau mehr kriegt für meine Bilder.«

Die junge Frau schaute betroffen und etwas ungläubig. »Sie meinen, als Maler muss man tot sein?«
»Net unbedingt«, meinte Peter. »Nur als anerkannter Maler. Ausnahmen bestätigen die Regel, aber da muss man Glück haben. Na, ich verdien ja auch noch a bisserl was mit Malkursen an der VHS.«
»Ja? Darf ich fragen wo Sie unterrichten und wie Sie heißen?«
»Peter Tarat und ich mach den Aquarellkurs an der Volkshochschule Penzing«, sagte Peter und hielt der jungen Frau eine Visitkarte hin.
»Ulrike Reinböck. Und vielleicht meld’ ich mich an dafür«, versprach die junge Frau und steckte Peters Karte ein. »Aber hab’n Sie das ernst g’meint mit dem Patschen strecken?«
Peter nickte. »Aber erst, wenn die bestellten Bildeln g’malt sind. Fast dreißig fehlen noch.«
»Und wie lang malt man an einem?«
»Na ja, im Schnitt ein’ Tag brauch ich für eins«, erklärte Peter.
Ulrike nickte nachdenklich. »Also a Monat noch«, sagte sie. »Und… wie werden S’ die Patschen strecken?«
Peter lachte. »Weiß noch net. Wird sich schon was ergeben.« Dann wandte er sich wieder seinem Gemälde zu und ergänzte die letzten fehlenden Schatten.

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Als er sich wieder umwandte, war Ulrike verschwunden.
Peter wartete noch bis die Farben so weit trocken waren, dass er das Bild gefahrlos transportieren konnte, dann machte er sich auf den Weg nach Hause.
Auch Ulrike war mittlerweile unterwegs nach Haus und sie war äußerst nachdenklich.
Der Maler hatte sie ungemein beeindruckt. Die Ruhe, die er bei seiner Arbeit ausstrahlte, der weiße Bart, die intelligenten Augen und der konzentrierte Gesichtsausdruck! Peter Tarat hieß der Mann also – seltsamer Name. Und seine Ankündigung, sich nach getaner Arbeit im Holzpyjama zur Ruhe begeben zu wollen, beunruhigte Ulrike zutiefst. Na, sie würde für den alten Mann was tun! Das war sie ihm und sich selbst schuldig…

Ulrike Reinböck war im Sozialdienst tätig und arbeitete mit verhaltensauffälligen Jugendlichen. Am nächsten Tag kontaktierte sie einen Psychologen, der in derselben städtischen Einrichtung Dienst tat, und erzählte ihm von dem offenbar suizidgefährdeten Maler Peter Tarat, dessen Gemälde offenbar weit unter ihrem Wert gehandelt wurden. Doktor Habeck, der Psychologe, schaltete sofort das Kriseninterventionszentrum ein und dort kümmerte sich die Psychiaterin Frau Doktor Ingrid Burgstaller um den Fall.
Die Behörde begann ihre segensreiche Tätigkeit zum Wohle des Bürgers.
Zunächst nahm Frau Doktor Burgstaller mit Ulrike Kontakt auf. Diese konnte immerhin wertvolle und ganz konkrete Angaben machen und verfügte sogar über die Telefonnummer des gefährdeten Malers.

Dann rief Frau Doktor Burgstaller bei Peter Tarat an, erreichte aber nur dessen Frau, weil Peter wieder beim Malen war. Um Frau Tarat nicht zu beunruhigen, sagte Frau Doktor Burgstaller kein Wort von der Selbstmordgefährdung ihres Mannes, konnte aber trotzdem eine Unterredung mit Peter vereinbaren. Peter Tarat möge doch morgen um zehn im Kriseninterventionszentrum vorsprechen. Es ginge um seine Gemälde.
Als Peter mit einem weiteren Aquarell abends heimkam, erzählte Angela erfreut von dem Anruf. Vielleicht wollten die dort auch Gemälde erstehen? Was sonst hätte Peter mit dem Kriseninterventionszentrum zu tun!

Peter, der natürlich nicht mehr an das Gespräch mit Ulrike auf der Grünfläche an der Kreuzung Gürtel/Wienzeile dachte, zeigte sich ebenso erwartungsvoll und beschloss, dorthin die U-Bahn zu nehmen. Angela freute sich, wieder einen Tag das Auto zur Verfügung zu haben, denn drüben in Hernals eröffnete ein neuer Supermarkt, der Dosen mit Katzenfutter spottbillig im Angebot hatte.

Während also Angela Tarat am nächsten Tag zwischen Hühner- und Leberragout für ihre Lieblinge schwankte, hatte Peter eine etwas unangenehme Aussprache mit der Frau Doktor.
Diese war eine durchaus attraktive, aber leicht übergewichtige Dame um die vierzig und sie kam gleich zur Sache. Es ging nicht um einen neuen Auftrag. Es ging darum, dass Peter die Schnauze nicht hatte halten können! Frau Doktor Burgstaller wollte Peters geplanten Selbstmord verhindern.
Peter hätte sich am liebsten selbst geohrfeigt, weil er der netten Ulrike Reinböck etwas davon erzählt hatte, dass tote Maler gefragter waren als solche, die ihrer Umwelt noch auf die Nerven gingen.
Er beteuerte, dass er das alles nur theoretisch gemeint habe! Er habe keinerlei Absicht, sich das Leben zu nehmen. Immerhin wäre er mit seiner Frau Angela noch immer sehr glücklich, das Malen mache ihm Spaß und früher oder später würden auch seine Gemälde gefragt sein, spätestens, wenn er ins Gras gebissen hätte. Er wäre fast siebzig – wie viel Zeit bliebe ihm denn da noch? Er habe es also gar nicht nötig, nachzuhelfen. In ein paar Jahren wäre er auf ganz natürliche Weise Kunde der städtischen Bestattung.

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Die Frau Doktor ließ sich nicht so recht überzeugen. Sie empfahl Peter eine Psychotherapie, was diesen aber zu der Bemerkung veranlasste, er wäre nur ein kleiner Maler und kein Filmstar, für den so eine Therapie wohl zum Geschäft gehöre. Überdies fühle er sich nicht veranlasst, für die Benützung einer Couch pro Stunde so viel zu bezahlen, wie er mit dem Malen in der Woche nicht verdienen könne.
Immerhin hatte das Gespräch das positive Ergebnis, dass sich die Frau Doktor anscheinend doch Gedanken machte über die Entlohnung von Kunstschaffenden, denn sie brachte das Thema zur Sprache.
Es wäre sicher nicht der Neid, behauptete Peter, wenn er es bedenklich finde, dass man einem Künstler ein Vermögen dafür bezahle, einen Eimer Farbe zu verschütten. Er frage sich nur, was einen Maler andererseits dazu veranlasse, sich bei der Arbeit Gedanken zu machen und sich zu bemühen, Stimmungen einzufangen, wenn das Publikum das nicht zu schätzen wisse. Aber Künstler wären eben nicht ganz richtig unter der Kalotte.

Nach dem Gespräch, das eine volle Stunde dauerte, war die Frau Doktor jedenfalls überzeugt, in Peter Tarat einen intelligenten, sensiblen Künstler kennen gelernt zu haben, bei dem sie immer noch latente Suizidpläne vermutete. Aber nachdem Peter ihr am Ende hoch und heilig versprochen hatte, sich nichts anzutun, ließ sie die Sache vorläufig auf sich beruhen und Peter war froh, ohne Einweisung in eine psychiatrische Abteilung davon gekommen zu sein.

So einfach abgetan war die Angelegenheit allerdings noch nicht, denn am Abend war die Frau Doktor Burgstaller zu einer Geburtstagsparty eingeladen, wo sie einen netten Journalisten kennen lernte. Und da Frau Doktor Burgstaller geschieden war und auch Psychiaterinnen das Recht auf ein Privatleben haben, unterhielt sie sich mit dem etwa gleichaltrigen, recht aparten Zeitungsmenschen ziemlich anregend. Dabei kam auch der Künstler Tarat zur Sprache und der Journalist Robert Hahn witterte zweierlei: Erstens eine brauchbare Story für die illustrierte Frauenzeitschrift, für die er arbeitete und zweitens eine Chance, die einsame Frau Doktor Burgstaller nach Hause begleiten zu können.
Nachdem sich zuerst der zweite Punkt seiner Witterung als zutreffend herausgestellt hatte, begann Robert Hahn am nächsten Tag mit den Recherchen im Fall Tarat.

Von »seiner« Ingrid bekam er die Telefonnummer des Peter Tarat, nachdem er seiner neuen Freundin versprochen hatte, einen Artikel über die Aquarelle des Suizidgefährdeten zu veröffentlichen. Und Peter lud den Robert natürlich sofort ein, als er erfuhr, worum es ging.
Robert Hahn besuchte Peter also in dessen Wohnung und war sowohl vom Aussehen der Frau Tarat positiv überrascht, als auch von den Aquarellen, die Peter da hängen hatte. Alles Stücke, erklärte Peter, für die sich kein Käufer gefunden hatte.
Dann kam man auf den Auftrag für das Hotel zu sprechen und Peter erzählte freimütig über die Sache mit dem vereinbarten Preis, den der Direktor jetzt angeblich nicht bezahlen konnte. Und Robert versprach, ein kritisches Interview mit Direktor Reiterer zu machen.
Dann fotografierte Robert noch einige Gemälde und kündigte einen Artikel über den Maler Peter Tarat für eine der nächsten Ausgaben seiner Zeitschrift an.
Peter war selig! Endlich würde er das haben, was ihm bisher am meisten gefehlt hatte: Publicity!
An diesem Abend gab es zur Feier des Journalistenbesuches nach langer Zeit wieder einmal eine Siebenzehntelflasche Blaufränkisch aus dem Burgenland.

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Das versprochene Interview mit Direktor Reiterer führte Robert nicht selbst, sondern er schickte Alexandra, eine sehr junge Nachwuchskraft, die süß und harmlos aussah, aber Haare auf den Zähnen hatte.
Direktor Reiterer fiel der jungen Dame prompt herein. Alexandra erkundigte sich in erster Linie über die Renovierungsarbeiten und brachte das Gespräch dann geschickt auf die Bilder in den Zimmern. Da sollten tatsächlich Kunstwerke hängen? Das müsse doch eine bedeutende Investition sein!
In väterlicher Art erklärte er, dass der Maler, der alte Trottel Tarat, ein typisches Beispiel dafür wäre, wie man als Unternehmer die Kosten minimieren könne. Die Touristen kämen sicher nicht wegen der Bilder in den Zimmern in sein Hotel, also seien diese ohnehin nur entbehrlicher Schnickschnack. Allerdings könne man es sich als renommiertes Haus nicht leisten, da irgendwelchen Mist hinzuhängen. Folglich müsse es etwas Anständiges sein und da käme es darauf an, den Preis soweit als möglich zu drücken. Wenn der Idiot Tarat es schließlich akzeptiere, dass der vereinbarte Preis nachträglich um die Hälfte reduziert wurde, wäre er eben selber schuld.
Direktor Reiterer fühlte sich der Alexandra gegenüber offenbar als großer Manager und außerdem veranlasste ihn ihr vielleicht etwas naives Gehabe, an die Möglichkeit eines kleinen Abenteuers mit der jungen Journalistin zu denken. Da kam er aber bei Alexandra an die Falsche!
Höchst sarkastisch gratulierte sie beim Abschied dem Hoteldirektor zu seiner Skrupellosigkeit einem biederen Maler gegenüber und kündigte an, die Geschäftstüchtigkeit des Herrn Reiterer in einem ausführlichen Artikel, der zweifellos auch im deutschsprachigen Ausland gelesen würde, zu würdigen.

Einen sehr betroffenen Hoteldirektor zurücklassend beeilte sich Alexandra, in die Redaktion zu kommen – und dort verfasste sie gemeinsam mit dem Redakteur Robert Hahn einen Artikel, dessen Abschnitt über die Bilder in den Hotelzimmern man als Meisterwerk des sarkastischen Journalismus bezeichnen kann.
Es dauerte allerdings noch knapp drei Wochen, bis der Artikel erschien. Und in diesem Zeitraum stellte Peter seine Brückenserie so gut wie fertig.

Als der Artikel dann erschien, löste er eine Flut von Ereignissen aus.
Einer der ersten, der ihn las, war Direktor Reiterer, der die Zeitschrift von einer Mitarbeiterin erhielt, die sich das Blatt bereits am Morgen gekauft hatte. Die Lektüre entlockte Reiterer einen Wutausbruch, worauf er sofort die Redaktion anrief und mit Klage wegen Verleumdung drohte. Die blöde Ehefrau des Malers müsse ihn am Telefon falsch verstanden haben, er hätte nie und nimmer den Preis auf fünfzehn Euro drücken wollen!
Dieses Zugeständnis Reiterers führte dazu, dass Robert Hahn sofort seine Ingrid, mit der ihn seit nun drei Wochen eine höchst angenehme Freundschaft verband, anzurufen und ihr die Neuigkeit mitzuteilen, die Frau Doktor Burgstaller mit Genugtuung zur Kenntnis nahm.
Peter Tarat saß indessen auf seinem Campinghocker in der Rechten Wienzeile und malte die Pilgrambrücke über die Wien und die Trasse der U4. Der Fluss führte nur wenig Wasser und es war drückend heiß heute. Noch dazu schien die Sonne dem Peter auf den Kopf. Aber dort, wo es schattig gewesen wäre, passte der Blickwinkel nicht.

Peter machte sich Sorgen. Den Plan, Angela solle behaupten, er wäre abgekratzt, musste er natürlich aufgeben. Irgendwie war er sogar froh darüber, denn das wäre ja so etwas wie Betrug gewesen. Aber jetzt spuckte der Reiterer, der geizige Hund, nur fünfzehn Euro pro Blatt aus! Und der Geschirrspüler lief nur mehr im Kurzprogramm, so dass Angela alle Teller vorher händisch reinigen musste.
Angestrengt überlegte Peter, wie es möglich wäre, den Reiterer zur Vernunft zu bringen und gleichzeitig malte er und die Sonne brannte ihm auf sein schütteres, weißes Haar.
Ulrike Reinböck, die Betreuerin verhaltensauffälliger Jugendlicher, kam zu diesem Zeitpunkt aus dem Dienst, kaufte sich die Zeitschrift, in der der Artikel über Peter Tarat stand und setzte sich in die U6, um nach Haus zu fahren.
Während der Fahrt las sie den Artikel, erfasste sofort dessen Bedeutung für Peter und noch in der U-Bahn fischte sie dessen Visitkarte und ihr Handy aus der Handtasche und rief bei Peter an.

Fortsetzung von Seite 7

Der Angela, die das Gespräch entgegen nahm, erzählte sie kurz, wie sie Peter kennen gelernt hatte und dass sie ihm die Neuigkeit des Zeitschriftenartikels mitteilen müsse, worauf ihr Angela den Aufenthaltsort ihres Mannes, der dabei war, das letzte Bild der Brückenserie zu malen, bekannt gab. Ulrike, die ohnehin in unmittelbarer Nähe der Pilgramgasse wohnte, beschloss, mit der Zeitschrift den Peter suchen zu gehen, um die erste zu sein, die ihm den erfreulichen Artikel zeigte.
Sie hatte den bärtigen, weißhaarigen Maler auch bald gefunden. An dem Geländer, das den Einschnitt der U4 entlang der Wien gegen die begleitende Straße hin absichert, saß er auf seinem Campinghocker und malte.
Aber als sich Ulrike vom Gürtel her Peters Arbeitsplatz näherte, kippte Peter um.
Er sackte ganz einfach auf seinem Campinghocker zusammen und kollerte daneben auf den Gehsteig.

Ulrike begann zu rennen. War sie eine Minute zu spät gekommen? Hatte der alte Mann sein letztes Bild vollendet und setzte nun sein Vorhaben in die Tat um? Hatte er was geschluckt? Panik stieg in Ulrike hoch.
Natürlich kannte sie sich in Erster Hilfe aus. Im Sozialdienst gehört so etwas zur Ausbildung. Sofort begann sie, Peter in stabile Seitenlage zu bringen. Er atmete, also war die Gefahr nicht ganz so groß. Ulrike wählte den Polizeinotruf.
Peter hatte gar nicht mitgekriegt, dass er geistig weggetreten war. Er war so sehr mit dem Aquarell und seinen Gedanken an Reiterer beschäftigt, dass es ihm gar nicht bewusst geworden war, wie sehr die Sonne brannte.

Und plötzlich bemerkte er, dass er auf dem Boden lag und sich eine junge Frau in Jeans und Laufschuhen um ihn kümmerte. Die kannte er doch! Na klar, das war das Mädel, das ihm vor drei Wochen bei der Arbeit zugesehen hatte! Peter wollte sie fragen, was denn passiert wäre, aber er war auf einmal viel zu müde dazu. Und als er das nächste Mal die Augen aufmachte, waren da auch noch zwei uniformierte Polizisten.
»Hören Sie mich?«, fragte die junge Frau.
»Klar«, sagte Peter und wollte aufstehen.
»Haben sie was geschluckt?«, fragte die junge Frau, an deren Namen sich Peter jetzt nicht erinnern konnte, mit Besorgnis in der Stimme.
»Nein, i bin net b’soffen«, beteuerte Peter. Und einer der Polizisten sagte: »Sonnenstich wahrscheinlich.«
Noch bevor Peter völlig zu sich gekommen war, traf der Notarztwagen ein.
Peter ging es schon wieder einigermaßen gut, aber die junge Frau sprach eindringlich auf den Notarzt ein und schließlich brachte man eine Krankentrage, auf die Peter gelegt wurde. Als man ihn in den Ambulanzwagen schob, stieg die junge Frau mit ein und Peter, der sich das alles nicht erklären konnte, war dankbar dafür.

Auch im Allgemeinen Krankenhaus blieb die junge Frau an Peters Seite. Jetzt fiel ihm auch ihr Name ein: Ulrike.
Peter wurde untersucht, bekam eine Infusion verpasst und nach zwanzig Minuten war er wieder voll da.
Ulrike hatte Angela verständigt und eine halbe Stunde darauf war auch Peters Frau da. Ungeachtet der Kosten hatte sie sich sogar ein Taxi genommen.
Dann gaben die Ärzte Entwarnung. Kreislaufkollaps infolge Sonneneinstrahlung und zu geringer Konsumation von Flüssigkeit.
Angela machte sich auf den Weg, Peters Auto, das noch im fünften Bezirk stand, zu holen und Ulrike blieb immer noch bei Peter.

Als Angela schließlich wieder in der Klinik eintraf, saß Peter fröhlich im Wartezimmer der Notfallambulanz und hielt Ulrike an der Hand. Mittlerweile hatte diese nämlich eine Menge Telefonate geführt: Mit ihrem Kollegen Doktor Habeck, der sie an Frau Doktor Burgstaller verwies. Diese gab Ulrike die Telefonnummer ihres neuen Liebhabers Robert Hahn von der Redaktion und von diesem erfuhr man dann die Neuigkeit, Direktor Reiterer habe nicht fünfzehn Euro pro Blatt gesagt, sondern fünfzig. Also höchst elegant hatte sich damit der Hoteldirektor aus der Affäre gezogen…

Brücken verbinden. Und Peters Brückenserie hatte nun auch einige Menschen miteinander verbunden.
Zwischen dem Ehepaar Tarat und der jungen Ulrike Reinböck entstand eine innige Freundschaft über die Generationen hinweg, Herrn Hahns Artikel in der Zeitschrift bewirkte eine enorme Steigerung des Marktwerts von Peters Aquarellen und wenn jemand wieder einmal über die Qualität der Wiener Sozialeinrichtungen herzieht, ist Peter Tarat einer der ersten, der widerspricht.