KunstGeschichten

KunstGeschichte: Das Monster

Welches Interesse können ein krimineller Bordellbesitzer, ein junges Mädchen und ein Speditionsfahrer, der nahe am Existenzminimum lebt, an einem Haufen Schrott haben, der auf der Reise in eine Schrottpresse ist? Und wie kann es sein, dass dieser Schrott entscheidend für die Zukunft der drei ist? Lassen Sie sich entführen, in eine aufregende Reise von Wien nach Budapest und zurück und finden Sie auf dem Weg die Antworten in Erich Wurths neuer KunstGeschichte.

Als Andrea bei der Autobahnausfahrt Parndorf vorüber kam, fuhr ein ziemlich herunter gekommener Pritschenwagen mit Plane und Ladebordwand vor ihr auf die Autobahn auf. Andrea musste abbremsen, weil sie eben selbst überholt wurde, dann aber schaltete sie zurück und überholte die alte Karre. Im Vorüberfahren bemerkte sie, dass ein etwa vierzigjähriger Mann mit schwarzer Baseballkappe am Steuer saß. Der Fahrer des Kleinlasters sah ebenfalls zu ihr herüber und hob dann grüßend die linke Hand. Offenbar wollte er sich entschuldigen, Andrea zum Abbremsen gezwungen zu haben.

Von Budapest bis hierher hatte Andrea noch keine zwei Stunden gebraucht, was Rückschlüsse auf die Exaktheit zulässt, mit der Andrea das Geschwindigkeitslimit beachtet hatte, zumal auf der Autobahnstrecke über die Budaer Berge ziemlich viel Verkehr gewesen war. Nicht schlecht, die Zeit.
Andrea Kiss fuhr oft nach Ungarn. Ihre Eltern stammten von dort und waren 1956 nach Wien gekommen. Ihr Vater, gebürtig aus Székesfehérvár, hatte aktiv am Aufstand teilgenommen und sogar einen der von den Freiheitskämpfern erbeuteten sowjetischen Panzer im Triumph durch Budapest gefahren, sich dann aber – im allerletzten Moment – mit seiner damaligen Braut, Andreas Mutter, nach Österreich abgesetzt. Die wesentlich jüngere Schwester von Andreas Mama, Juliska Kenedy, politisch völlig unverdächtig, war in Budapest geblieben und diese Tante Juliska besuchte Andrea nun häufig, nachdem sich ihre Eltern nach deren Pensionierung und dem Ende des Kommunismus auf einen Alterssitz in der Nähe von Hodmesövasarhely zurückgezogen hatten.

Andrea, als spätes Kind ihrer Eltern zu Anfang der Siebzigerjahre geboren, war zweisprachig erzogen worden, erwies sich als künstlerisch sehr talentiert und konnte bereits auf einige Erfolge bei der Gestaltung moderner Plastiken zurückblicken, wobei es ihr – völlig unweiblich - vor allem der Werkstoff Metall angetan hatte. Der Umgang mit Trennscheibe, Lötlampe und Schweißgerät machte ihr höllischen Spaß – und das sah man auch an ihren Plastiken.
Während nun also Andrea die Grenze zu Niederösterreich passierte und ihrem alten Ford „die Gurke gab“[1], hatte der vorhin von ihr überholte alte Kleinlaster Mühe, wenigstens ein Tempo von annähernd 100 km/h zu erreichen.
Fast dreihunderttausend Kilometer hatte der Laster auf dem Tacho – und der war sicher zurückgedreht worden, als Peter Bachler den Transporter gebraucht erstanden hatte. Dutzende verschiedene Fahrer hatten ihn „getreten“, denn keinem von ihnen hatte das Fahrzeug selber gehört und mit Firmenautos geht man anders um, als mit eigenen.

Lange würde es der fast schrottreife Kleinlaster nicht mehr machen. Ganz ausgeschlossen, noch einmal eine Prüfplakette für ihn zu kriegen – das dafür nötige Schmiergeld würde die Kosten für eine Neuanschaffung bei Weitem übersteigen. Und beides lag für Peter nicht im Bereich des Finanzierbaren.
Peter Bachler, Fahrer und Eigentümer des Rosthaufens, hatte also ziemliche Sorgen. Das Unternehmen „Bachler – Trans“ lief nicht besonders. Obwohl er zwölf bis vierzehn Stunden pro Tag „hackelte “[2], warf die Firma grade so viel ab, dass dessen Chef und einziger Mitarbeiter nicht verhungern musste.
Es war zum Weinen! Für die Zustellung der zwanzig Kartons Saatgut vom Flughafen zum Labor des Maiszüchters in Parndorf zahlte der Spediteur grade einmal sechzehn Euro – und das wahrscheinlich erst in ein paar Monaten und nach drei Mahnungen. Mit einem nassen Fetzen sollte man die Spediteure alle erschlagen! Wahre Meister waren das – im Drücken des Preises und im Jammern über die Konkurrenz!
Peter war vor zwei Jahren noch selbst bei einem der Spediteure am Flughafen Wien angestellt gewesen, als Fahrer des Zustellfuhrwerks. Dann kam er dahinter, dass sein Arbeitgeber außer das eigene Fahrzeug einzusetzen, noch Abhol- und Zustellaufträge an selbständige Frächter vergab. Und dann wurde er „abgebaut“. Frächter einzusetzen war billiger, als ein eigenes Fuhrwerk zu unterhalten.
Ein halbes Jahr war Peter arbeitslos gewesen, dann hatte er beschlossen, die »Bachler – Trans« zu gründen.

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Nun, wenn Peter für jede Gelegenheit, bei der er diesen Entschluss bereute, einen Euro gekriegt hätte, er hätte sich bequem ins Privatleben zurückziehen können…
Trübe Gedanken beschäftigten ihn, als er mit knapp über neunzig durch die beginnende Dämmerung die Autobahn entlang zockelte, da bemerkte er das Warndreieck und den alten Kombi auf dem Pannenstreifen.

Das war doch das Mädel, das ihn vorhin bei der Auffahrt Parndorf überholt hatte! Im Vorüberfahren bemerkte Peter, dass sich die junge Frau über den offenen Motorraum des Kombis beugte. Er brachte den Transporter auf dem Pannenstreifen zum stehen, schob zurück und stieg aus.
Als er auf die junge Frau zuging, fiel ihm auf, dass sie beinahe ebenso wie er selbst gekleidet war: Jeans und schwarze Bluse. Er selbst trug ein schwarzes Hemd und Jeans – der einzige Unterschied lag darin, dass er eine schwarze Baseballmütze aufhatte, die Frau trug keine Kopfbedeckung über ihrem schwarzen Haar.

„Will er net?“, fragte Peter, als er herankam. Die junge Frau blickte auf.
„Die Benzinpumpe hat schon seit Wochen g’winselt wie a junger Hund, jetzt hat’s die Patschen g’streckt “[3], erklärte sie.
Peter warf einen Blick auf den Motor, konnte aber natürlich nichts feststellen. „Dann is da Endstation“, stellte er fest. „Soll i Sie zu einer Werkstatt schleppen?“
Die junge Frau schloss die Motorhaube. „Lieb von Ihnen“, sagte sie. „Aber Werkstatt brauch i keine. I werd’ schaun, dass i a gebrauchte Benzinpumpen krieg und bau mir’s selber ein.“
„Sie selber?“, wunderte sich Peter.
„Klar! Wegen einem solchen Lapperl[4] brauch i kein’ Mechaniker. Der Kübel is so alt, da kann man noch selber dran rumschrauben. Aber wenn S’ mich bis Wien schleppen könnten, wär’ mir sehr g’holfen.“
„Mach i doch glatt!“, versprach Peter. „Sofern mei’ Leibschüssel[5] net unterwegs den Geist aufgibt. Wo sind’s denn z’ Haus?“
„Auf der Simmeringer Had[6]. Da haben meine Eltern a Gärtnerei g’habt und da kann i den Kübel auf’s Grundstück stellen, zum zerlegen.“
Peter schob den Transporter noch weiter zurück bis unmittelbar vor den alten Kombi. Dann begann er, das Abschleppseil zu befestigen.
„Wenn der Motor net rennt, geht ka Servobremsen und ka Servolenkung!“, klärte er die junge Frau auf, die ihm zusah.

„Weiß i, aber die alte Schüssel hat so was net. Stammt noch von mein’ Vater und damals hat’s so was nur gegen Aufpreis geben. I fahr Ihnen schon net hinten rein“, beruhigte die junge Frau. Dann gab sie Peter einen Zettel mit ihrer Adresse und die Abschleppaktion konnte losgehen.
Alles funktionierte problemlos und eine halbe Stunde später, als es bereits völlig dunkel geworden war, hielt das Gespann vor einem Grundstück nahe dem Gaskraftwerk Simmering. Peter löste das Abschleppseil und half dann noch mit, den alten Kombi auf das Grundstück neben ein Glashaus zu schieben.
„I dank Ihnen vielmals!“, sagte die junge Frau. „Jetzt müssen S’ noch reinkommen auf ein’ kleinen Imbiss!“
„I möcht’ keine Umständ’ machen“, wehrte Peter ab.
„Na, nur net so g’schamig [7]. Kommen S’ bitte da ins Atelier“, forderte ihn die junge Frau auf, öffnete die Tür des Glashauses und machte drinnen Licht.
Im ersten Moment glaubte Peter, zu träumen. Da gab es keine Pflanzen in dem Glashaus, aber etwa zwanzig verschiedene Gebilde aus Metall standen da. Teilweise äußerst skurrile Gebilde, manche mit Rost bedeckt, andere sauber poliert und glänzend, aber alle in einer Art und Weise, wie sie Peter noch nie zuvor gesehen hatte. Reglos war Peter an der Schwelle stehen geblieben und sah diese seltsamen Dinger an.
„Na, geh’n S’ nur weiter, die beißen net, meine Skulpturen“, drängte die junge Frau hinter ihm. Zögernd trat Peter ein.

„Das haben alles Sie g’macht?“, fragte er ungläubig.
„Klar! I bin Künstlerin. Andrea Kiss heiß i, vielleicht haben S’ den Namen schon einmal zufällig g’hört.“
Peter schüttelte bedauernd den Kopf. „I hab’s net so mit der Kunst. Ka Zeit für so was. Muss schau’n, dass i Fuhren krieg.“
„Ja, is hart heutzutag. Na, vielleicht kann ich Ihnen Aufträg’ geben? Die Dinger da müssen manchmal zu Ausstellungen und die sind ganz schön schwer.“
„Das macht nix. I hab a Ladebordwand.“, bemerkte Peter. „Aber die einzelnen Trümmer, aus denen Sie das z’sammsetzen, die müssen ja auch ganz schön schwer sein! Wie schaffen S’ denn das?“
Andrea lachte. „I heiß nur Kiss, ungarisch bedeutet das ‚klein’ – aber so a Zniachterl[8] bin i gar net.“ Sie hob ein großes, glänzendes Zahnrad hoch, das auf dem Boden lag und hielt es Peter entgegen. „Da, heben S’ einmal!“
Peter übernahm das Zahnrad. „Bist du deppert, das hat ein G’wicht!“, sagte er respektvoll. „Und das heben S’ so locker?“
„Gewohnheit“, erklärte Andrea und nahm ihm das Zahnrad wieder ab. „Wenn man das Zeug zu Skulpturen verwurschtet, muss man’s auch heben können. Das da kommt übrigens auf das G’stell da hinten, das noch ganz nackert ausschaut. Das schweiß i ganz oben dran.“

„Schweißen können S’ auch?“, wunderte sich Peter. „Also net nur Benzinpumpen einbauen?“
„Kommen S’ mit nach hinten? I zeig Ihnen was.“ Andrea ging vor und führte Peter zum anderen Ende des Gewächshauses. Dort stand eine Skulptur, die aus einem über einen massiven Rahmen gespannten Armierungsgitter, wie man es für Stahlbeton verwendet, bestand und aus dem gebogene, schmiedeeiserne Profile ragten, wie man sie für Ziergitter benutzt. Das Schmiedeeisen war bedeckt mit tropfenförmigen Gebilden, die eindeutig aus Kupfer bestanden.
„Da! Kupfer und Eisen verschweißt. Die Metallurgen sagen, das geht net. Mit ein’ einfachen Schmäh[9] geht’s doch! I hab ein’ dicken Kupferdraht spiralförmig um die Schweißelektrode g’wickelt – und voilà!“
Peter betastete die Kupfergebilde. „Alle Achtung!“
„Aber i red da blöd daher statt dass i was zum Essen richt’! Trinken S’ a Bier?“
„I möcht’ keine Umständ machen!“
„Blödsinn! I hab ja selber ein’ Hunger! Schau’n Sie sich ruhig noch um da, i komm gleich!“

Damit ließ Andrea Peter allein in dem seltsamen Skulpturengewächshaus und verschwand durch eine Tür, die offenbar das Glashaus mit dem angrenzenden Gebäude verband.

Fortsetzung von Seite 2

Fasziniert wanderte Peter in dieser Ausstellungshalle umher. Jede Plastik war anders. Teils waren es elegant geschwungene Drähte, die zu phantasievollen Gebilden verbunden worden waren, teils massiv wirkende Körper aus Blech, die einander durchdrangen und jedes Kunstwerk hatte seinen eigenen, besonderen Charme.
Peter, der von Kunst erstens nichts verstand und den sie zweitens üblicherweise nicht interessierte, war ganz gefangen vom Anblick dieser Gegenstände. Nie hätte er gedacht, dass ihn Plastik, noch dazu moderne Plastik, derart berühren könnte. Er wanderte still umher und schaute.

„Kommen S’ mit rüber? Ich hab eh nur a bisserl Wurst und Käs’ herg’richt’.“ Andrea stand in der Tür zum Nebengebäude und Peter wunderte sich, dass sie ihn schon rief. Sie war doch grade erst verschwunden! War ihm die Wartezeit in diesem eigenartigen Museum so schnell vergangen?
Er riss sich von den Plastiken los und folgte Andrea ins Nebengebäude. In einem mit alten Möbeln eingerichteten, kleinen Wohnzimmer hatte Andrea auf dem Esstisch eine kalte Platte angerichtet und zwei Flaschen Bier dazugestellt. Zehn Minuten später war eine angeregte Unterhaltung im Gang.
Andrea berichtete, dass sie sich ein zweites Atelier bei ihrer Tante in Budapest eingerichtet hatte, wo sie momentan an einer Skulptur für eine Ausstellung im Schlosspark von Gödöllö arbeitete. Soeben kam sie von Budapest und der Arbeit an ihrer Skulptur. Das „Monster“, wie sie die Plastik bezeichnete, bestand aus alten Karosserieteilen und sie erhoffte sich, mit dieser Arbeit auf dem ungarischen Kunstmarkt eine gewisse Aufmerksamkeit zu erregen.

„Bin erst am Anfang mit meinen Plastiken“, gestand sie. „Auf’m Kunstmarkt muss man sich erst ein’ Namen machen, bevor man was verkaufen kann. Und das is gar net so leicht! Deshalb muss i momentan noch was anderes arbeiten. Teilzeitkraft in ein’ Supermarkt.“
Da meldete sich plötzlich Peters Mobiltelefon.
Der „Hansee“ war dran, der Lagerarbeiter eines großen Schweizer Spediteurs und an seiner Aussprache erkannte Peter, dass er angesoffen war wie ein Pissoirtschick[10].
Peter möge doch sofort zum Flughafen in die Ankunftshalle kommen, er würde beim Bierbeisel auf ihn warten. Ein lukrativer Auftrag wäre in Sicht!

Peter hatte zwar nicht die geringste Lust, nochmals zum Flughafen zu fahren und dort grad den angeblasenen[11] Hansee zu treffen, zumal ihn die Unterhaltung mit Andrea völlig gefangen nahm, aber Aufträge benötigte er dringend. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als sich zu verabschieden.
Andrea hatte vollstes Verständnis, nötigte ihn aber, wenigstens fertig zu essen. Dann tauschten sie die Telefonnummern und Andrea versprach, sich zu melden, sobald eine ihrer Skulpturen transportiert werden müsse.
Von Simmering zum Flughafen ist es ein Katzensprung und kurze Zeit später stellte Peter seinen Laster vor dem bereits geschlossenen Lager eines kleineren Luftfrachtspediteurs ab und lief vom Frachtbereich hinüber zum Passagierterminal.

Hansee, der nicht ganz so besoffen war, wie er am Telefon geklungen hatte, führte ihn zu einem der Tische im Bierbeisel und stellte ihn einem Herren vor, der den Auftrag zu vergeben hatte. Der Herr war etwa fünfzig, sah nicht sehr seriös aus, verfügte über einen ansehnlichen Backhendlfriedhof [12], trug Ohrringe und nahm seine Sonnenbrille auch jetzt am Abend nicht ab. Hansee stellte ihn als Viktor Hruschka vor, der ein Lokal im zehnten Bezirk betreibe.
Herr Hruschka kam sofort zum Geschäft: Zweiunddreißig Kartons mit etwa 500 Kilogramm wären von Sopron nach Wien zu bringen, aber der Inhalt der Packstücke gehe die Amtskappeln[13] an der Grenze nichts an. Wäre ja ohnehin EU – Ware.

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„Was is drin?“, fragte Peter.
Na, nix wäre drin. Ein paar T-Shirts aus China, bereits in Budapest verzollt, also EU – Ware.
Und was unter den Textilien in den Kartons wäre, fragte Peter.
Na, nix halt. Ein Hunderter Fuhrlohn wäre drin.
Peter schüttelte den Kopf. Er müsse wissen, was er da transportiere, sonst könne Herr Hruschka sich seinen Auftrag in die Schuhe stecken.
Na ja, ein paar Tschick[14] und ein paar Tabletten, für den Privatgebrauch.
Peter stand auf. Sorry. Herr Hruschka möge seine Zigarettenstangen und Ecstasy – Tabletten selber schmuggeln
„Dariwudl[15]! So a Pleampl [16]!“, schimpfe Herr Hruschka. „Macht si’ ins Hemd wegen a paar Tschick! Samma[17] in der EU oder net?“

Herr Hruschka wisse genau, dass es Ausnahmebestimmungen bezüglich Tabakwaren in Österreich gäbe, na und Ecstasy wäre überhaupt ein eigenes Kapitel. Peter nickte dem abgewiesenen Auftraggeber nur kurz und ging zu seinem Transporter zurück.
Hansee lief ihm nach. „Spinnst, Alter? Weißt überhaupt, wer das is, der Hruschka?“
Nein. Wäre ihm auch egal. Ein mieser Knochen sei er, das könne man gleich sehen.
„Das is der ‚wamperte[18] Vickerl’, dem das Puff in der Gudrunstraßen g’hört! Der handelt nebenbei und wenn dem einer deppert kommt, schlitzt er’n auf!“
„Und den vermittels mir, du Naturdepp?“, schimpfte Peter. „Schau lieber, dass mir eure Exportleut’ a paar Abholer zukommen lassen und lass mi’ mit deine Strizzi in Ruh!“
Seit wann Peter denn derart gesetzestreu wäre, wollte der Hansee wissen.
„Du hast den Schädel nur auf, damit’s dir net in’ Hals regnet, du Koffer!“, sagte Peter. „Wenn die an der Grenz’ mi’ filzen, is der Gewerbeschein weg und i geh stempeln!“ Damit ließ er den Hansee stehen und machte sich auf den Heimweg.

Seltsamerweise dachte er auf der ganzen Strecke vom Flughafen zu seiner Wohnung in Stadlau[19] nicht an Hansee und den „wamperten Vickerl“, sondern an die schwarzhaarige Künstlerin Andrea und ihr bemerkenswertes Gewächshaus…
Während der nächsten Tage war Peter das Glück hold. Mustafa, der Fahrer von TEA, einer neuen, aufstrebenden Luftfrachtspedition, hatte mit deren Rollfuhrfahrzeug einen Ausritt in den Acker neben der B9 unternommen und dabei die Vorderachse gründlich demoliert. Peter übernahm dessen Vertretung und hatte zumindest für die drei Tage, die es dauerte, bis das TEA – Fuhrwerk repariert war, gut zu tun. Außerdem gelang es ihm, zusätzliche Aufträge anderer Spediteure mit den Abholungen und Zustellungen für TEA zu kombinieren und erstmals sah er einen Silberstreif am Horizont.

Gegen Ende der Woche bekam Peter dann einen Anruf auf seinem Handy von Andrea. Er saß gerade in seinem Transporter, der vor einem „Würstelstand“ im Industriezentrum Niederösterreich Süd stand und verdrückte eine „Heisse“ mit scharfem Senf, eine jene Burenwürste, von der Kenner behaupten, das schmackhafteste davon sei die Schnur, mit der sie zusammengebunden wären. Andrea wollte wissen, ob er mit einem LKW - Unternehmen in Ungarn zusammenarbeite, sie hätte ihr „Monster“ nun früher als geplant zum Ausstellungsgelände im Schlosspark von Gödöllö zu bringen.

Peter hatte in der Hektik der vergangenen Tage gar nicht mehr an die Künstlerin gedacht, jetzt empfand er plötzlich das starke Verlangen, sie wieder zu sehen.
„Was macht Ihr Bolide? Schon repariert?“, fragte er, nachdem er den Bissen hinuntergeschluckt hatte..
„Klar! Wär’ ja g’lacht, wenn i net a patscherte Spritpumpen einbau’n könnt!“
„Geben Sie mir a Stund’ Zeit? I möcht’ schauen, ob i net ein’ Transport nach Budapest kriegen kann, dann mach ich Ihnen die Überstellung selber. Gratis natürlich.“
Andrea schwieg einige Sekunden. „Natürlich wär’ das a Hammer“, sagte sie dann. „Aber wie kommen Sie dazu, dass Sie für mich so was tun?“
„Na ja, man muss halt was machen für die Kunst…“ Peter war etwas verlegen geworden. „Nehmen Sie’s halt als… wie sagt man? Mäzenatentum.“
„Aber nur, wenn Sie sowieso nach Budapest müssen!“, meinte Andrea nach einem weiteren, längeren Zögern.
„Versprochen! I ruf’ gleich die Spediteure alle an. Die müssen doch a Fuhr’ da runter haben! Meld’ mich wieder bei Ihnen!“
Peter legte den Pappteller mit der Wurst auf den Beifahrersitz und begann zu telefonieren.
Sechzig bis siebzig Speditionen sind am Flughafen Wien ansässig, also hatte er ganz ordentlich zu tun, um die alle zu kontaktieren.

Fortsetzung von Seite 4

Nach der fünfundzwanzigsten Absage wurde Peter leicht nervös. Dieser verdammte „Tiefflieger“! Der Flugeratzverkehr zwischen Wien und Budapest, der von Austrian Airlines betrieben wird, hatte offenbar sämtliche Sendungen zwischen den beiden Städten „aufgesogen“. Na klar! Für einen Luftfrachtspediteur war es so einfach, einen Air Waybill[20] zu erstellen und die Ware ganz normal einzuchecken. Da die kurze Strecke nur von kleinem Fluggerät, das kaum über Frachtraum verfügt, mehrmals täglich beflogen wird, liegt es nahe, einmal am Tag einen großen LKW mit einer Flugnummer auszustatten und über die Autobahn „fliegen“ zu lassen.
Peter brauchte länger als die angekündigte Stunde, um sich von allen Speditionen die durchwegs negativen Auskünfte einzuholen.
Dann schmiss er den Pappteller mit der kalt gewordenen Burenwurst aus dem Fenster, fluchte ausgiebig und rief Andrea zurück.

„Gebongt!“, log er und versuchte, seiner Stimme einen fröhlichen Ausdruck zu verleihen. „Hat leider etwas länger gedauert, aber ich hab meinen Auftrag! Wann treff’ ich Sie wo?“
Andrea freute sich hörbar. ‚Natürlich, weil sie für den Transport nix blechen muss.’, dachte Peter mit etwas Bedauern. Sie gab ihm eine Adresse am nordwestlichen Stadtrand von Budapest. „Das ist in Buda zwischen Batthyány utca und Donau. Ein uraltes Einfamilienhaus. Dort im Garten steht das Monster. Finden Sie die Adresse?“
„Klar. Hab Satellitennavigation im Auto“, erklärte Peter. „Steht Ihre Skulptur auf einer Palette?“
„Die steht nur so im Rasen.“
„Und wie schwer ungefähr is das Zeug? Verzeihung, das Kunstwerk?“
„Na, so drei bis vierhundert Kilo wird’s schon haben…“
Peter überlegte. „Da werd’ ich ein’ Zweiten brauchen, sonst kann i’s net verladen. Haben Sie wen dort, der mir helfen kann?“
„Nein, aber kann ich Ihnen net helfen?“
Das werde sie eh müssen, erklärte Peter. Aber man müsse die Skulptur zuerst auf eine Holzpalette stellen, und das wäre wohl auch für eine trainierte Bildhauerin etwas schwer. Na, er werde versuchen, eine Hilfskraft aufzutreiben.

Man vereinbarte das Treffen für den Samstag um die Mittagszeit.
Peter legte auf und fluchte noch einmal ein bisschen, aber nicht aus vollem Herzen. Er freute sich auf das Wiedersehen. Na gut, er war ein kapitales Rindviech, wenn er die Zeit und die Menge an Sprit bedachte, die für das Abenteuer draufgehen würden! Aber das Geschäft war ganz gut gelaufen in den letzten Tagen und Andrea hatte ja auch nicht grad ein Vermögen zur Verfügung. Nein, die Sache war schon okay. Er fluchte noch einmal, aber diesmal grinste er dabei fröhlich.
Dann fuhr er raus zum Flughafen und versuchte, einen Beifahrer für seinen Trip nach Budapest zu kriegen.

Das war beinahe so schwierig, wie eine Fuhre dorthin zu ergattern. Die Leute, die er gern gehabt hätte, hatten am Wochenende alle was besseres zu tun als mit ihm nach Ungarn zu gurken.
Eben erklärte ihm der Rolli von Express Air Cargo auf der Verladerampe, er könne am Wochenende nicht mitkommen, er wäre mit der Sandra von British Airways verabredet und rechne sich bei dem Hasen endlich Chancen aus, als Hansee vorüber kam, mitkriegte, worum es da ging und sich prompt anbot.
„Du Saufglocken bleibst mir net lang genug nüchtern!“, lehnte Peter ab. „Du bist doch schon auf’m halben Weg runter im Öl, vollfett und streichfähig.“
Hansee protestierte. Er saufe prinzipiell nur nach Feierabend! Um einen Fünfziger wäre er dabei und garantiert stocknüchtern!

Peter bat ihn, er möge sich schleichen. Maximal ein Zwanziger wäre drin.
Na schön, lenkte Hansee ein. Ein Zwanziger und eine Flasche Barackpálinka[21], die koste in Ungarn einen Pappenstiel.
Peter versprach, den Hansee als Option vorzumerken und ließ ihn vorerst stehen. Aber es fand sich niemand sonst und so blieb Peter nichts anderes übrig, als doch die Schnapsdrossel Hansee mitzunehmen. Abfahrt Samstag acht Uhr vom Flughafen.

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Tatsächlich war Hansee am Samstag früh nüchtern. Zwar verkatert, aber das fand Peter nur gut, denn bis Györ hielt Hansee seinen Schnabel und pflegte sein Kopfweh. Dann ließen offenbar die Kopfschmerzen nach, er wurde gesprächig und nervte Peter mit seinen Weibergeschichten bis Budapest. Peter war davon überzeugt, dass an den amourösen Abenteuern seines Beifahrers kein Wort der Wahrheit entsprach und er bemühte sich, nicht hinzuhören.
Die angegebene Adresse war dank Navigationsgerät bald gefunden. Sogar eine Einfahrt zum Grundstück war vorhanden!

Andrea stellte erst ihre alte Tante Juliska vor und dann das Monster, das hinter dem Haus auf dem Rasen hockte und Furcht erregend aussah.
Es war etwa zwei mal eineinhalb Meter groß, etwa einen Meter hoch und stellte eine phantasievolle Mischung aus Krabbe und Insekt dar, die aber über ein riesiges, aufgerissenes Maul verfügte, das aus einer alten LKW Motorhaube zu bestehen schien. Die Plastik war in Grün- und Grautönen lackiert und glänzte in der Mittagssonne. Ein halbes Jahr hätte sie dran rumgeschweißt, erklärte Andrea.
Peter war beeindruckt. Aber Hansee war geradezu fasziniert von dem Ding, betastete es ausgiebig und wäre anscheinend am liebsten in die Skulptur hinein gekrochen.

Peter pfiff seinen Gehilfen zurück und gemeinsam begannen sie, mit Hilfe zweier „Hunde“, wie die kleinen, hydraulischen Palettenhubwagen im Flughafenjargon genannt werden, die Skulptur anzuheben und zwei Holzpaletten drunter zu schieben. Nach einer halben Stunde angestrengter Arbeit konnten sie dann das Monster zu zweit auf die Ladebordwand ziehen und verladen.
Tante Juliska bestand darauf, dass Peter und sein Gehilfe etwas Gebäck aßen und servierte auch zwei Gläschen mit dem berühmten ungarischen Aprikosenschnaps, die Hansee beide hinter die nicht vorhandene Krawatte goss, weil Peter zu viel Respekt vor der in Ungarn geltenden Null Komma null Promillegrenze hatte.

Dann fuhr Andrea Peter mit ihrem alten Kombi voraus, um ihm den Weg zu zeigen.
„Seien S’ bitte nachsichtig!“, bat Peter, bevor sie losfuhren. „Sie fahren anscheinend mit Formel eins Lizenz, aber der Transporter gibt maximal neunzig her!“
„Keine Sorge!“, lachte Andrea. „Ich wart’ schon auf Sie.“
Über die Arpád Hid und die Autobahn M3 gelangten sie rasch nach Gödöllö und zum Lieblingsschloss der ungarischen Königin Erzsébet, der österreichischen Kaiserin Elisabeth, die einen großen Teil ihrer Zeit hier, fern von ihrem Gatten Franz Josef verbracht hatte.

An Nebengebäuden des neu renovierten Schlosses vorbei lotste Andrea den Transporter in den Schlosspark, wo unweit des Hauptflügels eine Rasenfläche für die Skulpturen reserviert war.
Der Organisator der Ausstellung kam in den Schlosspark, als Peter und Hansee bereits voll beschäftigt waren, das Monster abzuladen. Andrea und der Ausstellungsfritze unterhielten sich angeregt auf Ungarisch und Peter musste das Monster mehrmals verschieben, bis der Ausstellungsgewaltige endlich mit der Position der Skulptur zufrieden war.

Fortsetzung von Seite 6

„So! Bis August bleibt das Viech jetzt da“, sagte Andrea. „Dann muss es nach Wien, dort hab i mit einer Metallhandelsfirma eine Aktion vereinbart. A zweiter Bildhauer macht auch noch mit und wenn i a Glück hab, berichtet die Presse drüber.“
„Welche Aktion?“, fragte Peter.
„Na, so a Art Happening. Aktionskunst halt, was genau, muss i erst mit dem Lindmeier, dem zweiten Bildhauer, absprechen.“
„Dann sagen S’ mir, wann genau und i hol Ihnen das Viecherl nach Wien“, bot Peter an. „Gratis, versteht sich!“, fügte er hinzu.
„Herr Bachler, Sie san a Wahnsinn!“, sagte Andrea, umarmte ihn und drückte ihm einen Kuss auf die Stirn.
„Peter, bitte“, bat der Geküsste und wurde leicht rot im Gesicht.
„Und i bin die spinnerte Andrea“, lachte die Bildhauerin und nun drückte sie dem Peter sogar einen Kuss auf die Lippen.

Einen ganz kleinen Kuss zwar nur, aber immerhin! Der Ausstellungskurator schlug Peter die Hand auf die Schulter und ließ eine Rede los, die vor „ä“ und „ö“ nur so strotzte. Peter verstand zwar kein Wort, aber das es ein Glückwunsch sein sollte, das war ihm klar.
Man trennte sich.
Andrea musste noch einmal zu Tante Juliska zurück, sich verabschieden und Schweißgerät sowie Lackspritzpistole holen. Aber Peter musste versprechen, noch zum Glashaus in Simmering zu kommen um die geglückte Überstellung des Kunstwerkes zu feiern.

Auf der Heimfahrt war Peter blendender Laune und auch das blöde Gerede des Hansee konnte ihn nicht aus der Fassung bringen. An einer Autobahnstation wurde die Schnapsflasche für Hansee erstanden, die ja einen Teil seines Honorars ausmachte, der Beifahrer schaffte es aber nicht, länger als eine halbe Stunde den Marillenschnaps unangetastet zu lassen.
Als der Transporter etwa bei Mosonmagyarovar war, hatte Hansee den Verschluss bereits geöffnet. Als er wieder einmal ein Kuhmaul voll in sich hineingoss, überholte Andrea mit ihrem alten Kombi den Transporter und winkte vehement.
Peter winkte zurück und war so guter Stimmung, dass er den Hansee ungehindert saufen ließ, obwohl der ja versprochen hatte, nüchtern zu bleiben.
Trotzdem war er froh, als Hansee am Flughafen seine zwei Zehner einsteckte und sich in der Natur verlor.

Peter hatte es plötzlich sehr eilig, nach Simmering zu kommen und selbst die kurze Strecke vom Flughafen „zog sich wie ein Strudelteig“.
Andrea erwartete ihn mit einem elegant gedeckten Tisch. Sie war aus ihren Jeans geschlüpft und hatte sich hübsch gemacht. Als sie die Tür öffnete, traute sich Peter gar nicht, einzutreten. „Tschuldigen[22].“, stammelte er. „Muss noch schnell nach Haus, mir ein’ Smoking anziehen.“
Andrea lachte. „Na, so weit kommt’s noch! Rein mit dir!“
Peter trat ein. „War eh ein Schmäh“, gestand er. „I hab gar kein’ Smoking…“

Es wurde ein romantischer Abend. Andrea hatte eine alte Stereoanlage und einen Haufen alter Platten, den ganzen Abend liefen Nummern mit Frank Sinatra, Nat „King“ Cole, Ella Fitzgerald und anderen Jazzgrößen, wobei LKW-Fahrer und Künstlerin einander recht nahe kamen. Die logische Konsequenz war, dass Peter erst am Sonntagabend zu Hause eintraf...
Es schien fast, als ob die neue Beziehung zwischen Künstlerin und Transportunternehmer beiden Glück brächte. Die Auftragslage bei Bachler – Trans besserte sich und Andrea verkaufte eine Skulptur an einen Immobilienfonds, der das Portal seines neuen Bürogebäudes damit schmückte. Selbstverständlich führe Peter den Transport durch.
Peter und Andrea sahen einander häufig und so verging der Sommer wie im Flug. Schließlich war es soweit, dass das Monster nach Wien geholt werden musste.

Fortsetzung von Seite 7

Diesmal war die Hilfe eines Zweiten nicht erforderlich. In Gödöllö gab es Leute, die beim Beladen helfen konnten und so war Peter mit Andrea als Beifahrerin unterwegs, die diesmal ihrem alten Kombi Ruhe gönnte.
Beladung und Transport verliefen problemlos.
Als sich der Transporter dann Fischamend näherte und unter der Schneise für den Short Final[23] auf Runway 29, auf der alle zwei Minuten eine Maschine einschwebte, durchfuhr, meldete sich Peters Handy. Hansee war dran und wollte wissen, wann Peter denn das Monster aus Gödöllö nach Wien holen werde.
„Is schon da“, sagte Peter. „I bring’s grad zum Schrottplatz von Bauer Metall in Vösendorf[24].“
Hensee wurde plötzlich nervös. Nein! Erst müsse Herr Hruschka die Plastik sehen! Und was denn am Schrottplatz damit geschehen würde, fragte er atemlos.

Hruschka? Wer den das wäre, erkundigte sich Peter.
Na, der „wamperte Vickerl“, dessen Transport Peter seinerzeit abgelehnt hätte! Den kenne er ja!
Peter wurde ungehalten. Was denn der Saubauch mit der Skulptur zu schaffen habe, fragte er den Hansee. Und im übrigen könne dieser ihm den Buckel runter rutschen und im unteren Drittel mit der Zunge bremsen!
Hansee benahm sich ganz eigenartig am Telefon, aber im Öl[25] war er offenbar nicht. Er rufe nochmals an, versprach er und legte auf.
Fünf Minuten später nervte er Peter schon wieder. Peter habe sofort mit der Skulptur vor Hruschkas Bordell in der Gudrunstraße anzutanzen, andernfalls der „wamperte Vickerl“ äußerst unangenehm würde!

Daraufhin erklärte Peter dem Hansee, was dieser mitsamt seinem feinen Haberer[26] aus dem Rotlichtmilieu den Peter könne! Er bringe die Plastik jetzt zum Schrottplatz, wo morgen eine künstlerische Aktion mit zwei Skulpturen stattfinden würde, worauf die Kunstwerke anschließend vor dem Bürogebäude der Metallfirma aufgestellt würden. Dort könne sie der „wamperte Vickerl“ dann bewundern, so lange er wolle. Ende der Durchsage!
Peter legte auf und Hansee meldete sich tatsächlich nicht mehr.
Auf dem Schrottplatz standen Peter mehrere Helfer zur Verfügung, um das Monster vor einer riesigen Schrottpresse abzuladen. Die zweite Skulptur vom Bildhauer Lindmeier mit dem Namen „Andromache“ war schon da: Eine Plastik aus gehämmertem, getriebenen Blech, blutrot lackiert und offenbar so etwas Ähnliches wie einen weiblichen Torso darstellend. Aber diese Ähnlichkeit hielt sich durchaus in Grenzen.

Um den Platz, den Schrottpresse und Skulpturen einnahmen, waren Sessel aufgestellt und hier sollte morgen die Aktion „Apokalyptische Vereinigung“ stattfinden, wobei die beiden Plastiken der Künstler Kiss und Lindmeier gemeinsam in die Schrottpresse kommen sollten, wo sie zu einem Metallblock vereinigt werden und als neues Kunstwerk vor der Zentrale von Bauer Metall AG Aufstellung finden sollten.
Selbstverständlich hatte Andrea Peter auch einen Platz unter den Zusehern der Kunstaktion verschafft und so war er am nächsten Abend dabei, als der Zwischenfall stattfand.
Es war bereits dunkel, aber die Skulpturen und die Schrottpresse waren in das helle Licht von Scheinwerfern getaucht. Herr Direktor Bauer junior hielt eine Ansprache, in der er betonte, dass sich die Industrie ihrer Verantwortung für die Förderung von Kunst und Kultur wohl bewusst wäre.

Deshalb habe sich Bauer Metall entschlossen, zwei aufstrebende junge Künstler, die sich noch dazu der Bearbeitung des für die Firma Bauer so wichtigen Werkstoffs Metall verschrieben hätten, nach Kräften zu unterstützen. Frau Kiss’ Monster und Herrn Lindmeiers Andromache würden jetzt in der Apokalypse der Schrottpresse zu einem neuen Kunstwerk auf das Innigste vereinigt werden! Vor dem Portal des Verwaltungsgebäudes der Bauer Metall AG werde die gemeinsame Schöpfung der beiden Künstler von der tiefen Verehrung künden, die das Unternehmen den Kunstschaffenden entgegen brächte.
Der Haken eines Kranes senkte sich auf Andreas Monster herunter und ein Arbeiter befestigte ihn am „Rücken“ der Skulptur.

Fortsetzung von Seite 8

In diesem Augenblick sprang in den hinteren Reihen der Zuschauer ein Mann auf, schrie „Stopp! Aufhören!“ und stürmte nach vorn auf die Skulptur zu. Erstaunt erkannte Peter in dem Mann den „wamperten Vickerl“.
Hruschka beugte sich über das „Maul“ des Monsters und versuchte offenbar, aus den Tiefen der Skulptur etwas hervorzuholen, was ihm aber nicht gelang. Er fluchte dabei wie ein Seeräuber und als er aus dem Maul wieder auftauchte, packte er das Blech, rüttelte daran und versetzte der Skulptur einen Tritt, dass sie dröhnte.
Andrea, die in der ersten Reihe saß, war aufgesprungen, dem Mann in den Arm gefallen und stellte ihn zur Rede: „Finger weg, Sie rabiater Vandale!“

„Da san meine Tabletten drin!“, brüllte Hruschka. „Schleicht’s euch alle, sonst schlitz i euch auf!“ Dabei zog er ein Springmesser aus dem Hosensack und ließ es aufschnappen.

Zwei Herren aus dem Publikum, die mittlerweile Andrea zu Hilfe gekommen waren, zogen sich ängstlich zurück. Hruschka packte Andrea und hielt ihr das Messer an die Kehle. “Schleicht’s euch!“, wiederholte er mehrmals und dann brüllte er nach Hansee, aber der ließ sich nicht blicken.
Blitzlichter flammten auf. Die Herren von der Presse, die über eine Kunstaktion berichten sollten, ließen sich den Zwischenfall natürlich nicht entgehen. Hruschka hatte Andrea den Arm auf den Rücken gedreht und hielt noch immer das Messer drohend gegen sie gerichtet. Er stieß Andrea vor sich her in die Richtung der Sessel für die Zuseher und herrschte den dort in der ersten Reihe sitzenden Künstler Lindmeier an: „Hol die Kartons aus dem Blechhaufen! Aber hopp, hopp!“
Lindmeier, ein eher schmächtiger junger Mann, erhob sich verschreckt und näherte sich langsam dem „Monster“, wo er sich über dessen „Maul“ beugte. Hruschka drehte sich um und sah ihm zu, immer noch Andrea festhaltend. Sein Messer blitzte im Scheinwerferlicht.

Da sprang Peter auf und lief leise hinter Hruschkas Rücken auf ihn zu. Noch im Laufen holte er mit dem rechten Arm aus und ließ dann seine Faust mit aller Kraft senkrecht auf Hruschkas Scheitel krachen.
Der „wamperte Vickerl“ legte sich zwar nicht sofort „in den Talon“, aber er ließ das Messer fallen und Andreas Arm los. Andrea wirbelte herum und trat Hruschka zwischen die Beine.
Den Ton, den der „wamperte Vickerl“ von sich gab, kann man nur schwer beschreiben. Es klang beinahe wie ein gurgelndes Aufjauchzen, ein Jodeln und Stöhnen zugleich und es ist sehr schade, dass von diesem Geräusch keine Tonaufzeichnung existiert.
Jedenfalls hatte Hruschka genug. Wimmernd lag er auf dem Boden vor dem „Monster“ und dort lag er noch immer, als die Polizei eintraf.

Die apokalyptische Vereinigung von Monster und Andromache in der Schrottpresse musste verschoben werden, da die Kartons mit den Ecstasy Tabletten, die Hansee auf dem Ausstellungsgelände in Gödöllö heimlich in der Skulptur untergebracht hatte, sichergestellt werden mussten. Auch waren Spuren zu sichern, um dem Gericht die Handhabe zu bieten, Herrn Hruschka und Hansee für einige Zeit Quartier auf Staatskosten bieten zu können.
Andrea hätte der „wamperte Vickerl“ gar keinen besseren Dienst erweisen können, als diese Schmuggelaktion. Natürlich schlachtete die Presse den Vorfall aus und als die beiden Skulpturen dann schließlich doch als ein Metallblock mit grünen, grauen und blutroten Farbtupfern die Schrottpresse verließen, waren etwa zweihundertfünfzig Zuschauer anwesend und sogar das Fernsehen berichtete, was Andrea Kiss und Herrn Lindmeier zu willkommener Popularität verhalf.

Die Büroangestellten der Bauer Metall AG haben das Kunstwerk, an dem sie täglich vorüber müssen, voll akzeptiert. Allerdings nennen sie es nicht „Apokalyptische Vereinigung“ sondern schlicht und
einfach „Giftlerschrott“.

Fortsetzung von Seite 9

Anmerkungen:

[1] Vollgas, Höchstleistung fordern

[2] arbeiten

[3] sterben

[4] Lappalie

[5] abfällig: Auto

[6] Simmeringer Heide: Industrie- und Gärtnereigebiet im 11. Bezirk

[7] schüchtern, verschämt

[8] schwächlicher Mensch

[9] hier: Trick

[10] im Abwasser schwimmende Zigarette

[11] betrunken

[12] Bauch

[13] Beamte

[14] Zigaretten

[15] Wirrkopf

[16] Dummkopf

[17] Sind wir

[18] Wampe=Bauch

[19] Teil des 22. Bezirks

[20] Luftfrachtbrief

[21] ungarischer Aprikosenbrand

[22] Entschuldigung

[23] Endanflug

[24] Randgemeinde südlich von Wien

[25] besoffen

[26] Freund