KunstGeschichten

KunstGeschichte: Das Rehlein

So mancher Freigeist ist schon vor den Dogmen der katholischen Kirche weggelaufen. So auch Eva Rehling. Erich Wurth über Betschwestern, Spukgeschichten, Anthroposophie und abstrakte Kunst.

Es ist schon erstaunlich, auf welch verschlungenen Wegen man seinen persönlichen Zugang zur Kunst finden kann. Das Rehlein ist ein gutes Beispiel dafür.
Ihren Spitznamen „Rehlein“ trug Eva Rehling völlig zu recht. Sie war ein relativ kleines, zartes Mädel mit braunen Augen, langem, ebenfalls braunem Haar und ihre Bewegungen erfolgten mit einer fröhlichen Leichtigkeit, die tatsächlich an das elegante Wild erinnerten. Wie ihr Familienname ganz offen verriet, stammte sie aus dem mittleren Burgenland, etwa aus der Gegend um Oberwart. Schon im Alter von zehn Jahren steckten sie ihre Eltern in ein Internat in Wien, das von der katholischen Kirche betrieben wurde. Es war ein humanistisches Gymnasium, geführt von Klosterschwestern, aber der Unterricht wurde teilweise auch von weltlichen Lehrkräften abgehalten. (Um welche Schule und um welchen Orden es sich konkret handelt, wollen wir hier offen lassen, denn das Rehlein hat sich später relativ oft im negativen Sinn über die Anstalt und deren „Kerzenschluckerdrill“ geäußert.)

Tatsächlich war das Rehlein zum wiederholten Mal mit Schwester Norberta zusammen gekracht. Norberta war so etwas wie die Oberin, die Leiterin des ganzen Betriebes und ihr einziges Streben war, aus den Zöglingen gut funktionierende Betschwestern zu machen. Die weltliche Bildung, die die Mädchen erhielten, war für Norberta nicht so wichtig. Würdige „Bräute Jesu“ sollten sie werden, die mindestens drei Mal am Tag Andacht hielten, ständig für den heiligen Vater beteten und sich im Übrigen dessen bewusst waren, dass sie als Frauen in der Katholischen Kirche die Schnauze zu halten hatten. „Hände falten – Goschen halten!“

Damals war der oberste Boss im Konzern Kirche noch Herr Karol Wojtyla gewesen und das Rehlein hielt relativ viel von dem alten, kranken Mann im Vatikan. Einmal sagte sie ganz offen der Schwester Norberta gegenüber: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Papst Johannes Paul die Frauen als minderwertige Menschen ansieht. Der macht doch einen recht vernünftigen Eindruck!“
Das brachte dem Rehlein eine Woche Exerzitien strafweise ein.

Einen besonderen Eklat gab es, als das Rehlein die Praxis der Heiligenverehrung kritisierte. „Für alles gibt’s irgendeinen Heiligen. Der Antonius findet deine verlegten Schlüssel und die Barbara passt auf, dass der Artillerie nicht die Kanonen krepieren. Sind doch lauter verkappte heidnische Halbgötter, die Heiligen!“
In einer daraufhin erfolgten Diskussion mit Schwester Norberta äußerte das Rehlein sogar die haarsträubende Ansicht, dass offenbar der allerwichtigsten aller Heiligen, der Maria, auch nichts schlimmeres passiert wäre, als vielen anderen Müttern. Ihren Sohn habe man halt abgemurkst. Na und? Ist doch millionenfach passiert und das passiere ja heute auch noch!

Das Rehlein hat es halt nicht leicht gehabt bei den guten, frommen Schwestern. Dabei haben die sich so sehr bemüht, aus dem Rehlein eine brauchbare Virtuosin des Rosenkranzes zu machen!
In schulischer Hinsicht war das Rehlein eine der Besten ihres Jahrgangs. Vor allem Latein, Griechisch, Philosophie und Bildnerische Erziehung hatten es der Eva angetan. Und besonders für's Zeichnen und Malen hatte sie Talent.

Obwohl Schwester Auguste, die Philosophie unterrichtete, ihr Möglichstes tat, sogenannte „gefährliche“ Philosophen nur ganz am Rande zu erwähnen und überdies möglichst negativ darzustellen, ganz vermeiden konnte sie ja weder einen Marx, noch einen Nietzsche, noch einen Engels oder einen Feuerbach.
Und so lernte das Rehlein auch den Rudolf Steiner kennen.

Grad mit dem tat sie sich am Anfang sehr schwer. Eva fand zunächst einmal kein erkennbares Konzept in seiner doch reichlich zusammengewürfelten Lehre. Schwester Auguste streifte das Thema nur, der Steiner wäre unerheblich, weil seine Lehre keine konkreten Auswirkungen auf das allgemeine Leben gehabt habe.
Das Rehlein hatte bereits genügend Erfahrung in der Bewertung von Schwester Augustes Kommentaren zur Bedeutung eines Philosophen. Eva Rehling hatte sich privat (und natürlich im Geheimen) bereits einige Schriften von Jean Paul Sartre beschafft, hatte Nietzsche gelesen und der Steiner interessierte sie natürlich auch.
In der Buchhandlung gab es leider keinen seiner Texte. Rudolf Steiner ist längst nicht mehr modern. Aber ein schmales Büchlein mit dem Titel „Anthroposophie“ wurde Eva vom Inhaber der Buchhandlung empfohlen.
Noch am selben Tag begann Eva den Text zu lesen. Dabei fielen ihr als erstes einige Bilder auf, die in den Text eingestreut waren. Es waren eindeutig abstrakte Bilder, die sich aber an geometrische Formen anlehnten. Das Rehlein wurde von diesen seltsamen Bildern eigenartig berührt.
Die Quellenangaben des Bandes gaben den Maler preis. Es handelte sich um Bilder der schwedischen Malerin Hilma af Klint.

Bildnerische Erziehung unterrichtete ein Pater aus einer nahem Pfarre, Pater Clemens. Aber der zuckte nur die Schultern, als ihn Eva nach der Malerin Hilma af Klint fragte. Pater Clemens legte zwar großen Wert darauf, seinen Schülerinnen das Malen von Heiligenfiguren beizubringen, ein Fachmann für Kunstgeschichte war er aber nicht.

Das Internat hatte natürlich einen Internetanschluss, den auch die Zöglinge benutzen konnten (unter Aufsicht selbstverständlich). Also versuchte Eva eine Recherche im Netz.
Hilma af Klint, geboren 1862 in der Nähe von Stockholm, lebte bis 1944 und galt als Begründerin der abstrakten Kunst in der Malerei. Man konnte ihren Malstil aber genau so gut als „mystische Malerei“ bezeichnen, denn sie war sehr beeinflusst von Rudolf Steiner und seiner Anthroposophie, die er zu beginn auch als „Theosophie“ bezeichnet hatte. Hilma af Klint führte auch selbst wöchentliche spiritistische Séancen durch und schien, was das Religiöse betrifft, lange Zeit eine Sucherin gewesen zu sein, eher dem Esoterischen zugeneigt als einer christlichen Kirche.

Nach außen hin blieb das Rehlein natürlich ganz die ernsthafte, überzeugte Katholikin, innerlich aber sympathisierte Eva sehr mit Rudolf Steiners aus mehreren Weltanschauungen und Religionen zusammengebastelten Thesen. Das da was Brauchbares drin stecken konnte, zeigten ja schon die „Waldorfschulen“, die ja ebenfalls auf Rudolf Steiner zurückgehen.

Fortan malte Eva Rehling im Unterricht kitschige Heiligenbilder und privat völlig abstrakt, angelehnt an den Stil von Hilma af Klint. Und es wurden durchaus beachtliche Bilder! Nur die Schwestern des Internats durften sie nicht sehen! Eva wollte ihre Matura nicht gefährden...
Sie legte dann die Reifeprüfung ohne Probleme ab. Natürlich hatte sie vorher noch eine ernsthafte Besprechung mit Schwester Norberta, die letztlich aber davon überzeugt war, die kleine Eva doch noch rechtzeitig von der gottgewollten Überlegenheit des männlichen Geschlechts und von der Notwendigkeit, nicht aufzumucken, überzeugt zu haben.

Kaum hatte Eva Rehling das Internat verlassen, war für sie der Katholizismus mit seinen unveränderlichen Strukturen, seiner Frauenfeindlichkeit und seinem Unvermögen zur echten Toleranz nur mehr ein Kapitel ihrer persönlichen Geschichte. Ein Kapitel, das es so rasch wie möglich zu vergessen galt.
(Was wieder einmal anschaulich zeigt, dass ein jahrelanges Vorbeten von Dogmen einen jungen, aufgeschlossenen und intelligenten Menschen in die Rolle des Aufbegehrenden bringen kann.)
Eva ergatterte eine Stelle in der Verwaltung eines Autofahrerclubs sowie eine kleine, bezahlbare Wohnung im dritten Bezirk und so stürzte sie sich in ein Leben, das die heiligen Schwestern vom Internat sicher nicht gut geheißen hätten.

Finanzielle Zuwendungen ihrer Eltern aus dem Burgenland ermöglichten es dem Rehlein, den Führerschein und einen billigen Gebrauchtwagen zu erwerben (das war Eva schon allein ihrem Arbeitgeber, dem Autofahrerclub, schuldig) und dann machte sie eine ganze Reihe von Bekanntschaften. Und weiterhin malte sie. Und Helma af Klint blieb eines ihrer Vorbilder.

Mittlerweile hatte der gütige alte Herr Wojtyla im Vatikan längst seinen letzten Schnaufer getan und war vom Herrn Ratzinger abgelöst worden. Aber auch der Doktor Ratzinger als neuer oberster Boss schien am Dilemma des Konzerns „Römisch-katholische Kirche“ nichts ändern zu können. Eva Rehling war jedenfalls als reumütiges Schäfchen nicht so leicht zurückzugewinnen.

Evas Bekanntschaften blieben alle eher flüchtiger Natur, obwohl sie die Zeit in vollen Zügen genoss. Aber dann lernte sie Paul Waldpichler kennen. Und das war ein bemerkenswerter junger Mann.
Paul war Sängerknabe gewesen. Und zwar im Kloster Sankt Gabriel in Maria Enzersdorf. Der Chor dort trägt die Bezeichnung „Sängerknaben vom Wienerwald“ und das Kloster wird vom Orden der Steyler Missionare geführt. Paul Waldpichler hatte also eine ganz ähnliche Erziehung genossen, wie Eva. Er war zwar nicht so sehr frustriert wie das Rehlein, aber die Hinwendung seiner Freundin zur Anthroposophie nötigte ihm Respekt ab. Er selbst hätte wohl nicht den Mut aufgebracht, sich so offen vom Katholizismus abzuwenden.
Außerdem bewunderte er Evas Malerei. Da war zwar relativ oft die Pyramide ein entscheidender Faktor, aber auch Spiralen, Rechtecke oder Ellipsen fungierten als zentrale Elemente in ihren Bildern. Und alle waren farbenfroh, positiv und völlig abstrakt.

Paul Waldpichler wollte folglich versuchen, sein Rehlein „groß raus zu bringen“. Immerhin hatte er ja gewisse Möglichkeiten dazu! Doktor Ernst Haunold war ein etwas weitschichtiger Onkel von ihm und dieser Onkel ging aus und ein bei allen Größen des Wiener Kulturbetriebes.
Onkel Ernst, höherer Beamter eines Ministeriums, hatte ein gewichtiges Wort mitzureden, was die Subventionen des Staates auf kulturellem Sektor betraf. Und mit so einem Mann ist jeder im Kulturbetrieb Tätige natürlich gerne befreundet.

Das Rehlein hatte nichts dagegen, dass Paul sich um eine Ausstellung ihrer Bilder bemühte.
Tatsächlich erfolgten zwei kleine, unbedeutende Ausstellungen in Privatgalerien der Innenstadt. Große Beachtung fanden beide nicht, aber eine Zeitung berichtete über eine davon und dem Journalisten war sogar die Affinität der Malerin zu Helma af Klint aufgefallen, die der Reporter als „fast unbekannte und geheimnisvolle Schwedin“ bezeichnete.
Natürlich begann sich Eva daraufhin neuerlich für die schwedische Künstlerin zu interessieren und sie fand auch einiges über Helma af Klint heraus:
Testamentarisch hatte die Künstlerin verfügt, dass ihr Werk erst 20 Jahre nach ihrem Tod gezeigt werden dürfe. Ihr Neffe Erik af Klint hielt die Gemälde tatsächlich unter Verschluss und erst zu Anfang der Achtzigerjahre erlaubte er einigen Kunsthistorikern und Anthroposophen die Besichtigung. Erst ab 1986 gab es erste Ausstellungen einiger weniger Werke. Das erklärte natürlich die mangelnde Popularität der Malerin!

Die neuen Erkenntnisse Evas über Helma af Klint führten auch zu einer vermehrten Beschäftigung mit der Anthroposophie. Eva erfuhr vom „Goetheanum“, dem eindrucksvollen Bauwerk in der Nähe von Basel, das sozusagen das „Zentrum“ der Anthroposophen darstellt - und sie erfuhr, dass es nach wie vor Anthroposophische Gesellschaften gibt. Aber sie vermied es, mit diesen modernen Jüngern Steiners in Kontakt zu treten.
Was ihr an der Anthroposophie so imponierte, war die Tatsache, dass die Anhänger dieser Denkungsart offenbar nicht missionierten.
Paul sprach sie einmal darauf an: Warum sie es überhaupt nicht versuchte, mit den Anhängern der Anthroposophie Kontakt aufzunehmen.
„Alles was Religion oder Esoterik betrifft, ist doch eine ganz persönliche Privatsache“, meinte Eva. „Wenn Leute dabei Gesellschaft brauchen, na dann sollen sie sich in Vereinen organisieren. Ich brauch so was nicht!“

Eva machte weiter wie bisher. Tagsüber bearbeitete sie „Schutzbriefe“ für Touristen und entwickelte sich fast zu einer Expertin für Versicherungsfragen, abends malte sie, wenn sie nicht meditierte. Ja, auch das hatte Eva mittlerweile probiert und als ganz angenehm empfunden. Die Verquickung von Christentum und altindischen Religionen in Steiners Anthroposophie, die persönliche Freiheit des Glaubens, die diese Weltanschauung so hoch hielt, ließ Raum für solche Dinge.
Nur wenn Paul zu Besuch war, ließ Eva sowohl das Malen wie auch das Meditieren sein...

Und dann wollte plötzlich eine Zeitung von Eva Rehling ein Interview. Irgendeines der Blätter, deren Reporter die eine von Evas kleinen Ausstellungen besucht hatte, wollte das noch vorhandene Bildmaterial für einen Bericht in einer Beilage nutzen.
Das Treffen zwischen Eva und der Journalistin Maria Schweiger fand in einem Kaffeehaus am Ring statt. Eva war furchtbar nervös, als sie den Ober nach der Frau Schweiger fragte.
Sie wurde an einen Tisch geführt, an dem eine etwas füllige ältere Dame mit Brille und verbissenem Gesicht saß. Zunächst war Frau Schweiger sehr freundlich und fragte Eva nach ihren persönlichen Verhältnissen aus. Eva gab offen Auskunft.
Die Situation kippte ganz plötzlich, als Frau Schweiger sich überaus positiv über Evas Internat äußerte, aber Eva dem nicht zustimmte und als Beispiel Pater Benedikt anführte, der nur das Malen von Heiligenfiguren gelehrt hatte.
Frau Maria Schweiger entpuppte sich als geradezu militante Katholikin.

Das Rehlein glaubte beinahe, wieder im Büro der Direktorin Schwester Norberta zu sitzen, als ihr Frau Schweiger klar zu machen versuchte, dass der Katholikin erste Pflicht der Gehorsam wäre. Wenn ihr Zeichenlehrer schon die Gabe gehabt hätte, ihr die Geheimnisse der Heiligendarstellung begreifbar gemacht zu haben, hätte sie doch diese Fertigkeit perfektionieren sollen! Heiligenbilder wären immerhin wesentlich sinnvoller, als der abstrakte, geometrische Schwachsinn, den Eva derzeit produziere.
Eva verteidigte die abstrakte Kunst, so gut sie es eben zustande brachte. Frau Schweiger lobte die realistische Darstellung Heiliger als den Inbegriff sakraler Kunst. Kurz, die beiden Kontrahentinnen gerieten einander ganz schön in die Haare.

Die Unterhaltung der beiden wurde immer emotionaler und lauter. Als Frau Schweiger schließlich lautstark verkündete, sie werde jetzt, hier im Kaffeehaus sofort öffentlich zu beten beginnen, der Herr möge doch Eva Rehling davon überzeugen, dass es wesentlich besser wäre, Heilige zu malen als solchen hirnrissigen Stuss, wie er in der Ausstellung gezeigt worden war, ergriff Eva die Flucht. Sie zahlte nur noch rasch, bereits auf dem Weg nach draußen, ihren Kaffee und rettete sich hinaus auf die Ringstraße.
Lange Zeit danach griff Eva nicht mehr zum Pinsel. Frau Schweiger hatte ihr allen Spaß an der modernen Malerei genommen.

Paul fiel es natürlich auf, dass es nie neue Bilder zu besichtigen gab, wenn er sein Rehlein besuchte (was er sehr oft tat). Da schlug er seiner Freundin vor, doch einmal etwas Anderes zu versuchen. Wie es wohl wäre zu versuchen, an einem Ort der Mystik ein Bild zu malen? Die Anthroposophie hatte gegen mystische Erfahrungen ja nichts einzuwenden! Ob dabei die Atmosphäre des Ortes Einfluss auf das Gemälde gewinnen würde?
Eva, die sich mittlerweile selbst eine Idiotin schalt, wenn sie sich von der fanatischen Journalistin so sehr beeinflussen ließ, sagte sofort zu.
Blieb die Wahl des geeigneten Ortes.

Nun, das ist in Wien gar nicht so einfach. Spukt es in London an allen Straßenecken, so ist das in Wien nicht der Fall. Zwar gibt es eine ganze Menge von Geisterorten, aber das sind eher solche des Weingeists. Von Spuk wird selten berichtet. Zwar soll man in Schönbrunn mitunter den Geist der Kaiserin Elisabeth gesehen haben, wobei aber verwunderlich ist, dass „Sisi“ gerade dort spuken sollte, wo sie sich zeitlebens äußerst ungern aufgehalten hatte.
Außerdem würde es nicht einfach sein, in den „Schauräumen“ ein Bild zu malen. Die Horden von Touristen werden durch die kaiserlichen Räume im Eiltempo durchgeschleust, denn draußen warten schon die nächsten Reisegruppen.

Das Rehlein entschied sich daher für den Dom zu Sankt Stephan.
Dort konnte sie sich in einer Kirchenbank zurück ziehen, dort wären zwar ebenfalls Massen von Touristen, aber dort wäre wenigstens die Luft nicht erfüllt vom melodiösen Geschnatter hunderter Chinesen.
Zwar wird auch nicht von Spukerscheinungen in der gotischen Kathedrale berichtet, aber mystisch sollte die Atmosphäre dort allemal sein, besteht doch die Kirche seit 1147. Wie viele Menschen seither ins Gras gebissen hatten und um den Dom bestattet worden waren, war nicht einmal abzuschätzen. Bestand doch von Anbeginn bis 1732 der so genannte „Stephansfreithof“ rund um den Kirchenbau. Als der Friedhof aufgelassen worden war, errichtete man die Gebäude rund um den Stephansplatz, ohne die Toten zu exhumieren. Dutzende alte Grabsteine waren in die Außenwände des Gebäudes integriert, na und die Katakomben waren voller Pesttoter! Wenn das nicht mystisch genug war!

Eva entschied sich zunächst für eine Skizze. Ölkreide auf Zeichenkarton.
Natürlich war der Kirchenraum gerammelt voll, als Eva und Paul an einem Samstag Nachmittag die Basilika betraten. Eva wandte sich vom Riesentor nach links und ging bis etwa in die Mitte des Domes. Dort nahm sie vor dem „Alten Frauenaltar“ Platz. Paul setzte sich neben sie und war gespannt, wie Eva die eigenartige Atmosphäre des Domes künstlerisch verarbeiten würde.

Das Rehlein fühlte sich nicht so ganz wohl hier in dem Dom, der erfüllt war von Touristen. Sie fühlte instinktiv, dass die Mehrzahl der Besucher hier war, weil man ganz einfach „hier gewesen sein musste“. Das Altarbild vor ihr, das 1493 entstandene, hochgotische Gemälde „Maria in der Sonne“ wurde trotz seiner unzweifelhaften künstlerischen Qualität von kaum einem der Besucher beachtet. Evas Blicke schweiften über die vielen Japaner, die zwar ehrfürchtig, aber ohne Verständnis die gotischen Mauern betrachteten.

Der gotische Dom ist reich an barocken Altären. Auch das Gnadenbild des „Alten Frauenalters“ war erst 1693 angebracht worden. Der ganze, riesige Kirchenbau ist genau genommen eine Mischung aus vielen Stilen. Vom romanischen Riesentor bis zu den barocken Altären wird die Gesamterscheinung des Bauwerkes aber immer als gotisch empfunden werden.

Als Eva schließlich die Ölkreide zur Hand nahm, überprüfte sie noch einmal ihre Eindrücke. Sie empfand nichts Mystisches, nichts Gespenstisches. Die Geister der Vergangenheit schwiegen.
Mit brauner Farbe hatte Eva einen schmalen, nach oben spitz zulaufenden Bogen als zentrales Element auf ihren Karton gezeichnet. Und kaum war das zentrale Motiv vorhanden, sprudelte es aus Eva heraus. Die anderen Farben kamen zum Einsatz, aber immer mehr schien es dem aufmerksam zusehende Paul, als ob das Motiv der von der Sonne umstrahlten Maria auf dem Altarbild Einfluss auf das Gemälde Evas gewinnen würde. Etwa dreißig Minuten arbeitete Eva konzentriert.

Das Ergebnis ist in Worten schwer zu beschreiben. Es war ein völlig abstraktes Bild, das aber sofort an ein gotisches Bauwerk denken ließ. 'So müsste man einen gotischen Dom malen, wenn man keinen gotischen Dom sehen soll', dachte Paul. Eva sah ihn fragend an. Da beugte sich Paul hinüber zu seiner Freundin und küsste sie.

„Das ist gut!“, sagte eine weibliche Stimme hinter Eva. „Ich darf noch Rehlein zu Ihnen sagen, Frau Rehling?“
„Aber klar, Schwester Norberta!“ Eva hatte sofort die Stimme ihrer alten Schuldirektorin erkannt. Da stand sie hinter ihr, im grauen Ordenskleid oder wie Eva heimlich dazu sagte „in Uniform“. Und sie sah recht freundlich drein.
„Ich hab gar nicht gewusst, dass du auch abstrakt malst“, sagte Schwester Norberta und deutete auf die Ölkreidezeichnung vor Eva. „Das ist übrigens gut! Zeigt mir, dass du deinem Glauben treu geblieben bist. Ist das ein Freund von dir?“
„Ja. Das ist Paul. Ehemaliger Sängerknabe vom Wienerwald.“
„Gratuliere, Rehlein! War unsere Erziehung im Internat also doch erfolgreich!“

Es wäre leicht für Eva gewesen, dem nicht zu widersprechen und einfach ihre Zuwendung zur Anthroposophie geheim zu halten. Schließlich ging das ja Schwester Norberta nichts an. Aber das brachte sie nicht übers Herz. „Leider doch, Schwester Norberta“, sagte sie leise.
Die Nonne war wie vor den Kopf geschlagen. „Hast du Probleme, Rehlein? Dann sollten wir möglichst bald drüber sprechen!“
Das taten sie dann auch. Und zwar gleich um die Ecke in einem Espresso auf dem Graben.
Eva hielt sich nicht zurück. Sie erzählte ganz offen, dass sie zwar keine Probleme mit dem Glauben an sich hätte, sehr wohl aber welche mit der Hierarchie in der Kirche. So zum Beispiel, dass Katholikinnen einfach nicht zum Priesteramt zugelassen waren.
Schwester Norberta hörte aufmerksam zu, ohne das Rehlein zu unterbrechen.
Daraufhin ließ die Eva einfach ihren ganzen Frust raus. Sie bemühte sich zwar, ihrer ehemaligen Direktorin persönlich nicht zu nahe zu treten, aber sie nahm kein Blatt vor den Mund.
Und Paul saß da und bewunderte sein Rehlein. Wie Recht doch seine Freundin hatte! Nur er selber hätte das alles nicht so formulieren können.

Was Schwester Norberta dann antwortete, war eine ungeheure Überraschung für Eva.
Zunächst betonte sie, dass sie als Privatperson Auskunft gäbe. Außerdem wäre Eva Rehling nicht mehr Zögling des Internats. Und dann bat sie das Rehlein, das Gespräch vertraulich behandeln zu wollen.
Und im Übrigen habe Eva vollkommen Recht.
Aber das könne man natürlich einem jungen Mädchen in Obhut der Katholischen Kirche nicht so ohne weiteres zugeben. Und Eva müsse doch zugeben, dass dieses gesamte Gedankengebäude des katholischen Glaubens faszinierend wäre! Ja, gut, da gäbe es in der Führungsetage ein paar Machos, die vor Frauen an der Spitze offensichtlich Angst hätten. Na schön, da könne man momentan nichts machen. Aber es kämen Andere nach! Irgendwann wäre es dann sicher so weit, dass die Kirche ihre Frauenfeindlichkeit aufgeben müsse.
Und ob Eva nicht bereits bemerkt hätte, dass der Katholizismus ein Angebot an die Menschen, die es nicht so sehr mit dem Nachdenken hätten, wäre? Das wäre ein relativ einfacher Zugang zu den Wahrheiten, die sich der Wissenschaft entziehen. Man dürfe nur nicht alles zu wörtlich nehmen. Das menschliche Gehirn ist nicht dafür ausgelegt, den Geist rational zu erfassen. Und wenn ein Geistlicher der Kirche auf wortwörtliches Auslegen der alten Texte bestehe, etwa dass Gott die Welt in sieben Tagen erschaffen habe, dann wäre das ein Fundamentalist! Und was man von Fundamentalisten – egal von welcher couleur - zu halten habe, könne man tagtäglich in den Fernsehnachrichten sehen.
Eva möge sich also keine Sorgen machen. Wenn sie sich momentan von der Anthroposophie angesprochen fühle, wäre das schon okay, sie möge nur nicht alles das, was sie im Internat vermittelt bekommen habe, völlig vergessen.

Das Rehlein war mehr als betroffen.
Da hatte Schwester Norberta jetzt eine ganze Vorlesung gehalten. Und Eva musste ihr völlig Recht geben.
„Schwester Norberta“, sagte Eva sehr nachdenklich. „Ich hätte nie gedacht, dass Sie so drüber denken! Im Internat waren Sie ganz anders!“
„Ich bin auch nicht auf der Nudelsuppe daher geschwommen“, erklärte die Direktorin. „Und im Dienst ist man zu einer gewissen 'Corporate identity' verpflichtet. Abgesehen davon hätten Sie es damals gar nicht verstanden.“

Von dem Augenblick an war das Rehlein sowohl mit dem Internat als auch mit der Katholischen Kirche versöhnt.
Schwester Norberta lud Eva noch ein, ihre alten Lehrer doch einmal zu besuchen. Sie wäre im Internat jederzeit willkommen. Und dann verabschiedete sich Schwester Norberta und man schied im besten Einvernehmen.
Eva malt nach wie vor, Paul hat es aber immer noch nicht geschafft, seiner Freundin die nötige Popularität zu verschaffen.
Aber das Rehlein hat ja noch Zeit. Und für das Jahr 2013 haben Paul und Eva eine Reise nach Stockholm geplant. Dort soll im Moderna Museet eine große Ausstellung mit Werken der Hilma af Klint stattfinden.

Diese Seite teilen