KunstGeschichten

KunstGeschichte: Deckname Zement

Überaus kritisch beobachtet von den Denkmalschutzbehörden ist so manchem Schatzsucher schon der große Fund gelungen. Besonders Schätze, die im Krieg versteckt wurden, sind eine begehrte Beute. Eine erkenntnisreiche neue KunstGeschichte von Erich Wurth.

Der silbergraue Minivan schnitt keine fünfzehn Meter vor Lukas’ Audi von der Überholspur nach rechts hinüber, um die Ausfahrt Flughafen noch zu erreichen.
Lukas Brandner erschrak, fluchte wie ein Mistkutscher und hupte, was das Zeug hielt. Der Fahrer der Großraumlimousine hielt die linke Hand zum Fenster raus und zeigte den nach oben gestreckten Mittelfinger.

So etwas konnte man natürlich mit Lukas Brandner, Manager eines Chemiekonzerns, nicht machen! Lukas bremste scharf ab, nahm ebenfalls die Ausfahrt und fuhr hinter dem rücksichtslosen Affen her, bis dieser direkt vor der Abflughalle im Halteverbot anhielt.

Lukas stellte seinen Wagen vor dem Minivan ab und stieg aus. Der Fahrer des anderen Autos, der ihm den „Stinkefinger“ gezeigt hatte, war ebenfalls ausgestiegen. Lukas ging auf ihn zu.
„Sie sollten sich eine Krawatte umbinden“, sagte er in schönstem Hochdeutsch.
„Warum?“ Der Fahrer der Großraumlimousine sah verständnislos drein.
„Damit man die Naht nicht sieht!“, erklärte Lukas.
„Welche Naht?“
„Mit der Ihr Fetzenschädel ang’näht is, Sie Arschloch!“
Lukas drehte sich um, ging zu seinem Audi zurück, stieg ein und fuhr weg. Er grinste dabei, denn das Gesicht des anderen Fahrers war köstlich gewesen.

Wenn jetzt Jutta dabei gewesen wäre, hätte sie sicher gegen seine Vorgangsweise protestiert. Eigentlich war er ganz froh, dass die Scheidung endlich vorüber war, auch wenn die Kinder Jutta zugesprochen worden waren und ihn das eine Stange Geld an Unterhaltszahlungen kostete. Aber immerhin hatte er ein Besuchsrecht und die ersten fünf Wochen ohne Jutta hatten seinen Nerven schon sehr gut getan. Noch vor zwei Monaten hätte er wahrscheinlich dem Fahrer, der ihn so geschnitten hatte, eine aufgelegt[1].

Lukas Brandner war nicht der Typ, der sich „papierln[2]“ ließ. Ein radikaler Egoist war er zwar nicht, aber immerhin empfand er sich selbst als die wichtigste Person in seinem gesamten Bekanntenkreis und legte großen Wert darauf, ernst genommen zu werden. Die Ellbogen einzusetzen war er gewöhnt, sonst hätte er es nicht so rasch bis ins Management seiner Firma gebracht. Die Probleme mit Jutta hatten sich ja auch nur deshalb ergeben, weil sich in letzter Zeit alles um die Kinder drehte, sie auf seine eigenen Bedürfnisse zu wenig Rücksicht nahm und er sich dagegen zur Wehr setzen musste.
Na, das war vorbei. Schwamm drüber!

Lukas fuhr nicht mehr auf die A4 auf, sondern nahm die Bundesstraße, auf der nicht viel los war. Das Spätsommerwetter war trüb und windig und der sonntägliche Ausflugsverkehr hielt sich in Grenzen.
Ohne weiteren Aufenthalt erreichte Lukas Hainburg und jagte seinen Audi die Bergstraße auf den Braunsberg hoch.

Auf dem Plateau des nur 346 Meter hohen Kalkfelsens, der sich steil aus dem Donautal erhebt, sind meistens Modellflieger mit ihren ferngesteuerten Flugzeugen anzutreffen, aber heute war der Wind zu stark. Nur wenige Spaziergänger hielten sich hier oben auf. Lukas packte sein Metallsuchgerät aus dem Kofferraum.
Am Rand des Gebüsches, das das Plateau des Berges gegen Süden zu begrenzte, wanderte er vom Parkplatz in Richtung Osten und hielt dabei die Suchspule wenige Zentimeter über den Boden. Das Gerät registrierte nichts.
Dann war er am Osthang angelangt, hatte aber keine Aufmerksamkeit für den Ausblick auf die kleinen Karpaten und die Plattenbauten der hügeligen, westlichen Vororte Bratislavas und kehrte um. Knapp neben dem Weg, den er gekommen war, ging er langsam zurück – mit demselben enttäuschenden Ergebnis.
Am Westabhang überlegte er kurz, ob es Sinn hatte, das Terrain um die wiedererrichtete keltische Palisadenanlage aus dem ersten vorchristlichen Jahrhundert in seine Suche einzubeziehen, verwarf den Gedanken aber und wendete sich nochmals nach Osten.

„Geb’n S’ es lieber glei’ auf“, hörte er plötzlich eine tiefe Stimme. „Vor a paar Jahr’n war’n Archäologen da. Hab’n alles abg’sucht. Da is nix mehr! Null!“ Ein behäbiger, etwa siebzigjähriger Mann mit Bierbauch und Schnauzbart stand im Gebüsch.
„I hab glaubt, die haben nur dort drüben die keltische Befestigung aus’graben“, sagte Lukas.
„Die haben s’ rekonstruiert. Die Palisaden und den Turm, aber zusätzlich hab’n s’ das gesamte Plateau um’dreht. Und so was, wie Sie da hab’n, so a Spulen, die war aa im Einsatz. Da können S’ höchstens no a Stanniolpapier finden, von der Schok’lad, die die Modellflieger g’fressen hab’n.“
„Aber unten beim Heidentor find’ man ja auch noch was!“, wandte Lukas ein.
„Da drüben vielleicht hin und wieder a paar römische Münzen. Dort haben s’ nur am Heidentor gruftelt[3] und die Umgebung in Ruh lassen. Gierige Gfraster[4], die Archäologen, lassen an Amateur rein gar nix!“

„Sind Sie auch an Münzen interessiert?“, fragte Lukas. Der Fremde nickte.
„An allem, was alt is. Aber die so genannten „Experten“ von der Uni, die sollt’ man einen mit’n anderen erschlagen und den letzten an der Wand, wenn’s a ung’rade Zahl is! Was geh’n alte Münzen die Universitäten an?“
„Ja, da haben s’ recht. Der Staat mischt sich in viel zu viel ein“, bestätigte Lukas.
„Und in ganz Mitteleuropa find’ man nix mehr, wegen der Wissenschaft. I hab’s auf’geben. Finden kann man nur mehr was auf’m Flohmarkt.“
„Vielleicht haben S’ recht“, sagte Lukas.
„Oder in Bad Aussee vielleicht“, fügte der dickbäuchige Altertumsliebhaber hinzu.
„In Aussee?“, fragte Lukas ungläubig.
„Na ja, net direkt in Aussee, aber im Salzbergwerk dort. I kann’s Ihnen ja sagen, weil i selber werd dort sicher nimmer suchen gehen. Is mir schon zu mühsam.“
„Wieso im Salzbergwerk?“, Lukas ließ nicht locker.
„Is a längere G’schicht“, wich Lukas’ Gesprächspartner aus.
Lukas begann, das Metallsuchgerät auseinander zu nehmen. „Wissen S’, was? Wir geh’n auf ein Viertel unten in Hainburg und Sie erzählen’s mir.“
Der dickbäuchige Schnauzbartträger zuckte die Schultern. „Na, wenn S’ unbedingt wollen. Gegen a Viertel Roten is nix einzuwenden. Aber ohne Gewähr! Nix Genaues weiß man nämlich nicht!“
Lukas führte seinen neuen Bekannten zu seinem Wagen. „Anständiger Hobel[5]“, meinte dieser, als ihm Lukas die Beifahrertür öffnete. „Mit g’fundenen Münzen finanziert?“
„Firmenschüssel“, erklärte Lukas und setzte sich hinters Lenkrad.

Sein neuer Bekannter hieß Gustav Wolf und war pensionierter Eisenbahner. Er lotste Lukas zu einem Heurigen an der Straße nach Carnuntum und als ein halber Liter Rotwein aus der Region vor ihnen stand, begann Wolf folgendes zu erzählen:
Während des Zweiten Weltkrieges, als die alliierten Bombenangriffe auf deutsche Städte zunahmen, empfahl der Leiter des Instituts für Denkmalpflege in Wien, Herbert Seiberl, die gefährdeten Kulturgüter der „Führersammlung“, zu der praktisch sämtliche Museumsbestände des Deutschen Reiches zählten, an einen sicheren Ort zu bringen. Unter anderem wurde das Kunsthistorische Museum in Wien komplett ausgeräumt und die Kunstwerke zunächst nach Oberösterreich ins Stift Kremsmünster gebracht, schienen aber auch dort zu wenig sicher zu sein. Deshalb bestimmte man schließlich das Salzbergwerk Bad Aussee als Lager.

Ein Merkmal des Salzbergbaues in Österreich ist der Abbau durch Wasser, das durch Stollen in den Berg geleitet und in künstlich angelegte Hohlräume gepumpt wird. Das Wasser löst das Salz aus dem Haselgebirge und die Sole wird abgepumpt. Dadurch vergrößern sich die Hohlräume, die man „Werker“ nennt, bis auf etwa hundert Meter Durchmesser und dreißig Meter Höhe, dann wird der Abbau eingestellt. Tief im Berg gelegen stellen diese stillgelegten Werker mit ihren vollkommen gleichmäßigen Temperaturverhältnissen einen idealen Lagerraum für Kunstwerke dar.

Ab 1943 wurden die Bestände des Kunsthistorischen Museums im „Springerwerk“ eingelagert. Das Inventar weiterer Museen des Deutschen Reiches folgte und insgesamt wurden bis Kriegsende etwa 10.000 Kunstwerke im Bergwerk Aussee gelagert, unter anderen im Kammergrafen, Monsberg, Wurmbrand und König Josef Werk, alle auf dem Steinberg Horizont, jener „Etage“ des Bergwerks, das vom Steinberghaus und dessen Stollen direkt zugänglich ist.

Im Frühjahr 1945, als sich das Ende der Nazidiktatur abzeichnete und die alliierten Fronten näher rückten, befahl der Gauleiter von Oberdonau, August Eigruber, die Sprengung des Bergwerkes. Acht Fliegerbomben wurden in die Stollen gebracht und sollten sämtliche Kunstwerke vernichten.
Die Bergleute von Bad Aussee bekamen allerdings Kenntnis von dem teuflischen Plan und schafften unter Lebensgefahr die Bomben am 3. Mai 1945 wieder ins Freie, wodurch die unersetzlichen Kulturgüter gerettet wurden.

Selbstverständlich wurde zunächst über alle in den Berg gebrachten Kunstwerke peinlich genau Buch geführt. Mit Fortdauer des Krieges wurden aber die Aufzeichnungen immer mangelhafter und um die Jahreswende 1944/1945 geradezu chaotisch. Zu diesem Zeitpunkt waren für den Transport der Kunstwerke vom Bahnhof Bad Aussee zum Bergwerk, das einige Kilometer außerhalb des Ortes liegt, unter anderen Zwangsarbeitern auch Häftlinge aus dem Konzentrationslager Ebensee eingesetzt, die mitunter vom Lagerleiter selbst, dem SS Offizier Otto Riemer, beaufsichtigt wurden. Diese Häftlinge waren in Ebensee für ein geheimes Projekt mit dem Decknamen „Zement“ benötigt worden, aber 1945 bestand für die Verwirklichung von „Zement“ praktisch keine Hoffnung mehr.

Der pensionierte Eisenbahner Wolf glaubte nun zu wissen, dass ein Teil der numismatischen Sammlung aus dem Kunsthistorischen Museum Wien in dieser Zeit aus dem Springerwerk entfernt und in einen Lagerraum außerhalb des Bergwerks gebracht worden war, um nach dem Schloss Fischhorn bei Bruck an der Glocknerstraße in Salzburg gebracht zu werden. Schloss Fischhorn hatte sich Hermann Göring als (mehr oder weniger) geheimen, persönlichen Fluchtort für den Fall einer Niederlage einrichten lassen.

Kenntnis von diesem Gerücht hatte Herr Wolf von der alten Hipfinger – Mizzi aus Sarstein, einem Ortsteil von Bad Aussee, gelegen an der Koppentraun, jenem Gewässer, das von Bad Aussee aus erst nach Westen, später nach Süden durch die Koppenschlucht am Fuße des Dachsteins fließt und in den Hallstättersee mündet. Die Hipfinger – Mizzi, eine Bekannte des Fahrdienstleiters von Bad Aussee, die nun bereits beinahe neunzig sein musste, hatte angeblich damals schwarz gebrannten Enzian zu dem gefürchteten SS Mann Riemer bringen müssen. Riemer, ein Sadist und schwerer Alkoholiker, wäre zu diesem Zeitpunkt schon beinahe hinüber gewesen und hätte sie anstatt mit den versprochenen Reichsmark mit einigen Tritten in den Arsch belohnt.

Herr Wolf schwieg und besah traurig die mittlerweile leere Weinkaraffe.
Lukas, in der Hoffnung auf eine Fortsetzung der Geschichte, sorgte für eine Neuauflage des Rotweins, wurde aber enttäuscht. Wolf sagte nichts mehr.
Was das denn mit Münzen zu tun habe, fragte Lukas deshalb.
Nun, die Hipfinger – Mizzi habe einen Haufen alter Münzen bei Riemer gesehen. Und so besoffen, wie dieser bereits gewesen wäre, könnte der SS Mann einige davon verloren haben. Man müsse eben die alte Hipfinger fragen. Wenn sie überhaupt noch lebe.
Wolf sprach bereits mit etwas schwerer Zunge.
Wo man denn die Alte finden könne, fragte Lukas.
Ach, die kenne jeder in Aussee! Wo sie jetzt wohne, wisse er allerdings nicht.
Lukas gab es auf, verbuchte die Kosten für den Rotwein in Gedanken als Fehlinvestition und verabschiedete sich von dem schnauzbärtigen Herrn Gustav Wolf, der noch alleine beim Wein sitzen bleiben wollte.

Auf der Heimfahrt nach Wien war Lukas schlechter Laune. Kein Münzfund, nur eine alte Geschichte aus dem letzten Krieg, die wahrscheinlich auch nicht wahr war. Wenn jetzt Jutta noch da gewesen wäre, hätte er sie wegen irgendeiner Kleinigkeit angebrüllt und sich abreagiert. Aber so?
Das neu gewonnene Singledasein war eben auch nicht ganz das Ideale.

Am Tag darauf begann die neue Arbeitswoche für den Manager Lukas Brandner mit einer Angelegenheit, die ihm beinahe wie ein Wink des Schicksals vorkam.
Die Verkaufsabteilung hatte den Auftrag einer Metallwarenfabrik in Liezen an Land gezogen. Größere Mengen von Abdecklacken für ein Ätzverfahren waren zu liefern und die genauen Bedingungen für das Geschäft sollte Lukas so rasch als möglich in einem persönlichen Gespräch mit der Geschäftsleitung des steirischen Werkes festlegen.
Liezen! In der Obersteiermark. Keine fünfzig Kilometer von Bad Aussee entfernt.
Natürlich kam Lukas sofort die Hipfinger – Mizzi und der SS Offizier Riemer mit seinen Münzen in den Sinn.

„Frau Fink, bitte machen Sie mit denen einen Termin aus, möglichst noch diese Woche.“, bat er seine Vorzimmerdame.
„Gern, Herr Brandner“, flötete die Fink. „Möchten S’ noch ein’ Kaffee?“
„Danke, nein. Nur den Termin!“, sagte Lukas unfreundlich. Seit die Fink wusste, dass er geschieden war, legte sie eine besondere Freundlichkeit an den Tag. Blöde Kuh! Mit ihrem Schwimmreifen um die Taille brauchte sie sich gar keine Hoffnungen zu machen.

Der Verhandlungstermin wurde für Mittwoch vereinbart. „Buchen S’ mir a Hotel in Bad Aussee“, verlangte Lukas. „Bis Freitag. Ich schau mich dort in der Gegend einmal um. Der Ranshofer vom Verkauf bringt dort überhaupt nix weiter.“
„In Bad Aussee? Warum so weit weg?“, fragte die Fink.
„Is doch net weit. Und von dort bin i dann gleich in Ebensee und Gmunden. Is doch einmal ganz lustig, Verkauf machen, wie in alten Zeiten.“
„Wie S’ wollen, Chef. Sollen ja ganz fesche Damen dort zur Kur sein, in Aussee.“, sagte die Fink mit süffisantem Grinsen.
„Machen S’ keine blöden Witz’, Frau Fink. I komm dann am Freitag z’rück.“
Na ja, es hatte eben doch seine Vorteile, im mittleren Management zu sein. Zumindest solche Ausflüge konnte man unternehmen, ohne lange fragen zu müssen.

Am Mittwoch fuhr Lukas ganz zeitig, bereits um halb sechs, von daheim los. Über den Semmering, Leoben und den Schoberpass gelangte er rasch ins Ennstal und traf bereits nach nicht einmal drei Stunden in Liezen ein. Das Gespräch mit Direktor Kobernigg verlief freundlich und problemlos und bereits um halb zwölf saß Lukas mit dem Vertrag im Aktenkoffer wieder in seinem Audi.

Autobahn gab es zwar hier keine mehr, aber die Bundesstraße durch das Ennstal ist gut ausgebaut und die Zahl der Schwerlaster hielt sich in Grenzen, als Lukas auf den markanten, einzeln aus dem Tal ragenden Bergstock des Grimming zufuhr.
Nach Stainach bog er auf die Salzkammergutbundesstraße ab und gelangte ohne Verzögerungen ins Ausseerland, das geografische Zentrum Österreichs.

Die Fink hatte ihn im Hotel Schwarzer Adler gebucht und Lukas fand es beinahe im Ortszentrum am Ufer der Grundlseer Traun. Er bezog ein gemütliches Doppelzimmer mit Balkon im zweiten Stock und nahm eine Dusche, bevor er zum Mittagessen ins Hotelrestaurant ging.

Als er aus dem Lift trat, hätte er beinahe eine junge Dame in einem eleganten, grauen Hosenanzug umgerannt, die offenbar ebenfalls ins Restaurant wollte. Höflich ließ er ihr an der Tür zum Speisesaal den Vortritt und freute sich über das Lächeln, das sie ihm schenkte. Die Frau war sicher keine klassische Schönheit, aber auf interessante Weise apart. Ihre etwas zu lange Nase wirkte irgendwie vornehm, ihr Blick allerdings war beinahe spitzbübisch. Lukas wählte einen Tisch nahe demjenigen, an dem sie Platz genommen hatte.
Als sie beim Kellner einen griechischen Salat bestellte, glaubte Lukas einen leichten slawischen Akzent in ihrer Stimme zu hören.
Er selbst nahm etwas Kompakteres als einen Salat: Ein Steak, das hier natürlich „Erzherzog Johann Steak“ hieß, wie man in Bad Aussee alles mit dem Habsburger in Verbindung bringt, der wegen seiner Heirat mit der Ausseer Postmeisterstochter Anna Plochl auf die Thronfolge verzichtet hatte und sich stattdessen der Steiermark widmete. Noch heute bewahren die Steirer dem 1782 geborenen, modern und liberal denkenden Sohn des Kaisers Leopold II ein liebevolles Andenken.
Das Steak war ausgezeichnet und Lukas beschäftigte sich so intensiv damit, dass er es gar nicht bemerkte, als die Dame im grauen Hosenanzug das Restaurant verließ.

Als er die Rechnung verlangte, fragte Lukas den Kellner nach der alten Hipfinger – Mizzi. Aber der Kellner war ein Saisonier aus Tschechien und hatte natürlich keine Ahnung.
Also beschloss Lukas, zuerst das Salzbergwerk zu besuchen.

Natürlich hatte er ein Navigationsgerät im Auto, aber den Begriff „Salzbergwerk Bad Aussee“ kannte der Computer nicht. Lukas musste sich durchfragen, aber das gelang mühelos. Er fuhr durch den Ort Altaussee und dann dem Wegweiser zum Loser, dem Hausberg der Ausseer, nach. Wenige Minuten später hatte er das Bergwerk erreicht.

Auf dem Parkplatz standen nicht viele Autos und als Lukas von seinem Wagen zum Eingang des Bergwerks ging, fuhr die Dame im grauen Hosenanzug von heute Mittag auf den Parkplatz. Sie fuhr einen Fiat mit Belgrader Kennzeichen, schien Lukas wieder erkannt zu haben und nickte ihm lächelnd zu. Lukas blieb stehen und lächelte zurück.

An der Kasse traf er die Serbin nicht mehr, aber bevor die Besucher in den Stollen geführt wurden, bot man den Gästen die Vorführung einer Dokumentation in dem kleinen Kinosaal des Steinberghauses, des Gebäudes von dem aus der Stollen in den Berg führt – und dort sah er sie wieder.

Der Film berichtete über die Kunstwerke im Berg, ihre Rettung durch das Personal des Bergwerkes und benutzte dazu auch einige Filmaufnahmen aus den Vierzigerjahren des letzten Jahrhunderts.
Aufmerksam verfolgte die Serbin die Dokumentation und nach der Vorführung machte sie sich Notizen auf einem Zettel, den sie ihrer Handtasche entnahm.

Die Gruppe, die dann den Stollen betrat, bestand aus etwa dreißig Personen. Die Serbin trug noch immer den Hosenanzug und hatte sich nur eine Jacke darüber gezogen, denn im Berg war es reichlich kühl.
Als der Führer, ein junger Bursche der offenbar aus der Gegend stammte, nach etwa einer Stunde seine Schützlinge durch den Stollen wieder zurück zum Eingang geleitete, fragte ihn die Serbin, ob man die anderen Teile der Anlage ebenfalls besichtigen könne. Eventuell in Form einer Privatführung. Lukas staunte. Was war da schon so brennend interessant?

Der Führer bedauerte. Das Bergwerk wäre immer noch in Betrieb, nur dieser Teil, der Steinberg Horizont sei stillgelegt. Mehr gäbe es leider nicht zu sehen.
Lukas fragte den jungen Mann nach der alten Frau Hipfinger, aber den Namen hatte der Bergwerksführer noch nie gehört. „Die kennt ein jeder“, hatte der dickbäuchige Wolf gemeint. Ja, beim Arsch, Herr Karl! Lukas beschloss, im Rathaus nachzufragen.

Zurück in Bad Aussee wollte Lukas noch nicht ins Hotelzimmer und ging die Grundlseer Traun entlang zu deren Mündung in die Altausseer Traun. Über dem Zusammenfluss der beiden Gewässer hat man eine kreisrunde Brücke in Form eines Mercedessterns errichtet, natürlich gesponsert von Daimler Chrysler und Mercedes Benz. Die Einheimischen sind über das Bauwerk geteilter Meinung, den Besuchern gefällt es aber offenbar.
Auf dieser runden Brücke kam die Serbin Lukas entgegen.

„Wir begegnen einander heute auch überall“, sagte Lukas.
Die Serbin lächelte. „Vielleicht laufen Sie mir ja nach“, vermutete sie.
„Dazu hätte jeder Mann allen Grund“, sagte Lukas galant. „Aber ich wollte nicht aufdringlich sein, also hab ich es dem Zufall überlassen.“
„Zufällig waren Sie aber nicht im Bergwerk!“
„Sie auch nicht“, konterte Lukas. „Gestehen wir einander unsere geheimen Absichten?“
„Warum nicht? Da gibt es kein Geheimnis. Aber vielleicht bei Ihnen?“
„Das kann ich Ihnen nur bei einem Drink erzählen. Mein Name ist übrigens Lukas. Lukas Brandner aus Wien. Leider bin ich zur Welt gekommen, da waren grad die Namen der Evangelisten so verflucht modern. Na, „Markus“ ist es ja immer noch und das wäre noch schlimmer.“
„Mascha Karimovic“, stellte sich die Serbin vor und reichte Lukas die Hand.
„Setzen wir uns in die Hotelbar, Frau Karimovic?“, schlug Lukas vor.
„Mascha, bitte. Und ich sage Luka zu Ihnen, ja?“
„Mit Vergnügen, Mascha. Wo ist jetzt unser Hotel? Vorn oder hinten? Auf der Kreisbrücke wird man ganz schwindlig.“

Gemeinsam gingen sie zum Schwarzen Adler zurück.
Dann saßen sie in einer Nische der Hotelbar und tranken Champagner. Lukas ließ sich schließlich nicht lumpen, nicht in Gegenwart einer interessanten Frau. Er erzählte, dass sein Hobby antike und mittelalterliche Münzen wären, vergaß auch nicht seine Position im Chemiekonzern zu erwähnen, sowie dass er seit fünf Wochen geschieden war. Außerdem gestand er, dass er von der Münzsammlung im Bergwerk gehört hätte und dass die Häftlinge des KZ Ebensee die Münzen angeblich wieder aus den Stollen geholt hätten.
„Das ist richtig“, bestätigte Mascha.
Lukas war perplex. Woher sie denn das wisse?
Mascha lächelte. Deshalb wäre sie ja hier. Wegen dem Projekt „Zement“.

Ihr Großvater Vladan Karimovic wäre im Lager Ebensee inhaftiert gewesen. Es handelte sich dabei um eine Außenstelle des Konzentrationslagers Mauthausen und es wäre 1943 errichtet worden, um Zwangsarbeiter für den Bau einer unterirdischen Raketenfabrik in Ebensee verfügbar zu haben. Nach einem alliierten Bombenangriff auf Peenemünde habe Hitler beschlossen, die Fertigung der V2 Raketen sowie jene der in Entwicklung befindlichen „Wunderwaffe“ A9, der „Amerikarakete“, an einen vor Bomben geschützten Ort zu verlegen. Ab November '43 hätten die Insassen des KZ Ebensee 250 Meter Stollen gegraben. Die A9, die erste Interkontinentalrakete der Geschichte, wäre aber nicht mehr gebaut worden. Stattdessen wurde Schmieröl in den Stollen erzeugt und Panzermotoren gefertigt.
Lukas staunte immer mehr. Woher wusste Mascha das alles?

Sie wusste sogar noch mehr! Von den 18.437 Häftlingen des Lagers Ebensee kamen bis zum 6. Mai 1945 im Zuge des Projekts mit dem Decknamen „Zement“ insgesamt 8.745 ums Leben. Dann wurden die Überlebenden von einer Panzerdivision der 3. US-Armee befreit. Der Leiter des Lagers Ebensee war der SS Offizier Otto Riemer, ein übler Säufer, dem es besonderen Spaß machte, seine Dogge „Lord“ auf die Gefangenen zu hetzen, von denen der Hund etliche zerfleischte.

Ihr Großvater hätte oft von dieser grauenvollen Zeit erzählt. Er habe sogar heimlich ein Tagebuch geführt, ein armseliges altes Schulheft. Dieses Heft wäre es, das Mascha suche. Vladan Karimovic habe es in Bad Aussee verloren, als er abkommandiert war, die persönlichen Schätze des Hermann Göring aus dem Bergwerk zu holen und auf einen Lastwagen zu verladen. Am Ende des Einsatzes wurden die Zwangsarbeiter genau durchsucht, um zu verhindern, dass Lebensmittel ins Lager Ebensee geschmuggelt wurden. Ihr Großvater hätte das Tagebuch bei sich gehabt und aus Angst vor einer Endeckung das Heft in ein Loch im Mauerwerk jenes verfallenen Gebäudes gesteckt, in das die Wertsachen zum Abtransport gebracht worden waren. Es wäre aber ein solches Gebäude am Bergwerkseingang nicht vorhanden, deshalb habe sie heute den Bergwerksführer nach weiteren Besichtigungsmöglichkeiten gefragt.

„Wozu brauchen Sie das Tagebuch?“, fragte Lukas.
„Für die jüdische Gemeinde in Belgrad“, sagte Mascha. „Wir planen eine Dokumentation über den Holocaust. Ich bin Jüdin – und mein Großvater war es auch. Heute sind wir nur mehr sehr wenige, vielleicht zweitausend in ganz Serbien“
„Woher sprechen Sie so gut Deutsch, Mascha?“
„Ich habe in Graz studiert.“
Lukas stand auf, verbeugte sich formvollendet vor Mascha und küsste ihr die Hand. „Meine Hochachtung!“, sagte er. „Sie sind ja geradezu eine Expertin in diesem Abschnitt der Zeitgeschichte!“
Dann setzte er sich wieder und erzählte, dass möglicherweise eine gewisse Frau Hipfinger mehr über die Sache wisse. Seinen Informationen nach hätte diese an jenem Tag, an dem Görings Schätze aus dem Bergwerk geholt wurden, mit dem Scheusal Riemer gesprochen und wäre sogar von ihm in den Hintern getreten worden.

„Wollen wir uns zusammentun und diese alte Hipfinger suchen? Wenn die noch lebt, müsste sie hier in Aussee wohnen.“
Mascha streckte Lukas die Hand entgegen. „Abgemacht! So kriegen Sie Ihre Münzen und ich das Tagebuch!“
„Wenn es überhaupt hier Münzen gibt“, schränkte Lukas ein. „Der Riemer war angeblich stockbesoffen, also dürfte er nicht grad sorgsam mit den Dingern umgegangen sein.“

Dann wechselten sie das Thema und sprachen nicht mehr über den Krieg.
Mascha erzählte von ihrer Studienzeit in Graz, wo sie sich sehr wohl gefühlt hatte. Sie hatte das Studium der Betriebswirtschaft absolviert und sich gleichzeitig bemüht, möglichst gut Deutsch zu lernen. Lukas berichtete über seine Firma, seine Arbeit im Management und über seine Liebhaberei Münzen.

Lange saßen sie in der Bar und Mascha faszinierte Lukas immer mehr, so dass dieser schließlich vorsichtig einen Schritt weiter ging, nach Maschas Hand griff und sie nicht mehr losließ.
Tatsächlich kam dann der Moment, in dem sich die Frage erhob: ‚Zu dir oder zu mir?’. Es stellte sich heraus, dass die beiden Alternativen nur einen Unterschied von wenigen Metern bedeuteten, denn Maschas Zimmer lag ebenfalls im zweiten Stock.
Schließlich gab die schönere Aussicht von Lukas’ Balkon den Ausschlag und Mascha blieb über Nacht bei ihm.

Am nächsten Morgen war Lukas blendender Laune und sofort nach dem Frühstück rief er im Rathaus an, um sich nach der Adresse der Frau Maria Hipfinger zu erkundigen.
Sie lebte noch und wohnte nun bei ihrem Neffen in Altaussee, genauer gesagt auf dessen Bauernhof im Ortsteil Ramsau. Lukas rief dort an, aber niemand kam ans Telefon.
Kurz entschlossen fuhren Mascha und er dorthin.

Der Bauer Kilian Hipfinger arbeitete in der Nähe seines Hauses und als er Lukas’ dicken Audi sah, kam er in der Erwartung eines zahlungskräftigen Feriengastes für eines seiner privaten Gästezimmer freundlich näher.
Lukas bat, Frau Maria Hipfinger sprechen zu dürfen und der Bauer war enttäuscht, als er erfuhr, Lukas und Mascha hätten bereits ein Zimmer im Hotel Schwarzer Adler. Ja, solchen Komfort, wie der Schwarze Adler könne er nicht bieten, rechtfertigte er sich. Dafür sei es bei ihm aber wesentlich billiger, ob die Herrschaften nicht vielleicht doch zu ihm übersiedeln wollten?
Als Lukas ablehnte verlor Bauer Kilian einen Großteil seiner Freundlichkeit. Seine alte Tante wäre in der Küche. Die Herrschaften sollten nur hineingehen, er selbst habe zu arbeiten.

Mascha und Lukas traten ins Haus.
Die Hipfinger – Mizzi saß in der geräumigen Wohnküche, bearbeitete mit ihren zahnlosen Kiefern ein Stück Striezel, das sie in Kaffee getaucht hatte, und – nun ja, sie roch nicht sehr gut. Mit neunzig hat man eben schon seine Probleme mit der Körperpflege…

Erst entwickelte sich das Gespräch recht mühsam. Die alte Frau Hipfinger hatte ziemliche Mühe, Lukas zu verstehen und ihr Kurzzeitgedächtnis machte ihr zu schaffen.
Aber als sie endlich kapiert hatte, worum es ging, schien es, als ob sich ein Schleusentor geöffnet hätte. Wie bei vielen sehr alten Menschen zu beobachten, konnte sich Frau Hipfinger an das Jahr 1945 ganz genau erinnern.

Ja, sie habe dem Riemer, dem Rotzkübel von der SS, damals Schnaps gebracht und dafür Hiebe gekriegt. Sie würde ein Vermögen dafür geben, zu erfahren, wer den Satan Riemer dann aufgehängt hätte. Denn dass die Amis ihn erwischt hätten, das habe sie erfahren, nicht aber was weiter mit ihm passiert sei. Aber aufhängen wäre eh noch viel zu wenig für diese Kanaille gewesen!

Wo sie denn den Riemer getroffen hätte, wollte Lukas wissen. Am Bergwerkseingang?
Naa, nix! Unten an der Bahnlinie! Die Sachen aus’m Bergwerk wären schon alle unten am Bahnhof gewesen und der Viehwaggon, der die Zwangsarbeiter nach Ebensee zurück bringen sollte, war auch schon da. Auf dem Nebengleis.
Und wo sie denn die Münzen gesehen hätte, fragte Lukas schon etwas ungeduldig.
Na ja, in der Hütte aus Natursteinen, hinter’m Bahnhof, am Berghang.
Mascha übernahm jetzt die Befragung. Was das denn für eine Hütte gewesen wäre?
Keine Ahnung. Der Bahn hätte sie gehört. Und der Riemer wäre drin gesessen mit zwei Holzkisten voller Münzen, aber keine Reichsmark, sonder so altes Zeug, das schon längst nimmer gültig gewesen sei. Erst habe sie, die Hipfinger – Mizzi, geglaubt, der Riemer wolle ihr was von dem wertlosen Geld geben, aber dann habe sie nicht einmal das gekriegt, sondern nur ein paar Tritte in den Arsch. Wenn es eine Gerechtigkeit auf der Welt gäbe, würde der Riemer jetzt für alle Ewigkeit im Höllenfeuer braten für diese Teufelei!

Lukas stieß Mascha an. Es war sinnlos, weiter zu fragen. Mascha und Lukas verabschiedeten sich und fuhren zum Hotel zurück.
Selbstverständlich unternahmen sie am Nachmittag einen Spaziergang zum Bahnhof.
Dem Bahnhofsgebäude gegenüber, am Berghang entlang, verlief eine Straße. Mascha und Lukas überquerten die Gleise und unterzogen diesen schmalen Fahrweg einer Begutachtung. Auf der den Gleisen abgewandten Seite stand dichtes Gebüsch und dahinter stieg der Hang ziemlich steil an.
Mascha, die diesmal vorsorglich alte Jeans trug, drang in das Buschwerk ein. Lukas, der einen seiner Anzüge anhatte, überließ die Forschung seiner Partnerin, die er bald hinter den Zweigen nicht mehr sehen konnte.

„Da ist was!“, rief Mascha nach einigen Minuten. Lukas nahm jetzt keine Rücksicht mehr auf seine Kleidung und drang durch die dichte Vegetation, wobei ein Dornenzweig seine Hose beschädigte. Lukas kümmerte sich nicht drum.
Total vom Gebüsch überwuchert standen hier die Reste eines kleinen Häuschens mit Mauern aus Naturstein, ganz im Stil der Bahnwärterhäuschen aus dem neunzehnten Jahrhundert. Das Dach war nur mehr teilweise vorhanden und es schien fast, als ob es nicht ratsam wäre, die Ruine zu betreten. Wenn das tatsächlich die Hütte war, in der sich die Münzen befunden hatten, brauchte Lukas sein Metallsuchgerät!
„Bleib bitte da, ich hole mir die Suchspule“, bat er Mascha und beeilte sich, zum Hotel und zu seinem Wagen zu kommen, in dessen Kofferraum das Suchgerät lag.

Zwanzig Minuten später hatte er den Wagen vor dem Bahnhof geparkt, die Gleise wieder überquert und erreichte die alte Hütte, die er erst beinahe nicht mehr wieder gefunden hätte.
Mascha saß auf einem Stein vor der Ruine und blätterte in einem alten Schulheft, das sie hochhielt, als Lukas sich ihr näherte. Ihr Gesicht war von den Dornen zerkratzt und ihre Hände schmutzig.
„Volltreffer!“, sagte sie.

„Gratuliere, Mascha!“, rief Lukas. „Jetzt bin ich dran!“ Er setzte das Suchgerät zusammen und begann seine Untersuchung rund um die Außenmauern des Gebäudes.
Er war ziemlich lang mit der vergeblichen Suche beschäftigt und Mascha las inzwischen konzentriert im Tagebuch ihres Großvaters. Nach etwa einer halben Stunde wagte sich Lukas ins Innere der Hütte vor, auch auf die Gefahr, etwas vom morschen Dach auf die Birne zu kriegen.

In einer schwer zugänglichen, von Trümmern des einstigen Dachstuhls bedeckten Ecke schlug die Anzeige des Suchgerätes aus.
„Scheiße!“, fluchte Lukas. „Das sind keine Münzen. Das ist was Größeres!“
Mascha draußen auf ihrem Stein wurde aufmerksam. „Vielleicht sind’s viele Münzen?“, vermutete sie.
„Dann hilf mir bitte da einmal!“, bat Lukas.
Gemeinsam räumten sie die Balkenteile weg, die hier herumlagen. Einmal quiekte Mascha auf, als etwas Graues aus dem Holzhaufen huschte, offenbar eine Maus.
Eine ganze Armee von Käfern flüchtete, als sie den Gerümpelhaufen entfernt hatten. Der Ausschlag auf der Skala des Metallsuchgerätes war jetzt sehr deutlich, wenn Lukas die Spule dicht über die Erde hielt.
Mit einer kleinen Handschaufel, die er vorsorglich eingesteckt hatte, begann Lukas nun, Schicht für Schicht die Erde abzutragen. Mascha sah ihm gespannt zu.

Es dauerte nur knapp fünf Minuten, bis Lukas auf Metall stieß und weitere zehn Minuten, bis der Gegenstand freigelegt war. Erst befürchtete Lukas, auf Munition gestoßen zu sein, aber dann erkannte er, dass es ein metallenes Kreuz war.
„Keine Münzen“, stellte Mascha bedauernd fest, als Lukas das Kreuz aus der Erde zog und mit der bloßen Hand von Erdresten befreite. Eine farbenprächtige Christusfigur aus Email wurde sichtbar.

Eine volle Minute war Lukas unfähig, etwas zu sagen, als er erkannte, was das war.
„Mascha, ich hab das große Los gezogen“, sagte er dann ganz ruhig.
„Ist doch nur ein altes Kreuz“, meinte sie.
„So eins ist vor einiger Zeit im Pinzgau, in Zell am See, gefunden worden“, erklärte Lukas. „Und das in Salzburg stammt aus dem Schloss Fischhorn bei Bruck an der Glocknerstraße und hat dem Göring gehört. Die Sachen, die dein Großvater aus dem Berg geholt hat, haben dem Göring gehört und sollten zum Schloss Fischhorn gebracht werden. Klingelt’s bei dir? Das da ist das Gegenstück zu dem Fund im Pinzgau! Metallkreuz mit Emailauflage, entstanden um 1200 in Limoges, Wert ungefähr vierhunderttausend Euro.“
„Nein!“
„Doch! Ich bin hundertprozentig sicher!“
„Du gibst das einem Museum?“, fragte Mascha.
Lukas sah sie beinahe böse an. „Hältst du mich für einen Idioten? Der Staat mischt sich sowieso in viel zu viele Dinge ein! Für so was gibt es privat einen sehr interessierten Markt, das geht die Öffentlichkeit nichts an! Komm! Das muss gefeiert werden!“

Lukas zog Mascha mit sich aus dem Gebüsch auf die Straße. Mascha konnte gerade noch das Tagebuch ihres Großvaters an sich nehmen.
Beschwingt wie ein Jugendlicher hüpfte Lukas über die Gleise. Am Bahnhof verbarg er das Kreuz unter seinem Sakko, ohne sich darum zu kümmern, dass die daran haftenden Erdreste sein Hemd beschmutzten. Als er den kurzen Weg zum Hotel fuhr, lachte er einige Male spontan auf und Mascha an seiner Seite sah ihn belustigt an.

Im Hotel nahmen sie erst einmal eine Dusche.
„Mach dich ein bisserl hübsch für unsere Feier!“, bat Lukas, als sie sich vor Maschas Zimmertür trennten. „Zieh dir was Elegantes an!“
„Warum?“
„Damit ich dir später was Elegantes ausziehen kann! Das muss so sein, wenn man was zu feiern hat!“
Sie trafen einander an der Bar und Mascha trug ein kurzes, schwarzes Cocktailkleid, in dem sie großartig aussah. Lukas bestellte wieder Champagner und trank diesmal mehr als am Vortag.
Es wurde eine stimmungsvolle, intime Feier. Als Lukas dann die Wirkung des Champagners zu spüren begann, schlug er vor, den Rest des Festaktes in seinem Zimmer vorzunehmen. Es war ohnehin bereits nach neun Uhr abends.
Der ganz private, erotische Teil der Feier zog sich dann noch bis gegen elf Uhr hin, dann schlief Lukas erschöpft und glücklich ein.

Am nächsten Morgen, als er erwachte, bemerkte er als erstes, dass Mascha nicht neben ihm lag. Er hatte etwas Kopfschmerzen, stand aber trotzdem sofort auf.
Mascha war weg!
Lukas griff zum Telefon und ließ sich mit dem Zimmer von Frau Karimovic verbinden.
„Tut mir Leid, Herr Brandner. Frau Karimovic ist abgereist“, sagte der Portier.
„Abgereist? Wann denn?“
„Vor etwa einer Stunde.“

Lukas war wie vor den Kopf geschlagen. Hatte er etwas falsch gemacht? War Mascha böse auf ihn? „Na schön. Danke“, sagte er ins Telefon und legte auf.
Verwirrt sah er sich im Zimmer um und blickte dann in den Kleiderschrank. Ihr schwarzes Cocktailkleid war natürlich auch weg. Und das Limoges – Kreuz ebenfalls!
Dann sah er das zerschlissene Schulheft, das Tagebuch von Großvater Vladan Karimovic auf dem Schreibtisch liegen und daneben einen Brief. Offen, ohne Umschlag. Von Mascha.

„Lieber Luka!
Vierhunderttausend Euro sind ein bedeutender Betrag für mich. Da du das Kreuz auf dem freien Markt zu Geld machen wolltest, habe ich mir überlegt, dass ich das ja auch selbst tun kann.
Anstelle des Kreuzes überlasse ich dir das Tagebuch meines Großvaters. Vielleicht kannst du das verkaufen, oder eine Dokumentation über das Projekt „Zement“ schreiben.
Es tut mir Leid, dass ich nicht so ehrlich bin, wie du vielleicht angenommen hast. Aber jeder hat seinen Preis und immerhin habe ich bei der Suche mitgeholfen. Außerdem glaube ich, dass dir die zwei Nächte mit mir Spaß gemacht haben und dir auch etwas wert sein sollten.
Ich wünsche dir alles Gute und viel Glück mit dem Tagebuch!
Deine Mascha“

Lukas Brandner versuchte, seinen Zorn zu bezähmen und legte den Brief betont langsam wieder neben das zerschlissene Schulheft. Aber dann konnte er sich nicht mehr halten und begann so ausgiebig und laut zu fluchen, dass man seinen Wutausbruch noch zwei Zimmer neben dem seinen hören konnte.
Erst nach mehreren Minuten beruhigte er sich wieder.
Ja, da war noch das Tagebuch!
Er öffnete das zerschlissene Heft und starrte hilflos auf die unregelmäßige kyrillische Schrift, die er nicht einmal lesen konnte…

Anmerkungen:
[1] ohrfeigen
[2] zum Besten halten
[3] grufteln = graben (eine Gruft errichten)
[4] Schimpfwort
[5] Auto

Diese Seite teilen