KunstGeschichten

KunstGeschichte: Der Kultkalender

Ob dralle Frauendarstellungen bei Rubens oder Pin up- und Pirelli-Kalender, richtig in Szene gesetzt, wird jede Frau zum Hingucker. Warum also nicht die eigene Mitarbeiterschaft in einem solchen Kultkalender verewigen? Erich Wurth über Kunst, PR, Erotik und Eifersucht.

Irgendein Journalist wird diese Druckwerke schon vor vielen Jahren als „Kultgegenstände“ bezeichnet haben. Mit Sicherheit feststellen kann man das sicher nicht mehr. Aber mittlerweile gibt es bereits eine ganze Reihe solcher Kalender, die man mit Fug und Recht als Kultobjekte einstufen kann. Das hängt natürlich mit den Motiven der Bilder zusammen, die den Monaten zugeordnet werden.

Fast immer sind es Fotos. Beim Pirelli-Kalender solche von schönen Frauen und schönen Autos und so etwas lässt eben Männerherzen höher schlagen. Beim österreichischen Jungbauernkalender hat man auf die schönen Autos verzichtet, maximal ein schöner, alter Traktor dient als Aufputz. Aber dafür sind die Jungbäuerinnen naturbelassener und knuspriger als die Pirelli-Damen. Sozusagen also Fotos von Damen in Bio-Qualität.

Und der kürzlich das erste Mal erschienene Generipharma-Kalender hat es schon mit seiner ersten Ausgabe auf Anhieb geschafft, als „Kult“ bezeichnet zu werden. Und das hat dieses durchaus beachtliche Druckwerk zwei außergewöhnlichen Frauen zu verdanken.
Die eine Dame, Eva Pohanka, knappe 33 Jahre alt, ist eine Malerin, die sich ausschließlich auf erotische Darstellungen mehr oder weniger verhüllter weiblicher Körper spezialisiert hat, und zwar in einer Technik, die Kohlezeichnung und Aquarell miteinander kombiniert, was neben sehr realistischen Bildern auch zu einer intensiven Vermittlung des angestrebten Bildgehaltes auf den Betrachter führte. Die Werke sind durchaus realitätsnah, stimmungsvoll und seltsam berührend gleichzeitig.

Die Künstlerin Eva Pohanka selbst ist nicht mit überragenden körperlichen Vorzügen gesegnet. Mit ihren kurzen Beinen und ihrer recht plumpen Figur würde ein Wiener sie mit der zutreffenden Beschreibung „g'stellt wia a Kokssackel“ versehen, aber ihre strahlenden Augen vermitteln eine besondere Art der Lebensfreude und lassen über die der Eva eigene leichte körperliche Unbeholfenheit hinwegsehen.

Zu ihrer bisexuellen Veranlagung ist Eva immer schon gestanden und hat das einmal in einem Zeitungsinterview so ausgedrückt: „Beide Geschlechter sind für die Fortpflanzung in gleichem Maß erforderlich. Wozu also eines bevorzugen?“ Allerdings relativiert sie diese Aussage regelmäßig durch die Tatsache, dass sie nur weibliche Aktbilder anfertigt. Der Vorzug ist also zweifellos vorhanden.

Neben der Malerin Pohanka war auch die Pharmazeutin Mag. Wilma Fröhlich an der Entstehung des neuen Kultkalenders maßgeblich beteiligt. Und eine Beschreibung der Frau Mag. Fröhlich verlangt nun viel Vorsicht, wenn man nicht unvermittelt unglaubwürdige Superlative verwenden möchte.

Erstens sah Wilma aus als wäre sie knapp dreißig Jahre alt, ihr tatsächliches Alter betrug aber bereits etwas mehr als vierzig. Ihre unerschütterliche Sicherheit in Kleidungsfragen ließ sie immer aussehen, als wäre sie soeben einem Modejournal entstiegen und ihr Benehmen war untadelig. Fachlich war sie äußerst kompetent.

Bereits als kleines Mädchen war sie fasziniert von der Apotheke, die ihr Vater Roland betrieben hatte und das Pharmastudium hatte sie in der kürzest möglichen Zeit bewältigt.

Als ihr Vater schon früh erkannte, dass die auslaufenden Patente der großen Pharmakonzerne eine einmalige Chance boten, war er in die Produktion von Generika eingestiegen und Wilma unterstütze ihn dabei in jeder Hinsicht.

Die Produktion der ersten markenrechtlich ungeschützten Präparate war erst vor kurzem angelaufen, als Herr Magister Roland Fröhlich die ganz eindeutig vorhandenen Symptome eines akuten Herzinfarktes nicht zur Kenntnis nehmen wollte, so dass die Ärzte bei seiner schließlich doch noch erfolgten Einlieferung ins Krankenhaus nichts mehr für ihn tun konnten, als ihm die Augen zuzudrücken und den Totenschein auszustellen. Das war vor mehr als zehn Jahren gewesen.

Ihre Mutter, plötzlich im Besitz eines aufstrebenden Pharmaunternehmens, aber mangels fachlicher Kenntnisse ohne das geringste Interesse daran, überließ die ganze Angelegenheit ihrer Tochter und zog sich ins Salzkammergut zurück, was ihr der Vorausblick ihres Mannes und dessen großzügige finanzielle Absicherung problemlos gestatteten. Wilma hingegen glaubte an die Idee mit den Generika und stürzte sich mit voller Energie in den Aufbau der Generipharma GmbH.

Sie fand das Konzept überzeugend: Arzneimittel, die ihren Patentschutz verloren hatten, zu fair kalkulierten, aber äußerst günstigen Preisen anzubieten, den Sozialversicherungen damit ein Vermögen zu ersparen und damit das Gesundheitssystem insgesamt zu verbessern. Und darüber hinaus damit auf ehrliche Art und Weise gutes Geld zu verdienen.

Begonnen hatte Wilma mit einem ACE-Hemmer, den sie zu einem Spottpreis den Krankenkassen anbot. Nun ist Hypertonie, also Bluthochdruck heutzutage ja fast schon so etwas wie ein Volkssport und das Medikament wurde häufig verschrieben. Ein durchaus viel versprechender Anfang für Wilma. Dann folgte ein Betablocker und mit einem Cholesterin-Synthese-Enzym-Hemmer hatte sie den Durchbruch geschafft. Die Ärzteschaft verschrieb bereitwillig ihre Produkte und Generipharma war von einem Tag auf den anderen ein ernstzunehmender Pharmaproduzent geworden.

Innerhalb der ersten zehn Jahre übersiedelte Wilmas Betrieb von den Hinterzimmern der einst väterlichen Apotheke in ein kleines, aber gut geeignetes Produktionsgebäude im Industriegebiet Richard Strauß Gasse, einer ehemaligen Autospenglerei, und außerdem steigerte sich die Belegschaft auf dreizehn Mitarbeiter. Diese ausschließlich weibliche Belegschaft war das eigentliche, wahre Wunder der Generipharma. Denn so ein kompetentes, erfolgreiches und interessantes Team gab es in Wien und Umgebung kein zweites Mal, ja vielleicht gab es das überhaupt nur dieses eine Mal weltweit – und das nicht nur bezogen auf die Pharmaindustrie!

Begonnen hatte die Sache mit der außergewöhnlichen Belegschaft bereits knapp nach Mag. Roland Fröhlichs unerwartetem Ableben. Als Wilma nach ihres Vaters plötzlichem Tod vor der fast unlösbaren Aufgabe stand, völlig allein und auf sich gestellt die Firma zu übernehmen und womöglich auszubauen, fiel ihr ihre Kommilitonin Samantha Woller ein, mit der sie während des Studiums eine tiefe Freundschaft verbunden hatte.
Samantha hatte zwar einen Job, noch dazu einen, der ausbaufähig sein mochte, verstand sich aber überhaupt nicht mit ihrem Chef, der noch dazu der sehr gut aussehenden Samantha pausenlos den Hof machte.

Wilma und Samantha trafen einander eines Abends im altehrwürdigen Café „Dommayer“ in Hietzing und Wilma erklärte ihren Plan, das Unternehmen ihres Vaters groß ausbauen zu wollen. Samantha brauchte keine Bedenkzeit und sagte auf der Stelle zu, worauf sie auch ihren derzeitigen Chef in allen Einzelheiten schilderte, diesen Steiger, der auf penetrante Art hinter ihr her wäre. Schon als Studentinnen hatten sie einander in solchen Fällen aus der Patsche geholfen, indem die eine der anderen den jeweiligen „Freund“, den sie loswerden wollte, vorstellte, und die andere daraufhin dem unerwünschten jungen Mann schöne Augen machte, was den „Freund“ in totale Verwirrung stürzte, da er sich nicht klar werden konnte, welche der beiden jungen Damen nun die attraktivere und begehrenswertere wäre.

Samantha kannte ihrerseits eine blutjunge Chemikerin, Frau Doktor Karin Eisenstein, die ebenfalls mit ihrer Arbeit äußerst unglücklich war und einige Minuten und ein Mobiltelefontat später war ein Treffen am nächsten Morgen vereinbart.
Die drei jungen Damen, die da am nächsten Tag um halb sieben in Wilmas Büro zusammentrafen, hätte man auf den ersten Blick für Filmstars halten können, die auf ein Gespräch mit dem Produzenten warteten. Noch dazu hatten sich alle drei des offiziellen Vorstellungsgesprächs wegen „in Schale“ geworfen und trugen einfache, aber raffiniert geschneiderte Geschäftskostüme, die es ihnen ermöglicht hätten, jederzeit auf dem Laufsteg eines Miss-Wettbewerbs eine erstklassige Figur zu machen.
Außerdem war es auch zwischen Wilma und Karin Sympathie auf den ersten Blick. Zunächst betrachteten sie einander, erst kritisch zwar, dann aber nickten sie einander anerkennend zu und Wilma konnte es sich nicht verkneifen, festzustellen: „Na, von der ganz hässlichen Sorte scheinen wir ja nicht zu sein, wir drei.“

Zwei Stunden später waren die Verträge entworfen. Aufgrund der Sympathie der drei jungen Damen zueinander war man bereits beim „Du“ angelangt und die Zuversicht der drei Firmengründerinnen kannte gar keine Grenzen. Möglichst bald sollte es losgehen.
Da machte Samantha schließlich noch einen Vorschlag, der die Weichen für die Zukunft von Generipharma stellen sollte.

„Mädels, wir sollten uns gleich jetzt schon festlegen: Keine Jeans in der Firma, keine Laufschuhe, nichts von dem modernen „coolen“ Zeug, sondern immer irgendwie elegant. Generipharma soll was Besonderes sein und das soll man auch an den Mitarbeitern sehen können. Du, Wilma, zahlst uns ja eh ein anständiges Gehalt und dafür werden wir immer aussehen, wie zurechtgemacht für einen Termin im Ministerium. Einverstanden?“
Und so war es dann auch in der Praxis und sogar alle neu hinzugekommenen Damen hielten sich ab dem ersten Tag — nach nur einem kurzen Hinweis von Wilma — an diese ungeschriebene Bekleidungsordnung.

Schon nach kurzer Zeit verfügte Generipharma über die adretteste Belegschaft von Wien und anscheinend wusste das bald die gesamte Ärzteschaft. Mit der Zeit vergrößerte sich die Belegschaft, aber Wilma Fröhlich nahm nur weibliche Mitarbeiter auf. Vielleicht hing das mit der Person des Zdenko zusammen.

Dieser junge Mann war Sportlehrer und bei ihm hatte Wilma am Anfang dreimal pro Woche ein Schwimmtraining gebucht. Sportliche Betätigung war mittlerweile ein Markenzeichen von Generipharma (oder „Sexypharma“, wie die Konkurrenz das Unternehmen halb abwertend und halb bewundernd nannte), geworden. Weder Wilma noch eine ihrer Mitarbeiterinnen hatte das angeregt, aber hübsche Frauen, die auf ihre Figur Wert legen, landen eben früher oder später beim Sport. Unter den dreizehn Generipharma Damen gab es mittlerweile keine mehr, die nicht — zumindest einmal pro Woche — irgendetwas trainierte.

Zdenko, bosnischer Abstammung, aber bereits in Wien geboren, stellte sich nicht nur als exzellenter Trainer heraus, sondern auch als erstklassiger Liebhaber, wobei er keine zwei Wochen benötigt hatte, um diesen Status zu erreichen. Ab diesem Zeitpunkt erfolgte nach dem Schwimmtraining noch ein zusätzliches Konditionstraining in Wilmas Bett. Aber davon wussten Wilmas Mitarbeiterinnen vorläufig nichts.

Allerdings tauchte Zdenko eines Tages unangemeldet bei Generipharma auf und der Direktorin Magister Fröhlich blieb nichts anderes übrig, als die Tatsache einer bestehenden Beziehung zuzugeben. Aber nachdem Zdenko angesichts des Personals beinahe die Augen aus dem Kopf fielen, beschloss Wilma, ihren Freund möglichst von Generipharma fernzuhalten. Nicht, dass sie vermutet hätte, ihre Mitarbeiterinnen könnten sich an Zdenko heranmachen! Aber eine gewisse, unterschwellige Eifersucht benötigt gar keine Anlässe, um sich im Unterbewusstsein breit zu machen.
Und dann kam es zu dem Kalenderprojekt.

Generipharma hatte mittlerweile zufrieden stellende Bilanzen aufzuweisen und Wilma beschloss, zum Jahreswechsel einen eigenen Kalender aufzulegen. Ein Anruf bei einer renommierten Druckerei ergab den Hinweis auf Eva Pohanka. Herr Baltmann, der Chef der Druckerei hatte irgendwie von dem Ruf der Generipharma gehört und empfahl etwas Extravagantes. Es wäre ja allgemein bekannt, dass es sich bei der Belegschaft des Pharmaunternehmens durchwegs um ausgesprochene „Spitzenhasen“ handle. Die Pohanka würde Fotos von der Belegschaft machen und aufgrund dieser Vorlagen dann die einzelnen Mitarbeiterinnen malen. Entweder bei ihrer Tätigkeit im Unternehmen oder in der Freizeit. Das müsse man noch absprechen.

Wilma war von der Idee recht angetan, die Kosten waren zwar hoch, weil die Malerin Pohanka sich ihre Arbeit entsprechend honorieren ließ, aber es war wirklich einmal etwas ganz anderes als die üblichen Bildkalender mit Landschaften oder Bauwerken.
Und Zdenko war entsetzt.
Er kannte die Pohanka aus Zeitungen und war über die erotisierende Wirkung ihrer Bilder informiert.
„Du wirst der Pohanka kein Modell abgeben! Da degradierst du dich zum Lustobjekt für die Wichser, die eure Tabletten verschreiben!“
„Zdenko, bist du der Chef von Generipharma, oder ich?“
„Du. Aber eine Firmenchefin ist kein Sexualobjekt!“
„Ach, wirklich? Das sagst gerade du?“

Die nächsten Tage hindurch war das Verhältnis zwischen den beiden ziemlich gestört.
Wilma ließ sich dadurch aber nicht beirren und Anfang Oktober waren die zwölf Aquarelle von Wilmas Mitarbeiterinnen fertig. Blieb nur noch ihr eigenes Bild. Und das wollte Frau Pohanka nicht nach einem Foto malen, sondern bestand darauf, dass Frau Magister Wilma Fröhlich ihr in Person als Modell zur Verfügung stehen sollte.
Am Spätnachmittag gegen fünf erschien Frau Pohanka mit der Mappe, die die Bilder des Personals von Generipharma enthielten. Wilma war begeistert.

Die Bilder waren bei Gott nicht ordinär, sondern unaufdringlich und sehr ästhetisch. Sie stellten sämtliche Mitarbeiterinnen von Generipharma so dar, dass man am liebsten mit allen diesen Damen ein Rendezvous zum Abendessen vereinbart hätte. Die Erotik dieser Bilder sprang den Betrachter nicht an, aber sie war zweifellos vorhanden. Da waren zwölf durchaus hübsche, junge Damen, die zwar nicht unbedingt makellose Schönheiten waren, aber die erotische Ausstrahlung der Bilder machte jede einzelne davon begehrenswert.

Etwa Jutta Daxböck, die Buchhalterin, die täglich mit dem Motorrad ins Büro kam, war dargestellt, wie sie ihre lederne Motorradkleidung auszog und darunter ein eleganter Hosenanzug zum Vorschein kam. Frau Doktor Karin Eisenstein, die attraktive Chemikerin, betrachtete auf dem Gemälde ein Reagenzglas mit einem zufriedenen Lächeln, das wohl jeder männliche Betrachter gern auf sich selbst bezogen hätte und Wilmas alte Freundin Samantha Woller, die Wilma eigentlich erst zum Schwimmsport gebracht hatte, war im knappen Bikini am Rand eines Schwimmbeckens dargestellt.

Zdenko wusste von dem Rendezvous der Malerin Pohanka mit seiner Wilma aus Telefonaten, die er zufällig mitgehört hatte. Er wusste auch, dass Frau Pohanka die zwölf Gemälde von Wilmas Kolleginnen dazu mitbringen werde. Und da seit der Auseinandersetzung über das angebliche „Lustobjekt“, das Wilma nicht abgeben sollte, Zdenko keinerlei Fortschritt in der Sache erzielt hatte, beschloss er, dass die zwölf Gemälde verschwinden mussten. Immerhin war ihm klar: Ohne die Gemälde kein Kalender.

An dem Tag, an dem Wilma Modell sitzen sollte, machte Zdenko viel früher Schluss als sonst und fuhr zu Wilmas Wohnung, von der er natürlich einen Schlüssel hatte. Er wusste, es mussten da irgendwo Reserveschlüssel für Wilmas Firma sein und er brauchte etwa zwanzig Minuten, um sie zu finden. Wilma hielt zu Hause nicht die peinliche Ordnung, auf die sie im Büro so achtete, aber die Reserveschlüssel fanden sich schließlich in einer Lade des Wohnzimmerschranks unter der Mappe mit Wilmas persönlichen Dokumenten.
Zdenko wartete noch bis etwa achtzehn Uhr und fuhr dann ins Industriegebiet Richard Strauß Gasse.

Das Gebäude von Generipharma lag dunkel vor Zdenko, als er das Grundstück betrat. Seinen Wagen hatte er natürlich nicht auf das Grundstück gefahren. Dort, auf dem Parkplatz für Mitarbeiter und Besucher stand nur Wilmas Auto. Also waren tatsächlich alle ihre Mitarbeiterinnen schon weg.

Wilmas Büro befand sich auf der der Straße abgekehrten Seite des Gebäudes und dort war Eva Pohanka gerade damit beschäftigt, Wilma zu malen, die in einem relativ kurzen Rock an der Schmalseite ihres Schreibtisches halb lehnte und halb auf der Tischplatte saß. Frau Pohanka hatte dafür gesorgt, dass Wilmas makellose Beine einen Blickfang auf dem Gemälde darstellten, aber auch ihr Lächeln, das einen Neujahrsgruß auszudrücken schien, war durchaus dazu geeignet, den Betrachter in seinen Bann zu ziehen.

Obwohl es völlig still war in Wilmas kleinem Büro und die Pohanka konzentriert und ohne zu sprechen arbeitete, hörten die beiden Frauen den Zdenko nicht, der mittels des Reserveschlüssels das Gebäude durch den Haupteingang betreten hatte und höchst erfreut war, die zwölf Gemälde von Wilmas Mitarbeiterinnen auf dem Empfangspult im Foyer vorzufinden. Dort hatte sie Wilma nach ihrer Besichtigung deponiert und die Empfangsdame, Frau Friedrich, sollte sie gleich am nächsten Tag in die Druckerei bringen.

Zdenko war natürlich froh, dass er nicht lang suchen musste, grapschte sich die Mappe mit den Bildern und trat sofort den Rückzug – wieder durch den Haupteingang – an.
Die Pohanka beendete mittlerweile ihre Tätigkeit. Die Kohlezeichnung war fertig, das Bild würde sehr eindrucksvoll werden. Nur die Farben fehlten, aber die würde Frau Pohanka später zu Hause hinzufügen.

Wilma sah sich das Ergebnis an und war hoch zufrieden. Sie dachte plötzlich an die Auseinandersetzung mit ihrem Zdenko und musste lachen. Das Bild war ein Meisterwerk der Pohanka. Die erotische Komponente, für die die Malerin bekannt war, gab es zweifellos auch auf dieser Zeichnung, aber niemand hätte behaupten können, dass Wilma auf dem Bild so etwas wie ein „Lustobjekt“ darstellen würde. Da war nur eine – zweifellos hübsche – junge Frau, die den Betrachter anlächelte und „Alles Gute im neuen Jahr“ zu wünschen schien. Na, wenn der Zdenko das Blatt zu Gesicht bekäme, hätte er wohl keinen Grund mehr zum Meckern.

Frau Pohanka verabschiedete sich. Sie war mit dem Taxi gekommen und bat, ihr auch für die Heimfahrt ein solches zu bestellen, was Wilma natürlich bereitwillig tat. In acht Minuten wäre der Wagen da, versprach die Dame am Telefon des Taxifunks. Wilma begleitete Frau Pohanka noch hinunter, sperrte ihr die Haupteingangstür auf und nach ihrem Weggang wieder ab. Einen Blick auf das Empfangspult, wo die übrigen Bilder der Pohanka liegen mussten, warf sie nicht mehr.

Dann machte sich Wilma auf die übliche Runde durchs Haus, wie sie es jeden Abend tat. Sie hatte sich angewöhnt, alles zu kontrollieren, das irgendwie problematisch sein konnte, hauptsächlich die Laborräume. Wie leicht konnte jemand vergessen, etwa eine Energiequelle wie einen Bunsenbrenner abzustellen...

Frau Pohanka verließ das Grundstück mit genau so einer Mappe aus Pappe, wie diejenige, in der sie die zwölf Gemälde von Wilmas Mitarbeiterinnen geliefert hatte und wartete auf dem Gehsteig vor der Einfahrt auf ihr Taxi. Dabei ging sie ein wenig auf und ab, weil es um diese Jahreszeit am Abend doch schon reichlich kühl war.

Etwa dreißig, vierzig Meter von ihr entfernt stand ein Auto und jemand war damit beschäftigt, sich relativ großformatige Blätter anzusehen, die offenbar in einer ähnlichen Mappe lagen, wie Frau Pahanka sie unter dem Arm trug und die sich auf dem Autodach befand. Der Pohanka kamen diese Blätter auch aus dieser Entfernung seltsam bekannt vor und sie dehnte ihren Spaziergang in die Richtung auf das geheimnisvolle Fahrzeug hin aus.

Als sie herangekommen war, sah sie, dass es sich um ihre Bilder handelte.
Sie war so überrascht, dass sie laut ausrief: „Das sind ja meine!“
Der Mann, der die Bilder soeben angesehen hatte, sagte: „Die gehören Generipharma. Aber der Kalender darf net rauskommen!“
„Aber i hab's g'malt!“, sagte die Pohanka.
„Und i wollt's grad anzünden“, meinte der Mann. „Is aber irgendwie schad' drum.“
„San S' deppert worden?“ Die Pohanka war ehrlich entrüstet.
„Das da is doch fast Pornografie“, behauptete Zdenko. Die Pohanka lachte schallend.
Als sie sich etwas beruhigt hatte, sagte sie: „Sie spinnen ja! Wo is da Pornografie? Zeigen S' mir irgendwas Ordinäres auf einem von die Bildln!“
„Na ja, ordinär san s' net“, gab Zdenko zu. „Deshalb is's ja a irgendwie schad drum.“
„Wer san Sie überhaupt?“, wollte die Pohanka jetzt wissen, nachdem sich der fremde Mann ja immerhin nicht als gefährlich herausgestellt hatte.
„Der Zdenko“, sagte dieser. „Der Freund von der Frau Magister Fröhlich. Deshalb will i ja net, dass sie a Vorlag' abgibt für die Wichser, die den Kalender kriegen.“
„Sie ahnungsloser Oberg'scheiter! Wenn man a schöne Frau anschaut, is das noch lang nix Böses!“, schimpfte die Pohanka und fischte die Zeichnung, die sie soeben in Wilmas Büro angefertigt hatte, aus der Mappe, die sie bei sich trug. „Das Bildl von der Magister Fröhlich is das Seriöseste von den allen! Is ja immerhin die Chefin! Schaun S' es doch an! Die Farb fehlt no, aber sonst is' fertig.“ Damit hielt die dem Zdenko das Blatt vor die Nase. „Na? Finden Sie da irgendwas, das net jugendfrei is?“

In diesem Augenblick tauchte das bestellte Taxi auf. Der Fahrer fuhr ganz langsam an Zdenkos Auto vorbei, ließ das Fenster herunter und fragte: „Haben Sie a Taxi g'rufen?“
„Jawohl“, antwortete Frau Pohanka. „I komm gleich. Warten S' ein Momenterl.“ Dann wandte sie sich nochmals an Zdenko: „Und Sie bringen sofort die Bilder z'rück, ja? Sie werden doch net eifersüchtig sein, wegen ein' völlig harmlosen Bildl!“
Zdenko nickte nur beschämt, packte die zwölf Blätter zurück in die Mappe und setzte sich in Richtung Bürogebäude in Bewegung. Frau Pohanka stieg ins Taxi und murmelte dabei: „So a Kindskopf, so a damischer!“

Zdenko sperrte den Haupteingang wieder mit dem Reserveschlüssel auf – und stieß in der Eingangshalle auf eine total verwirrte Wilma, die nun auf einmal die zwölf Bilder vermisste, die auf dem Empfangspult liegen sollten. Hatte die Pohanka sie wieder mitgenommen, ohne dass es Wilma bemerkt hätte?

Als das Schloss des Haupteingangs von außen aufgesperrt wurde, erschrak Wilma. Einbrecher?
Aber der Einbrecher, der da hereinkam, trug die Mappe mit den zwölf verschwundenen Gemälden und sah sehr dumm drein, als ihm Wilma gegenüberstand.
„Was machst denn du da?“, wunderte sich Wilma. „Und woher hast auf einmal die Bildln?“
Verlegen gestand Zdenko seinen Einbruch von vorhin und seinen Diebstahl. Dabei beobachtete er Wilma und wieder einmal freute er sich über ihr Aussehen. 'Genau so fesch wie auf dem Bild', dachte er.
„Und jetzt hast dir's überlegt?“, fragte Wilma.
„I hab dein Bild g'sehn. Die Pohanka hat's mir da draußen 'zeigt. Is doch net so schlimm, wie i 'glaubt hab.“

Da lachte die Wilma hell auf. „Du eifersüchtiges Rindviech“, sagte sie. „Hast doch gar kein' Grund, du Depperl, du schwindliges!“
Und dann gab die Wilma dem Zdenko einen Versöhnungskuss, der für den späteren Abend einiges versprach...
Der Kalender kam übrigens so gut an, dass noch ein paar hundert Exemplare nachgedruckt werden mussten. Mittlerweile hat auf Grund der gestiegenen Umsätze und des damit verbundenen Arbeitsaufwands Generipharma die Belegschaft schon wieder vergrößern müssen. Vier weitere, ebenfalls sehr hübsche Damen sind dazugekommen, und für die nächste Ausgabe des Kalenders wird es schon etwas schwierig, alle Mitarbeiterinnen darzustellen. Schließlich hat das Jahr leider nur zwölf Monate...

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