KunstGeschichten

KunstGeschichte: Desoxyribonukleinsäure

Manchmal haben selbst Kapitalverbrechen schon etwas Künstlerisches an sich. Und Berufskiller können bei ihren Werken genauso paranoid sein wie mancher Künstler, wenn es um das Verwischen von Spuren am Tatort geht. Erfahren Sie in unserer neuen KunstGeschichte mehr über mörderische Aktionskunst!

Kunst ist das, was man nicht kann. Denn wenn man’s kann, ist es keine Kunst mehr.
Dolf war der Ansicht, dass nichts dümmer wäre, als dieser abgedroschene Kalauer. Der Ausdruck „Kunst“ wäre immerhin von „Können“ abgeleitet und diesbezüglich fühlte sich Dolf als jemand, auf den die Bezeichnung „Künstler“ in doppelter Hinsicht überaus zutraf. Er beherrschte meisterhaft die Kunst, missliebige Zeitgenossen der Nichtexistenz zuzuführen. Seine Profession mit dem trivialen Wort „Berufskiller“ zu kennzeichnen, mochte zwar im weitesten Sinn den Sachverhalt treffen, ließ aber einige wesentliche Aspekte seiner Tätigkeit außer Acht.

Es kam Dolf nicht so sehr darauf an, möglichst lukrative Honorare zu erzielen, als tatsächlich ein Kunstwerk zu schaffen, zu dessen Bestandteilen nicht nur das Fehlen aller für die Behörden verwertbaren Spuren zählte, sondern auch ein möglichst ansprechender Gesamteindruck. Die Vermeidung aller Spuren betrachtete er als so etwas wie das Zurücktreten hinter sein Werk, wie es das Kennzeichen der Künstler des Mittelalters gewesen war.

Diesbezüglich nahm er sich weniger die alten Meister der Malerei zum Vorbild, obwohl ihn etwa die Werke des unbekannten „Meisters von Laufen“ fasziniert hatten, die er in der Sammlung mittelalterlicher Kunst im Belvedere gesehen hatte, als vielmehr die Dichter. Oft hatte er sich schon gefragt, wer der unbekannte Sänger des Nibelungenliedes gewesen sein mochte und die Bescheidenheit des Verfassers nötigte ihm höchste Bewunderung ab. Nichtsdestoweniger waren die Ansprüche, die er an sich selbst stellte, wenn es galt eine „Heimführung“ in den Zustand der Nichtexistenz vorzubereiten, alles andere als bescheiden. „Heimführungen“ nannte er seine Aktionen deshalb, weil er der festen Überzeugung war, der natürliche Zustand des Menschen wäre dessen Nichtexistenz. Seit dreizehn Milliarden Jahren bestand diese Welt nun und würde weitere Jahrmilliarden existieren. Da stellte doch die Zeit eines Menschenlebens nur einen äußerst minimalen Prozentsatz dar, praktisch eine vernachlässigbare und somit unnatürliche Periode im kosmischen Geschehen. Die Wiedererlangung des natürlichen, nichtexistenten Zustandes war es somit wert, künstlerisch gestaltet zu werden.

Selbstverständlich hing sein Streben nach künstlerischer Perfektion mit seinem Zweitberuf zusammen. Ein Berufskiller benötigt einen solchen, um seine Einkünfte der Behörde gegenüber rechtfertigen zu können und nicht alle Tätigkeiten eignen sich dafür. Ein Angestellter, der zu fixen Zeiten an seinem Arbeitsplatz zu erscheinen hat, wird kaum über die nötige Freiheit verfügen, der es bedarf, Morde mit der gebotenen Sorgfalt vorzubereiten und durchzuführen. Eine freiberufliche Tätigkeit ist da weit besser geeignet und deshalb hatte sich Dolf die Profession eines Bildhauers zugelegt. Seine Auftraggeber erhielten gewöhnlich zusätzlich zur bestellten Dienstleistung eine Plastik, die Dolf gemäß ihren Wünschen anfertigte. Den Erlös aus dem Verkauf seiner Kunstwerke versteuerte Dolf ordnungsgemäß und niemandem fiel auf, dass der Ertrag seiner bildhauerischen Tätigkeit den tatsächlichen Wert der Kunstwerke um ein Beträchtliches überstieg.

Aufträge, die nicht mit einem Mord verbunden waren, lehnte Dolf üblicherweise ab und übernahm sie nur, wenn es nicht anders ging. Es war ihm ein inneres Bedürfnis, in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen der irdischen Laufbahn eines seiner Zeitgenossen ein vorzeitiges Ende zu bereiten.

Mag sein, dass er diesbezüglich erblich belastet war. Sein Großvater Baldur war seinerzeit eine gesuchte Fachkraft gewesen und hatte eine sagenhafte Virtuosität in der Bedienung der Gaskammern des Vernichtungslagers Treblinka entwickelt. Aber weder der Gebrauch des zunächst verwendeten Zyklon B noch des später benutzten Dieselmotors, dessen Abgase in die „Duschen“ geleitet worden waren, befriedigte Baldur so sehr, wie die Erschießungen in den benachbarten Kiesgruben, die zur Erhöhung der Kapazität vorgenommen wurden und an denen er in schöner Loyalität zu seinem geliebten Führer regelmäßig teilnahm.

Der kategorischen Forderung seines Großvater Baldur, dem es gelungen war, nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches eine neue Identität anzunehmen und so den Anklägern des Nürnberger Prozesses zu entgehen, hatte Dolf auch seinen Vornamen Adolf zu verdanken, den er nur in abgekürzter Form benutzte, da der Name nach wie vor in Österreich in der Beliebtheitsskala ganz unten anzutreffen ist. Allerdings hatte Dolf die nationale Gesinnung von Großvater und Vater nicht übernommen. Großvater Baldur hing auch nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches der Überzeugung von einer auserwählten Herrenrasse an, hingegen war Dolf ein unpolitischer Mensch und es war ihm völlig egal, wen er um die Ecke brachte. Lediglich die Aktion an sich und deren künstlerischer Wert zählten für ihn.

Kurz und möglichst schmerzlos mussten die Aktionen nicht sein. Dolf akzeptierte das Prinzip der Natur, dass der Beginn des Lebens mit Unannehmlichkeiten verbunden war, also musste es das Ende wohl auch sein. Geburten verlaufen eben für Mütter im Allgemeinen nicht schmerzlos und das Baby konnte man nicht gut nach seinen Empfindungen befragen, aber ein angenehmes Gefühl konnte eine Entbindung auch für den Säugling schwerlich sein. Was sprach also dagegen, dass auch am Ende der menschlichen Existenz einige Missliebigkeiten in Kauf genommen werden mussten? Die Natur hatte keinerlei Vorkehrungen dagegen getroffen, also musste es wohl so sein.
Allerdings legte Dolf Wert darauf, möglichst eine humorvolle Note in die Dramaturgie seiner Heimführungen zu bringen. Angeblich wäre es unvergleichlich schwerer, eine gute Komödie zu verfassen, als ein tränenreiches Drama. Also erhöhte ein humorvolles Element den künstlerischen Wert eines Mordes ungemein.

Dolf war stolz auf den Mord an einem Zuhälter, den er mit einem Kabel erdrosselt und dessen Leiche dann an eben diesem Kabel einige Stunden in der Geisterbahn im Prater gehangen hatte. Hunderte Besucher waren an jenem Sonntag in den Wagen der Geisterbahn unmittelbar an der Leiche vorüber gefahren, hatten sie berührt, sie in Schwingungen an ihrem Kabel versetzt und sich dabei köstlich amüsiert, bis das Personal endlich die zusätzliche Attraktion des Etablissements entdeckte. Auch die Herren von der Spurensicherung sollen sich amüsiert gezeigt haben, waren jedoch nicht in der Lage, ihre Tätigkeit erfolgreich abzuschließen. Dolf hatte, wie es seine Gewohnheit war, keine verwertbaren Spuren hinterlassen. Es war eben wieder eine seiner Meisterleistungen gewesen.

Eine ebenso schöne Meisterleistung war die Sache mit jenem geizigen Bauarbeiter, der in der Klassenlotterie gewonnen hatte, sich aber weigerte, seinem hoch verschuldeten Sohn entsprechend großzügig unter die Arme zu greifen.

Da er finanziell den Hals nicht voll genug kriegen konnte, kriegte er schließlich den Hals voller Baumaterial, als er – unter tatkräftiger Mithilfe Dolfs – in die Verschalung einer Staumauer stürzte und von Tonnen frischen Betons innerhalb weniger Sekunden begraben wurde. Auf modernen Kraftwerksbaustellen sind Betonpumpen nicht so rasch zu stoppen und obwohl der „Unfall“ bemerkt worden war, musste man auf die Bergung der Leiche verzichten. Die Kosten wären exorbitant gewesen und die Statik der Staumauer wurde laut Experten von der Leiche nicht beeinträchtigt, da das immense Materialgewicht die Überreste des Arbeiters auf ein Volumen komprimieren würde, das man vernachlässigen konnte.

So ruhte also der knickrige Lotteriegewinner unbeachtet im Inneren eines gigantischen Grabsteines, der seinem Gewinn durchaus angemessen war und der Urheber Dolf war der einzige, der über das künstlerische Unterfangen überhaupt Bescheid wusste – geradezu ein klassisches Beispiel von „Zurücktreten des Schöpfers hinter sein Werk“.

Einige Zeit, nachdem Dolf diesen Auftrag zur vollsten Zufriedenheit des Erben ausgeführt hatte, geschah etwas, das Dolf veranlasste, seine Lebensweise radikal zu ändern.
In unmittelbarer Nachbarschaft seiner Wohnung war ein junges Mädchen überfallen worden und der Täter hatte haufenweise DNA-Spuren hinterlassen. Da Dolf für diesen Abend kein Alibi vorzuweisen hatte und die Täterbeschreibung ungefähr auf ihn zutraf, sah er sich gezwungen, einer DNA–Analyse zuzustimmen, die selbstverständlich eindeutig bewies, dass er mit der Sache nichts zu tun hatte. Aber seine persönliche Sequenz von Aminosäuren in den Molekülketten seiner zelleigenen Desoxyribonukleinsäure war den Behörden nun bekannt. Sein „genetischer Fingerabdruck“ befand sich fortan im Archiv.

Diese Tatsache bereitete Dolf erhebliche Sorgen. Anlässlich des Mundhöhlenabstriches, der bei ihm vorgenommen wurde, hatte sich Dolf über die Doppelhelix der DNA informiert und zu seinem Schrecken erfahren, dass praktisch aus jeder einzelnen Zelle des menschlichen Körpers dieser genetische Code isoliert und eindeutig identifiziert werden kann. Kleinste Hautpartikelchen, Haare, ja minimale Speichelspuren konnten in Hinkunft für ihn gefährlich werden. Es ergab sich somit die Notwendigkeit, peinlichst genau darauf zu achten, dass er in Ausführung künftiger Aufträge auch in dieser Hinsicht nicht die geringste Spur hinterließ.

Er war es zwar bereits gewohnt gewesen, Handschuhe zu tragen, wenn er etwa den Ort inspizierte, an welchem das Leben einer seiner Zielpersonen beendet werden sollte. Aber in Hinkunft benutzte er zusätzlich eine Maske über Mund und Nase, wie sie Chirurgen bei Operationen tragen, um zu verhindern, dass etwa bei einem unwillkürlichen Husten kleinste Tröpfchen am geplanten Tatort zurückblieben. Das Husten bereitete ihm die größte Sorge, denn Dolf war ein starker Raucher filterloser französischer Zigaretten und mitunter plagten ihn völlig unvermittelte Hustenanfälle.

Die Zurücklassung eventuell ausfallender Haare war eine weitere Sorge, denn Dolfs Haar wurde langsam schütter. Sein Arzt meinte, er solle das Rauchen aufgeben, da dieses Laster nicht nur seinen Husten verursache, sondern auch ein Grund für seinen Haarausfall sein könnte. Natürlich tat Dolf nichts dergleichen, sondern legte sich einfach eine Kapuze zu, die verhindern sollte, dass Haare am Tatort zurückblieben und bei deren Anlegen Dolf die größte Sorgfalt an den Tag legte. Den „Lungenwurm“, wie er seine Anfälle zu bezeichnen pflegte, nahm er als logische Konsequenz des weiterhin unverminderten Tabakkonsums hin.

Nach der Sache mit dem Mundhöhlenabstrich verbrachte Dolf einige Wochen mit der Vervollständigung und Überprüfung seiner neuen Ausrüstungsstücke und in dieser Zeit wurden keine Aufträge an ihn herangetragen. Außerdem verfertigte er eine neue Plastik, in deren Form vage die Doppelhelix der Desoxyribonukleinsäure zu erkennen war. Auf diese Weise verarbeitete Dolf seinen mit Hass gepaarten Respekt vor dem verdammten Molekül, das seine Arbeit so erschwerte.

Im Frühsommer dann meldete sich ein Herr Tommy Schlaglechner bei ihm mit einem künstlerisch anspruchsvollen Problem.
Thomas Schlaglechner betrieb ein Handelsunternehmen und führte mit gutem Erfolg Verkaufsreisen durch, wobei er von seinem Sohn, einem jungen Gewalttäter mit dem modischen Namen Pascal, tatkräftig unterstützt wurde.

Vater Thomas kümmerte sich um den Einkauf der Ware und die Organisation der Busfahrten, Sohn Pascal fungierte als „Reiseleiter“ und Verkäufer. Die Methode war einfach und bewährt: Per Postwurfsendung wurden die potentiellen Kunden über den Gewinn irgendeines wertvollen Gegenstands verständigt, der verbunden war mit einer kostenlosen Busreise ins benachbarte Ausland, wo bei Kaffee und Kuchen die Gelegenheit geboten wurde, einmalige, in Österreich nicht erhältliche Produkte zu moderaten Preisen zu erwerben. Kein einziger Teilnehmer einer solchen Tour hatte je seinen versprochenen „Gewinn“ auch nur gesehen, geschweige denn erhalten, aber dafür, dass die teilnehmenden alten Damen die Kaufverträge für Wundermittel gegen Morbus Alzheimer, Rheumadecken und Kristalle zur Abschirmung von schädlichen Umwelteinflüssen in zufrieden stellender Anzahl unterschrieben, sorgte zuverlässig der Reiseleiter Pascal. Erst mit sanftem, später mit weniger sanftem Druck forderte er die Unterschrift und notfalls wurden die Omas, die eigentlich nur etwas Abwechslung und Gesellschaft gesucht hatten, einfach „irrtümlich“ in Bratislava oder Sopron zurück gelassen.

Nun war es aber vor einiger Zeit zu einem kleinen Zwischenfall gekommen. Unter den Gästen einer solchen Reise nach Bratislava befand sich der Pensionist Radovan Nikolic, ein ehemaliger Eisengießer, der während seiner aktiven Laufbahn als gefürchteter Raufbold gegolten hatte. Die Ware war in diesem Fall ein Anti–Aging–Vitaminpräparat, abgepackt in Kurpackungen zu siebenhundertdreißig Stück. Täglich zwei dieser Pillen verjüngten angeblich die Haut um mindestens fünfzehn Jahre und wirkten vorbeugend gegen alle Arten von Krebs.

Vater Schlaglechner hatte das Präparat, das aus Maisstärke bestand, aus Bangladesh zum Packungspreis von einem Euro fünfundachtzig bezogen und Sohn Pascal bot es jetzt zum unschlagbar günstigen Sonderpreis von tausendvierhundertneunundneunzig Euro an. Und um den Erwerb dieser „Jahreskur zur vollständigen Erneuerung des Körpergewebes“ zu erleichtern, wurde gleichzeitig ein Kreditvertrag mit einer rumänischen Bank (die dafür eine anständige Provision ausschüttete) mit angeboten.
Radovan Nikolic war einer der wenigen, die in dem herunter gekommenen Gasthaus in der Nähe von Pertzalka, einem Vorort von Bratislava, nicht unterschrieben hatten. Stattdessen war er mit Pascal etwas aneinander geraten. Als der Reiseleiter ihn daraufhin in der Slowakei „vergessen“ wollte, gelang es Radovan, den Pascal beim Einsteigen in den Bus einfach gegen den Busfahrer zu schmeißen und sich an ihm vorbei zu drücken.
Pascal musste ihn also mitnehmen, hatte aber eine Wut gegen den aufmüpfigen „Tschuschen“ im Bauch, die sich gewaschen hatte!

Während der Fahrt auf der Autobahn nach Wien kam es mehrfach zu Wortwechseln zwischen Radovan und Pascal und kurz nach der Einmündung in die Ostautobahn schließlich zu Handgreiflichkeiten. Plötzlich hatte Radovan ein Messer in der Hand.
Ein paar der alten Damen, die fast alle brav unterschrieben hatten, kreischten auf und Pascal, der sich in der Nähe des am Mittelgang sitzenden Radovan aufgehalten hatte, flüchtete nach vorne zum Busfahrer.

Radovan lief hinter ihm drein, nicht um ihn abzustechen, sondern nur, um dem betrügerischen Affen ein paar hinter die Löffel zu hauen.

Vorn, am Buseinstieg, lag auf der Ablage neben dem Fahrersitz ein großer Schraubenzieher, mit dem der Busfahrer während der Verkaufsveranstaltung ein klapperndes Gepäcksnetz festgeschraubt hatte – und diesen Schraubenzieher rammte der verängstigte Pascal in seiner Panik dem anstürmenden Serben in den Bauch.
Radovan brüllte auf, zwei alte Damen sanken in Ohnmacht, der Bus hielt auf dem Pannenstreifen und der Fahrer rief telefonisch Notarzt und Polizei.
Radovan wurde mit dem Hubschrauber ins Krankenhaus Eisenstadt geflogen und Pascal saß gehörig in der Tinte.

Dummerweise hatte Radovan, der ja lediglich Pascals Nase hatte polieren wollen, das Messer auf seinem Platz liegen gelassen, wo es zwischen Lehne und Sitzfläche gerutscht war. Er war also unbewaffnet gewesen. Und das konnten leider mehrere der alten Damen im Bus bezeugen, zumal sie alle mittlerweile Zeit gefunden hatten, über den Erwerb einer Packung Verjüngungspillen zum Preis von mehr als zwei Monatspensionen nachzudenken und dem Pascal nicht grad freundlich gesonnen waren.

Radovan Nikolic hatte sich dann eine Anwältin genommen, welche Pascal zur Zahlung eines fürstlichen Schmerzensgeldes aufgefordert hatte. Pascals Vater hatte dem Radovan daraufhin einen außergerichtlichen Vergleich angeboten, aber mit dem Gegenwert eines Butterbrotes wollte sich der Serbe nicht zufrieden geben. Die Anwältin, mit der Tommy Schlaglechner sogar persönlich gesprochen hatte, erwies sich als unzugänglich und der Firmenchef hatte nun eine Heidenangst vor dieser Frau Doktor Richter, die den seltenen Vornamen Melitta trug und Anzeichen erkennen ließ, dass sie sowohl dem Unternehmen des Herrn Schlaglechner als auch dessen Geschäftsmethoden keinerlei Sympathie entgegenbrachte. Sie war in der persönlichen Unterredung sogar so weit gegangen, Herrn Schlaglechner anzukündigen, Opfer seiner Geschäftsmethoden ausfindig machen und diese bei rechtlichen Schritten gegen die Firma Schlaglechner unterstützen zu wollen.

Herr Thomas Schlaglechner hegte deshalb den dringenden Wunsch, der irdischen Laufbahn dieser Frau Doktor Richter mit Hilfe eines Schraubenziehers ein abruptes Ende zu bereiten, wobei er besonders auf den Schraubenzieher als Mordwaffe großen Wert legte, um durch dessen Benutzung dem Radovan eine eindringliche Warnung zukommen zu lassen.

Die Tatwaffe Schraubenzieher, auf welcher Thomas bestand, bedeutete natürlich, dass die Behörde gute Gründe dafür finden würde, eine Verbindung zwischen der toten Frau Doktor Richter und dem ebenfalls mit einem Schraubenzieher angestochenen Radovan Nikolic zu vermuten und Vater und Sohn Schlaglechner folglich ein hieb- und stichfestes Alibi benötigten. Deshalb konnte Thomas die Frau Doktor nicht selbst abmurksen und Dolf sollte das für ihn übernehmen.

Dieser fand die Aufgabe zweifellos reizvoll und voller Möglichkeiten, künstlerische Ausdruckskraft in deren Ausführung zu legen. Aber zunächst musste er natürlich an Frau Doktor Melitta Richter herankommen.

Ein fiktiver Interessent für eine seiner Plastiken lieferte Dolf den nötigen Vorwand, sich einen Termin zur Erteilung einer Rechtsauskunft geben zu lassen und an einem heißen Frühsommernachmittag betrat er die Rechtsanwaltskanzlei, die Frau Doktor Richter mit zwei männlichen Kollegen gemeinsam betrieb.

Dr. Melitta Richter war eine sehr schlanke, aber etwas knochige Frau mit brünettem Haar, energischem Kinn und einer modischen Brille, die nicht so recht zu ihr passte. Trotzdem war Dolf von ihr beeindruckt. Sie war bei Gott keine Schönheit, aber auf eine gewisse, herbe Art interessant und wegen der unangenehm hohen Temperatur an diesem Tag hatte sie das dunkle Nadelstreifkostüm, das sie am Vormittag vor Gericht getragen hatte, jetzt in der Kanzlei gegen ein billiges, luftiges Kleid vertauscht. Gerade die Tatsache, dass sie ihrem neuen Klienten in einer Kleidung entgegentrat, die eben so gut eine Hausfrau beim Bügeln hätte benutzen können, veranlasste Dolf dazu, die Anwältin genauer anzusehen, als er vorgehabt hatte. Auch das Gespräch, das sich nun entwickelte, verlief persönlicher, als es Dolfs Absicht entsprach.

Ein nicht unwesentlicher Aspekt des künstlerischen Werts einer Heimführung lag für Dolf im wohl ausgewogenen Verhältnis zwischen Täter und Opfer. Selbstverständlich darf sich der Täter nicht erlauben, eine emotionale Bindung der eigenen Person an die des Opfers zuzulassen, wohingegen der umgekehrte Fall für diesen Auftrag geradezu dringend notwendig war. Frau Doktor Richter musste ein positives seelisches Verhältnis zu Dolf entwickeln, Vertrauen zu ihm fassen und ihm so die Gelegenheit geben, sein Vorhaben in aller Ruhe und ohne Zeugen ausführen zu können.

Als Dolf bekannte, er wäre Bildhauer, blitzten Melittas Augen auf und sie war sofort in hohem Maße interessiert. Die bildende Kunst wäre ihre spezielle Liebhaberei, bekannte sie, wobei der Renaissancemalerei und der modernen Plastik ihr besonderes Interesse galt. Sie war geradezu schockiert darüber, Dolfs Namen noch nicht gehört zu haben.

Dolf bemühte sich, ihr zu erklären, dass er fast ausschließlich Auftragsarbeiten durchführe und sich bisher immer bemüht hatte, in der Öffentlichkeit möglichst wenig Aufsehen zu erregen. Es wäre ihm ein Gräuel, im Mittelpunkt des Interesses zu stehen, erklärte er, und wahre Kunst habe Publicity nicht nötig, zumal er finanzieller Sorgen enthoben wäre.
Melitta verstand das. „Das Zurücktreten des Künstlers hinter sein Werk. Höchst lobenswert!“, meinte sie anerkennend.

Dann drehte sich das Gespräch einige Zeit um Fritz Wotruba und die Frage, ob dessen Dreifaltigkeitskirche im Südwesten Wiens als ein Werk der Plastik oder der Architektur zu bewerten wäre. Dolf sprach sich für die Architektur aus, Melitta hielt das Bauwerk für eine „im Prinzip bewohnbare Skulptur“ und schließlich einigten sie sich lachend darauf, dass die Grenzen zwischen den Kunstgattungen wohl fließend wären.
„Fließend, wie die Grenze zwischen Leben und Tod“, sagte Melitta.
„Wie meinen Sie das?“, fragte Dolf misstrauisch.
„Es sind schon Tote reanimiert worden, die keine Chance mehr hatten“, erklärte Melitta. „Wie wollen Sie sicher sein, dass jemand wirklich tot ist?“
„Da haben Sie recht“, stimmte Dolf zu, aber ein gewisses Unbehagen blieb, obwohl Melitta nun rasch zu den rechtlichen Fragen kam, die Dolf sich zurechtgelegt hatte.
Dolf schrieb die Auskünfte, die ihm Frau Doktor Richter erteilte, sorgfältig mit, obwohl sie ihm ja im Grunde völlig egal waren. Es war eben nur die Perfektion des Vollprofis, die ihn dazu veranlasste.

Schließlich, als Dolf behauptete, alles erfahren zu haben, was ihn im Zusammenhang mit Gewährleistung für bestellte Kunstwerke interessierte, kam Melitta nochmals auf seine Plastiken zurück und äußerte Interesse, möglicherweise eine kleine Skulptur selbst erwerben zu wollen, falls der Preis dafür halbwegs erschwinglich wäre. Ob sie wohl einige seiner Werke besichtigen könne?

Dolf hatte sie dort, wo er sie haben wollte. Dass es so einfach gegangen war, beunruhigte ihn zwar ein wenig, denn er misstraute prinzipiell allen Glücksfällen, aber er unterdrückte das Gefühl. Immerhin, Kunstinteressierte sollte es ja mitunter geben…
So wurde ein Besuch Melittas in Dolfs Atelier vereinbart und der Termin festgelegt.

Etwa eine Woche später besuchte Frau Doktor Richter den Bildhauer an einem regnerischen Abend. Sie war erstaunlich pünktlich und Dolf bat sie über die Torsprechanlage in seine Wohnung im dritten Stockwerk.

In einem Altbau, der um 1890 entstanden war, lebte Dolf in einer großen, gemütlichen Wohnung, die durch das Zusammenlegen von drei ehemaligen Substandardwohnungen entstanden war. Sein Atelier befand sich im Keller des Hauses, eine ehemalige Schlosserwerkstatt mit separatem Eingang von der Straße her. Aber auch in seinen Wohnräumen hatte Dolf ein paar Skulpturen stehen.

Er bevorzugte weichen Kalkstein, weil dieser relativ leicht zu bearbeiten war und Dolf nicht den Ehrgeiz hatte, etwas für die Ewigkeit zu schaffen. Und im Grund genommen waren seine plastischen Kunstwerke nur die notwendige Voraussetzung für seine eigentliche Berufung, auf möglichst künstlerische Weise Lebensbeendigungsaktionen durchführen zu können.

Nichtsdestoweniger verwandte Dolf, Perfektionist wie er war, beträchtliche Mühe in seine Bildhauerei und einigen seiner Plastiken konnte man hohe künstlerische Qualität keinesfalls absprechen.

Melitta war auch sehr angetan von den Stücken, die Dolfs Wohnzimmer zierten, obwohl es sich ausschließlich um kleine, leichte Skulpturen handelte. Die größeren hätte er in seiner Werkstatt im Keller, erklärte er. Er würde sie später demonstrieren, jetzt habe er nur einen kleinen Imbiss vorbereitet.

Der „kleine Imbiss“ stammte von einem renommierten Unternehmen, das auch die Buffets bei Regierungsempfängen betreut und bestand aus erlesenen Köstlichkeiten. Dazu hatte Dolf französischen Champagner vorbereitet. Er machte grundsätzlich nie den Fehler, am falschen Platz zu sparen.
Es wurde ein durchaus interessanter, aber etwas unheimlicher Abend und am Ende war zwar Dolf einen entscheidenden Schritt weitergekommen. Allerdings zweifelte er aber den ganzen Abend über ernsthaft an seinem Verstand, was ihn veranlasste, beinahe pausenlos zu rauchen. Melitta entwickelte eine geradezu unwahrscheinliche, überaus makabre Fantasie in Bezug auf Dolfs Skulpturen.

In einer Ecke des Wohnzimmers etwa lag ein flacher, nur etwa fünf Zentimeter hoher Stein, dessen Oberseite Dolfs Meißel eine wellige Struktur verliehen hatte und der an eine bewegte Wasseroberfläche gemahnte. Melitta bezeichnete die Arbeit sofort als „Schwimmbecken, in dem ein Mensch ertränkt wurde“. Eine aufrechte, reich strukturierte, beinahe kubistische Skulptur, die keinerlei Ähnlichkeit mit einer menschlichen Gestalt hatte, apostrophierte sie als „Mann mit einem Messer im Rücken“ und eine etwa zwanzig Zentimeter hohe, aus zwei Teilen zusammengesetzte Halbkugel aus grauem Marmor als „zertrümmerte Schädeldecke“: Kurz, Melitta fand in allen Werken eine dominierende Komponente, die stark mit dem Tod in Verbindung stand.

Nun war es tatsächlich so, dass Dolf seine Skulpturen hauptsächlich während der Vorbereitung zu einem Auftrag geschaffen hatte und im Zug der Arbeit intensiv an seine bevorstehenden Aktionen dachte. Konnte diese höchst seltsame Frau möglicherweise geistige „Schwingungen“ fühlen, die Dolf unbewusst seinen Skulpturen aufgeprägt hatte? Dieser skurrile, unmögliche Verdacht erhärtete sich noch für Dolf, als Melitta eine unscheinbare Skulptur mit weichen, runden Formen mit dem Titel „Aufgespießter“ bedachte und sich Dolf daran erinnerte, dass er tatsächlich am Tag nach deren Entstehung einem gewissen Matzendorfer ein langes, rostiges Profileisen unterhalb des Brustkorbes durch den fetten Leib gerammt hatte.

Melitta trug an diesem Abend ein dunkelgrünes Kostüm mit engem Rock und wirkte gar nicht so knochig, wie Dolf sie in Erinnerung hatte, sondern erschien ihm im Gegenteil äußerst reizvoll. Dazu mochte auch die leicht frivole Stimmung beitragen, in der sich Melitta, offenbar nach dem Genuss von zwei Gläsern Champagner, befand und Dolf sparte nicht mit Komplimenten.

Noch bevor sie das Atelier im Keller besuchten, sagten Melitta und Dolf bereits „du“ zueinander und Melitta betonte mehrfach, wie sehr sie sich freue, einen so talentierten Künstler und dessen überaus ausdrucksstarken Werke kennen gelernt zu haben.

Im Halbdunkel des Ateliers entdeckte Melitta dann noch einen „Strangulierten“ (die Skulptur, die vor der Sache mit dem Toten in der Geisterbahn entstanden war), ein „vergiftetes Mädchen“ und einen „Mann im Starkstromkreis“. Plötzlich trat sie nahe an den Bildhauer heran.

„Du hast so was Gefährliches an dir, Dolf. Etwas Faszinierendes, anziehend und bedrohlich zugleich, etwas, das beinahe nicht von dieser Welt zu sein scheint. Und du strahlst eine Stärke aus, eine Kraft, der man nicht widerstehen kann“, gestand sie leise.
Sie widerstand auch nicht, als Dolf sie an sich zog und küsste. Seltsamerweise fühlte er nichts Knochiges an dieser weichen, reizvollen Frau, sondern ein starkes Verlangen nach seiner Wohnung im dritten Stock und da speziell nach seinem geräumigen, luxuriösen Bett. Sanft drängte er Melitta aus dem Atelier und die Treppe hinauf.

Melitta erwies sich als äußerst anschmiegsame Geliebte und Dolf hätte dutzendfach Gelegenheit gehabt, sie abzumurksen, sogar wie bestellt mit einem Schraubenzieher. Aber das ging natürlich nicht. Melittas Körper musste mittlerweile strotzen von seiner DNA.

Nein, es würde sich noch Gelegenheit dazu ergeben, sie zu exekutieren, ohne diese verdammte Desoxyribonukleinsäure zu hinterlassen.
Gegen dreiundzwanzig Uhr äußerte Melitta den Wunsch, heimzufahren. Sie ließ sich nicht überreden, die Nacht über bei Dolf zu bleiben und dieser bestand natürlich an diesem ersten Abend nicht drauf. Melitta zog sich ins Bad zurück und nahm noch eine Dusche.

Als sie fertig angezogen zu Dolf ins Schlafzimmer kam, trug sie eine seiner Masken in der Hand, mit der er bei der Arbeit Mund und Nase bedeckte, um husten zu können, ohne Spuren zu hinterlassen. Dolf hatte sie im Bad in dem Schrank aufgehoben, in dem auch die Handtücher lagen. „Wozu brauchst du denn das?“, fragte sie.

Dolf lag noch immer nackt im Bett und er fasste sich glücklicherweise schnell. „Bei der Arbeit“, erklärte er. „Wenn man meißelt oder schleift kommen einem sonst manchmal Splitter in den Hals.“
Melitta band sich den Mundschutz vors Gesicht. „Klug von dir“, sagte sie durch den Stoff hindurch. „Stört überhaupt nicht“, stellte sie fest und nahm die Maske wieder ab.
„Wann seh ich dich wieder?“, fragte Dolf. „Du hast dir übrigens keine Skulptur ausgesucht. Du wolltest ja eine, oder?“
„Die Dinger sind unbezahlbar. Zu teuer für mich.“
„Ich schenk dir natürlich eine. Was heißt eine! Ich schenk dir alle!“
Melitta beugte sich zu Dolf hinunter und küsste ihn. „Ich ruf dich an.“
„Lass mich nicht zu lang warten.“
Melitta drückte noch einen Kuss auf Dolfs Lippen, dann ließ sie ihn in reichlich verwirrtem Zustand allein.

Erstmals in seiner langen Laufbahn als Auftragsmörder befand sich Dolf in einem Konflikt zwischen Pflicht und Neigung. Es tat ihm unendlich Leid, diese wunderbare Frau eliminieren zu müssen und er hätte ein Vermögen drum gegeben, aus dem Vertrag mit dem verfluchten Schlaglechner aussteigen zu können. Aber damit würde er seinen Ruf der Zuverlässigkeit ein für alle Mal verlieren. Es war sein wichtigster Grundsatz, eingegangene Verpflichtungen unter allen Umständen, auch den widrigsten, zu erfüllen – das war unumgänglich in einer Branche, die ausschließlich auf Mundpropaganda aufgebaut war. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als Melitta tatsächlich den Schraubenzieher ins Herz zu rammen. Alles was er für seine Geliebte tut konnte, war, den Stoß möglichst präzise auszuführen und die Sache für sie möglichst wenig unangenehm zu gestalten. Der erste Stich musste tödlich sein!

In dieser Nacht konnte Dolf nicht schlafen. Immer wieder kam ihm der dicke Matzendorfer in den Sinn, dessen Leiche er damals auf dem Altmetalllagerplatz noch künstlerisch gestaltet hatte. Er hatte das Profileisen, das er in den fetten Körper gerammt hatte, senkrecht in einen Haufen Schrott gesteckt, was ihm zwar einige Mühe machte und schließlich nur unter Zuhilfenahme eines alten Flaschenzugs, der dort herumlag, gelang, aber für den künstlerischen Aspekt unumgänglich war. Er hatte damals eine wirkliche Skulptur hinterlassen – eine Leiche, die weithin sichtbar auf einem Schrotthaufen schräg aufrecht an einem Profileisen hing, etwas labil zwar, aber damit weithin signalisierte, welches Ende wortbrüchige Schrotthändler zu gewärtigen hatten. Dolf hatte etwas Ähnliches mit der Leiche der Anwältin vorgehabt, aber jetzt graute ihm vor dem Gedanken. Erstmals in seiner Karriere betrachtete er ein Opfer nicht als Objekt, sondern als Mensch, den er mochte und überdies noch dazu körperlich begehrte.

Am Morgen dieser schlaflosen Nacht war er zu dem Entschluss gekommen, zu versuchen, wenigstens Zeit zu gewinnen. Der Auftrag war an keine Frist gebunden, innerhalb der die Anwältin zu erledigen war. Zumindest einige Wochen würde er versuchen, herauszuschinden. Einige Wochen mit möglichst vielen Abenden wie gestern.

In den nächsten Tagen sahen Melitta und Dolf einander häufig, meist erst am späten Abend, denn Melitta arbeitete oft ziemlich lang in ihrer Kanzlei. Tagsüber werkte Dolf an einer neuen Skulptur als Geschenk für Melitta. Er arbeitete wie besessen, denn er wusste, dass ihm nicht viel Zeit blieb und in seiner ehrlichen Zuneigung zu der Anwältin wollte er ihr noch eine Freude bereiten, ehe er sie ins Gras beißen lassen musste.

Kaum zwei Wochen nach Melittas erstem Besuch meldete sich sein Auftraggeber Tommy Schlaglechner telefonisch bei Dolf. Was denn nun mit der Erfüllung des Auftrags wäre? Immerhin habe er, Schlaglechner, bereits eine ansehnliche Anzahlung geleistet. Wenn die Arbeit nicht binnen einer Woche erledigt würde, müsste er seinen Sohn Pascal ersuchen, dem Dolf, eventuell mit ein paar kräftigen Freunden, einen Besuch abzustatten, der ihm vielleicht nicht so besonders angenehm wäre.

Dolf tat sein Möglichstes, Schwierigkeiten bei der Kontaktaufnahme mit Doktor Richter vorzuschützen, aber Schlaglechner wischte alle diesbezüglichen Einwände beiseite. Er wisse längst, dass sich Dolf mit der Anwältin bereits angefreundet habe. Also eine Woche habe er noch Zeit, andernfalls…

Dolf legte keinen Wert darauf zu erfahren, was andernfalls passieren würde und fragte gar nicht danach.
Jetzt hatte er seinen Termin und diese Tatsache versetzte ihn in einen seelischen Zustand, den er noch gar nicht kannte. Am besten wäre dieser mit „Trauer“ umschrieben, obwohl ihm gar nicht in den Sinn kam, gegen die Notwendigkeit, Melitta mit dem Schraubenzieher abzustechen, anzukämpfen. Er war nun einmal Künstler und Killer. Daran ließ sich nichts ändern, auch wenn es ihm das Herz brach.

Zwei Tage nach Schlaglechners Anruf kam Melitta abends zu ihm und blieb über Nacht. Dolf hatte seine Plastik für sie beinahe vollendet und seit dieses Werk in seinem Kelleratelier Form annahm, ließ er Melitta nicht mehr in seinen Arbeitsraum. Sie wusste, weshalb und betonte, dass sie sich auf die eigens für sie angefertigte Arbeit wahnsinnig freue.

Der Abschied am Morgen nahm Dolf seelisch sehr mit. Er wusste, jetzt würde er seine Geliebte nur noch zweimal sehen. Wenn er ihr die Skulptur überbrachte – und dann am letzten Tag ihres Lebens.

Auch Melitta war an diesem Morgen verändert. Nicht so fröhlich, wie er sie an solchen Morgen nach ihren gemeinsamen Nächten in Erinnerung hatte. Auf seine besorgte Frage, gestand sie, schlecht geschlafen zu haben.

„Du hast ja auch schlecht geträumt“, sagte sie. „Muss was mit dem Wetter zu tun haben.“
„Ich hab schlecht geträumt? Kann mich nicht erinnern.“
„Du hast im Schlaf gesprochen.“
Dolf war schockiert. „Was denn?“, fragte er in Panik.
„Nur so gemurmelt. War nicht zu verstehen“, beruhigte Melitta. „Ich sag ja, das Wetter wahrscheinlich.“ Sie trank ihren Kaffee aus, gab Dolf einen Kuss und fuhr in die Kanzlei.
Zwei Tage später lud Dolf die vollendete Skulptur für Melitta mit viel Mühe — das Ding war ganz schön schwer — in seinen Wagen und fuhr hinüber in die Donaustadt, wo Melitta eine Genossenschaftswohnung in einer großzügigen Wohnhausanlage besaß. Er kam sich vor, als ob er zum Begräbnis eines nahen Verwandten unterwegs wäre. Heute musste er mit Melitta vereinbaren, wo das letzte Zusammentreffen stattfinden sollte, denn es kam natürlich gar nicht in Frage, dass er sie in einer ihrer beiden Wohnungen abstach.

Die Plastik, die er Melitta mitgebracht hatte, versetzte die Anwältin in einen Zustand andächtiger Bewunderung. „Dolf, das ist großartig! Man spürt ganz deutlich die Trauer, mit der der Stein förmlich getränkt ist! Was hat dich bei der Arbeit so traurig gemacht?“
Obwohl Dolf gewusst hatte, dass Melitta sehr sensibel auf seine Plastiken reagierte, war er auf die Frage nicht vorbereitet und suchte stammelnd nach Ausflüchten: „Wahrscheinlich, dass ich dich nicht oft genug sehen kann“, sagte er schließlich.
„Das können wir ja ändern“, schlug Melitta neckisch vor. „Aber bis dahin sollten wir Quantität durch Qualität ersetzen.“

Tatsächlich ließ der Abend in Bezug auf Qualität nichts zu wünschen übrig. Als Dolf sich schließlich gegen Mitternacht verabschiedete, schlug er für den nächsten Tag ein abendliches Treffen in der freien Natur vor. Melitta schien verwundert. „Warum denn das?“

„Wegen der Romantik“, behauptete Dolf. „Ein Abend oben auf dem Kahlenberg. Unter uns die Lichter, um uns die Wälder und nur du und ich. Stell ich mir wunderbar vor.“
Lächelnd sagte Melitta: „So kenn ich dich gar nicht!“ Aber sie war einverstanden und man vereinbarte ein Treffen auf dem Parkplatz bei der Kirche.

In dieser Nacht konsumierte Dolf, der normalerweise kaum Alkohol zu sich nahm, insgesamt vier Gläser Weinbrand, so sehr nahm es ihn mit, dass am nächsten Tag seine Melitta tot sein würde.

Am Morgen rief er Schlaglechner an: „Aktion findet heut Abend statt. Verduften Sie!“
Na, es wäre ja höchste Zeit, meinte Schlaglechner. Sein Sohn und er würden dafür sorgen, dass ihr Alibi unerschütterlich wäre.

Im Frühsommer wird es spät dunkel. Erst gegen einundzwanzig Uhr traf Dolf auf dem Kahlenberg ein. Der große Parkplatz war nahezu leer und Melittas kleiner Wagen stand in unmittelbarer Nähe der spätbarocken Kirche. Dolf parkte unmittelbar neben ihr.
Einem flüchtigen Begrüßungskuss konnte sich Dolf nicht entziehen. Aber der würde wohl kaum DNA–Spuren hinterlassen.

Dann wanderten Melitta und er langsam in der einbrechenden Dunkelheit am Hotel vorüber und durch den Wald die Kuppe zum Fernsehsender hinauf. Die Lichter der Stadt, die bereits eingeschaltet sein mussten, waren vom Waldweg aus nicht zu sehen. Kein Mensch weit und breit war zu bemerken.

Dolf hatte den Schraubenzieher noch in seiner Kunststoffverpackung in der rechten Hosentasche und die Handschuhe in der linken. Melitta ging nahe an seiner Seite.
Als sie etwa zehn Minuten langsam bergauf geschlendert waren, fragte Melitta: „Von dort oben sieht man auf die Stadt? Da ist doch nur Wald.“

„Stimmt“, sagte Dolf heiser und zog sich die Handschuhe an. Es war so weit.
Melitta stand in etwa einem Meter Abstand und sah Dolf interessiert zu, als dieser den Schraubenzieher aus der Hosentasche zog.

„Original verpackt“, stellte Melitta fest. „Sehr gescheit!“
Während sie das sagte, öffnete sie ihre Handtasche und nahm eine kleine, schwarz glänzende Pistole heraus. „Ich glaub, du willst wissen, wie ich’s bemerkt hab“, sagte sie.
Bei Dolf setzte in diesem Augenblick das Hirn aus. Im wahrsten Sinn des Wortes war er momentan zu keinem Gedanken fähig, so überrascht war er. Er stand nur da wie eine Statue, allerdings eine naturalistische.

„Sechs Dinge waren’s“, erklärte Melitta. „Du wirst bemerkt haben, dass ich irgendwie sensitiv bin, was Kunstwerke betrifft. In der Parapsychologie nennt man das Psychometrie. Kein sehr glücklicher Fachbegriff, weil das in der klassischen Psychologie die Wissenschaft von der Messung psychischer Vorgänge ist.“

Einen Augenblick lang überlegte Dolf, ob er zustechen sollte und machte dabei eine unbewusste Bewegung.
„Lass das lieber“, warnte Melitta. „Ich bin nicht sehr gut mit der Pistole!“ Dolf blieb weiter starr und stumm stehen.

„Ja, die Psychometrie“, fuhr Melitta fort. „Du hast während der Arbeit an deinen Skulpturen intensiv an deine Morde gedacht. So was prägt sich dem Stein ein und ich kann das fühlen. Frag nicht, wie! Ich kann’s eben. Alle deine Plastiken strahlen den Tod aus. Das war der erste Punkt. Der zweite war deine panische Angst vor DNA-Spuren. Die Maske in deinem Bad. Du hast gesagt, du brauchst die bei der Arbeit am Stein. Blödsinn! Du rauchst wie ein Schornstein und deine Lunge ist dir egal. Die Maske brauchst du bei deinen Morden! Das ist der zweite Punkt. Der dritte ist die Plastik bei dir im Atelier, die eine Doppelhelix darstellt. Deine Art, mit deiner Angst vor der Desoxyribonukleinsäure umzugehen. Aber der vierte Punkt war der entscheidende. Du hast neulich im Schlaf gesagt: ‚Nicht Melitta, bitte, und nicht mit dem Schraubenzieher’. Wer wollte mich wegräumen?“

Dolf stand noch immer starr und unbeweglich. „Und der fünfte und sechste Punkt?“, fragte er dann heiser.
„Der fünfte Punkt“ sagte Melitta, „ist deine Plastik für mich. Da liegt so viel Trauer drin. So viel Fatalismus und Entsagung. Ich glaub fast, du hast mich wirklich ganz gern gehabt.“
Dolf machte Anstalten, den Schritt, der ihn von Melitta trennte, zu tun. „Ich lieb dich immer noch!“, rief er.

„Rühr dich nicht!“, befahl Melitta. „Lass mich ausreden! Der sechste Punkt war der, der mich überhaupt drauf gebracht hat. Vor einiger Zeit hast du einen gewissen Matzendorfer umgebracht und seine Leiche wie eine Skulptur auf einem Alteisenhaufen regelrecht inszeniert. Ich befass mich auch ein bisserl mit Kriminologie und in Wien werden nicht so viele Leut’ umgebracht. Deshalb kenn ich den Fall. Ich hab einen Bekannten, der Mitglied der Mordkommission war und wir haben schon damals gedacht, dass das nur ein Künstler gemacht haben konnte. Wie ich dann deine Skulpturen gesehen hab, hat’s ‚klick’ gemacht.“

Dolf hatte zwar gebannt zugehört, aber gleichzeitig hatte sein Denkvermögen wieder eingesetzt. Jetzt zog er den Schraubenzieher aus der Kunststoffumhüllung.
„Lass das!“, herrschte ihn Melitta an. „Sonst muss ich doch noch schießen und ich bin nicht gut beim Zielen. Willst mich nicht fertig reden lassen?“
„Bitte“, sagte Dolf und blieb wieder unbeweglich stehen.
„Bei jedem Gericht würd’ ich mit meiner Psychometrie baden gehen“, gestand Melitta nun viel ruhiger. „Ich hab nicht den geringsten Beweis, obwohl ich mir sicher bin.“
„Dann tu die Krachen weg“, sagte Dolf.
„Net, solang du mit’m Schraubenzieher herumfuchtelst“ meinte Melitta kopfschüttelnd. „Aber wir könnten drüber reden. Keine Menschenseele weit und breit, niemand hat uns g’hört. Ich wär’ ja blöd, wenn ich mich auf so was wie eine Anzeige einlassen tät’. Da wär’ meine Reputation als Anwältin hin. Außerdem hätt’ es dir wirklich Leid getan, mich abstechen zu müssen. Das beweist deine Plastik für mich.“

„Dann willst mich laufen lassen?“, fragte Dolf ungläubig.
Melitta antwortete mit einer Gegenfrage: „Wer wollte mich weg haben? Sag’s, und ich lass dich wirklich laufen.“
„Thomas Schlaglechner“, gestand Dolf.
„Hab ich mir fast gedacht“, lächelte Melitta. „Deshalb der Schraubenzieher! Wegen dem ang’stochenen Serben! Hilfst mir, den Typen fertig machen? Du brauchst nur vor Gericht aussagen, dass er dich beauftragen wollt’, mich abzumurksen. Dann darfst in Zukunft aber keine Leut’ mehr umbringen!“
„Und von was soll ich dann leben?“, fragte Dolf.
„Von deiner Bildhauerei“, sagte Melitta und sah ihn groß an, als ob das selbstverständlich wäre. „Du kannst noch ganz groß rauskommen! Ich helf’ dir schon dabei.“
„Was? Du hilfst mir? Einem Mörder?“
„Das sind viele ehrenwerte Politiker auch“, stellte Melitta fest. „Je mächtiger, umso mehr Blut haben’s an den Pfoten. Mach das mit deinem Gewissen ab.“ Sie steckte die Pistole wieder in die Handtasche, obwohl Dolf immer noch den Schraubenzieher in der Hand hatte.
Dann standen sie schweigend einander noch lange in der immer mehr zunehmenden Dunkelheit gegenüber. Schließlich sagte Dolf leise „Okay“ und steckte den Schraubenzieher ein.
In einigem Abstand voneinander gingen sie dann immer noch schweigend zu ihren Fahrzeugen zurück.

Melitta und Dolf wurden nach dieser Unterredung selbstverständlich kein Paar. Dolf ist heute unter einem Künstlernamen recht bekannt und verdient gut, ist nach wie vor in Melitta unglücklich verliebt und noch immer damit beschäftigt (nicht sehr intensiv übrigens), seine frühere Tätigkeit mit seinem Gewissen abzumachen.
Aber zumindest bringt er niemanden mehr um, und das ist immerhin etwas…

Diese Seite teilen