KunstGeschichten

KunstGeschichte: Die chinesische Hündin

Als eines Tages eine Kiste voller Gemälde vor ihrem Chinarestaurant steht, weiß My-Chi Wong zunächst nicht, was sie damit machen soll. Doch schon bald blüht der Handel und ruft Neider auf den Plan. Erich Wurth über bedeutungsschwangere Namen, perfekte Reproduktionen und unternehmerischen Biss.

My-Chi Wong war bereits seit fünf Jahren in Wien.
Sie war damals auf abenteuerlichem Weg über die Türkei mit ihrem Mann Tian Wong gekommen und in Istanbul hatte sie so viel von der Sprache aufgenommen, so dass sie sich einigermaßen auf Türkisch verständigen konnte.
Das kam ihr auch heute noch zugute.

My-Chi wohnte in einer Altbauwohnung in der Kettenbrückengasse und hatte ihr Restaurant auf dem Naschmarkt. Wobei der Begriff „Restaurant“ eigentlich nicht ganz passend war. Es handelte sich um einen „Marktstand“ in einem kleinen, alten Holzgebäude, der umgebaut worden war, neben einem Geschäft, das frische Seetiere verkaufte und dessen bester Kunde My-Chi war.

My-Chi war etwas über vierzig Jahre alt, sah aber wesentlich jünger aus. Das mochte vielleicht an ihrer Kleidung liegen, denn sie hatte sich nicht an die westlichen Bekleidungsvorschriften angepasst und trug hauptsächlich chinesische Kleidung, ohne allerdings ihre Füße nach alter chinesischer Tradition in die Form von „Lotosfüßen“ gebracht zu haben. Sie hatte sich in ihrer Kindheit schlicht geweigert, sich die Füße abbinden zu lassen und damals, zum Teil noch in der Zeit der „Viererbande“, legte man nicht mehr so großen Wert auf Traditionen. Das „Füßeabbinden“ war bereits unmodern geworden und wurde nur mehr in einflussreichen und wohlhabenden Familien praktiziert.

Nun, My-Chis Familie war wohlhabend. Aber man ließ dem kleinen Mädchen ihren Willen.
Als Ausgleich für ihre „großen“ Füße trug My-Chi normalerweise Schuhe mit sehr hohen Absätzen, die optisch den Fuß verkleinerten und das, verbunden mit langen, bunten, seitlich geschlitzten Röcken machte einen recht erotischen Eindruck auf ihre Umgebung.

Die Kleidungstücke erhielt sie per Post von ihrer Schwester, die nach Shenzhen, nördlich von Hong Kong gezogen war und dort in einer Textilfabrik arbeitete. Es war aber keine traditionelle chinesische Kleidung, sondern für den europäischen Markt hergestellt und einigermaßen „verwestlicht“. Aber My-Chi passten die Teile hervorragend.

Aus dem Stand am Naschmarkt hatten ihr Mann Tian und sie selbst tatsächlich ein „Restaurant“ gemacht, mit Sitzterrasse außen und sieben runden Tischen im Innenbereich. Und das „Jade am Markt“ war immer ziemlich voll, denn die beiden Chinesen kochten großartig. Dazu mochten auch die immer frischen Seetiere beitragen, die der Nachbar des Ehepaars Wong dem Restaurant lieferte, ein Herr Yülmaz aus Iskenderun. Vor allem My-Chi kam oft hinüber zu ihm und hielt ein Schwätzchen in türkischer Sprache. Yülmaz lachte oft über ihre grammatikalischen Fehler, aber er schätzte die Chinesin, die als einzige Nicht-Türkin mit ihm in seiner Muttersprache verkehrte.

Frau Wong sprach außerdem auch ein ausgezeichnetes Deutsch. Und zwar ohne die Fehler, die man den Chinesen allgemein nachsagt. So konnte sie ohne weiteres ein „R“ aussprechen und verwendete nicht das „L“, wie man es den Chinesen normalerweise zuschreibt.
My-Chi Wong war somit eine echte Bereicherung für den Naschmarkt! Na, und ihre Speisen erfüllten ohnehin alle Wünsche des Publikums!

Irgendein Anrainer, der in der Schönbrunner Straße wohnte, erzählte eines Abends beim Bier in der „Goldenen Glocke“, dass Wong das chinesische Wort für „Hund“ wäre. Worauf Frau My-Chi Wong nur mehr als die chinesische Hündin bezeichnet wurde. Das erfuhr sie natürlich, es machte ihr aber nichts aus, zumal „Hund“ in ihrer Heimat nicht als Schimpfwort benutzt wird.
Und dann wurde plötzlich der Friede der Familie Wong durch eine größere Frachtsendung aus China gestört.

Ein Speditionsunternehmen rief die Frau Wong an und avisierte einen Karton aus Guangzhou, der 96 kg schwer war und angeblich Kunstwerke enthielt. My-Chi war irritiert. In Guangzhou kannte sie niemanden und mit Kunstwerken hatte sie überhaupt nichts am Hut. Aber da die Frachtkosten bereits bezahlt waren und kein Zoll anfiel (Kunstwerke sind zollfrei), gab sie dem Drängen der Spediteurin nach und ließ sich die Kiste in ihr Restaurant zustellen.

Ihr Mann und sie öffneten die Verpackung gleich am Morgen, als noch keine Gäste da waren. Es waren Bilder drin. Und ein Brief.
Darin schrieb ein gewisser Foguang Sun, er wäre Künstler und Drucker, besitze eine Druckerei in Zengcheng, dem östlichen Stadtteil von Guangzhou und habe eine Methode gefunden, Gemälde so zu drucken, als wären sie original gemalt.

Er habe ein paar Gemälde des Malers Hu Xin beigeschlossen, die in China sehr begehrt wären und die er mit seiner neuartigen Drucktechnik vervielfältigt habe. Die moderne Globalisierung lasse ihn darauf hoffen, die chinesische Kunst auch in Europa populär zu machen und deshalb ersuche er, die beigelegten Gemälde zu verkaufen. Seine Eigenkosten betrügen pro Gemälde etwa tausend Yuan Renminbi. Frau Wong möge ihm zumindest diesen Betrag pro Bild überweisen. Er habe übrigens ihre Adresse von ihrer Schwester in Shenzen, die sich sehr um die Anerkennung der chinesischen Malerei im Westen bemühe.

Die Wongs unterzogen die Gemälde einer Prüfung. Es war wirklich nicht festzustellen, dass es sich um Reproduktionen handelte. Die Ölfarbe war tatsächlich wie mit einem Pinsel aufgetragen.
Es waren sehr bunte Gemälde, die eindeutig ihre chinesische Provenienz verrieten. Aber die Motive waren durchaus modern. Meist chinesisch anmutende Landschaften mit einer Person mittendrin, deren Kleidung weitere Motive enthielt, so, wie wenn da Bilder aufgedruckt wären. Es waren in der Tat reizvolle Gemälde!

Tian Wong war sofort dafür, den Vertrieb der Bilder zusätzlich zu übernehmen. Nur: Wo sollte man die „Ware“ aufbewahren? Keller hatte das Restaurant nicht, da es ja auf der Überwölbung des Wienflusses errichtet war. Herr Wong entschied sich dafür, einen Teil der Bilder im Restaurant aufzuhängen und den Rest in ihre Wohnung zu bringen.

An diesem Tag musste Frau Wong das Bami Goreng allein zubereiten, dass am Vormittag so gerne von den Gästen bestellt wurde und das normalerweise von Tian gekocht wurde, denn ihr Mann war damit beschäftigt, die Gemälde effektvoll an die Wände zu nageln.

Als die ersten Gäste zum Mittagessen eintrafen, war Tian Wong mit dem Aufhängen der Bilder fertig und begab sich mit den restlichen Gemälden zu der Wohnung der Wongs in der Kettenbrückengasse. An der Kreuzung mit der Rechten Wienzeile traf er auf Marc Schlögl.
Der Versuch, ihn zu ignorieren, scheiterte. Marc begrüßte den Chinesen höflich und mit einem gewissen Enthusiasmus: Was für schöne Bilder er denn da hätte.
Na, Bilder aus China. Man werde versuchen, diese hier in Wien zu verkaufen.
Das trug Tian in seinem mangelhaften Deutsch vor und wandte sich wieder seinem Weg zu. Aber Marc ließ ihn nicht so einfach laufen.

Tian hatte keine gute Meinung von Marc Schlögl. Er war Bühnenarbeiter drüben im Theater an der Wien und er war dauernd in Geldnöten. Außerdem war er das, was man in Wien einen „Zornbinkel“ nennt. Über banale Kleinigkeiten konnte er in solche Wut geraten, dass man besser zusah, nicht in seiner Nähe zu sein. Und er schlug nicht nur unbarmherzig zu, es war ihm ziemlich egal, in solchen Situationen auch eine Waffe zu gebrauchen.

Als sich Marc nun an Tians Gemälden interessiert zeigte, gab dieser nach und präsentierte die Bilder. Marc war höchst erstaunt, als er auf allen Gemälden Frauengestalten sah, deren Kleidung mit diversen Motiven übersät war und die ganz eigenartig und fremd aussahen.
„Wo san denn die her?“, fragte Marc.
„Guangzhou“, gab Tian wahrheitsgemäß Auskunft.
„Die kann man aber sicher aa da in Wien verkaufen!“
„Will ich auch“, gestand Tian. „Im Restaurant sind noch Bilder!“
In Marcs Hirn regte sich plötzlich das Verlangen, solche Bilder selbst zu verkaufen. So, wie die Dinger aussahen, brachte man die leicht an den Mann!
„Gib her, das mach i, net du!“
„Ich hab Auftrag!“, bestand Tian auf seinem eigenen Verkauf. „Wenn du machst Problem, ich mit dir mache Matsubayashi-Ryu.“

Eine solche Androhung einer Serie von Karategriffen war dem Marc äußerst peinlich, der Chinese war immerhin ein stämmiger, kräftiger Kerl und am Naschmarkt wusste man von seiner Vergangenheit als Karatekämpfer. Also gab Marc klein bei: „Will dir ja nix wegnehmen! Hab nur gedacht, vielleicht kann ich auch im Verkauf mitmachen.“

„Dann mach auch Verkauf. Bild kostet Minimum 125 Euro. Sind 1000 Yuan Renminbi. Aber besser du nimmst 200 Euro. Bilder lagern bei mir in Wohnung. Kunde können anschauen in Restaurant!“
Marc hatte keine Ahnung von Preisen für Kunstwerke. Aber 200 Euro schienen ihm ziemlich billig zu sein und er beschloss, einen entsprechenden Gewinn noch hinzuzurechnen.
„OK“, sagte er. „Grüße an deine Miss China!“
Tian nickte und machte sich mit seinen Bildern wieder auf den Weg.

Zehn Minuten später traf Marc im Restaurant „Jade am Markt“ ein, um sich an einem süß-sauren Fisch zu delektierten und sich die Bilder anzusehen, die hier hingen. Es waren ausgesprochen schöne Stücke!
„Auch zweihundert Euro?“, fragte Marc, als My-Chi wieder einmal vorüber kam.
Frau Wong nickte. „Das sind aber Reproduktionen“, sagte sie. „Gedruckt nach einer neuen Methode.“
„Das fallt aber niemandem auf“, meinte Marc. „Braucht man gar net sagen, dass die net echt sind! Wenn i eins verkauft hab, hol ich's mir!“

Marc trank sein Bier aus und marschierte zum Theater an der Wien. Heute Nachmittag war Probe.
Einer der ersten, die ihm über den Weg liefen, war dieser aufgeblasene Bariton, dieser halber Tscheche mit dem englischen Künstlernamen. Hubbel, Leslie Hubbel nannte er sich. Tatsächlich war er der Chlupy Frantisek. Und er stammte aus Favoriten, dem zehnten Bezirk, der vor hundert Jahren noch hauptsächlich von den „Ziegelböhm“, den Tschechen im Dienst der Ziegelgruben bewohnt war. Wahrscheinlich hatte auch noch sein Großvater Lehm für die Wienerberger Ziegelei abgebaut.

„Herr Kammersänger“, sprach ihn Marc an, obwohl der Hubbel den Titel natürlich gar nicht hatte. Aber „Kammersänger“ klingt so schön! „Sie interessieren sich doch für Malerei? Ich hab da ganz neu ein paar Gemälde aus China. Schöne Stücke! Von einem berühmten Maler. Wie er heißt weiß i net, das kann man sich ja gar net merken, aber Sie können sich die Bilder anschauen im 'Jade am Markt', bei der feschen Chinesin. Kommen S' nach der Probe mit hin?“

Der Bariton sah den Marc etwas von oben herab an und sagte: „Heut' net! Ka Zeit für so was!“
„Na, sagen Sie's mir, wenn Sie einmal können! Aber das muss bald sein, die Dinger geh'n weg wie die warmen Semmeln. Kosten nur 500 Euro!“
„Morgen vielleicht“, sagte Hubbel.

Das wartete Marc natürlich nicht ab. Er machte sich sofort auf den Weg ins „Jade am Markt“ und organisierte sich leihweise eines der Gemälde. Es war eine beinahe unbekleidete junge Frau in einer sehr chinesisch wirkenden Landschaft. Damit galoppierte Marc zurück ins Theater.
Dabei wurde er von Rainer Bocek gesehen. Und da der Marc ein Bild trug, begann sich Rainer für das zu interessieren.

Marc Schlögl war immerhin ein Taugenichts, der trotzdem manchmal zu Geld kam. Das Bild, das er soeben trug, konnte so eine Geldquelle sein. Rainer zückte sein Handy und stellte sich dem Marc in den Weg.
„Zeig her den Schinken“, fauchte er ihn an. „Wenn du mit so was rumrennst, machst a Geld draus!“
„G'hört net mir“, sagte Marc. „G'hört dem Leslie Hubbel, dem Sänger im Theater.“
„Und warum tragst es du?“
„Hab i ihm verkauft.“
Rainer machte sicherheitshalber ein Foto mit dem Handy. „Und wo hast des her?“
Bei Marc begannen die Alarmglocken zu bimmeln. Der Rainer, der miserable Gorilla, witterte anscheinend ein Geschäft...
„Geht dich gar nix an“, meinte Marc großspurig.
„Glaubst net, dass man das aus dir rausprügeln kann ?“

Marc begann innerlich zu zittern, denn im Grund war er ein Feigling, der mehr vom Austeilen hielt als vom Einstecken. Der Rainer konnte sehr hart zuschlagen und wenn ihm dann auch noch seine Kumpane halfen, bleiben dem Marc wahrscheinlich nur, dass seine Augen sehr schön blau umrandet waren. Das war allerdings keineswegs sein Bestreben.

„Na, sei doch net so“, sagte er. „Es geht di zwar nix an, aber i sag's dir trotzdem. Der Koch vom 'Jade am Markt', dieser Hund, der Wong, der hat die Bilder. Kannst dir im Restaurant anschauen, da hängen die meisten. Der Chinesenhund will zweihundert Euro dafür. Kannst was aufschlagen und die geh'n trotzdem weg!“
„Brav, Marc“, meinte Rainer. „Und du haltst di da raus! Den Verkauf wird der große Rainer Bocek übernehmen. I hab nämlich an bessern Ruf als du klaner Hallodri!“
„Du bist unfair!“, beschwerte sich Marc. „Ohne mich hättest das gar net g'wusst und jetzt schmeißt mi aus'm G'schäft!“
„Na, weil i besser verkaufen kann! Du hätt'st a paar Bildln an die Sänger im Theater verklopft und sonst nix. Da hab i bessere Beziehungen!“
„Aber, leck mi doch!“ Damit beendete Marc das unerfreuliche Gespräch und ging mit seinem Bild weiter zum Theater an der Wien.

Der Bariton war noch im Haus und er kaufte dem Marc das Gemälde tatsächlich für 500 Euro ab.
Allerdings war das der einzige Verkauf des Marc Schlögl. Kein weiterer Künstler des renommierten Musiktheaters war dazu zu bewegen, ein weiteres Bild abzunehmen.

Marc war trotzdem zufrieden. Er hatte fünfhundert Euro in der Tasche – und er dachte gar nicht daran, seine Schulden bei der Frau Wong zu bezahlen. Wenn sie ihm schon ein Bild leihweise überlassen hatte, war sie selber dran schuld, wenn sie nichts dafür bekam.
Also setzte sich Marc in eine Bar in der Schikanedergasse und bemühte sich, seinen Alkoholpegel im Blut möglichst rasch auf eine ihm zuträgliche Höhe zu bringen.

Mittlerweile sah aber das „Jade am Markt“ völlig anders aus. Die Gemälde, die Herr Wong heute früh aufgehängt hatte, waren verschwunden.
Rainer Bocek war am frühen Abend im Restaurant erschienen und hatte Frau Wong alle Gemälde abgekauft. Zu jeweils 200 Euro das Stück. Dabei bezahlte Rainer die 16 Bilder, die im Lokal vorhanden waren, bar.
My-Chi Wong freute sich über das Geschäft, das ihr 1200 Euro Gewinn brachte, zumal der Geschäftsgang im Restaurant in letzter Zeit zu wünschen übrig gelassen hatte. Und Rainer ließ die Bilder sofort mitnehmen.

Das machten die Kumpane von Rainer. Das war eine Rockgruppe namens „Die ganz Bösen“ und die nahm die Bilder mit in ihr Probelokal, eine ganz billige Kellerwohnung in der linken Wienzeile. Dort lagerten auch die Stücke, die die „ganz Bösen“ bei ihren häufigen Taschendiebstählen erbeutet hatten. Denn „Die ganz Bösen“ war nicht nur der Name der Rockgruppe, sondern eher ein Programm, mit dessen Hilfe man die Auftritte der Band (oder sollte man besser Bande sagen) relativ lukrativ machte. Die Diebstähle funktionierten meistens, wenn man einem Fan ein Foto der völlig ernst und bedrohlich aussehenden Gruppe übergab. Aber so ernst musste man heute als Rockgruppe dreinschauen, wenn man etwas Erfolg haben wollte. Und der Erfolg war unzweifelhaft da, denn man erbeutete genügend Handys, wenn ein Fan ganz verzückt auf das Foto mit den Unterschriften der „Künstler“ sah und nicht auf sein Quatschophon achtete.

Der Anführer (und Sänger) der Gruppe, Moritz Burger, versuchte es auch bei Frau My-Chi, aber die hatte kein Handy bei sich. Stattdessen sagte sie etwas, das den Sänger etwas irritierte. Denn Frau My-Chi sagte sinngemäß, sie wundere sich, dass die Kopien der Gemälde so rasch verkauft wurden.
Kopien? Moritz Burger wusste, was der Rainer Bocek der Hündin dafür bezahlte. Das konnten doch keine Kopien sein! Dafür zahlte man doch keine zweihundert!

Um 22 Uhr kam der Rainer Bocek nochmals bei der Rockband vorbei und schaute sich die Bilder an, ob denn auch alle da wären.
Sie waren. Aber Rainer war nicht sehr erfreut, als der Moritz ihm mitteilte, dass das alles Kopien waren!
„Was is' des? Kopien? Spinnst du, Depperter?“
„Hat die Hündin g'sagt!“, beharrte Moritz, was den Rainer sofort zum Naschmarkt hinüber galoppieren ließ.

Im „Jade am Markt“ war nicht mehr viel los. Aber die Hündin war noch da. Auf seine Nachfrage bestätigte Frau My-Chi, dass das Drucke waren. Aber ganz spezielle Drucke, die auch die Pinselstriche kopierten! Deshalb wären die auch so teuer!
Rainer war am Boden zerstört!
Warum hatte ihn keiner darauf aufmerksam gemacht? Der Marc Schlögl musste das doch gewusst haben! Na, der konnte sich auf was gefasst machen!
Rainer rannte zurück zu den „ganz Bösen“. Die waren schon großteils aufgebrochen, aber der Moritz war noch da.
„Du haltst gefälligst die Goschen, Moritz! Du weißt nix davon, das die Bildln da Kopien san!“, herrschte Rainer den Moritz Burger an. „Wenn einer was davon erfahrt, gibt’s Leichen! Und das willst ja net sein, oder?“
Moritz versicherte dem Rainer, dass keine Veranlassung zur Sorge bestünde!

Zwei Tage später gab es die aber trotzdem.
Dem Rainer war es gelungen, in der Hamburgerstraße einen Interessenten für eines der Gemälde ausfindig zu machen. Dieser Herr Waldbrunner besaß eine kleine Handelsagentur und er kannte sogar dem Namen nach den chinesischen Künstler, der die Bilder gemalt hatte.
Hu Xin war ihm ein Begriff, er wusste auch, dass der Maler zurzeit in Beijing war. Aber er bezweifelte die Echtheit der Gemälde. Er hatte nämlich auf dem Naschmarkt erfahren, dass es da ein Paar Bilder aus China geben sollte, die Reproduktionen waren.

Aufgrund der Fotos, die Rainer von den Gemälden gemacht hatte, entschied er sich für ein Bild, das der Maler „Afternoon“ genannt hatte und das eine völlig flache Landschaft zeigte, die von einer Pflanze eingerahmt wurde, die am linken Bildrand wuchs und vor der eine Flötenspielerin saß. Aber er verlangte ein Dokument, dass die Echtheit des Gemäldes bewies.

Damit konnte Rainer zwar nicht dienen, er versprach dem Kunden aber ein Schreiben der Importeurin, die die Echtheit bestätigen würde. Rainer war sich nämlich sicher, die Hündin so weit zu bringen, jeden Text zu unterschreiben.
Jetzt kam es nur mehr drauf an, der My-Chi die Unterschrift abzuluchsen.

Rainer begab sich nach Hause und verfasste ein Schreiben, das die Echtheit der Gemälde von Hu Xin bestätigte und druckte es auf seinem Computer aus. Damit marschierte er ins „Jade am Markt“ und überreichte das Schreiben My-Chi mit der Bitte um Unterschrift.

Leider war aber My-Chi Wong nicht nur der deutschen Sprache mächtig, sondern auch der deutschen Schrift und sie kam nach fünf Minuten mit dem Schreiben zurück. Sie könne das nicht unterschreiben, weil es einfach nicht der Wahrheit entspreche.
Rainer verdrückte gerade sein Bami Goreng und beinahe wäre er an einer gebratenen Nudel erstickt. Das konnte doch nicht wahr sein! Die chinesische Hündin weigerte sich?
Und wie höhnisch sie ihn dabei ansah! Fast so, als ob es ihr Spaß mache, die Unterschrift zu verweigern! Na, Frau Wong, Sie werden sich die Sache schon noch überlegen!

Sechshundert Euro war der Waldbrunner bereit, zu bezahlen! Auf die mochte Rainer keinesfalls verzichten! Heute Abend wollte er versuchen, die Hündin in die Finger zu kriegen!
Das erforderte allerdings einige Vorbereitungen. Er schluckte den Rest vom Bami Goreng, zahlte, trank sein Bier aus und verzog sich hinüber zur U-Bahnstation Kettenbrückengasse. Dort rief er einmal von seinem Handy aus die „ganz Bösen“ an und vereinbarte, dass sie ihm ihr Hauptquartier in der linken Wienzeile heute Abend öffneten. Und dann gab er dem Marc Schlögl den Auftrag, die chinesische Hündin dorthin zu bringen, sobald sie im Restaurant Schluss machte.

Marc wollte eine Belohnung dafür, aber das redete ihm Rainer sehr bald aus. Marc sollte doch froh sein, dass ihn Rainer manchmal benötigte! Da sah er wenigstens, dass er auch einmal einen Dienst an der Allgemeinheit tun konnte! Geld dafür zu verlangen, wäre schnöde und einfach lächerlich!
Was er der chinesischen Hündin sagen solle, wollte Marc wissen.

Das wäre ihm, dem Rainer, völlig wurscht, erklärte der. Seinetwegen könne er der Dame ruhig die Hölle ein bisschen heiß machen! Er wolle von ihr eine Unterschrift, und die werde er auch kriegen! Dieser My-Chi werde sowieso die Hölle heiß gemacht, wenn sie nicht unterschrieb!

Und dann, nachdem er aufgelegt hatte, hoffte Rainer, dass Marc keinen Unsinn machen würde.
Allerdings war dieser stocksauer.
Da rief ihn die Ratte Rainer an und verlangte, dass die Hündin ins Hauptquartier der „ganz Bösen“ gebracht werden sollte, war aber nicht bereit, dafür was springen zu lassen!
Andererseits war der Rainer so etwas wie ein Capo da am Naschmarkt! Wenn der einen Befehl gab, überlegte man nicht lang, sondern machte was. Denn ein beleidigter Rainer war so etwas wie eine Naturkatastrophe und die konnte ganz schlimm sein.
Also begab sich Marc Schlögl gegen zweiundzwanzig Uhr ins „Jade am Markt“ und bestellte sein übliches Bier und einen Krabbensalat Hong Kong.

Die Wände des „Jade am Markt“ waren leer, kein chinesisches Gemälde mehr vorhanden, aber der Betrieb war heute ganz anständig. Sogar der Geschäftsführer des „Nordsee“, des Fischlokals weiter gegen die Innenstadt zu, saß mit einem seiner Lieferanten da und verdrückte eine Portion Schweinefleisch Chop Suey. Es schien so, als ob die Hündin diesmal nicht so rasch würde Schluss machen können.

Dann war das Theater an der Wien aus und eine Gruppe aus dem Publikum fiel in das Chinarestaurant ein. Man hatte heute eine Rossini-Oper gegeben, die Zuhörer waren deshalb etwas aufgekratzt und lärmten einigermaßen auf der Terrasse vor dem Lokal.
Marc musste noch ein zweites Bier nehmen, aber die späten Gäste blieben noch.
My-Chi segelte an seinem Tisch vorüber und Marc sprach sie an: „Frau Wong, ohne Gemälde schaut Ihr Lokal aber sehr nackert aus! Kriegen Sie wieder neue Bilder?“
„Wahrscheinlich schon“, sagte My-Chi und lächelte.
„Da sollten Sie mit dem Rainer Bocek reden“, meinte Marc. „Der sucht noch solche Bilder!“
„Ja? Welche denn?“
„Reden Sie halt mit ihm! Er sitzt heute drüben bei den 'ganz Bösen'. In ihrem Probelokal in der linken Wienzeile. Haben Sie ein paar Minuten Zeit? Dann bring ich Sie rüber zu ihm!“
„Heute nicht“, sagte My-Chi.
„Es wäre aber dringend, hat er gesagt“, beharrte Marc.
„Es ist schon spät, heute!“
„Aber der Rainer kann ein richtiges Arschloch sein, wenn man nicht tut, was er sagt! Es dauert doch nur eine Minute!“
My-Chi war stehen geblieben. „Na schön. Wenn Sie Angst haben vor ihm. Ich werde sehen, ob ich früher weg kann.“

My-Chi war dann tatsächlich schon bald zum Aufbruch bereit und Marc führte sie an der Kreuzung mit der Kettenbrückengasse über die Linke Wienzeile.
My-Chi stöckelte dann den kurzen Weg in Richtung Innenstadt und Marc ging neben ihr her. Dabei sah er die fesche Chinesin recht intensiv an. Sie trug wieder einen ihrer bunten Röcke und eine ärmellose, hoch geschlossene Bluse. Sie sah fantastisch aus!
An einem der „Otto Wagner Häuser“ hielt Marc an und läutete. Die Haustür öffnete sich und Marc führte seinen Gast hinunter ins Souterrain.

Rainer stand schon vor der kleinen Wohnung bereit und er griff sich die Chinesin am Nacken. „Rein mit dir, du Dreckstück!“, sagte er drohend.
„Sie tun mir weh!“, beschwerte sich My-Chi, stolperte aber in die Wohnung. Drinnen stand ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen. Rainer drückte die Chinesin auf einen der Stühle und verschwand im Nebenraum. Dann kam er mit dem Moritz Burger wieder und seinem Schriftstück, das die Echtheit des Gemäldes bestätigte.
„Unterschreiben!“, herrschte er die Chinesin an.
My-Chi sah Rainer höhnisch an und schüttelte ganz langsam den Kopf. „Ist nicht die Wahrheit“, sagte sie dazu.

Marc setzte sich neben die Chinesin, zog seine Zigaretten hervor und zündete sich eine „Chesterfield“ an.
Rainer holte aus seiner Hosentasche ein Klappmesser.
„Du chinesische Hündin, du kriegst jetzt das Messer in die Rippen! Unterschreib'!“
„Wenn ich das Messer kriege, kann ich nicht mehr unterschreiben.“, sagte die Chinesin, was irgendwie logisch klang.
„Miststück!“, sagte Rainer. „Marc, kitzle sie mit deinem Tschick! Und du, Moritz, haltst's sie fest!“
Moritz ging hinter My-Chi und hielt ihre Hände fest. Und Marc sog noch einmal an seiner Chesterfield und näherte sich der Chinesin.

Sie saß an dem Tisch, hatte die Hände auf dem Rücken und ihre nackten Arme waren für Marc sehr gut erreichbar. Er hasste das, was er jetzt tun sollte, aber seine Angst vor Rainer ließ ihn seine Abscheu vergessen. Langsam näherte er sich mit seiner Zigarette My-Chis linkem Arm.
My-Chi wusste, dass es jetzt höllisch weh tun würde. Sie biss die Zähne zusammen, um nicht zu schreien. Diesen Spaß gönnte sie dem Rainer nicht.
Jetzt war die Zigarette an ihrer Haut. Und es tat noch viel mehr weh, als sie es gedacht hatte.
My-Chi brüllte ihren Schmerz heraus!
„Ruhe! Du Hexe, sei ruhig!“, schrie Rainer und hielt My-Chi mit der Hand den Mund zu.Aber My-Chi biss in die Hand, die sich vor ihren Mund gelegt hatte.
Marc hatte die Zigarette noch an My-Chis Haut und achtete nur darauf, dass die Glut nicht ausging. Und My-Chi hatte Rainers dreckigen Finger zwischen den Zähnen. Und da der Schmerz an ihrem Arm noch da war, biss sie mit aller Kraft zu.

Jetzt brüllte Rainer! Er konnte es noch wesentlich lauter als vorhin die Chinesin. Hatte doch Rainer große Angst, dass sein Finger unter den Zähnen der My-Chi brechen würde!
Marc hatte die Zigarette noch immer nicht entfernt und My-Chi verstärkte den Druck ihres Gebisses noch. Da machte es plötzlich „knacks“ und der Finger war gebrochen. My-Chi schmeckte plötzlich Blut.

Marc nahm die Zigarette weg und My-Chi spuckte die Hand aus, die sie soeben zerbissen hatte.
„Raubtier! Elendigliche Bestie! Holt die Rettung! Da, schaut euch meine Pratze an! Alles kaputt!“, schrie Rainer. „So ein hundsgemeines Arschloch, das Weib!“
My-Chi fühlte sich endlich befreit von den Händen des Moritz und innerhalb von Sekunden war sie aufgestanden und aus der Souterrain-Wohnung geflüchtet.
Moritz sah sich Rainers blutende Hand an und machte ein ernstes Gesicht. Dann griff er nach seinem Handy und wählte 144. „Linke Wienzeile 36, Wien 6“, sagte er. „Wir haben da ein' Hundebiss. Schaut grauslich aus! Ein Finger is sicher 'brochen.“

Und so endete die Sache mit den chinesischen Bildern. Rainer wurde ins Hartmann-Spital gebracht und kriegte dort eine Tollwutimpfung und eine Tetanusspritze, bevor man ihm den gebrochenen Finger schiente. Die nächsten 6 Wochen lief er auf dem Naschmarkt mit einem Gipsverband herum.
My-Chi kriegte neue Bilder aus China und das Bildergeschäft läuft ausgezeichnet. Herr Waldbrunner hat auf sein Bild „Afternoon“ verzichtet, und Rainer Bocek hat sich nie wieder mit Gemälden beschäftigt.
Das ist ja auch nicht gerade jedermanns Angelegenheit!

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