KunstGeschichten

KunstGeschichte: Die malenden Pomfineberer

Der Tod ist eine ernste Angelegenheit, für Christen wie Muslime. Dass so eine Trauerfeier dem einen oder anderen empfindlichen Gemüt sauer aufstoßen kann, liegt also auf der Hand. Roland Steinwirth alias Mohammed Jussuf ist ein solches und obendrein tief gläubig. Religiöse Empörung gepaart mit einiger krimineller Energie - das ergibt eine im wahrsten Sinne des Wortes zündende Mischung! Was genau sich da bei Nacht und Nebel auf dem Friedhof abspielt, erzählt uns Erich Wurth in seiner neuesten Kunstgeschichte.

Hans-Joachim Deichmann war ein Zugereister aus Bremen. Er war erst im Jahr 1999 nach Wien gekommen, lange nachdem Österreich der Europäischen Union beigetreten war. Und das bot ihm die Möglichkeit, seinen bevorzugten Beruf auszuüben, nämlich den eines Leichenbestatters. Man nennt in Wien diesen Beruf Pomfineberer, wohl vom Namen des im 19. Jahrhundert in Wien sehr populären Bestattungsunternehmens Entreprise des pompes funèbres. In Wien hat man schon immer Wert gelegt auf „a schöne Leich'“, möglichst mit Musik und allem, was so dazu gehört. Man mag vielleicht die Leidenschaft für Begräbnisse aller Art etwas makaber finden, aber Hans-Joachim hatte eine eigene Auffassung vom Leben und dem Tod. Er empfand das Leben als etwas zu vernachlässigendes, den Tod hingegen als die endgültige Bestimmung des Menschen, das, worauf alles hinauslief, also die große Endgültigkeit.

Nun hatte es in Wien jahrzehntelang ein Monopol auf Bestattungen gegeben: Die Stadtwerke Wien, Abteilung städtische Bestattung, führten sämtliche Begräbnisse durch. Dieses Unternehmen war ebenfalls jahrzehntelang die einzige gewinnbringende Abteilung der städtischen Betriebe gewesen – und ihre Tarife hatten zu der Redensart geführt: „Sterben muss man sich erst einmal leisten können!“ Mit dem Beitritt zur EU fiel aber dieses Monopol und jeder konnte ein Bestattungsunternehmen aufmachen, was selbstverständlich auch mehrfach geschah. Hans-Joachim kalkulierte erst einmal sehr sorgfältig, denn er hatte das Bestreben, günstiger anzubieten als die Konkurrenz – und da entwickelte er völlig neue Konzepte. Er verfügte über ein recht bescheidenes Kapital und eine relativ große Wohnung im 14. Bezirk in der Goldschlagstraße. Er plante daher, seine Hauptniederlassung auf dem Friedhof Penzing zu eröffnen, der ebenfalls an der Goldschlagstraße liegt. Natürlich galt es auch, alle anderen Friedhöfe in Wien einzubeziehen, aber da musste er vor allem mit den Friedhofsverwaltungen verhandeln. Als Familienunternehmen konzipiert, sollten seine Frau und seine Tochter ebenfalls im Betrieb tätig werden, ja sogar maßgebliche Positionen erfüllen. Mit vier Angestellten, die die Särge tragen sollten, war dann die Belegschaft so gut wie vollständig.

Hans- Joachim machte sich aber zunächst erst einmal an die Beschaffung der nötigen Utensilien: Da brauchte er vor allem ein Fahrzeug für den Transport der Leichen. Es gelang ihm, einen geräumigen Kombi mit großem Laderaum zu beschaffen, den ein Bestatter in Mödling günstig abgab. Seine Frau war zwar nicht sehr glücklich mit dem Fahrzeug, weil das Getriebe etwas Probleme machte, aber seine Tochter ging mit dem Wagen perfekt um und kitzelte immer den korrekten Gang hinein. Der Kombi war natürlich schwarz, mit einigen silbernen Verzierungen und er machte einen sehr guten und seriösen Eindruck. Allerdings hatte er schon fast 100.000 km auf dem Tachometer.

Der Bestatter tat noch ein Übriges: Er hatte die Aufbahrungshalle am Friedhof Penzing von der Pfarre in Pacht übernommen und wollte die Stirnwand im Hintergrund mit einer Malerei versehen, die in würdiger Form etwas vom Jenseits darstellen sollte. Das ist natürlich nur im übertragenen Sinn aufzufassen, denn da kam kein christliches Motiv in Frage. Die Bevölkerung des 14. Bezirks nämlich hat sich sehr zugunsten der muslimischen Glaubensrichtung verändert, Christen sind beinahe nur mehr eine Minderheit im Bezirk. Christliche, bildhafte Darstellungen wären da völlig pietätlos!
Hans-Joachims Tochter Maike kannte zum Glück einen türkischen Grafiker, der hauptsächlich Werbeprospekte in türkischer Sprache anfertigte. Und der bot ihr an, einen Text zu kalligrafieren, der aus dem Koran stammte. Also war die erste Tafel, die in der Aufbahrungshalle angebracht wurde, ein sehr regelmäßig ausgeführter Text, der einige Suren enthielt und der einen etwas seltsamen Eindruck machte im Verbund mit der westlichen Schrift und deren vielen Ö- und Ü-Zeichen. Das türkische Publikum aber war offenbar sehr einverstanden damit. Ein Herr Mustafa Korkmaz verriet dem Pomfineberer außerdem noch einiges über die türkischen Begräbnisriten und der Penzinger Friedhof wurde innerhalb kürzester Zeit bekannt für gepflegte türkische Begräbnisse ganz im Sinn des Koran.

Seine Frau Rita setzte ihm dann noch den Floh ins Ohr, auch für den arabischen Teil der Bevölkerung Begräbnisse anzubieten und trieb einen gewissen Omar El-Nagdy auf, der in arabischer Schrift weitere Suren auf eine hölzerne Tafel pinselte. Die Schriftzüge, die in mehreren Farben ausgestaltet waren, wirkten irgendwie fröhlich und El-Nagdy behauptete, hauptsächlich Suren ausgewählt zu haben, die von den Vorteilen des Paradieses erzählten, nämlich von den Houri, den Jungfrauen des Paradieses, und den Trauben, für Araber die Früchte der Vollkommenheit.

Was die Sache für den Hans-Joachim kompliziert machte, war die Eile, die bei jedem Todesfall nötig wurde. Muslime legen Wert auf ein möglichst frühzeitiges Begräbnis – und meist sollte der Verstorbene obendrein per Luftfracht in seine Heimat geschickt werden, um dort in heimischer Erde zu ruhen. Der Penzinger Friedhof wies daher nicht viele Grabstätten mit türkischen oder arabischen Insassen auf. Stattdessen organisierte die Maike Deichmann einen effektiven Zubringerdienst zum Flughafen Wien und einen Sondertarif bei Egyptair und Turkish Airlines für sogenannte „Hugos“, wie die Fluglinien die „human remains“ scherzhaft bezeichnen.

Allerdings kam „Bestattung Deichmann“ mit türkischen und arabischen Kunden nicht ganz auf den erhofften Gewinn. Rita Deichmann drängte daher ihren Mann, sich mehr auf christliche Begräbnisse zu konzentrieren – was für Hans-Joachim die Anfertigung einer dritten Tafel bedeutete, diesmal mit einem Gemälde ganz im Sinn christlicher Tradition. Oder besser mit zwei Gemälden: Eines mit einem Motiv aus der Bibel – und ein weiteres mit einer Darstellung des christlichen Paradieses. Aber ohne Gekreuzigten – für die Anhänger eines nicht ganz so christlichen Weltbildes... Hans-Joachim entwarf die Tafeln, die aus Holzfaserplatten bestanden und mit Ölfarbe bemalt wurden selbst. Doch die eigentliche Malarbeit erledigte seine Tochter, die schon seinerzeit in der Schule gern gemalt hatte – und die auch tatsächlich Talent hatte. Mit der Kreuzigungsgruppe waren die beiden bald fertig. Es gibt ja so viele Gemälde, die dieses Motiv zum Gegenstand haben! Da konnten die beiden also aus dem Vollen schöpfen!
Hingegen machte ihnen die zweite Tafel, die Ansicht des Paradieses, Schwierigkeiten: Er begann mit einer Landschaft. Sanfte Hügel mit einer abwechslungsreichen Bewaldung, Palmen inklusive - und einige Flussläufe, die sich zu Teichen erweiterten. Alles sehr friedlich und stimmungsvoll. Dann malte er in die Landschaft Bauwerke, aber von seltsamen, außergewöhnlichen Formen, die eher ellipsenförmigen Kuppeln glichen oder unregelmäßige Vielecke waren. Zum Schluss fehlte ihm nur noch ein Mittelpunkt, also malte er eine gotische Säule von der Form der „Spinnerin am Kreuz“ (im 10. Bezirk) ins Zentrum der Tafel. Insgesamt machte das auf einer dünnen Spanplatte gemalte Bild einen sehr günstigen Eindruck. Man konnte die Szenerie mit Fug und Recht als paradiesisch bezeichnen. Dem Malerteam hätte man ein solches Talent gar nicht zugetraut!

Im 14. Bezirk, in der Cervantesgasse, gab es einen jungen Mann, der in die Fänge einer Al-Kaida-nahen Gruppe geraten war. Ein gewisser Roland Steinwirth, der sich mittlerweile Mohammed Jussuf nannte und Verfechter eines islamischen Gottesstaates inklusive Scharia und allem Drum und Dran war. Er wollte die Steinigung schon lange im Strafgesetzbuch sehen und er empfand die zwangsweise Amputation von Gliedmaßen als absolut in Ordnung – aber selbstverständlich nicht seiner Gliedmaßen! Denn als Capo seiner Islamistengruppe stand ihm natürlich ein Sonderstatus zu: So galt das islamische Verbot von Drogen natürlich nicht für ihn und zu Eigentumsdelikten neigte er auch. Doch das hatte er mit Allah ja bereits abgemacht. Hinterher betete er ein oder zwei Suren und Allah drückte ein Auge zu. Immerhin setzte er sich ja für den Gottesstaat ein! Und das war schließlich bedeutend wichtiger, als streng nach den Regeln des Islam zu leben!

Mohammed Jussuf war Bauarbeiter. Und einer seiner Kollegen, ein Türke namens Metin Ünye, war gestern vom neuen Hochhaus am Hauptbahnhof gefallen. Aus dem einundzwanzigsten Stock war er auf den Beton vor der Baustelle gekracht und es war nicht viel von ihm übrig geblieben: Eigentlich nur ein etwas fettiger Blutfleck erstaunlichen Ausmaßes. Die Behörden verzichteten auf eine Obduktion, da der Fall natürlich völlig klar war, und so wurde die Leiche freigegeben. Das Geschäft machte Hans-Joachim Deichmann. Maike buchte die Leiche auf die Turkish Airlines, eine kurze Verabschiedung auf dem Penzinger Friedhof sollte gleich heute stattfinden. Mohammed Jussuf hatte sich natürlich dafür frei genommen und Punkt 13 Uhr war er am Eingang des Friedhofs. Maike tauchte kurze Zeit später mit dem Leichenwagen auf – und er fand das gar nicht nett! Da kam ein toter Türke mit einer jungen, recht hübschen Frau an! Völlig unstandesgemäß! Den Leichenwagen hätte ein Mann fahren sollen! Tunlichst ein rechtgläubiger und streng nach dem Koran lebender Mann!
Der Sarg wurde in die Aufbahrungshalle geschoben, in der die Verwandten des Herrn Ünye bereits versammelt waren. Ein Imam war auch dabei und die türkischen Koransuren waren an der Stirnwand aufgehängt. Nach wenigen Minuten war die Verabschiedung absolviert. Metin Ünyes Frau Laila spielte gekonnt die trauernde Gattin, obwohl sie das plötzliche Ableben ihres Mannes sehr begrüßt hatte und dessen Nachfolger bereits im Begriff war, bei ihr einzuziehen. Nach der Trauerfeier brachte Maike sowohl den toten Herrn Ünye als auch seine trauernde Witwe nach Schwechat, wobei sie sich sehr beeilte, um den Flug nach Ankara noch zu erreichen. Laila kam natürlich mit in die Türkei, um ihren Mann zu begraben.
Schon wieder fuhr die junge Frau! So etwas ging ja gar nicht, dachte Mohammed Jussuf. Außerdem hatten ihm die Koransuren an der Stirnwand gar nicht gefallen! Die hätten seiner Meinung nach in arabischen Schriftzeichen sein sollen!

Mohammed Jussuf beschloss, noch heute aktiv zu werden und das wurde er auch – aber erst nach Einbruch der Dunkelheit. Die Mauer um den Friedhof stellte kein Hindernis dar und Mohammed Jussuf war auch mit dem Schloss der Aufbahrungshalle rasch fertig. Dann brachte er die Dekorationen rasch ins Freie. Die türkischen Suren und die beiden Gemälde mit der Kreuzigungsgruppe und der Ansicht des Paradieses lehnte Mohammed Jussuf an das Holzkreuz, das im Mittelgang des Friedhofs aufgestellt ist. Er goss etwas Benzin auf die Bilder und zündete die Tafeln an.

In der Goldschlagstraße im zweiten Stock war gerade bei Elfriede Wichtel eine heiße Sache im Gange. Elfriede hatte einen super kurzen Minirock an, den Oberkörper nackt und trug sehr hohe Stöckelschuhe, als sie zum Fenster hinaussah. Hinter ihr war ihr Freund Manfred Habernsack dabei, sich in die nötige Stimmung zu bringen, um die Elfriede nach besten Kräften zu vernaschen.
Da rief die Elfriede plötzlich: „Am Friedhof brennt's!“ Und das verhinderte vorläufig die Fortsetzung dessen, was geplant war.
Sie rief 122, gab der Feuerwehr den Brandort bekannt und die Feuerwache Nisslgasse erhielt den Einsatzbefehl.
Von der Nisslgasse zum Friedhof ist es gerade einmal eine Strecke von einem Kilometer und der Feuerwehrwagen war über die Ameisbrücke in nicht ganz drei Minuten vor Ort. Den Schlüssel hatte der Kommandant bei sich und das Fahrzeug fuhr aufs Friedhofsgelände. Es war keine großartige Angelegenheit. Da brannten die Reste von drei hölzernen Gemälden und auch das hölzerne Kreuz, aber mit einem Handfeuerlöscher war der Brand in nicht ganz einer Minute unter Kontrolle.
Es roch stark nach Benzin und die Mannschaft des Einsatzwagens konstatierte Brandstiftung. Also musste die Polizei auch herkommen. Funkwagen Norbert 2 traf nach vier Minuten ein, während im zweiten Stock des Hauses in der Goldschlagstraße der Manfred seine Elfriede nach allen Regeln der Kunst vernaschte, nachdem es draußen nichts mehr zu sehen gab.

Die Polizisten nahmen die Spuren auf, aber viele gab es nicht. Immerhin: wurde eine halb verbrannte Jeanshose gefunden. Mohammed Jussuf hatte dummerweise beim Verteilen des Brandbeschleunigers etwas Benzin auf seine Hose gespritzt und als die Bilder brannten, war er eine Spur zu nahe ans Feuer gegangen, woraufhin sein Fahrgestell zu brennen begonnen hatte. Er hatte wie verrückt mit den Händen auf seine brennenden Jeans geklopft, die Flammen waren aber nicht zu bändigen gewesen. Also hatte der falsche Araber versucht seine Hose auszuziehen. So ein Jeansstoff ist aber recht reißfest und Erfolg war ihm keiner beschieden gewesen. Mühsam und unter etwas Schmerzgeschrei hatte er erst die Metallknöpfe öffnen müssen, bis er das schwelende Kleidungsstück endlich ausgezogen hatte. Da gab es bereits einige Brandblasen an seinen Beinen.

Mohammed Jussuf rechnete damit, dass bald die Feuerwehr da sein würde – und in Unterhosen machte er, dass er vom Brandplatz weg kam. Über die Friedhofsmauer in den Matznerpark und durchs Gebüsch zur Märzstraße. Danach drückte er sich an den Hauswänden entlang nach Osten und überquerte die Vorortelinie. In der Sebastian-Kelch-Gasse traf er auf den Wladimir Czigan, einen Bosnier, der von der Pizzeria in der Missindorfstraße kam.
„Ah, Hosen tragt man keine mehr?“, fragte Wladimir.
„War a Unfall“, gab Mohammed Jussuf Auskunft. „Meine Jeans haben 'brennt!“
„Ah, wieso denn?“
Aber Mohammed Jussuf gab keine weiteren Kommentare ab und beeilte sich, in die Cervantesgasse zu kommen. Er bereute bereits, dem Wladimir etwas von seinem Feuerunfall erzählt zu haben.

Das war auch tatsächlich ein Fehler, denn Wladimir Czigan erfuhr tags darauf von der Trafikantin, dass es nachts auf dem Penziger Friedhof gebrannt hatte. Die Gemälde, die der Deichmann zur Dekoration der Aufbarungshalle angefertigt hatte, waren dabei zerstört worden und das alte Holzkreuz war auch angesengt. Am Nachmittag machte sich Wladimir auf den Weg zum Friedhof. Er wollte nachsehen, ob die Bildtafeln tatsächlich verbrannt waren. In der Aufbahrungshalle war tatsächlich nur mehr die Tafel mit der arabischen Schrift und den Koransuren vorhanden, die drei anderen waren weg. Und der Hans-Joachim Deichmann war angemessen aufgebracht: „Wenn ich rauskriege, wer das war, dann ist für den Ultimo!“, kündigte er an.
Prompt legte der Wladimir Czigan los: Er habe letzte Nacht den Mohammed Jussuf getroffen, den falschen Araber, der so ein radikaler Muslim geworden war. Und der wäre ohne Jeans in Unterhosen die Märzstraße entlang gekommen und habe erzählt, seine Hose wäre verbrannt! Der wäre doch gerade dazu prädestiniert, so ein Feuerattentat zu begehen. Gegen alles Christliche eingestellt, wäre der doch auch gegen alle anderen Einflüsse auf die arabische Kultur, so zum Beispiel auch gegen alles Türkische. Der Islam habe arabisch zu bleiben, behaupte er immer! Dabei könne der Mohammed Jussuf nicht ein einziges Wort auf Arabisch. Er wäre ein Betonierer am Bau und tatsächlich heiße er Roland Steinwirth, wohnhaft in der Cervantesgasse zwanzig. Auf den sollte man ein Auge haben, denn der Fanatiker könne leicht versuchen, nach Syrien zu gehen und in den Bürgerkrieg einzugreifen! Na ja, vielleicht auch nicht, denn in Syrien könne sich der Wahnsinnige leider nicht verständigen!

„Da wird der Hund in der Pfanne verrückt!“, schimpfte Maike, die der Rede des Wladimir gelauscht hatte. „Den Burschen sollte ich mir mal vorknöpfen! Meine Gemälde abzufackeln!“
Hans-Joachim war zwar dagegen, dass seine Tochter Kontakt mit dem zweifelhaften Muslim aufnahm und das sagte er ihr auch! Aber sie war sozusagen „auf tausend“. Sie wollte mit dem verrücken Feuerteufel sprechen und ihm die Hölle heiß machen! Ohne ihrem Vater etwas zu erklären, nahm sie einfach den Leichenwagen (und die darin befindliche Leiche der Therese Bichlhuber sozusagen als Beifahrerin) und fuhr den Kombi in die Cervantesgasse. In der Drechslergasse fand sie einen Parkplatz direkt an der Vorortelinie und lief die wenigen Meter zum Haus Cervantesgasse Nummer zwanzig hinüber.

Mohammed Jussuf war zu Hause und schaute ganz konsterniert, als eine hübsche junge Frau in einem eleganten schwarzen Kostüm an seiner Wohnungstür stand.
„Sind Sie der Mohammed Jussuf, Sie Schweinepriester?“, sagte Maike.
„Klar! Aber sagen Sie nicht Schweinepriester!“, meinte der Möchtegern-Araber. „Mit Schweinen haben wir Muslime nichts zu schaffen!“
„Natürlich sind Sie ein Schwein! Meine Gemälde verheizen wie einen Haufen Kohlen! Das ist ja eine geradezu einmalige Schweinerei!“
„Ihre Gemälde? Sie sind doch die Tochter vom Deichmann! Gemalt hat die nicht Ihr Vater?“
„Mein Vater hat die Entwürfe gemacht. Gemalt habe ich!“
„Das tut mir leid für Sie!“
„Warum haben Sie das gemacht?“
Mohammed Jussuf suchte ein bisschen nach Worten. Dann sagte er: „Weil der Islam bildhafte Darstellungen verabscheut!“
„Ist doch gar nicht wahr! Sie sollten sich näher informieren, wenn Sie schon konvertieren! Es hat sehr wohl eine islamische Malerei gegeben! Im Iran zum Beispiel. Und im Mogulreich in Indien ebenfalls. Und Buchmalerei hat es gegeben! Ich hab keine Ahnung, warum das keiner mehr macht! Von Euch Moslems kann das offenbar keiner mehr!“, keifte Maike ihn an.
Mohammed Jussuf stammelte: „Aber das Bilderverbot...“
„Im Koran gibt’s ja gar keines“, fuhr in Maike an. „Haben Sie die noch nicht gelesen, die Broschüre, den Koran?“
„Haben Sie denn das Zeug gelesen?“, konterte Möchtegern-Rechtgläubige.
„Ich bin ja keine Muslimin“, meinte Maike „Aber für Sie wäre das eine Pflicht!“
„Und ich bin kein Imam! Wollte nie einer sein.“
„Dann können Sie wenigstens malen?“
„Warum sollte ich das?“
„Um mir meine Tafeln ersetzen, die sie abgefackelt haben!“
Mohammed Jussuf schaute völlig konsterniert. „Sie wollen, dass ich trotz Bilderverbot für Sie male?“
„Es gibt kein Bilderverbot!“, bestand Maike auf ihrer Ansicht. „Sie werden ja nicht den Allah selbst malen wollen, oder?“
„Nein! Das tut doch nur Ihr Christen!“
„Tun wir nicht! Wir stellen zwar Gott Vater als alten Mann dar, aber kein Mensch glaubt, dass er tatsächlich so aussieht!“, erklärte Maike.
„Spitzfindigkeit!“
„Nennen Sie's, wie Sie wollen! Sie sollen jedenfalls nicht den Allah malen, sondern das Paradies! Das ist in mehreren Suren ganz anschaulich beschrieben!“
„Und die soll ich jetzt lesen? Sie spinnen ja!“
„Das können Sie halten, wie Sie wollen. Vielleicht haben Sie ja genug Fantasie, sich selber etwas zurecht zu legen.“ Maike war plötzlich viel freundlicher geworden.

Mohammed Jussuf sah sich die Dame nochmals ganz genau an: Hellbraunes Haar, eine gute Figur, die in dem schwarzen Kostüm ganz gut zur Geltung kam und regelmäßige Gesichtszüge. Das war ein ausgesprochen hübsches junges Mädchen! Na ja, wenn die unbedingt wollte, dass er etwas malte – mit dem Allah konnte man ja reden!
„Aber ich hab noch nie etwas gemalt...“, begann Mohammed Jussuf. „Da werden Sie mir helfen müssen!“
Und Maike lächelte ihn an und sagte: „Kein Problem!“
Mohammed Jussuf lächelte zurück. „Na gut. Los geht’s!“
„Moment“, hielt sie ihn auf, „ich muss noch ein Kreuz von der Pfarre holen und den Pfarrer gleich dazu. Heute soll die Frau Therese Bichlhuber unter die Erde. Die Leich' hab ich übrigens noch im Auto. Ist schon höchste Zeit, dass wir sie aufbahren! Ich komm' in etwa einer Stunde wieder!“

Sie rannte zum Leichenwagen zurück und fuhr über die Ameisbrücke hinunter zur Pfarrkirche. In Penzing war vor hundertsechzig Jahren die Pfarrkirche von ihrem Friedhof getrennt worden, weil zwischen den beiden Orten die Kaiserin Elisabeth-Westbahn gebaut und gerade südlich des Friedhofs der Frachtenbahnhof Penzing angelegt worden war. Jetzt gibt es nur mehr die Fußgängerunterführung unter der Bahn und die Ameisbrücke über den Frachtenbahnhof als Verbindung zwischen Kirche und Friedhof. Gemeinsam mit dem Pfarrer lud Maike das etwa einen Meter große Kreuz auf den Sarg. Und dann brachte sie Kreuz, Priester und die Frau Bichlhuber zum Friedhof.

Hans-Joachim, der schon nervös geworden war, war ganz verwundert, als Maike ihm berichtete, der falsche Araber werde ein Ersatzbild für das abgefackelte Jenseits malen.
„Ein Moslem? Wie hast du denn das zustande gebracht!?“
„Argumentiert“, sagte Maike.
„Hast dem Kerl schöne Augen gemacht?“
„Nein. Aber vielleicht tu ich's noch. Der ist gar nicht so übel!“
„Vorsicht Maike! Moslems sind immer etwas problematisch!“

Frau Bichlhuber wurde anständig begraben und Maike machte sich wieder auf den Weg in die Cervantesgasse, im Gepäck ihre Farben, Pinsel und eine dünne Holzfaserplatte.
Innerhalb der nächsten drei Tage entstand dort ein Gemälde, das große Ähnlichkeit mit Hans-Joachims ursprünglichem Entwurf hatte. Einen Großteil davon hatte Maike selbst gemalt, aber Mohammed Jussuf hatte sein Teil dazu beigetragen! Und Maike fand ihn gar nicht so untalentiert.
Dass es am Friedhof Penzing ein Gemälde gibt, das teilweise ein sehr fanatischer Muslim gemalt hat, soll zwar nicht allgemein publik werden. Aber ganz so fanatisch ist der Mohammed Jussuf gar nicht mehr. Ist das etwa der Einfluss von Maike, die dem Mohammed Jussuf doch noch schöne Augen gemacht hat?

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