KunstGeschichten

KunstGeschichte: Die sechste Toteninsel

Dachböden von alten Häusern sind manchmal unwahrscheinliche Schatzkammern. Lesen Sie in der spannenden neuen KunstGeschichte von Erich Wurth warum der Hauptprotagonist von seinem dortigen Fund beinahe einen Herzinfarkt bekommt!

Jetzt hatte die alte Tante Wetti auch die Patschen gestreckt!
Barbara Heimeder war beinahe hundert geworden. Zuletzt hatte sie in einem Altersheim in Liesing residiert und war dort den Krankenschwestern gehörig auf die Nerven gegangen. Lang war sie ja nicht dort gepflegt worden, denn bis zu ihrem fünfundneunzigsten Lebensjahr hatte sie die desolate alte Hütte auf dem Wolfersberg bewohnt. Dort, südlich der Genossenschaftsstraße, war die Behausung der Tante Wetti (wie man in Wien für Barbara sagt) so ziemlich der Schandfleck der gesamten Gartensiedlung. Eine Holzhütte, zwar teilweise unterkellert aber mit morschen Brettern und in traurigem Bauzustand.

Wolfgang Flögl war so ungefähr einmal im Monat ins Altersheim gekommen und hatte mit seiner alten, schwerhörigen und dementen Tante immer das gleiche Gespräch geführt, in dem es nur um die Großmutter der alten Tante gegangen war. Irgendwann war der Wetti Heimeder nämlich eingefallen, dass ihre Großmutter seinerzeit für einen sehr bedeutenden Maler Dreck geputzt hatte. Ihre Großmutter war nämlich Dienstbotin im Atelier des Malers Hans Makart gewesen, das sich damals in der Gußhausstraße 25 befand.

Die Tante verlangte von Wolfgang, er möge doch ihre Erinnerungsstücke im Keller durchsehen. Da müsse noch ein Makart Strauß vorhanden sein, einer jener um 1880 so modernen Blumensträuße aus Papierblumen und getrockneten Gräsern – und diesen Strauß habe der Meister persönlich der Großmutter geschenkt! Tanta Wetti wollte diesen Strauß im Altersheim haben, um ihn den Schwestern zu zeigen. Davon erhoffte sie sich eine respektvollere Behandlung.

Wolfgang tat natürlich nichts in Bezug auf die Papierblumen. Ja, er war froh, nicht erstens da hinaus zum Wolfersberg fahren und zweitens im total vollgemüllten, vermoderten Keller der alten Tante herumstöbern zu müssen. Und beim nächsten Besuch hatte die Tante die Bitte an Wolfgang bereits vergessen und begann damit wieder von vorn.
Wolfgang ließ es gern über sich ergehen, da musste er wenigsten nicht selber reden und Tanta Wetti brabbelte eine Stunde lang wie ein Wasserfall.
Dann kam die Todesnachricht und Wolfgang war ehrlich erschüttert. Er hatte damit gerechnet, dass die Tante den Hunderter auf alle Fälle noch erleben werde. Neunundneunzig war sie geworden.

Und dann kriegte Wolfgang die Nachricht, dass er das Grundstück der alten Tante geerbt habe.
Svetlana, seine Frau, war ganz aus dem Häuschen. Man müsse die Hütte nur in Schuss bringen, dann wäre das doch ideal für den kleinen Moritz, Wolfgangs Sohn, der soeben fünf geworden war. Draußen am Wolfersberg gäbe es eine Schule, da wachse der Bub in frischer Luft auf, das würde doch die längere Anfahrtsstrecke in die Innenstadt bei weitem aufwiegen! Noch dazu, wo doch Wolfgang ein so begnadeter Heimwerker wäre! Die desolate Hütte könne doch für ihn kein Problem sein!
Tatsächlich fürchtete Wolfgang Flögl nicht die Arbeit, sondern die Kosten.

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Wolfgang war Fahrer eines städtischen Linienbusses, seine Frau arbeitete für eine Reinigungsfirma. Als gebürtige Slowakin mit einem dementsprechenden Akzent hatte die gelernte Bürokauffrau keine bessere Stelle gefunden. Und dann war da noch Moritz, der doch eine Menge Geld kostete und die Wohnung im zehnten Bezirk in einer modernen Wohnanlage der Gemeinde Wien. Und gerade die Mieten moderner Gemeindewohnungen sind nicht von schlechten Eltern. Die Stadt muss auf's Budget schauen!
Svetlana träumte von einer Übersiedlung vom zehnten in den vierzehnten Bezirk und einem Leben ohne Mietzahlungen. Aber dem Wolfgang graute vor dem Kredit, der wohl aufgenommen werden musste, wenn man die Hütte der Tante Wetti in einen bewohnbaren Zustand versetzen wollte.
Trotzdem: Svetlana gab keine Ruhe, bis Wolfgang ihr versprach, das Objekt einer genauen Überprüfung unterziehen zu wollen.

An einem Wochenende Ende September war es dann so weit. Wolfgang hatte sich über Freunde bei der Magistratsabteilung 48 einen Müllcontainer verschafft und in aller Frühe ging es los.
In dem alten Haus roch es seltsam. Es war eine Mischung aus dem süßlichen Geruch von Obst und Lebensmittel, die längst in den Zustand der Verwesung übergegangen waren und dem seltsamen, strengen Geruch, den die Tante Wetti ausgestrahlt hatte, als sie noch hier wohnte. Ekelhaft!
Alleine für die Küche benötigte Wolfgang einen vollen Vormittag. Und dann war der Müllcontainer beinahe voll. Einer der Küchenschränke war angefüllt gewesen mit ungeöffneten Packungen Suppennudeln deren Ablaufdatum ein gutes Jahrzehnt zurücklag und deren Inhalt mittlerweile eine grau-grüne Farbe angenommen hatte.

Svetlana machte tapfer mit bei der Entrümpelung, Moritz spielte im Garten. Dann schrie Svetlana plötzlich auf, als sie auf eine tote Maus stieß, die offenbar eines natürlichen Todes gestorben war. Sie machte eine Pause bei Moritz im Garten, der inzwischen damit beschäftigt gewesen war, den Zaun zum Nachbarn zu unterminieren.

Mittags begann es zu regnen und Wolfgang unterzog einmal den Dachboden einer Inspektion, um die Dachziegel und deren Dichtheit zu überprüfen.
Auf dem Dachboden sah es unbeschreiblich aus. Hier oben musste jahrzehntelang niemand mehr gewesen sein. Verständlich, wenn man bedachte, dass dieser Raum nur über eine Leiter außen am Haus zugänglich war. Tante Wetti war wohl schon seit Jahrzehnten nicht da herauf geklettert.

Ein paar alte Koffer lagen da mit einer Staubschicht darauf, deren Dicke wohl in Dezimeter angegeben werden konnte. Und in der hintersten Ecke des Dachbodens war etwas Unförmiges, das sich schließlich als ein paar Bilder entpuppte. Diese standen an die Dachschräge gelehnt und darüber war eine zerrissene Hakenkreuzfahne gebreitet, die von einer Staubschicht bedeckt war, die guten Ackerboden für Kartoffel abgegeben hätte.

Fortsetzung von Seite 2

Wolfgang wollte sich gerade die Bilder ansehen, als unten im Garten das Gebrüll des Moritz ertönte.
Wie der Blitz war Wofgang durch die niedrige Dachbodentür an der Giebelseite und außen am Haus über die Leiter in den Garten gestiegen. Aber Moritz war nur durch die morsche Holzabdeckung der Sickergrube gebrochen, in die Tante Wetti das Regenwasser aus der Dachrinne geleitet hatte. Und da es noch immer leicht regnete steckte der kleine Moritz jetzt bis zum Popo in einer braunen Brühe aus Wasser, Schlamm und halb verrottetem Laub.

Mutter Svetlana drang auf sofortigen Abbruch der Arbeiten, weil sich Moritz sonst bestimmt eine Lungenentzündung holen würde. Papa Wolfgang stimmte zu, vor allem weil er selber etwas deprimiert war. Das würde eine Arbeit von Monaten werden, allen den ganzen Krempel da weg zu kriegen! Und vom Bauzustand des Holzhauses wusste er immer noch so gut wie nichts!

Während Mama Svetlana den Moritz einigermaßen trocken legte, stieg Wolfgang noch einmal zum Dachboden hinauf und holte die Bilder herunter.
Ohne sie auch nur anzusehen, legte er sie in den Kofferraum des alten, kleinen Mazda, den die Familie Flögl ihr Eigen nannte und dann flüchtete man vor diesem Traum eines Eigenheimes.

Zu Hause in der gemütlichen Gemeindewohnung zwitscherte Wolfgang einmal zwei Flaschen Bier, um den seltsamen Geruch des Hauses loszuwerden. Swetlana steckte den Moritz in die Badewanne und als der Sprößling dann endlich im Bett lag, besah man sich die Bilder.
Die ersten fünf waren reiner Mist. Da hatte jemand anscheinend Drucke aus einem alten Kalender rahmen lassen. Und dieser Jemand dürfte noch dazu nicht viel Geschmack gehabt haben.

Doch dann kam ein relativ großes Bild, anscheinend Öl auf Holz, das eine beinah nackte, etwas füllige weibliche Gestalt darstellte mit einem ganzen Haufen von Zeug drum herum. Die Dame lag auf einer mit Akribie gemalten Decke, der man sogar ansehen konnte, dass es sich um Samt handeln musste. Und daneben lagen: Ein Militärhelm, ein Degen, ein Blumenstrauß, und ein Ding aus Vogelfedern, offenbar eine Boa.

Fortsetzung von Seite 3

Weder Wolfgang noch Swetlana hatten eine Ahnung, wen das Gemälde darstellen sollte, noch dazu war es in einer Art gemalt, die zur Ringstraßenzeit modern gewesen sein mochte. Konnte also nicht viel wert sein.

Das nächste Bild war wieder ein Ölgemälde, aber auf Leinwand. Es stellte den Kopf eines bärtigen Mannes dar. Das Alter des Mannes war schwer zu schätzen, etwa 40 bis 50 Jahre, aber sein etwas wirres, lockiges Haar und sein Bart waren von einem gefälligen Kastanienbraun und der Kerl machte einen sympathischen Eindruck.

Beim nächsten Bild blieb Wolfgang die Luft weg.
Das konnte doch nicht seit Jahrzehnten unter einen Hakenkreuzfahne auf einem Dachboden vergammelt sein! Das war doch eindeutig was Modernes!

Nein. Das war nichts Neues. Es mochte zwar an die modernen phantastischen Realisten erinnern, aber es war doch ziemlich alt. Da sah man auf einer völlig glatten Wasserfläche eine Art Insel beziehungsweise zwei schroffe Felsen, die anscheinend bearbeitet waren, denn sie wiesen eine Art Fensteröffnungen auf. Zwischen den beiden Felsen, also im Zentrum der Insel befanden sich Bäume. Dunkle, beinahe drohend wirkende Pappeln schienen es zu sein. Und diese Insel wurde im Vordergrund von einem Boot angesteuert, in dem eine weiße Gestalt aufrecht stand.

Wolfgang Flögl wusste auch mit diesem Bild nichts anzufangen. Überhaupt: Mit Kunst hatte er sich nie im Leben beschäftigt. Wolfgang war zwar keineswegs dumm, aber seine Bildung beschränkte sich auf den Stoff, den die Volks- und Hauptschulen der Stadt Wien anbieten. Und wenn die Lehrkräfte in erster Linie auf Schüler mit Migrationshintergrund achten müssen, bleibt nicht viel Zeit, eine auch nur halbwegs ausreichende Halbbildung zu vermitteln. Wenn man ihn nach dem Namen nur eines einzigen Malers gefragt hätte, wäre ein Schulterzucken Wolfgangs Antwort gewesen, denn auch Hans Makart, von dem Tante Wetti immer erzählt hatte, wäre ihm nicht eingefallen.
Immerhin, als Busfahrer wäre es ja auch der reinste Luxus gewesen, auch nur einen einzigen bildenden Künstler wenigsten dem Namen nach zu kennen...

Fortsetzung von Seite 4

„Wegschmeißen?“, fragte Wolfgang seine Swetlana. Die schüttelte den Kopf. „Wer weiß, vielleicht kann man etwas davon verkaufen“, meinte sie.
„Das Graffelwerk? Wenn das einer übernehmen sollt', musst ihm dafür was zahlen!“
„Versuchen“, meinte Swetlana. „Fragen kostet nichts.“
Und so fragte Swetlana einen Altwarenhändler, der seinen Laden in der Nähe des Reumannplatzes hatte, einen gewissen Öcalan. Von diesem erhielt Swetlana sogar ein Angebot. Er würde den ganzen Krempel um zwanzig Euro übernehmen.
Diese zwanzig Euro rüttelten Wolfgang auf. Wenn der Kümmeltürke was dafür rausrücken würde, dann musste das Zeug ja doch etwas wert sein!

Und dann hatte Wolfgang Flögl eine Idee.
Das Dorotheum ist die 1707 gegründete österreichische Pfandleihanstalt, die sich damals gegen den Wucher im Kreditwesen richtete und mittlerweile ihren Hauptumsatz mit Versteigerungen macht. Der Name stammt vom Hauptsitz des Unternehmens in der Wiener Dorotheergasse und das „Versatzamt“, wie es auch genannt wird, genießt auch jetzt, nach dessen Privatisierung einen ausgezeichneten Ruf.
Wolfgang hatte vor, die drei „Schinken“, also die gefundenen Gemälde ganz einfach zu versetzen und dann nicht mehr abzuholen. So konnte er sicher sein, das Maximum aus den Kunstwerken, sofern es überhaupt welche waren, herauszuholen.

Er hatte also das vor, was man in Wien als Ausdruck totaler Missgunst so zu formulieren pflegt: „Den Kerl sollte man bei der Tante Dorothee versetzen und den Versatzschein verfallen lassen.“
Das Unterfangen erwies sich als eine große Überraschung.

Wolfgang packte die drei „Schinken“ in einen Plastiksack, der von einem Händler für Bettwäsche stammte und eingedenk seines Zweckes, gefüllte Federbetten und ähnliche voluminöse Güter zu beinhalten, recht umfangreich ausgefallen war. Der Plastiksack und dessen Umfang war übrigens überaus passend für Wolfgangs Wohnbezirk. Wiens zehnter Bezirk Favoriten ist laut Statistik mittlerweile die viertgrößte Stadt der Republik Serbien. Türkische Statistiken entbehren zwar einer gewissen Glaubwürdigkeit, aber fest steht immerhin: Istanbul, Ankara und möglicherweise sogar Izmir haben noch immer mehr türkische Bewohner als Favoriten.

Wolfgang, als Bediensteter der Wiener Verkehrsbetriebe (jetzt moderner „Wiener Linien“ genannt) hatte mit den Parolen rechtspopulistischer Parteien nichts am Hut. Da hätte er acht Zehntel seiner Fahrgäste verloren, wenn er die Zuwanderer nicht transportiert hätte.
Er hatte daher nicht die geringsten Hemmungen, mitsamt seinen Bildern im „Tschuschenkoffer“ mit der U1 in die Stadt zu fahren, zumal ihm der kleine Mazda, den er privat besaß, etwas suspekt war. Das kleine, handliche Ding ließ sich so leicht um die Ecken dirigieren, dass er hinterher jedes Mal, wenn er wieder seinen Bus lenkte, leichte Probleme beim Abbiegen bekam. Deshalb fuhr den kleinen Flitzer hauptsächlich Swetlana und Wolfgang war dankbar dafür.

Fortsetzung von Seite 5

Die Schwierigkeiten begannen erst in der Dorotheergasse. Er wurde an einen Schätzmeister verwiesen, der in einem altmodischen Büro im ersten Stock saß – und eine ältere Dame war.
Schätzmeisterin Marika Kenedy, eine sehr schlanke, fast dürre Frau mit beträchtlichen Falten im Gesicht war anfangs nicht sehr freundlich und als Wolfgang seine drei Gemälde auspackte, reagierte sie sogar ein bisschen ungehalten. Solche Gemälde bringe man nicht ganz einfach ohne Termin. Die müsse sich ein Experte ansehen. Woher denn Wolfgang die Bilder hätte?

Wolfgang fragte erst einmal, wieso eine Dame, die mit ungarischem Akzent spreche Kenedy heiße. Ob sie mit einem Amerikaner verheiratet wäre.
Das entlockte der Frau Kenedy denn doch ein kleines Lächeln. Kenedy wäre ein alter ungarischer Name und viele Leute in Ungarn hießen so. Ob Wolfgang einen Ausweis dabei habe?
Wolfgang schüttelte den Kopf. Er habe nicht gewusst, dass man zum Betreten des „Pfandls“ einen Pass benötige.
Dann möge Wolfgang ein paar Minuten warten. Frau Kenedy rauschte aus dem Zimmer.

Es wurden mehr als ein paar Minuten. Wolfgang saß in dem stillen Büro und hörte nur eine alte Pendeluhr ticken, denn die verkehrsberuhigten Seitengassen der Innenstadt sind jetzt wahrscheinlich ruhiger, als sie vor zweihundert Jahren waren. Die Zeit wurde Wolfgang etwas lang und er überlegte bereits, die Frau Kenedy suchen zu gehen, als sie plötzlich in Begleitung eines Polizisten den Raum betrat.

Die Schätzmeisterin bot dem Inspektor ihren Platz hinter dem Schreibtisch an, der setzte sich und Frau Kenedy erklärte: „Sie müssen schon entschuldigen, normalerweise ist es nicht unsere Art, unsere Kunden auszufragen. Aber wenn die Gemälde tatsächlich das sind, was ich vermute, dann ist das ein so besonderer Fall, dass wir sicher gehen müssen.“

Der Polizist fragte nach Wolfgangs Namen, seiner Adresse und so weiter. Und er habe wirklich keinen Ausweis?
Na ja, seine Netzkarte der „Wiener Linien“ habe er.
Das wäre ja schon immerhin einmal etwas! Und jetzt solle er erzählen, wo er die Bilder her habe.
Wolfgang berichtete wahrheitsgemäß. Aber dann plagte ihn die Neugierde doch zu sehr und er wollte von Frau Kenedy wissen, was es mit den Bildern auf sich habe.
Frau Kenedy druckste ein bisschen herum. Es wäre zwar alles noch nicht bewiesen, aber sie wäre doch sicher, die drei Gemälde mit großer Wahrscheinlichkeit zuordnen zu können. Das Porträt des bärtigen Mannes habe sie darauf gebracht.

Fortsetzung von Seite 6

„Der Mann heißt Mihaly von Munkácsy und war Maler“, berichtete sie dann. „Viele von seinen Bildern hängen in der ungarischen Nationalgalerie in Budapest. Und das dürfte ein bisher unbekanntes Selbstporträt von ihm sein. Wissen Sie, wie ihre alte Tante zu dem Bild gekommen sein könnte?“
Außer dass Wolfgang ziemlich dumm dreinschaute, war er keine große Hilfe. Aber dann fiel ihm plötzlich ein, dass die Tante Wetti von ihrer Großmutter erzählt hatte.

„Die Großmutter von der Tante hat was zu tun g'habt mit ein' Maler“, sagte er deshalb. „Weiß aber nimmer, wie des Grammel g'heißen hat. Soll das Atelier im 4. Bezirk g'habt haben, in der Näh' von der Karlskirchen. Die Tant wollt immer, dass i ihr ein' Blumenstrauß ins Alterheim bring, den die Großmutter vom Maler g'schenkt 'kriegt hat. Und der Strauß hat auch so g'heißen, wie der Maler.“
Marika Kenedy begann plötzlich derart fröhlich zu lächeln, dass ihre Falten beinahe vollständig aus ihrem Gesicht verschwanden.

„Dann passt ja alles zusammen!“, sagte sie. „Sie, Herr Flögl, haben sich nie mit Kunst beschäftigt?“
Wolfgang schüttelte den Kopf.
Und somit begann Marika Kenedy die ganze Geschichte zu rekonstruieren, wie das ein guter Kommissar am Ende eines Kriminalromans machen würde. Und der Polizist, ein Revierinspektor Pany übrigens, blieb noch bis zum Ende ihres Vortrages.
(Da soll nun noch jemand behaupten, Bundesbeamte wären nicht lernwillig! Denn Inspektor Pany hätte jederzeit die Amtshandlung beenden können.)

Der Maler, den die Großmutter der Tante persönlich kannte, müsse der in Salzburg geborene Hans Makart gewesen sein, der auch als Schöpfer des „Makart-Straußes“ gelte, eines dekorativen, aber überladenen Gebildes aus Papierblumen und getrockneten Pflanzen.
Hans Makart wäre zu Ende des 18. Jahrhunderts ungemein populär gewesen, erst mit dem beginnenden Jugendstil war sein historischer und pompöser Ringstraßenstil plötzlich nicht mehr gefragt gewesen. Und das wäre dann jahrzehntelang so geblieben.

Im Jahre 1875, auf dem Höhepunkt seiner Popularität, gab Hans Makart in seinem Atelier ein Fest zu Ehren Richard Wagners. Am Klavier saß damals Franz Liszt und einige der bedeutendsten Künstler der damaligen Zeit kamen zu Gast. Unter anderen Mihaly von Munkàcsy (1844 - 1900), der ja eigentlich Michael Lieb geheißen habe und dessen Vorfahren aus Deutschland stammten. Außerdem war der Schweizer Maler Arnold Böcklin (1827 – 1901) dabei.

Fortsetzung von Seite 7

Makart war mit dem Ehepaar Munkácsy befreundet, hatte sogar die Cecile von Munkácsy gemalt und das Gemälde den beiden als Hochzeitsgeschenk präsentiert.
Es wäre daher anzunehmen, dass das bisher unbekannte Selbstporträt des Mihaly sozusagen eine Revanche für das Porträt gewesen sei.
Die fast nackte Dame wäre mit großer Wahrscheinlichkeit ein Gemälde, auf dem der Maler Hans Makart sozusagen „sitzengeblieben“ war. Vielleicht hätte das Bild der dargestellte Dame nicht gefallen oder sie wollte es aus einem anderen Grund nicht mehr haben. Aber es wäre mit ziemlicher Sicherheit ein echter Makart.

Aber die eigentliche Sensation stelle das dritte Bild dar. Das wäre eindeutig eine sechste Version des Gemäldes „Die Toteninsel“ von Arnold Böcklin.
Von diesem Bild waren bisher fünf Versionen bekannt. Eine, die Adolf Hitler persönlich erworben hatte, wäre bei einem Bombenangriff auf Berlin 1945 zerstört worden, die anderen vier wären auf verschiedene Museen verteilt.

Dieses Gemälde war sozusagen der große Hit des Arnold Böcklin gewesen. Dem Gastgeber Hans Makart, der einen ganz anderen Stil bevorzugte, dürfte es aber wohl nicht zugesagt haben. Deshalb wären alle drei Gemälde wohl irgendwann nach dem Atelierfest verschenkt worden. Und Marika Kenedy könne sich vorstellen, dass die Großmutter von Wolfgangs Tante dem Hans Makart wohl bedeutende Dienste zum Gelingen dieses Festes geleistet habe.

Man musste Wolfgang Flögl zwar nach dieser Eröffnung nicht gerade aus Frau Kenedys Büro tragen, aber er nahm dankbar den Cognac an, den man ihm anbot.
Allerdings benötigte er dann einen zweiten Cognac, als Frau Kenedy ihm den ungefähr zu erwartenden Ertrag nannte. Wenn er die drei Gemälde dem Dorotheum zur Versteigerung überließe, könne er wohl mit annähernd hunderttausend Euro rechnen...

Fortsetzung von Seite 8

Später stand dann Wolfgang in der Dorotheergasse, ohne den Plastiksack mit den Gemälden, aber mit leichten Kreislaufproblemen. In der Brieftasche hatte er allerdings stattdessen die wertvolle Übernahmebestätigung des Dorotheums. Da brauchte er nicht mehr so auf jeden einzelnen Euro zu sehen wie bisher.

Als er darum auf seinem Weg zum Graben und damit zur U-Bahnstation am Café Hawelka vorüber kam, betrat er ohne Gewissensbisse das Lokal, das ziemlich gut besucht war. Einige der Kaffeehausbesucher glaubte er sogar zu kennen, allerdings wusste er deren Namen nicht. Mit Prominenz hatte sich Wolfgang bisher noch nicht beschäftigt – aber dass das bekannte Gesichter waren, war ihm klar.

Und so saß dann der kleine Busfahrer ohne künstlerische Bildung in einem der bekanntesten Künstlerlokale Wiens, sah um sich Schriftsteller, Schauspieler und Politiker und hatte selbst schwarz auf weiß in der Brieftasche, dass ihm je ein Gemälde von Hans Makdingsbums, Arnold Böck... es war doch Böckmeier, oder?... und von einem unaussprechlichen Deutsch – Ungarn gehörten.

Wolfgang Flögl verbrachte zwanzig köstliche Minuten beim Hawelka. In dieser kurzen Zeit konsumierte er einen großen Cognac (seinen dritten an dem Tag) und einen kleinen Mocca, zahlte dafür so viel, dass er mit der ganzen Familie um den Betrag hätte beim Ganslwirten opulent essen gehen können – und fühlte sich phantastisch!

Er würde das Haus am Wolfersberg pipifein herrichten, Moritz würde in der guten, frischen Luft des westlichsten Bezirkes aufwachsen, wo der Wind meistens vom Wienerwald her weht, seine Swetlana würde mit dem Auto zum Dienst fahren und er selber mit dem Bus 152 zur U-Bahnstation Hütteldorf.
Dann beschloss er, als er den Rest des Mokkas austrank, demnächst mit Swetlana ins Kunsthistorische Museum zu gehen. Damit ihm doch vielleicht einmal klar wurde, was an der Kunst so faszinierend wäre...

Was er nicht wusste war, dass ein Blick nach oben nach dem Betreten des Museums genügen würde, um ihm sein großes Glück noch einmal begreiflich zu machen. Denn das Deckengemälde dort stammt von Mihaly von Muncàcsy.

Als dann Wolfgang mit der U-Bahn heim fuhr, hatte er zumindest begriffen, dass die Kunst immerhin ein bedeutender Faktor im Leben sein kann.
Auch, wenn man nichts davon versteht.