KunstGeschichten

KunstGeschichte: Ein Canaletto, gekühlt

In der neuen KunstGeschichte von Erich Wurth geht es um das mysteriöse Verschwinden einer Canaletto-Zeichnung. Zwei Frauen begeben sich auf die Suche, nachdem die Polizei keine Hoffnung mehr hat. Ob sie das teure Stück wiederfinden, erfahren Sie hier.

Vorarlberg ist Österreichs neuntes Bundesland und, wie böse Zungen behaupten, gleichzeitig sein einziger Kanton. Nicht nur, dass die übrigen Österreicher sich mit der Vorarlberger Mundart schwer tun, die dem „Schwyzerdütsch“ ähnlich ist und insbesondere die Wiener sich im äußersten Westen beinahe wie im fremdsprachigen Ausland fühlen, zieht es die Leute westlich des Arlbergs nicht gerade mit Vehemenz in den Osten. Die Mentalität ist eine andere. Vorarlberger sind fleißig, Wiener sind „gemütlich“, wie es sich eingebürgert hat, die phlegmatische, raunzerische Faulheit zu umschreiben. Vorarlberger gleichen eher den Schwaben mit ihrem „Schaffe, schaffe, Häusle baue“ und der Wiener sitzt lieber beim Heurigen und raunzt.

Magda Neumeister aus Dornbirn hatte ursprünglich auch keinerlei Interesse daran gehabt, sechshundert Kilometer nach Osten zu ziehen, aber es ergab sich so. Die Tante Herta war im einundachtzigsten Lebensjahr friedlich entschlafen. Magda hatte ihre Tante kaum gekannt. Eigentlich war es gar keine echte Tante, sondern die Frau des Cousins ihres Vaters. Der Cousin, Anton Walser, war wesentlich älter gewesen als ihr Vater und den hatte es im Dienst der Österreichischen Bundesbahnen vor vielen Jahren nach Wien verschlagen, wo er nie richtig glücklich wurde. Mit seiner Frau Herta war er mehrmals in Dornbirn gewesen, da ihn die Eisenbahnfahrt nur einen Bruchteil des normalen Tarifs kostete und während der letzten Besuche hatte „Tante“ Herta an der jungen, quirligen Magda „einen Narren gefressen“, da die Walsers kinderlos geblieben waren.

Und jetzt hatte Magda also geerbt. Und zwar ganz anständig, wie der Notar meinte. Tante Herta hatte Magda ein altes Zinshaus vermacht gemeinsam mit einer Summe, die offenbar das Ergebnis der jahrzehntelangen Wohnungsvermietungen war. Die alte Tante hatte in den letzten Jahren kaum Geld gebraucht, lebte äußerst bescheiden und erfreute sich hauptsächlich an den ständig wachsenden Einlagen auf ihren Sparbüchern. Der Notar hatte Magda geraten, das Haus zu verkaufen. Es war ein relativ kleiner Bau mit vier Geschoßen und insgesamt nur vierundzwanzig Wohnungen, sechs in jedem Geschoß. Im Erdgeschoß befanden sich kleine Geschäftslokale, die aber alle leer standen. Das Haus stammte aus dem Jahr 1903 und die Wohnungen entsprachen immer noch dem Standard der damaligen Zeit, obwohl 1945 eine britische Fliegerbombe beträchtlichen Schaden angerichtet hatte.

Tante Herta, die schon damals Eigentümerin des Hauses war, nahm zwar die Unterstützung des Wiederaufbaufonds in Anspruch, versäumte es aber, die Wohnungen zu vergrößern, umzubauen oder zusammenzulegen. Der Verkauf des Hauses schien die vernünftigste Lösung. Doch Magda hatte eine andere Idee. Sie wusste, dass Wien eine gewisse Anziehungskraft auf Touristen hat und dass die Hotels in Wien im internationalen Vergleich recht teuer sind. Da müsste es doch Bedarf an relativ günstigen Unterkünften geben! Und wenn man das alte Haus in eine Pension würde umgestalten können, müsste man doch sofort ins Geschäft kommen können! Man brauchte nur etwas billiger anzubieten als die Hotelketten.

Magda hatte bereits Erfahrung im Hotelgewerbe. Zwei Saisonen lang hatte sie in Bregenz in einem Hotel gearbeitet und die Sache hatte ihr unheimlichen Spaß gemacht. Schon bei ihrem ersten Besuch in dem geerbten Haus erkannte sie dessen Potenzial. Es lag im fünfzehnten Gemeindebezirk relativ nahe zur U-Bahnstation Längenfeldgasse und somit waren von dort sowohl die Innenstadt als auch Schönbrunn in kurzer Zeit zu erreichen. Wenn man die großteils kleinen „Zimmer – Küche – Wohnungen“, die in den ersten Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts Standard beim Proletariat Wiens waren, entsprechend umbaute und mit Sanitäreinrichtungen versah, konnte eine ansehnliche Frühstückspension daraus werden. Für das Kapital, das nötig war, hatte Tante Herta ja gesorgt!

Also siedelte Magda nach Wien über und bezog eine der kleinen Wohnungen, die ohnehin leer stand. Nur dreizehn der vierundzwanzig Wohnungen waren vermietet und die Mieter, großteils türkischer und serbischer Abstammung, konnte man relativ rasch loswerden, da der Anwalt von Tante Herta ausschließlich kurzfristige Mietverträge abgeschlossen hatte.

Dieser Anwalt, Magister Öhlschläger, war ein Original, dessen großer Ärger außer seinem Gewicht die Tatsache war, dass er mit einer heutzutage so sehr modernen Glatze herumlief. Das allerdings nicht freiwillig, sondern das Haar war ihm schon im Alter von achtundzwanzig Jahren ziemlich schütter geworden und jetzt, mit siebenunddreißig, hatte es sich vollkommen verabschiedet. Dabei war Magister Öhlschläger überhaupt kein moderner Typ, eher das Gegenteil und einen Konservativen mit progressiver Glatze empfand er als paradox. Er hatte ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl und verabscheute jene Anwälte, die Fälle nur des Honorars wegen übernahmen, auch wenn sie wenig Aussicht auf Erfolg bei Gericht hatten. Schon bei ihrem ersten Zusammentreffen waren der füllige Anwalt und die kleine, zarte Magda einander sehr sympathisch.

Öhlschläger bot Magda sogar an, sie bei den Umbauarbeiten unterstützen und beraten zu wollen, natürlich kostenlos, sofern Magda weiterhin Klientin bei ihm bleiben wolle. Wenn man ein Unternehmen wie eine Pension zu führen hat, bleiben rechtliche Probleme kaum aus.
Magister Öhlschläger verschaffte Magda auch einen Architekten, der die Planung der Umbauarbeiten kostengünstig übernahm. Die ersten Mieter zogen bald aus und schon nach wenigen Monaten konnten die Arbeiten beginnen, die aus dem alten Gebäude eine Pension mit Flair und allem Komfort machen sollten. Selbstverständlich war ein Lift einzubauen und die vierundzwanzig Wohnungen ergaben nach dem Abbruch einiger Zwischenwände und der Errichtung neuer insgesamt dreißig geräumige Doppelzimmer, eine Privatwohnung für Magda und im Erdgeschoß die nötigen Nebenräume.

Magda verzichtete auf einen Restaurantbetrieb, es sollte eine reine Frühstückspension werden und Getränkeautomaten sollten das Servierpersonal ersetzen, so dass sie die Kosten dafür sparen konnte.
Magda hatte vorläufig eine leer stehende, desolate Wohnung im vierten Stock bezogen und Anfang Juni litt sie unter den hohen Temperaturen, die da unter dem Dach mitunter herrschten. Deshalb beschloss sie, gleich bei den Umbauarbeiten eine Klimaanlage zu installieren. Und zwar etwas Anständiges! Gleich kombiniert mit der Heizanlage. Im Keller sollte die angesaugte Luft gekühlt beziehungsweise erwärmt werden und die temperierte Luft sollte durch Luftschächte aus Blech über den Zwischendecken, die überall einzuziehen waren, in die einzelnen Räume geleitet werden.


Während des folgenden halben Jahres entwickelte Magda erstaunliche Fähigkeiten, was die Koordination der einzelnen Handwerker betraf. Das Management der Baustelle nahm sie vollkommen in Anspruch, aber nicht einmal ein Jahr nach der Übernahme des Hauses konnte Magda die Pension Neumeister eröffnen. Sogar einige alte Freunde aus Dornbirn und Bregenz waren zur Eröffnung gekommen und diese fungierten natürlich gleich als „Probegäste“ in den neu adaptierten Räumen. Der Umbau hatte zwar das gesamte verfügbare Kapital verschlungen, aber dafür besaß Magda jetzt ein Schmuckstück unter den Beherbergungsbetrieben der Bundeshauptstadt.

Im Erdgeschoß gab es, wie schon gesagt, Geschäftslokale, wie das vor dem ersten Weltkrieg in vielen der Zinshäuser der Fall war und da Magda eines davon nicht in den Umbau einbezogen hatte, bleiben dessen Räume erhalten. Anwalt Öhlschläger hatte eine Interessentin für das Objekt. Olga Jansen, seine Bekannte, eine etwa fünfunddreißigjährige, attraktive Frau halb dänischer Abstammung betrieb einen Handel mit Kunstwerken in einer der großen Einkaufsstraßen Wiens und strebte eine Übersiedlung an, weil die Miete für ihr Verkaufslokal wieder einmal um einen beträchtlichen Betrag erhöht worden war. Einen Standort im Bereich von Magdas Pension Neumeister hielt Frau Jansen für geradezu ideal, zumal dadurch die monatlichen Fixkosten für ihre Galerie um beinahe fünfzig Prozent gesenkt würden.
Olga hatte ein sicheres Auge für Kunst, bot eine Mischung aus alten und modernen Werken an und lehnte es prinzipiell ab, Werke, von denen sie nicht überzeugt war, in ihr Sortiment aufzunehmen. Gleichzeitig mit der Pension Neumeister eröffnete auch die Galerie Jansen.

Olga Jansen kam nach der Geschäftszeit beinahe täglich durch die Verbindungstür in die Lobby der Pension, um mit Magda noch etwas zu plaudern und mitunter etwas zu trinken. Erstaunlicherweise stellte sich oft Rechtsanwalt Öhlschläger ein. Zufälligerweise hatte er immer häufig in der Gegend zu tun und sowohl Magda als auch Olga nahmen diese Tatsache mit jenem gewissen Lächeln zur Kenntnis, das darauf schließen lässt, dass die beiden Frauen den Erklärungen des Anwalts nicht ganz trauten.
Eines Tages präsentierte Olga ganz stolz eine Neuerwerbung.
Es handelte sich um drei Zeichnungen. Zwei relativ kleine, die eine Ansicht der Karlskirche sowie einen Ausschnitt aus einem Park zeigten und eine relativ große, die ganz eindeutig darauf hindeutete, dass es die Vorarbeit zur Vedute „Wien vom Belvedere aus gesehen“ sein musste.

Bernardo Bellotto, wie sein Onkel Giovanni Antonio Canal ebenfalls Canaletto genannt, hatte offenbar in den Jahren 1759 oder 1760 die Zeichnung gemäß der ihm eigenen Technik benutzt, um das Gemälde, das sich nun im Kunsthistorischen Museum befindet, anzufertigen. Die große Zeichnung war mit einem Gitternetz aus Quadraten überzogen und Bellotto hatte die Angewohnheit, solche Zeichnungen, die leicht auf die endgültige Leinwand zu übertragen waren, immer aufzubewahren, um seine Gemälde eventuell nochmals anfertigen zu können, was relativ häufig gewünscht wurde.
Olga hatte die Zeichnungen sehr preiswert bekommen, war sich aber trotzdem sicher, echte Arbeiten von Canaletto vor sich zu haben. Offenbar waren die Blätter bei Bellottos Abreise nach Dresden in Wien zurück geblieben.

Magister Öhlschläger hatte zwar erst leichte Bedenken hinsichtlich der Rechtmäßigkeit des Ankaufs, aber Olga hatte Namen und Adresse des Verkäufers, der die Blätter angeblich unter altem Gerümpel gefunden hatte und der Anwalt beruhigte sich wieder. Seither hing die große Gesamtzeichnung in Olgas Galerie und sie war sozusagen das Prunkstück unter allen ihren Kunstwerken. Dementsprechend war auch der Preis, den Olga dafür forderte und natürlich kaufte sie niemand. Zu teuer. Aber Olga hoffte darauf, dass es sich in Wien herumsprechen würde, was in ihrer kleinen Galerie hing. Früher oder später würde sich bestimmt ein Käufer finden.

Etwa ein Jahr, nachdem Magda das alte Zinshaus das erste Mal betreten hatte, gab es schon Ende Mai ein paar besonders heiße Tage in Wien. Magda saß an der Rezeption und freute sich über ihren Entschluss, die Klimaanlage einbauen zu lassen. Die Pension war nicht gut ausgebucht. Eine Reisegruppe aus Russland hatte abgesagt und von den insgesamt dreißig Doppelzimmern standen einundzwanzig leer. Acht Paare und ein Einzelgast wohnten momentan in der Pension und Magda hatte nicht viel zu tun. Ebenso Olga, denn bei diesen Temperaturen hat man besseres vor, als eine Kunstgalerie aufzusuchen, auch wenn diese klimatisiert ist.

Punkt achtzehn Uhr schloss Olga daher ihren Verkaufsraum und sperrte die vordere Tür ab. Durch die Hintertür betrat sie die Rezeption der Pension, um mit Magda noch einen „G’spritzten“ zu trinken.
Magda kam hinter dem Empfangspult hervor und die beiden setzten sich an einen Tisch unmittelbar am Eingang der Pension Neumeister. Etwa fünfzehn Minuten plauderten sie über die Hitze, wie ungewöhnlich die Temperatur zu dieser Jahreszeit wäre und über die derzeitige Situation im Tourismus. Dann war Olgas Glas leer und sie ging zurück in die Galerie, ihre Autoschlüssel zu holen.

Der Canaletto war weg! Kreidebleich kam Olga in den Empfangsraum gerannt. „Magda, der Canaletto hat Füße gekriegt!“
„Was? Weg?“
„Ja. Verschwunden! Hast du jemanden da reingehen gesehen?“
„Do ischt niemand gsi“, sagte Magda, in der Aufregung in ihr heimatliches Idiom verfallend.
„Die Eingangstür war zu! Der muss da durchgekommen sein!“, beharrte Olga.
„Ja, Stutz no mal, das gibtschts ja nit!“
„Komm, schau selber!“

Magda konnte ihren Augen nicht trauen, als sie die Galerie betrat. Die beiden Glasscheiben, zwischen denen die Zeichnung eingespannt war, lagen auf Olgas Schreibtisch und daneben die Metallklammern, die das Glas zusammen gehalten hatten. Die Vordertür war versperrt und der Dieb musste tatsächlich durch die Lobby in die Galerie eingedrungen sein. Olga hatte die Verbindung zur Rezeption nicht abgesperrt, weil sie ja ohnehin in Sichtweite, keine acht Meter von der Türe entfernt, ihren G’spritzten getrunken hatte. Irgendjemand musste in einem Moment, als die beiden Frauen gerade nicht hinsahen, durch die Tür geschlüpft sein.

Die Polizei schickte einen Ermittler mit dem seltsamen Namen Sackwind, und dieser Beamte war miserabelster Laune. Bei dieser Hitze hatte er Dienst! Und gerade heute musste er einen Diebstahl bearbeiten. Das Ergebnis der Tatbestandsaufnahme entsprach dem Seelenzustand des Beamten, der sich überhaupt nicht klar darüber war, dass ein Canaletto immerhin was ganz Besonderes wäre. Inspektor Sackwind fand keinerlei Fingerabdrücke und kam zu dem Schluss, dass sich die Zeichnung noch im Haus befinden müsste, da sowohl Magda als auch Olga versicherten, niemand habe das Gebäude betreten oder verlassen. Also wurden die anwesenden Pensionsgäste unter die Lupe genommen. Es waren nur zwei Ehepaare und der Einzelgast Herr Klarnigg aus dem dritten Stock anwesend, die anderen Gäste waren trotz der Hitze unterwegs.

Alle fünf Personen zeigten großes Verständnis, als Inspektor Sackwind deren Gepäck untersuchte. Die beiden Ehepaare aus Hamburg und Göttingen räumten selber die Schränke aus, und Herr Veit Klarnigg aus Klagenfurt, der sich angeblich beruflich in Wien aufhielt, ging sogar so weit, seine Unterstützung bei der Durchsuchung der leer stehenden Zimmer anzubieten. Die Zeichnung blieb verschwunden.
Inspektor Sackwinds Laune war während all dieser Aktivitäten nicht besser geworden. Schließlich meinte er, da könne man nichts mehr machen und empfahl Olga den Wechsel ihrer Versicherung. Einer seiner Bekannten biete Diebstahlspoliccen zu besonders günstigen Konditionen an. Da Olga nicht darauf reagierte, wurde Inspektor Sackwinds Laune noch einige Grade schlechter und er verabschiedete sich mürrisch, ohne Olga auch nur die geringste Hoffnung zu machen, die Zeichnung je wieder zu bekommen.

Magda und Olga hielten daraufhin Kriegsrat, nachdem sie ausgiebig auf die Polizei im Allgemeinen und Inspektor Sackwind im Besonderen geschimpft hatten. Dann unternahmen sie eine Überprüfung der leer stehenden Zimmer. Immerhin hätte der Dieb ja die Zeichnung in einem von ihnen deponieren können. Die Schlösser der Zimmer waren ja nicht von besonderer Qualität. Die Suche ergab überhaupt nichts.
Aber dann, im zweiten Stock, als Olga gerade wieder hinter Magda ein soeben durchsuchtes Zimmer verließ, fiel ihr Blick auf das Gitter des Luftschachts.

Magda hatte in allen Zimmern neben dem Eingang ein kleines Bad errichten lassen und in dem Bereich vor dem kleinen Sanitärraum eine Zwischendecke einziehen lassen, so dass ein kleines, niedriges „Vorzimmer“ entstanden war. Über der Decke des Vorzimmers verliefen die Elektroleitungen sowie der Luftschacht aus Blech, der mit einem Gitter zum Schlafbereich abgeschlossen war.
„Den Luftschacht hamma noch net ang’schaut“, sagte sie.
Magda, die schon draußen auf dem Gang stand, kam zurück. „Da sollten wir erst den Schacht in den bewohnten Zimmern anschauen“, schlug sie vor. „Vor allem den im Zimmer von dem Kärntner! Der war ein bisserl zu kooperativ, meinst net?“

Allerdings wollte Magda damit warten, bis Veit Klarnigg sein Zimmer verlassen hatte. Sie scheute sich, den Gast so offen zu verdächtigen. Am nächsten Morgen war es immer noch so heiß. Trotzdem verließ Herr Klarnigg bereits kurz nach sieben Uhr die Pension. Olga war schon um sechs in ihre Galerie gekommen. Sie brannte darauf, den Luftschacht in Klarniggs Zimmer zu inspizieren und kaum war dieser auf der Straße verschwunden, gingen Magda und Olga ans Werk.
Eine Doppelleiter wurde aus dem Keller in Klarniggs Zimmer geschafft und Magda löste die Schrauben, die das Abschlussgitter vor der Öffnung des Schachts fixierten. Dann ließ Olga es sich nicht nehmen, selbst in den Schacht zu sehen und Magda machte ihr auf der Leiter Platz. Olga richtete den Lichtstrahl einer Taschenlampe in die dunkle Öffnung – und da lag die Zeichnung.

Die Klimaanlage arbeitete, aus dem Schacht strömte angenehm kühle Luft und etwa zweieinhalb Meter vom Luftaustritt entfernt lag die Canaletto – Zeichnung, fixiert vom schweren Aschenbecher, der zur Ausstattung jeden Zimmers gehörte. Ohne den Aschenbecher hätte das Blatt vom Luftstrom der Klimaanlage weggeweht werden können. Als Olga die Zeichnung hervorholte indem sie halb in den Luftschacht hineinkroch, meinte sie: „Wenigstens hat’s der Canaletto net zu heiß g’habt. Schön kühl is er.“
„I ruf die Polizei“, kündigte Magda an.
„Wart’ noch a bissel“, bat Olga. „I ruf lieber den Öhlschläger an. Und den Aschenbecher lass i stehn da, falls der Anwalt doch die Polizei einschalten will.“
Olga kroch hervor und reichte Magda den gekühlten Canaletto hinunter. Dann sahen sie zu, dass sie den kahlköpfigen Anwalt erreichten.

Dieser brauchte keine Stunde, um in die Pension zu kommen.
Eine Konferenz in der Lobby, an dem Tisch am Eingang vor der Rezeption wurde abgehalten, unterbrochen von vier neuen Gästen, die eincheckten und Magda nötigten, die Besprechung jeweils kurz zu unterbrechen. Aber Magister Öhlschläger hatte Zeit, wie immer, wenn er in der Pension Neumeister zu Besuch war.
Der Anwalt riet davon ab, die Polizei zu verständigen. Seiner Meinung nach reichte es nicht aus für eine Verurteilung des Herrn Klarnigg, dass die Zeichnung in dessen Zimmer gefunden worden war. Dazu waren die Schlösser der Gästezimmer zu einfach. Sogar er selber, Ohlschläger, könne die Schlösser mit einem Zahnstocher knacken, meinte er.

Stattdessen riet er, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Die Zeichnung wäre wieder da, Frau Jansen habe keinen Schaden und Klarnigg würde schon noch einmal die Rechnung für seinen Diebstahl präsentiert bekommen. Er, Öhlschläger, glaube an die ausgleichende Gerechtigkeit. Es wäre nicht die Mühe wert, wegen dieser Sache in einen langwierigen Indizienprozess verwickelt zu werden.
Schließlich stimmten Magda und Olga der Argumentation des Anwalts zu. Besonders Olga hatte Bedenken hinsichtlich all der Mühen und vor allem der Zeit, die sie im Fall einer Anklage Klarniggs investieren würde müssen. Das stand tatsächlich nicht dafür. Und so wurde beschlossen, nichts mehr zu unternehmen.

Noch in derselben Nacht trat die ausgleichende Gerechtigkeit in Aktion. Herr Veit Klarnigg würde es zwar eher als ausgleichende Ungerechtigkeit empfunden haben, nichtsdestoweniger war die Angelegenheit für ihn äußerst peinlich. Noch aber saß er auf einer Bank im Volksgarten bei der Hofburg und telefonierte pausenlos mit seinem Mobiltelefon. Er veranstaltete geradezu eine telefonische Auktion und seine Anrufe kosteten ihn eine Menge Geld. Telefonate vom Handy aus nach Russland, Italien und Lettland sind nicht billig.

Momentan stand das Angebot bei siebentausend Euro, was Veit Klarnigg als viel zu niedrig empfand. Herr Borovdin aus Sankt Petersburg hatte diesen Betrag geboten, da er einen Käufer für den Canaletto an der Hand hatte, einen Industriellen aus Jekaterinburg, der Stadtansichten sammelte. Aber auch ein Privatmann in Catania war angeblich sehr interessiert. Veit versuchte, die beiden Interessenten gegeneinander auszuspielen. Er machte das sehr geschickt und um elf Uhr vormittags stand das letzte Angebot bei neuntausendfünfhundert. Veit ärgerte sich. Es musste doch möglich sein, zumindest den runden Betrag von zehntausend zu erreichen! Immerhin war das ja ein Canaletto!

Gegen vierzehn Uhr waren die Zehntausend erreicht und ein neuer Bieter, ein Schweizer, war eingestiegen. Veit Klarnigg war zufrieden. Der Canaletto war ja immerhin nur ein Nebenverdienst, sein Besuch hier in Wien galt ja der Vorbereitung für einen Einbruch in einen Juwelierladen, den zwei eigens dafür angeworbene Slowenen durchführen sollten. Aber am Donnerstag, wenn die Sache gemacht würde, wollte Veit schon wieder zu Hause in Klagenfurt sein.

Um sechzehn Uhr erhielt der Russe den Zuschlag. Elftausend Euro und ein Kurier würde das Blatt aus Klagenfurt abholen. Veit hatte nicht noch mehr herausholen können, aber er war damit zufrieden. Er würde noch heute die Hotelrechnung bezahlen und morgen den ersten Zug nach Klagenfurt nehmen.
Frau Neumeister, die, wie immer, an der Rezeption stand, wirkte etwas nervös als Veit den Preis für die drei Tage, die er hier gewohnt hatte, auf den Tisch blätterte. Aber die Pensionschefin war immerhin auch heute recht freundlich und Veit fragte sogar noch, ob es Neuigkeiten bezüglich der gestohlenen Zeichnung gäbe, was Frau Neumeister natürlich verneinte.

Veit ging dann noch mal weg, um in einem Restaurant in der Sechshauser Straße ein anständiges Abendessen zu sich zu nehmen und den erfolgreichen Verkauf des Canaletto ein wenig zu begießen. Und als er dann in sein Zimmer zurückkehrte, so gegen zweiundzwanzig Uhr, packte er erst einmal und wollte dann den Canaletto aus dem Luftschacht holen. Leiter hatte er natürlich nicht, also musste der kleine Tisch, der in seinem Zimmer stand, als Aufstiegshilfe herhalten. Als er die Schrauben, die das Abdeckgitter hielten, gelöst hatte, glaubte er seinen Augen nicht trauen zu können. Der Luftschacht war leer!

Die Neumeister unten an der Rezeption hatte behauptet, nichts Neues vom Canaletto zu wissen. Also hatte sie ihn nicht entdeckt. War das blöde Papier da vom Luftstrom verblasen worden? Konnte man mit diesem Schacht eventuell auch Luft ansaugen? In so einem Falle hätte die Zeichnung wohl in die Tiefen des Schachts hineingesaugt worden sein können! Der Aschenbecher, der das Papier hätte beschweren sollen, der war ja immerhin noch da! Panik stieg in Veit hoch. Wenn der Canaletto weg war und der Russe, dieser Borovdin sich beschissen vorkam, fühlte Veit sich seines Lebens nicht mehr sicher. Der Canaletto konnte sich doch nicht in Luft aufgelöst haben!

Am Ende des Luftschachts bog der blecherne Kanal zur Seite. Konnte der kühle Wind das Blatt dorthin geweht haben? Unwahrscheinlich, aber Veit musste Klarheit haben. Er kletterte vom Tisch herunter und stellte einen Sessel auf die Tischplatte. Von dessen Sitzfläche aus musste er in den Schacht hinein kriechen können. Nervös und voller Ungeduld ging Veit Klarnigg ans Werk. Schon auf den Sessel zu steigen war ein Balanceakt. Aber dann lag er mit der Brust auf dem Boden des Luftschachts, stieß sich mit den Füßen ab und war beinahe vollständig in der quadratischen, blechernen Röhre. Der kühle Luftzug wehte ihm ins Gesicht und er bemühte sich, den Körper weiter vor zu schieben. Die Bewegungsfreiheit hier drinnen war fast null und er konnte die vorgestreckten Arme nicht mehr an den Rumpf anlegen. Also musste er sich vorwärts schieben, indem er die Hände gegen den Boden drückte und den Rumpf nachzog. Das war äußerst mühsam!

Etwa einen Meter war er vorangekommen, da brach er mit der rechten Hand ein. An der Stelle, an der zwei Abschnitte der Blechröhre aneinander stießen, hatte seine Hand das Blech verbogen und war zwischen den beiden Teilen durchgedrungen. Das scharfe, verzinkte Eisenblech schnitt in sein Handgelenk und er kriegte die Hand nicht mehr heraus. Wie eine Falle wirkten die beiden Bleche, zwischen denen sein Handgelenk eingeklemmt war. Wenn er zog, wirkten die beiden Bleche wie ein Widerhaken und gruben sich tief in seinen Arm. Veit fluchte, wie er noch nie geflucht hatte, aber es nützte natürlich nichts.

Nach etwa fünf Minuten vergeblicher Versuche, sich zu befreien, sah Veit ein, dass er hier nicht mehr herauskam. Sein Handgelenk tat mittlerweile höllisch weh.
Er brauchte Hilfe. Allerdings, wenn er da von irgendjemandem aus seiner prekären Lage befreit würde, wie sollte er es erklären, warum er in diesen verdammten Schacht gekrochen war. Eine ganze Weile zermarterte er sich das Hirn, um eine plausible Ausrede zu finden. Der Arm schmerzte immer mehr und ihm fiel nichts ein.

Und dann stak sein zweiter Arm auch noch fest. Im vergeblichen Bemühen, die beiden Bleche auseinander zu biegen, war er mit der Linken ebenfalls in die Falle geraten. Diesmal fluchte Veit nicht mehr leise. Sein „Himmelfixsackelzement“ dröhnte dumpf in dem engen Luftschacht. Und dann schloss er möglicherweise noch lauter sein dringliches: „Hilfe! Hört mi wer? Helfts mir doch!“ an. Natürlich geschah nichts. Die Pension war, wie schon erwähnt, längst nicht ausgebucht und niemand hörte ihn.
Ja, im Keller wäre er zu hören gewesen, und zwar sehr gut, weil der blecherne Schacht wie ein Resonanzkörper wirkte. Aber niemand war im Keller.

Über zwei Stunden schrie Veit Klarnigg um Hilfe. Etwas anderes konnte er nicht tun. Hätte er weiter versucht, seine Hände heraus zu ziehen, hätte er sie sich vermutlich an den Blechkanten abgeschnitten.
Dann, um etwa halb eins, kam ein verspäteter Gast in der Pension an und der Nachtportier Ali brachte ihn zu seinem Zimmer im zweiten Stock. Der endlich hörte Veit, den mittlerweile bereits Visionen plagten, dass er wohl hier im Schacht abkratzen und man seine Knochen erst Jahre später finden würde. Ali öffnete Veits Zimmer mit dem Generalschlüssel und Veit röchelte „Um Himmel Willen, helfts mir doch!“

Ali traute seinen Augen nicht, als er in dem Zimmer zwei Schuhe an strampelnden Beinen aus dem Luftschacht der Klimaanlage ragen sah und er stellte natürlich die begründetet Frage: „Was du machen da oben?“ Das Gebrüll des Herrn Veit Klarnigg, das dieser Frage folgte, war eine Mischung aus einem Freudenschrei und dem Ausdruck der Empörung darüber, dass erst jetzt es jemand der Mühe wert hielt, einem verzweifelten Verunfallten zu helfen. Die Hilfe gestaltete sich schwierig. Erst musste Veit warten, bis Ali mit der Doppelleiter anrückte. Dann zog Ali an Veits Beinen, was zu einem Schmerzgebrüll führte. Und schließlich, nachdem Ali darüber informiert worden war, dass die Hände des Gastes zwischen scharfkantigen Blechen eingeklemmt waren, weckte Ali seine Chefin, die in ihrem privaten Appartement im dritten Stock schlief mit der Ankündigung, er werde wohl die Feuerwehr rufen müssen.

Die nächstgelegene Feuerwache befindet sich am Gürtel und der erste Zug der Wiener Berufsfeuerwehr traf etwa fünf Minuten nach dem Notruf vor der Pension ein. Aber diese fünf Minuten benutzte Magda, um im Nachthemd vor dem Luftschacht stehend, ein interessantes Gespräch mit dem gefangenen Herrn Klarnigg zu führen. Dieser war mittlerweile so zermürbt und mit den Nerven herunter, dass er alles zugab. Er hätte damals im Stiegenhaus versteckt gewartet, bis Magda aufgestanden war, um Eiswürfel zu holen und Olga gleichzeitig in die Tiefen ihrer Handtasche abtauchte, um in die Galerie zu gelangen. Den Rückzug hatte er ähnlich bewerkstelligt, nämlich als die beiden sich mit ihren „Gspritzten“ zuprosteten und nicht auf die Tür zur Galerie achteten.

Auf die Frage, was er denn mit der Zeichnung vorgehabt hätte, gab Veit, dessen Handgelenke brannten wie Feuer, bereitwillig den Namen des Hehlers aus Sankt Petersburg bekannt und, weil es „eh scho wurscht“ war, gleich den Preis von elftausend Euro für die Zeichnung.
Dann endlich waren die Feuerwehrleute da, rissen die Zwischendecke des Vorraums ab, zerschnitten die Blechröhre der Klimaanlage und bugsierten Herrn Klarnigg vorsichtig aus seinem Gefängnis. Dann wurde Veit zum bereit stehenden Notarztwagen gebracht und die Polizei, die in solchen Fällen von der Feuerwehr informiert wird, war auch schon da. Der Inspektor des Funkwagens war recht nett, viel netter als Inspektor Sackwind und der erstellte über die ganze Sache ein Protokoll, denn immerhin war Schaden an der Zwischendecke und dem Luftschacht entstanden, den es galt, abzudecken.

Herr Klarnigg wurde ambulant versorgt, aber Magda brachte es nicht über sich, die Sache mit dem gestohlenen Canaletto dem netten Polizeibeamten zu verschweigen, weshalb Veit Klarnigg einmal vorläufig festgenommen wurde.

Und so endet die Geschichte mit einem wütenden, russischen Kurier, der vom Flughafen Klagenfurt seinen Boss anrief und um Anweisung ersuchte, wie denn der Herr Veit Klarnigg am wirkungsvollsten abzumurksen sei – und mit zwei jungen Frauen in der Pension Neumeister, die über Herrn Veit Klarnigg herzlich lachten.

Übrigens, Magister Öhlschläger kommt nach wie vor mindestens einmal wöchentlich zu einem juristischen Beratungsgespräch in die Pension – und immer noch ist nicht ganz klar, ob er es auf Magda oder Olga abgesehen hat.

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