KunstGeschichten

KunstGeschichte: Friedhofsspuk

Höhere Mächte wollen den Bildhauer und Steinmetz Charly Breitebner daran hindern, eine nicht genehmigte Engelsskulptur auf dem Wiener Zentralfriedhof aufzustellen. Denn wie von Geisterhand verschwinden immer wieder die Schraubenmuttern am Sockel. Erich Wurth über Friedhofsspuk, Leichenfledderei und Reliquienkult.

Wien ist einmal die achtgrößte Stadt der Erde gewesen.
Das ist schon länger her. Es war so gegen Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts und damals hatte Wien über 2 Millionen Einwohner. Heute sind es etwas über 1,6 Millionen und die Tendenz ist nur ganz leicht steigend – und zwar ausschließlich durch Zuwanderung.

Aber lange schon hatte Wien ein Problem mit den Leuten, die ihr Leben bereits hinter sich hatten. In Wien kann man Tote kaum problemlos entsorgen. Der raunzende, grantige Wiener hat ein ganz besonderes Verhältnis zum Tod. Wenn er schon einmal soweit ist, dass die Backhendln und der Brünnerstraßler für ihn nicht mehr verfügbar sind, dann muss wenigstens „a schöne Leich'“ stattfinden.

Um 1780 hatte der Kaiser so seine Probleme damit. Es war Josef der Zweite, Maria Theresias Sohn und das war einer der ersten „Grünen“. Er hatte zur Schonung der Holzvorräte damals verfügt, dass bei Begräbnissen der Sarg mit einem aufklappbaren Boden zu versehen wäre, so dass der Tote ohne „Holzpyjama“, also quasi „nackt“ beerdigt wurde. Dieser „Josefinische Gemeindesarg“ oder „Klappsarg“ wurde von den Wienern als pietätlos bekämpft und vor seinem Tod 1790 musste Kaiser Josef die Bestimmung wieder zurücknehmen. (Da war allerdings der Leichnam Wolfgang Amadeus Mozarts bereits in einem Schachtgrab am Friedhof Sankt Marx bestattet worden und konnte später nicht mehr gefunden werden.)

Eine zweite Bestimmung nahm er allerdings nicht zurück: Zur Schonung des Grundwassers hatte er alle Friedhöfe, die innerhalb des „Linienwalls“ lagen, also innerhalb der heutigen Gürtelstraße, einfach aufgelassen.

Mitte des 19. Jahrhunderts, als Wien bereits überdurchschnittlich anwuchs, wurde klar, dass die verbliebenen Friedhöfe die Toten bald nicht mehr aufnehmen konnten und es kam zu einer Suche nach einem neuen Platz für einen großen Friedhof, der einer Stadt mit 4 Millionen Einwohnern (so schätzte man damals die Bevölkerungsentwicklung ein) gerecht werden konnte.

Die Wahl fiel aus geologischen Gründen auf die außerhalb der Stadt gelegenen Orte Kaiserebersdorf und Simmering. Der Lössboden dort beschleunigte die Verwesung, verhinderte die Ausbreitung von Seuchen und die Wände der Grabschächte konnten kaum einstürzen.
1870 kam es zu einer Ausschreibung, die die beiden Frankfurter Architekten Karl Jonas Mylius und Alfred Friedrich Bluntschli gewannen. Nach drei Jahren Bauzeit wurde der Friedhof 1874 eröffnet.

Von den Wienern wurde das 2,5 Quadratkilometer große Areal aber nicht als Friedhof akzeptiert. Erstens war die Atmosphäre in den Anfangsjahren wegen fehlender Vegetation sehr nüchtern, zweitens hinkten die Bauwerke in der Entstehung hinterher und drittens war der Friedhof schwer erreichbar, da er noch nicht durch öffentliche Verkehrsmittel an Wien angebunden war.

Die Gemeinde Wien legte daraufhin eine ganze Gruppe von Ehrengräbern an. Von den anderen Friedhöfen wurden die prominenten Toten auf den Zentralfriedhof gebracht, in der Folge entstanden diverse Bauten und langsam nahm die Akzeptanz der Bevölkerung zu. 1901 wurde die „Elektrische“ eröffnet, die heute unter der Linienbezeichnung 71 die Innenstadt mit dem Friedhof verbindet und die zeitweise auch zum Transport der Toten benützt wurde. „Er hat den 71er g'nommen“ ist seither eine Umschreibung des Ablebens in Wien.

Charly Breitebner hatte nie einen Gedanken an die Geschichte des Zentralfriedhofs verschwendet. Für ihn war der Friedhof einfach nur der Arbeitsplatz.
Charly, ein relativ kleiner, eher zarter Bursche, dem man seine körperliche Kraft nicht ansah, war Steinmetzgeselle bei der Firma „Jaromir Zluschek, Grabdenkmäler und Grabschmuck“, in der Simmeringer Hauptstraße, gegenüber vom Tor 2 des Zentralfriedhofes. Die Steinbearbeitung war für ihn so etwas wie eine Berufung und mit den Maschinen, die dafür zur Verfügung standen, ging er um, als wären sie alle seine Freunde. Insgeheim hatte er das Bestreben, sich einen Namen als Steinmetz zu machen und vielleicht einmal in den Kreis der namhaften Bildhauer aufgenommen zu werden.

Unerschütterlich an den Charly glaubte vor allem die Silvia Weber, Floristin bei der nebenan liegenden Gärtnerei Slama. Wenn sie etwas Zeit hatte, kam sie herüber zum Charly und sah ihm zu, wie er Steinblöcke schnitt und mit einem Druckluftmeißel ausdrucksvolle Gesichter aus den Blöcken herausarbeitete. Was der Charly da konnte, nötigte der Silvia die größte Bewunderung ab.

Was sie ebenso sehr bewunderte, war das „Hobby“, das sich Charly zugelegt hatte: Er verfertigte die in modernen Formen gehaltene, lebensgroße Statue eines Engels, die er auf dem Zentralfriedhof aufstellen wollte.

Der Engel war mit großen Flügeln ausgestattet, sein Gesicht wies ein wenig die Züge von Charlys Freundin Silvia auf, im übrigen war der Körper des Engels allerdings ein fantasievolles Gebilde, das wenig mit dem menschlichen Körper gemein hatte.

Und Charly hatte auch schon einen Platz dafür!
Nahe an den Ehrengräbern sollte der Engel stehen, auf einer Plattform, die Charly ebenfalls bereits aus Steinplatten gebaut hatte. Unter einem Kastanienbaum, der mit anderen in einigem Abstand zur Karl Borromäus Kirche steht. Von diesem modernen Engel versprach sich Charly die Aufmerksamkeit, die ihm seiner Meinung nach zustand.

Einen Schönheitsfehler hatte der Engel allerdings. Er war nicht genehmigt.
Aber Charly legte es drauf an. Ein künstlerisch wertvolles Objekt, das ohne Genehmigung auf dem Zentralfriedhof stand, würde die Aufmerksamkeit der Presse auf sich ziehen und dem Charly schließlich die ersehnte Publicity verschaffen.

Jetzt war es endlich so weit. Die Skulptur war fertig und Charly wollte sie abends, bei Dunkelheit an den ihr zugedachten Platzt bringen. Es war Mitte November, das Totengedenken war vorüber und Charly sollte die nötige Ruhe haben, wenn er die Statue mit dem Kleinlaster seines Chefs hinüber zum Friedhof brachte. Silvia wollte ihn dabei unterstützen. Mit dem kleinen hydraulischen Kranarm auf dem Laster sollte es keine Schwierigkeiten geben, das Ding aus seiner Plattform zu heben.

So ging es also gegen 20 Uhr los. Die Statue war verladen, Silvia setzte sich auf den Beifahrersitz und Charly fuhr den Laster hinüber zum Tor 2. Schlüssel für den Friedhof hatte er ja.
Hinter dem Tor, das Silvia wieder schloss und absperrte, fuhr Charly langsam die breite Straße zur Karl Borromäus Kirche hoch. Plötzlich glaubte er, hinter dem dunklen Kirchenbau die Lichter eines Fahrzeuges zu sehen. Aber sie waren gleich wieder verschwunden.
Bei dem vorbereiteten Podest für den Engel angelangt, manövrierte Charly den Laster so zwischen die Bäume, dass der Kranarm die Statue leicht auf den Sockel heben konnte. Silvia montierte einen kleinen Scheinwerfer, der von der Autobatterie gespeist wurde und Charly befestigte die Engelsfigur am Haken des Kranes.

Dann hob sich die Skulptur von der Ladefläche, schwenkte über das Fundament und senkte sich langsam ab. Silvia hielt den Engel und drückte ihn in die richtige Position, so dass er auf den vier Schrauben, die aus dem Fundament ragten, einrasten würde.
Es war gar nicht so einfach, die Figur in einer Höhe von nur ein oder zwei Millimetern über den Schrauben anzuhalten, so dass Charly sie in einer letzten Bewegung genau anpassen konnte.
Jetzt bediente Silvia den Kran und Charly rückte den Engel zurecht. Die Figur war immerhin mehrere hundert Kilogramm schwer und es war gar nicht so einfach, das Ding millimetergenau einzupassen.

Schließlich stimmte alles. Silvia ließ die Figur absinken und mit einem Knirschen senkte sich die Statue auf die Schraubengewinde.
„Pause“, sagte Charly. „Dank' schön, Silvia. Ohne dich wär's net so schnell 'gangen.“
Die beiden setzten sich auf das Podest und Charly zündete für Silvia und sich zwei Zigaretten an. Und dann saßen sie dicht beieinander und nuckelten an ihren Glimmstengeln.
Plötzlich erfüllte ein lautes Rattern die Luft.
„Preßluftmeißel oder Schlagbohrer“, sagte Charly. „Um die Zeit?“ Er stand auf und sah hinüber zur Zufahrtsstraße. Es schien ihm, als ob ein Licht in der Gruppe 32A sichtbar wäre.
Langsam entfernte sich Charly von seinem Engel. „I schau mir das kurz an“, sagte er. „Welcher Wahnsinnige um die Zeit da barabert[1].“
Silvia blieb allein zurück.

Bei Dunkelheit im menschenleeren Zentralfriedhof zu sitzen ist ein recht eigenartiges Erlebnis. Rundum flackern Kerzen, die von den Hinterbliebenen in den dafür vorgesehenen Halterungen der Gräber entzündet wurden, es gibt nachts keine Beleuchtung und allerlei Getier treibt sich zwischen den Gräbern herum. Vom Zentralverschiebebahnhof tönt der Lärm aneinander prallender Güterwagen herüber und von der Simmeringer Hauptstraße der Verkehrslärm. Trotzdem herrscht eine eigenartige Stille hier.

Silvia war oft auf dem Friedhof. Allerdings nicht bei Nacht. Einige Minuten saß sie auf dem Granit des Podestes und ließ die Stimmung auf sich wirken. Die Zigarette war aufgeraucht.
Ihr Popo in der Jeanshose wurde langsam kalt. Sie stand auf und machte ein paar Schritte in der Dunkelheit, wobei sie ihren Parka dichter um sich zog. Charly war in der Dunkelheit verschwunden und sie starrte in die Richtung, in die er gegangen war. Der Lärm da drüben war mittlerweile verstummt.
Ein Tier huschte an ihr vorüber. Was es war, konnte Silvia nicht erkennen. Hier auf dem Friedhof gibt es eine vielfältige Tierwelt. Ja, der Zentralfriedhof hat sogar einen eigenen Förster!

Silvia sah auf die Uhr. Charly war jetzt schon fünfzehn Minuten weg. Da rief sie ihn.
Charly antwortete: „Komm bitte da rüber, Silvia!“
Da marschierte Silvia los. Vorsichtig tastete sie sich mit den Füßen durch die Dunkelheit voran. Kurz darauf sah sie ein Licht vor sich. „Charly?“
„Ja, komm nur. I hab a Taschenlampen.“

Silvia bog in den Gang ein, an deren Ende sie das Licht sah. Links von ihr waren Gräber, die sie nicht erkennen konnte. Dann, als sie beinahe an Charly herangekommen war, leuchtete dieser ihr mit seiner Taschenlampe.
Er stand zwischen zwei, etwa im Abstand von drei Metern auseinander liegenden Gräbern. Auf das linke der beiden Gräber richtete er den Strahl der Lampe.

Auf einer etwa zwei Meter hohen Säule mit rechteckigem Querschnitt stand die Büste eines älteren Mannes mit Vollbart und recht langem Haar, der seine rechte Hand stützend an den Kopf gelegt hatte. Auf der Säule stand nur in goldenen Lettern: „Brahms“.

Und dann richtete Charly den Strahl der Lampe auf den Zwischenraum zwischen den Gräbern. Da befand sich knapp neben dem Grab von Brahms ein Loch im Boden. Jemand hatte offenbar versucht, dieses Loch mit dem Erdreich, das er heraus gegraben hatte, eiligst wieder zuzuschütten. Es war aber immer noch recht deutlich sichtbar.

„Was wollte der da?“, fragte Charly. „Ich überleg' schon recht lang, aber ich komm net drauf.“
„Sind wir da in der Gruppe 32A?“, fragte Silvia.
„Klar“, sagte Charly und leuchtete in die Umgebung. „Alles Ehrengräber! Da drüben liegt der Beethoven, dort der Schubert, das da is das Denkmal vom Mozart, weil dem seine Baner haben s' net g'funden am Sankt Marxer Friedhof, na und rund herum liegen die anderen Klassiker. Mir is ja a harter Rock lieber, oder a Rap, aber die Japaner und Chineser sind ganz verruckt nach die alten Komponisten.“
„Glaubst, da wollt einer die Baner vom Brahms fladern[2]?“
„Kann i mir net vorstellen“, sagte Charly. „Wer hätt' denn was davon?“
„Was soll dann das Loch?“
„Frag i mi auch!“
„Soll'n wir das melden?“
„Wem denn? I sag's halt morgen der Verwaltung, damit die das Loch wieder zumachen. Mehr könn'ma net tun.“
Und dann gingen Silvia und Charly zurück zu dem Kleinlaster und dem Engel. Charly schraubte die Figur noch fest und Silvia leuchtete ihm mit der Taschenlampe. Dann beendeten sie ihren nächtlichen Arbeitseinsatz.

Am nächsten Tag bekam Charly die Anweisung, einen geborstenen Grabstein aus der Gruppe 89 abzuholen. Wieder fuhr er mit dem Truck hinüber.
Am Eingang hatte der alte und leicht behinderte Portier Nikolaus Michalek, von allen nur Nick gerufen, Dienst. Charly hielt kurz, betrat dessen kleines Büro in Eingangsgebäude und fragte ihn nach dem zuständigen Mitarbeiter, dem man ein Loch im Boden melden konnte.

„Was für a Loch?“
„Weiß i net. Halt a Loch neben ein' Ehrengrab, eh schon fast wieder zug'schütt.“
„Wo genau?“
„Zwischen dem Brahms und dem Dumba“, sagte Charly.
Nick wiegte den Kopf. „A blöde Gegend. Dort spukt's!“
Charly lachte hellauf. „Spuken? Hab'ns dir a Raubersg'schicht erzählt? Seit Jahren hackel i da am Zenträu und hab no nie a G'spenst g'sehn!“
„Wirst scho no eins treffen“, meinte Nick lakonisch. „I hab eins g'seh'n, bei 32A.“
„Und wer soll das g'wesen sein?“
„Was weiß i? Irgend so a Grammel halt“, sagte Nick. „In ein' Ehrengrab kann ja aa a Falott liegen!“
„Klar“, sagte Charly. „Wenn i eins seh', lass i's schön grüßen von dir. Also von dem Loch hab i dir was g'sagt.“ Und dann machte sich Charly wieder davon.
Zuerst fuhr er an dem Engel vorüber, den er gestern mit Silvia aufgestellt hatte.

Das Ding sah gut aus, hier an der Grenze der Gruppe 32A, am Rand der Abteilung mit den Ehrengräbern. Kurz hielt Charly an, stieg aus und überprüfte die Schraubenmuttern, die die Skulptur an ihrem Platz hielten.
Zwei der Muttern waren locker.
Charly fluchte ein bisschen. Hatte er die gestern nicht richtig angeschraubt? Oder war der Temperaturwechsel dran Schuld? Charly zog die Muttern jedenfalls wieder fest und holte dann den beschädigten Grabstein aus der Gruppe 89 ab.

Am Nachmittag kam Silvia auf Besuch von ihrer Gärtnerei herüber.
„Die Muttern vom Engel waren heut Vormittag locker“, berichtete Charly. „Vielleicht macht das der Temperaturunterschied zwischen Tag und Nacht. I sollt' öfter nachschauen.“
„Kann i heut machen“, meinte Silvia. „I bin heut mit mein' Dampfer[3] da. Da fahr i vorm Heimweg schnell zu dein' Engerl rüber.“
„Echt? Du bist a Wahnsinn, Silvia. I hab heut länger z'tun da mit dem hinichen[4] Grabstein. Da bin i dir dankbar!“

Silvia fuhr also um etwa 18 Uhr 20 mit ihrem uralten, klapprigen kleinen Renault hinüber zum Friedhof. Über die unbeleuchtete, vollkommen leere Zufahrtsstraße gelangte sie beinahe zu den Ehrengräbern, bog links ab und stellte den Wagen vor dem Engel ab.
Mit ihrer Taschenlampe inspizierte sie die Statue.
Alle vier Schraubenmuttern waren verschwunden, die Statue hätte sofort vom Sockel gehoben werden können.

Sofort rief Silvia den Charly an. „Charly, du musst neue Schrauben rüber bringen. Sind alle weg!“
„Wie bitte? Weg?“
„Ja! Das is g'fährlich! Wenn einer die Statue umschmeißen will, kann er das vielleicht!“
„I komm gleich rüber“, sagte Charly und legte auf.

Silvia wartete. Sie setzte sich in ihren Renault, kurbelte das Fenster herunter und horchte in die Dunkelheit hinaus.
Gedämpfte Geräusche von der Simmeringer Hauptstraße, ein Rascheln im Gebüsch, wenn Tiere durch huschten, einzelne Flügelschläge der in Scharen vorhandenen Krähen. Und plötzlich ein Gelächter.
Silvia rieselte es kalt über den Rücken. Das war ein unwirkliches Gelächter! Hohl klingend, beinahe konnte man nicht feststellen, ob das eine tiefe oder hohe Stimme war. Das Lachen hatte einfach schaurig geklungen!
Silvia konnte nicht genau sagen, woher das Lachen gekommen war, es schien ihr aber von der Stelle auszugehen, wo Charly gestern das Loch in der Erde entdeckt hatte. Aber da drüben war alles finster und man konnte nichts erkennen.

Silvia stieg aus und ging sehr vorsichtig auf das Grab des Johannes Brahms zu. Dabei fröstelte sie, nicht wegen der tatsächlichen Temperatur, die leichte Plusgrade aufwies, aber wegen des Lachens vorhin. Silvia war nicht besonders ängstlich, aber das Geräusch hatte zu unheimlich geklungen.
Sie hatte die Gräberreihe mit der letzten Ruhestätte des Johannes Brahms noch nicht erreicht, da kam der kleine LKW der Firma Jaromir Zluschek gefahren. Silvia drehte um und ging zum Engel zurück.

Charly sprang aus dem Wagen und sah sich den Schaden an. „Schweinerei“, kommentierte er. „Da kann wirklich einer, der genug Kraft hat, das Ding umschmeißen. Die Schrauben müssten länger sein, damit die Figur net kippen kann. I werd' die Muttern anschweißen müssen!“
Ein kleines Schweißgerät hatte Charly vorsorglich mitgebracht und das holte er jetzt von der Ladefläche. Zuerst befestigte er neue Schraubenmuttern an den Gewinden, dann machte er den Schweißbrenner fertig.

Und da erklang das Lachen wieder.
Charly ließ den Schweißbrenner sinken und fragte: „Was war denn das?“
„Hat vorhin auch schon so geklungen“, sagte Silvia.
„Ja, aber was war das?“
„Da hat wer gelacht. Gruselig, net wahr?“
„Was soll denn der Blödsinn? Will uns da einer schrecken? Der kriegt gleich a Anständige auf die Nuss“, regte sich Charly auf.
„Man sieht ja gar niemand'“, wandte Silvia ein.
„Da drüben bei die Ehrengräber wird der Falott stecken“, stellte Charly fest. „Kommst mit?“

Also gingen die beiden zur Gruppe 32A hinüber. Silvia hatte die Taschenlampe mit.
In der Gruppe 32A war niemand. Charly kroch zwischen den Gräbern umher und leuchtete in jedes Gebüsch. Kein Mensch war zu sehen.
Also kehrten sie zu ihrem Engel zurück. Und da war jemand!
Eine dunkle Gestalt war kurz zu erkennen. Offenbar ein alter Mann mit dichtem Vollbart. Aber er war nach wenigen Augenblicken in der Dunkelheit verschwunden.
„Den kauf i mir“, kündigte Charly an und lief eilig der Gestalt hinterher. „Bleib'ns stehn, Sie Geisterbahnfigur!“

Silvia blieb beim Engel zurück. Jetzt hatte sie auch keine Taschenlampe mehr, die hatte der Charly. Kaum war Charly in der Dunkelheit verschwunden, hörte Silvia, wie eine Gestalt nahe an ihr vorüber kam. Der „Geist“?
Den Vollbart konnte Silvia erahnen, so nah kam die Gestalt an ihr vorüber. Auch glaubte sie, ein leises Knirschen des Kieses auf dem Weg hören zu können. Das beruhigte sie etwas, dann Geister kommen meist lautlos daher.
„Charly!“, rief sie. „Da is er!“
Die Taschenlampe blitze auf und Charly kam aus der Richtung der Ehrengräber.

Da fiel der Strahl der Taschenlampe auf den Sockel des Engels – und da lag ein Blatt Papier. Charly hob es auf. Es waren nur ein paar Wörter mit Schreibmaschine auf einem weißen Briefpapier. „Bleiben Sie nachts weg von dem Engel. Johannes Brahms“, stand auf dem Blatt.
Charly steckte die Nachricht in seine Hosentasche. „So a Blödsinn“, sagte er.
Dann wurde das Schweißgerät entzündet und Charly verschweißte die Schraubenmuttern mit den Gewinden der Schrauben, die den Engel fixieren sollten.
Als er damit fertig war und das Schweißgerät weg räumte, sagte Silvia: „Du, sag einmal, hat's bei dem Brahms irgendwas 'geben, dass er spuken müsst?“
„Keine Ahnung“, antwortete Charly. „I kenn das Grammel nur'm Namen nach. Nie was von dem g'hört!“
„Was? Die Musik von dem?“
„Hab i auch nix g'hört. Aber i hab g'meint, i hab nix über den g'hört!“
„I auch net. Aber i werd im Internet schauen.“

Damit war die Angelegenheit mit dem Engel beendet und Charly und Silvia fuhren beide heim.
Aber das schaurige Gelächter am Zentralfriedhof hatte der Silvia so zugesetzt, dass sie noch am selben Abend ins Internet ging und über Johannes Brahms recherchierte.
Sie fand nichts Sensationelles heraus. Der in Hamburg 1833 geborene Brahms hatte von klein auf musiziert und komponiert, wurde von seinem Klavierlehrer schon früh an den Komponisten Eduard Marxens verwiesen und von dem als Kompositionsschüler angenommen. Der vermittelte ihn an Josef Joachim weiter, einem damals sehr bekannten Violinisten, der den jungen Brahms an Franz List und Robert Schumann weiter empfahl. Später ging Brahms nach Detmold (eine Stadt, von der Silvia noch nie gehört hatte) und 1866 kam er das erste Mal nach Wien.
Hier blieb er dann.
Als Musiker war Brahms natürlich häufig unterwegs, aber er verlegte seinen ständigen Wohnsitz hier her. Seine Komponistentätigkeit brachte ihm so viel ein, dass er damit wohlhabend wurde.
1897 starb Johannes Brahms an einem Pankreaskarzinom.

Silvia war fast ein wenig enttäuscht. Da gab es keine dramatischen Geschehnisse in Johannes Brahms Leben. Zwar hatte er vielleicht eine Affäre mit der Frau Robert Schumanns, der Pianistin und Komponistin Klara Schumann, aber damals kam davon nichts in die Klatschpresse.
Johannes Brahms hatte also gar keinen Grund, zu spuken!

Silvia war beruhigt. Aber jetzt wollte sie noch die Musik des Johannes Brahms kennen lernen.
Am nächsten Tag in der Mittagspause fuhr sie in der inneren Simmeringer Hauptstraße zu einem Einkaufszentrum, betrat einen Laden, der mit CDs handelte und ließ sich dort eine mit Brahms' Musik vorspielen.
Zufällig war es die dritte Symphonie in F-Dur.
Silvia fand die Musik zwar anfangs langweilig, aber dann war sie ganz fasziniert von den kraftvollen Melodien des ersten Satzes – und es wurde die erste CD mit ernster Musik, die sie kaufte. Und das beweist, dass die Musik des Johannes Brahms auch nach fast hundertfünfzig Jahren noch junge Leute beeindrucken kann.

Am nächsten Abend hatte Charly wieder vor, seinen Engel zu inspizieren. Und Silvia kam natürlich mit. Es war reichlich nebelig auf dem Friedhof.
Diesmal war die Statue unverändert. Offenbar hatten die verschweißten Schrauben allen Versuchen, sie zu entfernen, widerstanden. Charly war zufrieden.
Auf dem Rückweg zum Tor 2 fuhren sie dann am Grab Nr. 26 in der Gruppe 32A vorüber, dem des Johannes Brahms. Charly hielt den Kleinlaster an und ging hinüber. Zwischen dem Grab des Brahms und dem Nachbargrab des Kunstmäzens Nikolaus Dumba klaffte wiederum das Loch und es schien ziemlich tief zu sein.

„Jetzt reicht's mir“, sagte Charly. „Der Nick, der hatscherte Pfosten, hat der Verwaltung nix g'sagt. Da kann ja aner einefalln! I sag's besser der Schmier.“ Und dann rief der Charly ganz einfach den Polizeinotruf 144 vom Handy aus an.
Als ihm gesagt wurde, ein Funkwagen käme zur Absicherung des Loches, fuhr Charly den Laster zum Tor 2 und sperrte das Schloss auf, um die Beamten einzulassen.
Keine fünf Minuten später war das Fahrzeug da und Charly lotste den Funkwagen zur Gruppe 32A. Die Beamten sahen sich das Loch an und entschieden sich für eine optische Absicherung durch ein rot–weißes Plastikband. Das hatten sie im Kofferraum, aber Charly wollte noch vier Stangen besorgen, die man um das Loch in den Boden rammen konnte, um das Band fixieren zu können.

Charly fuhr also hinüber zum Abfallhaufen, auf dem man immer diverse Bruchstücke von Grabsteinen finden kann, sowie Teile des Gitterwerks, mit dem manche Gräber umgeben sind.
Er brauchte einige Zeit, bis er vier passende Eisenstangen gefunden hatte, dann beeilte er sich zurück zu den Ehrengräbern.
Dort war mittlerweile der Teufel los. Der Funkwagen hatte die Scheinwerfer eingeschaltet und drei Männer standen im Licht, die von den Polizisten befragt wurden.

Silvia berichtete Charly, dass das Lachen wieder erklungen wäre, dass aber daraufhin die zwei Polizisten die Gegend untersucht hätten. Silvia war allein bei Brahms’ Grab zurückgeblieben, und da wäre ein älterer, bärtiger Mann plötzlich vor ihr gestanden und habe gesagt: „Weg vom Grab des Johannes Brahms!“ Sie wäre wahnsinnig erschrocken, habe aber die dunkle Gestalt gefragt: „Warum denn? Was machen Sie denn da?“
Da wäre das „Gespenst“ einfach in der Dunkelheit verschwunden.

Jetzt hätten aber die zwei Polizisten den alten Mann und zwei jüngere da oben an der Karl Borromäus Kirche aufgestöbert. Nun würde sich die Sache wahrscheinlich aufklären.
Es stellte sich heraus, dass der ältere, bärtige Mann, der tatsächlich ein wenig dem Johannes Brahms ähnelte, Doktor Istvan Horty hieß und Zahnarzt war. Mit zwei Helfern hatte er vor gehabt, von der Leiche des Johannes Brahms die Zähne zu entfernen. Es gab da in China einen beträchtlichen Markt für die Zähne verstorbener Berühmtheiten, offenbar eine Folge der Ahnenverehrung im Reich der Mitte.

Dr. Horty wusste, dass das künstliche Gebiss des Johann Strauß Sohn mittlerweile in Tschechien lagert, vor Jahren einmal entfernt aus dem Grab am Zentralfriedhof. Und jetzt hatte Hortys Auftraggeber einen ansehnlichen Betrag für das Gebiss von Brahms geboten. Deshalb hatte er versucht, mit einem kleinen Tonbandgerät das „geisterhafte“ Lachen dazu zu benutzen, die Störenfriede bei dem neu montierten Engel zu verscheuchen.

Die beiden Polizisten waren etwas überfordert. Was war das eigentlich für ein Vergehen, dessen sich Horty schuldig machte? Ja, zunächst einmal Störung der Totenruhe, aber war das etwa auch ein Diebstahl? Wer war denn der Eigentümer des Leichnams? Die Stadt Wien vielleicht? Wohl kaum!

So begnügten sich die beiden Inspektoren, die Personalien der drei Männer zu notieren und dann verwiesen sie das Trio des Friedhofes. Sie sollten sich hier nicht mehr blicken lassen.
Charly gab den Polizisten noch die Information, er habe bereits seit drei Tagen einige Aktivitäten hier am Friedhof bemerkt und brachte das Gespräch geschickt auf den nicht genehmigten Engel, den er hier aufgestellt hatte.

Aber die Polizisten interessierte das nicht. Noch während Charly über seinen Engel sprach, kam ein Einsatz für den Funkwagen. Rauferei in einem Lokal in Kaiserebersdorf.
Der Funkwagen brauste ab, Charly öffnete wieder Tor 2 und weg waren die Polizisten.
Und dann saßen Charly und Silvia nebeneinander im Kleinlaster der Firma „Jaromir Zluschek“ und rauchten wieder einmal.

„Zu blöd, dass sich die Schmier net für mein' Engel interessiert hat“, sagte Charly. „Und den Pappenschlosser hätten s' aa einnah'n[5] können. Damit die Kronen Zeitung Wind kriegt von der Sache. Da hätt i dann Aufmerksamkeit g'habt!“
„Du kommst schon noch einmal groß raus“, meinte Silvia. „Der Engel fallt bestimmt einmal wem auf! Wart halt a bissel.“
„Du, i wollt mi no einmal bedanken bei dir. Dafür, dass d' mir g'holfen hast. Und vor dem Gespenst hast auch ka Angst g'habt!“
„A bisserl schon“, gestand Silvia. „Aber i wollt dich net allein lassen.“
Und da küsste der Charly seine Silvia, dass fast der gesamte dunkle Zentralfriedhof davon erleuchtet wurde.

Anmerkungen

[1] arbeiten
[2] stehlen
[3] Auto
[4] kaputt
[5] inhaftieren

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