KunstGeschichten

KunstGeschichte: Gilles

Bekanntlich haben Künstler häufig ihre Eigenheiten - so auch der Porträtmaler Gilles. Wenn aber die betroffenen Modelle damit nicht umgehen können und auch noch Eifersucht ins Spiel kommt, entsteht eine äußerst explosive Mischung, wie die neue KunstGeschichte von Erich Wurth vor Augen führt.

Obwohl seine Gemälde in keiner Galerie, in keinem Museum zu finden waren, konnte man Gilles als einen der erfolgreichsten Maler Wiens bezeichnen.
Sein Atelier befand sich in der Oberen Donaustraße, gegenüber dem Schwedenplatz, aber sowohl diese Adresse, als auch Gilles’ Telefonnummer waren ausschließlich Gegenstand der persönlichen und vertraulichen Weitergabe unter den „feinen“ Damen Wiens.
Es galt in diesen Kreisen nicht nur als chic, sich von Gilles porträtieren zu lassen, es stellte auch ein Privileg dar und nicht jeder reichen Dame gelang es, Gilles Modell sitzen zu dürfen. Der Maler akzeptierte ausschließlich gepflegte, sehr reiche Damen, die einigermaßen attraktiv oder zumindest interessant sein mussten. Die genauen Kriterien, nach denen Gilles entschied, ob er eine Dame porträtierte oder höflich, aber bestimmt abwies, waren sein persönliches Geheimnis. Nichtsdestoweniger ließ er sich seine Porträts fürstlich bezahlen.

Sein Pseudonym hatte er natürlich in Anlehnung an das Gemälde Watteaus gewählt und er empfing seine Modelle in einem weißen Arbeitsanzug, welcher der Kleidung des Pierrots auf dem Rokokobild einigermaßen glich. Auch der Gesichtsausdruck des Malers, der sich im besten Mannesalter befand, aber sehr jugendlich wirkte, ähnelte dem des melancholischen Spaßmachers aus dem Louvre, konnte aber in bestimmten Situationen eine Lebendigkeit annehmen, welche die betuchten Modelle in Entzücken versetzte.

Für die Ministergattin und die Frau des Generaldirektors stellte ein echter „Gilles“ im Salon einen ebensolchen Triumph dar wie für die Frau Kammersängerin oder Burgschauspielerin und die Damen wussten natürlich dafür zu sorgen, dass das Gemälde den anderen Mitgliedern der gehobenen Gesellschaft passend präsentiert wurde.
Glücklich die Freundin, die dann sagen konnte: „Ein Genie, dieser Gilles! Mich hat er ja auch so einfühlsam porträtiert!“
Und die Herren waren beinahe ebenso stolz auf so ein Gemälde wie ihre Gemahlinnen, vor allem deshalb, weil sie es sich hatten leisten können.

Gilles war nur unter seinem Pseudonym bekannt, seinen bürgerlichen Namen Franz Pomeisl kannte niemand. Weder mit „Pomeisl“ noch mit „Franz“ war Gilles einverstanden, weshalb er seinen tatsächlichen Namen einfach abgelegt hatte und ausschließlich im Umgang mit Behörden notgedrungen benutzt. Das Pseudonym „Gilles“ suchte man im Telefonbuch natürlich vergeblich.
Aus diesem Grund brauchte auch Frau Elfriede Zedlinski mehrere Wochen, bis es ihr gelungen war, ihre Freundin Klarissa Kasbauer zu überreden, Gilles‘ Telefonnummer herauszurücken. Schließlich, nach wiederholten Weigerungen, hatte Klarissa dann doch ihr altmodisches Notizbuch aus der Handtasche gefischt, aber Elfriede noch einmal eingehend und kritisch betrachtet, bevor sie ihr die Nummer anvertraute. „Na ja, könntest immerhin Chancen bei ihm haben, obwohl ich mir gar net sicher bin“ sagte sie skeptisch. „Und wundere dich nicht über seine Methoden, die sind ein bisserl eigenartig. Wenn’s wirklich klappt, dann viel Spaß, altes Mädel!“
Elfriede musste weitere drei Wochen warten, bis es ihr endlich möglich war, Gilles in seinem Atelier zu besuchen. Der Maler hatte früher keinen Termin frei.

Die Wartezeit nutzte Elfriede, sich auf das Zusammentreffen vorzubereiten.
Allein eine ganze Woche benötigte sie, um das Kleid zu besorgen, in dem Gilles sie porträtieren sollte, ein weinrotes, enges Partykleid, das natürlich auch noch geändert werden musste. Es kostete ein Vermögen, aber ihr Mann zog nur leicht die rechte Augenbraue hoch, als Elfriede ihm die Rechnung präsentierte und den Grund für die Neuanschaffung nannte. Den Maler Gilles kannte natürlich auch der Banker Erhard Zedlinski und er war vollkommen damit einverstanden, dass seine Frau sich um ein Porträt dieses Künstlers bemühte. Schließlich stieg mit so einem Gemälde auch sein eigenes Prestige beträchtlich.

In den drei Wochen der Wartezeit nahm Elfriede beinahe vier Kilo ab und verbrachte einige Tage auf einer Schönheitsfarm im Waldviertel.
Elfriede Zedlinski war sicher keine Schönheit im strengen Sinn, aber eine durchaus interessante Frau. Ihre Vorliebe für „süße Sachen“ hatte dazu geführt, dass sie zwar einige Kilo zu viel auf die Waage brachte, aber sie konnte ihr leichtes Übergewicht auf einem vertretbaren Niveau halten und ihre Figur war zwar gut gepolstert, aber immer noch recht attraktiv. Ihr Alter war schwer zu schätzen, man hielt sie für Ende vierzig und ihrem Mann Erhard konnte man ihre tatsächlichen Jahre nicht entlocken. In dieser Hinsicht war er verlässlich.
Verlässlichkeit zeichnete Erhard Zedlinski auch in seinem Eheleben aus. Alle zwei Wochen verbrachten die Zedlinskis gemeinsam ein Wochenende in ihrem Haus in der Obersteiermark und regelmäßig kam dort Erhard seinen ehelichen Pflichten nach, allerdings ohne großen Enthusiasmus. Fast vierzig Jahre Zusammenleben machen eben ein bisschen müde.

Kurz vor Weihnachten war es, als Elfriede sich schließlich zu ihrem Termin bei Gilles aufmachte. Es war nicht kalt, aber sie zog trotzdem einen Pelzmantel über ihr Kleid, stieg in ihren Mercedes und fuhr in die Innenstadt. Sie parkte in der Tiefgarage am Schwedenplatz und überquerte zu Fuß den Donaukanal, wobei sie ihre neuen Schuhe mit den hohen Absätzen etwas drückten. Aber sie hatte nicht weit zu gehen, dann brachte sie ein altmodischer Aufzug ins oberste Stockwerk eines Gebäudes aus der Zeit um 1900.

Es war eines jener Gebäude, in welchem man zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts aus Gründen des damaligen Baurechts „Zwischengeschosse“ eingefügt hatte, um die Anzahl der Stockwerke zu erhöhen, ohne die entsprechenden Auflagen erfüllen zu müssen, und so schwebte Elfriede vorbei an „Hochparterre“, „Mezzanin“, „Halbstock“, erstem und zweitem Stockwerk nach oben, bis der Lift im dritten Obergeschoß, das eigentlich das sechste war, hielt. Noch eine Treppe hatte Elfriede höher zu steigen, bis sie vor der imposanten Eingangstür des Dachateliers stand.

Gilles erwartete sie bereits an der Tür und Elfriede war sofort gefangen von seinem freundlichen, aber melancholischem Gesichtsausdruck.
„Kommen Sie weiter, Gnädigste. Gilles mein Name, wie Sie schon erraten haben dürften.“
„Ich freu mich wahnsinnig, Sie kennen zu lernen!“, sagte Elfriede und reichte ihm die Hand, die Gilles galant zum Mund führte und einen Kuss andeutete. Dann führte der Maler sie in sein Atelier, das man direkt vom Treppenhaus aus betrat.
Es war ein ausgebauter Dachboden mit einem riesigen Fenster in der Dachschräge, das gegen Südwesten gerichtet war. Der großen Raum, in dem es angenehm nach Farbe roch, war peinlich sauber aufgeräumt, nur wenige Skizzenblätter lehnten an den Wänden, die Möblierung war sparsam, aber sehr geschmackvoll und offenbar ziemlich teuer. Zwei Türen führten in weitere Räume, eine große Ledercouch stand in der Mitte des Ateliers und in einer Ecke des Raumes befand sich eine richtige Bar mit zwei hohen Hockern davor und einer professionellen Espressomaschine, wie man sie in Cafés findet.

„Darf ich?“ Gilles nahm Elfriede den Pelzmantel ab und hängte ihn auf einen Kleiderbügel. „Zunächst ein Kaffee? Nehmen Sie Platz, bitte!“
Elfriede setzte sich auf einen der Barhocker. Gilles bediente die Espressomaschine und während der Mokka in die Tassen lief, sah er Elfriede durchdringend an, sodass sie das Gefühl hatte, seine Augen würden ihr Partykleid einfach durchdringen. Er stellte die beiden Mokkatassen auf die Bar und setzte sich Elfriede gegenüber auf den zweiten Hocker.
„Kniestück oder Ganzfigur, würde ich vorschlagen.“, sagte er. „Vorzugsweise letzteres. Sie sind nämlich eine schöne Frau, die man komplett sehen sollte.“
„Sie akzeptieren mich also als Kundin?“, fragte Elfriede aufgeregt. „Die Klarissa hatte ihre Zweifel.“
„Wer, bitte, hatte Zweifel?“
„Klarissa Kasbauer, meine Freundin. Die Frau vom Direktor Kasbauer, vom Pharmakonzern.“
„Ach ja, die Klarissa. Sehr interessante Frau. Hat gut kooperiert bei der Arbeit. Ist ganz anständig geworden, das Gemälde.“
„Ein Geniestreich!“, lobte Elfriede. Gilles lächelte geschmeichelt. „Hat sie Ihnen erzählt, wie es zustande gekommen ist, das Bild?“, fragte er.
Elfriede schüttelte den Kopf. „Sie hat immer nur so geheimnisvoll gelächelt. Das einzige, das ich weiß, ist, dass Sie ungewöhnliche Methoden haben.“
Gilles lächelte zufrieden. „Gut so. Braves Mädel, die Klarissa.“ Er trank seinen Mokka aus, stand auf, trat wieder zur Espressomaschine und ließ sich einen zweiten Espresso zubereiten.
„Bevor ich Ihnen meine Arbeitsweise erkläre, muss ich Sie bitten, mir strengstes Stillschweigen darüber zu versprechen, wie es meine bisherigen Klientinnen auch alle getan haben“, bat er.
„Versprochen!“, bestätigte Elfriede.

Gilles entnahm einem Kästchen unter der Bar eine Flasche Cognac und goss zwei Schwenker ein. Dann setzte er sich wieder auf den Hocker und begann zu erklären:
Bei einem guten Porträt käme es nicht nur darauf an, das Aussehen der porträtierten Person möglichst genau wiederzugeben, sondern auch möglichst viel von ihrer Persönlichkeit einzufangen. Um diese zu erfassen, bedürfe es aber mehr als nur des puren Augenscheins. Die porträtierte Person müsse sich dem Maler gegenüber öffnen und ihr Innerstes preisgeben. Dazu wäre natürlich Zeit nötig, aber auch eine enge persönliche Beziehung zwischen Modell und Maler.

Er, Gilles, würde sich glücklich schätzen, ein Bildnis von Frau Zedlinski anfertigen zu dürfen, vorausgesetzt, sie wäre mit folgenden Bedingungen einverstanden:
Insgesamt elf Besuche von ungefähr zwei bis drei Stunden Dauer in seinem Atelier, im Abstand von jeweils etwa ein bis zwei Wochen. Beim ersten Besuch würde er eine Fotoserie von Elfriede anfertigen, üblicherweise einen vollen Film herkömmlicher Diapositive mit sechsunddreißig Aufnahmen. Von Digitalfotografie halte er für seine Zwecke nichts.
Diese sechsunddreißig Fotos lieferten ihm die optische Grundlage für das Gemälde. Die psychische, persönliche Komponente wäre allerdings schwerer zugänglich und dazu wären die zehn weiteren Besuche nötig, wobei Elfriede nicht im Atelier Modell sitzen, sondern im „Privatstudio“ zur Verfügung stehen müsste.
Dabei stand Gilles auf, ging zur Tür neben der Bar und öffnete sie.

Elfriede sah ein luxuriöses Schlafzimmer mit einem riesigen Doppelbett, über das eine feine, mit Spitzen durchsetzte Decke gebreitet war.
Sekundenlang war Elfriede sprachlos. Mehr aus Verlegenheit griff sie nach dem Cognacschwenker und nahm einen Schluck.
„Das ist Ihre übliche Methode?“, fragte sie dann schüchtern.
„Anders mach ich’s nicht!“, erklärte Gilles mit bestimmter Stimme. Dann legte er seine Hand auf Elfriedes Knie. „Ich werde dich ‚Elfe‘ nennen. Das passt zu dir.“
Elfriede griff erneut nach dem Cognac und trank den Schwenker aus. Gilles stand auf und holte die Flasche nochmals hervor.
„Ich muss noch fahren!“, protestierte Elfriede.
„Komm das nächste Mal mit dem Taxi“, verlangte Gilles. „Ich hab einen wunderbaren Champagner im Keller.“
Er stellte die Cognacflasche zurück und nahm Elfriedes Hand. Sanft zog er sein Modell vom Barhocker und führte es an der Hand ins Schlafzimmer.

Als Elfriede zweieinhalb Stunden später in ihren Mercedes stieg, fühlte sie sich einfach großartig. Mindestens um zehn Jahre jünger! Der aufregendste Nachmittag seit vielen Jahren lag hinter ihr – und vor ihr lagen elf weitere Nachmittage, die zur Erschaffung des Gemäldes nötig waren. Elfriede ertappte sich dabei, dass sie einen alten Schlager aus den Siebzigerjahren summte, als sie die Rampe der Tiefgarage hochfuhr, obwohl sie ziemlich unmusikalisch war und prinzipiell nie sang. Gilles hatte sie irgendwie verwandelt. Erstmals seit über einem Jahrzehnt fühlte sie sich als vollwertige Frau und der Gedanke machte sie glücklich.
Wegen der Weihnachtsfeiertage sollte sie Gilles zwar erst in über zwei Wochen wieder sehen, aber sie wusste, dass sie die Vorfreude auf das nächste Treffen voll auskosten würde.

Abends rief sie Gilles an. Sie war allein zu Haus, Erhard war zu irgendeiner dienstlichen Weihnachtsfeier eingeladen, und sie konnte sich einfach nicht zurück halten.
Gilles war äußerst liebenswürdig, überschüttete sie mit Komplimenten und Elfriede benahm sich am Telefon beinahe wie ein verliebter Backfisch. Dann wurde Gilles plötzlich ernst: „Kleine Elfe, Liebes, darf ich dich daran erinnern, dass du in der nächsten Zeit an der Erschaffung eines Kunstwerkes beteiligt sein wirst. Du wirst die Mitschöpferin des Gemäldes sein und elf Mal wirst du noch Nachmittage bei mir verbringen, die ich dir so schön und genussreich als nur irgend möglich gestalten werde. Aber dann wird das Bild fertig sein und du wirst in dein normales Leben zurückkehren. Hast du das verstanden?“
Elfriede war betroffen. „Ja, Gilles“, sagte sie nur leise.
„Dann ist’s gut. Ich will nur nicht, dass du dir falsche Hoffnungen auf eine Dauerbeziehung machst. Gute Nacht, meine entzückende Elfe!“

Lange konnte Elfriede nicht einschlafen. Sie grübelte über Gilles und versuchte, sich über ihre eigenen Absichten ins Klare zu kommen. Erst als Erhard sehr spät nach Haus kam, erlangte sie ihre Ruhe wieder. Na schön! Sie würde während der nächsten elf Besuche bei Gilles sämtliche Register ziehen! Wenn es auch den vielen Modellen vor ihr nicht gelungen war, sie würde alles versuchen, Gilles so zu faszinieren, dass er von seinem Prinzip der Beziehung auf eine strikt beschränkte Zeit abweichen musste.

Obwohl Elfriede vorgehabt hatte, die Vorfreude auf das nächste Wiedersehen mit Gilles zu genießen, wurde ihre Geduld auf eine harte Probe gestellt. Endlich war es so weit. Von einem Taxi ließ sie sich zu Gilles‘ Atelier bringen und der Maler begann sofort mit dem Anfertigen der Fotoserie. Zwischen den einzelnen Aufnahmen wurde Champagner getrunken, denn Gilles legte Wert darauf, dass sich Elfriede entspannte.

Das Fotografieren dauerte beinahe eine volle Stunde und als Elfriede dann nackt auf dem riesigen Bett unter einem zweiten großen Fenster in der Dachschräge lag, spürte sie die Wirkung des Champagners recht intensiv. Es war ein klarer Tag gewesen, mittlerweile war die frühe Dunkelheit hereingebrochen und über ihr glänzten die Sterne durch die Glasscheibe. Elfriede lag entspannt da und als Gilles sich ihr näherte sagte sie: „Ich bin schläfrig, Gilles. Aber du kannst machen mit mir, was du willst!“
„Ja? Tatsächlich?“ Gilles‘ Stimme klang erregt.
„Ja. Was du willst. Ich halt’ still“, versprach Elfriede.
Da begann Gilles, ihren Körper beinahe als so etwas wie das Rohmaterial für ein Kunstwerk zu benutzen. Er „modellierte“ mit ihrem Körper, brachte ihre Arme und Beine in verschiedene Positionen, bedeckte ihre Brust mit Küssen und wurde immer erregter. Auch Elfriedes Erregung stieg. Da hatte sie durch Zufall entdeckt, wie sie Gilles mit ihrer Passivität in ihren Bann schlagen konnte! Ganz neue Möglichkeiten taten sich für sie auf!
Sie hielt tatsächlich still, solange Gilles mit ihrem Körper „spielte“ bis er sich mit einem leisen Stöhnen auf sie warf.

Auf dem Heimweg im Taxi begann Elfriede, wieder alte Schlagermelodien zu summen und der Taxifahrer schaute etwas mürrisch in den Rückspiegel, wahrscheinlich, weil sie falsch summte. Elfriede lächelte den Fahrer im Rückspiegel an und ließ sich nicht stören, so glücklich war sie. Da grinste der Fahrer und nickte ihr zu.

Zur dritten „Sitzung“ eine gute Woche später fuhr Elfriede wieder mit dem eigenen Wagen. Sie hatte nicht vor, sich wieder vom Champagner in diesen schläfrigen Zustand versetzen zu lassen – sie wollte den Nachmittag mit allen wachen Sinnen genießen.

Als sie den Schottenring zum Donaukanal hinunter fuhr, staute sich der Verkehr. Zwischen der Börse und der Einmündung in den Franz-Josef-Kai hatte ein Kastenwagen eine Garnitur der Straßenbahn touchiert.
Elfriede befand sich auf der rechten Fahrspur und es war ziemlich aussichtslos, nach links zum Abbiegen vom Ring hinüber zu wechseln. Also bog sie kurzerhand rechts ab und versuchte, über die Börsegasse auszuweichen.

Wegen der ausgedehnten Fußgängerzonen in der Innenstadt war deren Durchquerung mit dem Privatwagen nicht mehr möglich und Elfriede musste am Concordiaplatz in den Tiefen Graben einbiegen. Na gut, über die Freyung würde sie die Innenstadt verlassen und über den neunten Bezirk in die Leopoldstadt vordringen.
Da überquerten vor ihrem Mercedes plötzlich zwei Personen die Fahrbahn, die Elfriede nur zu gut kannte: Erhard, ihr Mann und Klarissa Kasbauer, ihre alte Freundin.
Eben wollte Elfriede die beiden anhupen, da wurde sie stutzig: Klarissa hatte sich bei Erhard untergehakt und die beiden plauderten so angeregt, dass sie gar keine Augen für die Welt um sich herum hatten.
Elfriede bremste ab und beobachtete. Hinter ihr begann ein Taxi sie ungeduldig mit den Scheinwerfern anzublinken, aber Elfriede ließ sich nicht beirren. Plötzlich begann sie laut und ganz undamenhaft zu fluchen, als Erhard und Klarissa das Hotel Orient, Wiens populärstes, teuerstes und für seine absolute Diskretion bekanntes Stundenhotel, betraten.

Wenn nicht dieser penetrante Taxler hinter ihr gewesen wäre, Elfriede hätte ihren Wagen einfach mitten auf der schmalen Straße stehen gelassen, wäre ihrem Mann und dessen Begleiterin nachgelaufen und den beiden unverzüglich an die Gurgel gegangen. Nachdem der Quälgeist hinter ihr aber nun begann, seine Hupe einzusetzen, nahm sie den linken Fuß vom Kupplungspedal und jagte den Wagen mit quietschenden Reifen die Steigung hinauf zur Freyung.
Die Mischung von Gefühlen, die sie dabei empfand, war wild und chaotisch. Von der übelsten Sorte war sie, aber Wut war eindeutig die dominanteste Komponente davon. Dieses miserable Arschloch Erhard mit seinen vierzehntägigen ehelichen Schäferstündchen! Dieses Oberschwein, das behauptete, nicht mehr der Jüngste und deshalb rein organisch nicht mehr zu häufigerem Sex fähig zu sein! Und Klarissa, dieser falsche Fuffziger! Allen beiden sollte man die Gurgel abdrücken, aber schön langsam und genussvoll!

Es war beinahe ein Wunder, dass Elfriede in ihrem Seelenzustand keinen Unfall baute, denn den dichten Verkehr um sie herum nahm sie kaum noch wahr. Beim Einbiegen von der Maria-Theresien-Straße in die Rossauer Lände hätte sie beinahe ein Motorrad gestreift, aber jetzt zwang sie sich endlich zur Ruhe und erreichte schließlich wohlbehalten die Tiefgarage am Schwedenplatz.

„Gilles, hilfst du mir? Ich muss meinen Alten abmurksen!“, sagte sie, als der Maler ihr die Ateliertür öffnete.
„Das ist wohl nicht ganz mein Metier“, lächelte Gilles. „Komm rein.“
Elfriede trat ein, zog den Pelz aus und kletterte auf einen der Barhocker. „Ich hab Probleme, deine Hingabe vom letzten Mal optisch umzusetzen“, gestand Gilles und zog eine großformatige Skizze aus einer Mappe, die an der Wand lehnte. Die Skizze zeigte Elfriede auf der Couch sitzend mit einem Champagnerglas in der Hand.
Elfriede sah nur flüchtig hin. „Und ich hab das Problem, dass ich nicht weiß, wie ich dem Erhard die Gurgel durchschneiden kann, ohne dafür ins Häfen[1] zu kommen“, sagte sie.
Gilles legte die Skizze auf die Couch, setzte sich auf den zweiten Hocker und sah Elfriede forschend an. „Ich glaub fast, du meinst das ernst“, stellte er fest.
„Sicher! Grad hab ich ihn mit einer meiner Freundinnen im Hotel Orient verschwinden sehen!“
„Na so was auch!“, lächelte Gilles. „Quod licet Jovi, non licet bovi[2]. Nicht wahr?“
„Das ist was anderes!“, protestierte Elfriede. „Ich tu’s für die Kunst und er hurt herum!“
„Ja. Du machst das für die Kunst“, sagte Gilles ernsthaft, stand auf, stellte sich hinter Elfriede und begann, die Knöpfe ihres Partykleides zu öffnen. „Also komm, kleine Elfe, im Namen von Kunst und Kultur.“

Als sie dann auf dem riesigen Bett lag und durch die dicke Glasscheibe des Dachfensters in die Wolken des dämmrigen Himmels blickte, fragte Elfriede plötzlich: „Wohin geht das Fenster? Zum Innenhof?“
„Ja. Das andere drüben im Atelier geht auf den Donaukanal raus“, erklärte Gilles.
„Betoniert, der Innenhof?“, fragte Elfriede.
„Altes Granitpflaster“, gab Gilles Auskunft.
„Auch net schlecht. Da müsste man den Erhard rausschmeißen! Müssten so ungefähr zwanzig Meter sein, da runter. Hilfst mir dabei? Ich bin auch ganz brav und du kannst alles mit mir machen!“ Bewegungslos blieb sie liegen und schloss die Augen. Gilles begann wieder sein „künstlerisches Spielchen“ mit ihren Gliedmaßen, die aber diesmal gar nicht entspannt waren und mitunter zitterten.

Als sie schließlich schwer atmend und erschöpft nebeneinander lagen, fragte Elfriede: „Gibt’s noch ein’ anderen Zugang zum Dach? Ich mein’, nicht durchs Atelier?“
„Warum?“
„Ich überleg’ grad, was wir der Polizei sagen könnten. Er hat mir nachspioniert, wollte durch das Dachfenster reinschauen und ist abgestürzt.“
„Elfe, jetzt bitte lass den Blödsinn!“
„Weil nämlich, wenn’s ein Unfall war, da gibt’s noch eine schöne Lebensversicherung! Halbe – halbe? Wie wär’s?“
„Nein!“
„Na, überleg’ dir’s! Du wirst müd’ sein jetzt. Wart, ich mach dich wieder fit.“ Damit begann Elfriede, ihrerseits aktiv zu werden. Sie massierte Gilles’ Schultern und ging dann dazu über, ihre eigenen Spielchen mit ihm zu spielen. Tatsächlich hatte sie Erfolg.

Auf der Heimfahrt war Elfriede wieder halbwegs ruhig. Selbstverständlich dachte sie pausenlos an Erhard und Klarissa, aber immerhin hatte sie jetzt so etwas wie ein Konzept für die Zukunft. Sie würde Erhard umbringen! Und sie würde es schon schaffen, Gilles für sich zu gewinnen! Und die Lebensversicherung würde sie auch einstreichen!

Als sie heimkam, war Erhard schon da. Selbstverständlich verlor sie kein Wort darüber, dass sie ihm auf die Schliche gekommen war, was aber gar nicht so leicht war. Erhard bemerkte ihre Nervosität, sie redete sich aber auf den dichten Verkehr in der Stadt aus und Erhard schien das einzusehen.

Das Wochenende brachte ein Wiedersehen mit Klarissa Kasbauer. Erhard und Elfriede waren zur Geburtstagsfeier von Magister Castellano eingeladen, einem hohen Beamten der Finanzmarktaufsicht, der wiederum mit Direktor Kasbauer befreundet war.
Erst versuchte Elfriede, ihrer ehemaligen Freundin, die nun, nach der Sache mit Erhard im Hotel Orient, ihre heimliche Feindin geworden war, aus dem Weg zu gehen. Aber dann erwischte Klarissa sie am Buffet und Elfriede fand keine Fluchtmöglichkeit mehr. Obwohl sie dieser elenden Circe Klarissa am liebsten die Augen ausgekratzt hätte, zwang sie sich zur Freundlichkeit.

„Hallo Elfriede!“, flötete Klarissa. „Wie läuft’s mit Gilles?“
„Großartig!“, lächelte Elfriede boshaft. „Wirst sehen, das wird sein bestes Gemälde!“
„Ach! So kooperativ bist du?“ Klarissa zwinkerte mit den Augen. Da segelte Frau Castellano heran, eine dürre, knochige Frau von über sechzig mit einem reichlich geschminkten Pferdegesicht.
„Haben Sie sich auch schon von Gilles porträtieren lassen?“, fragte Klarissa die Hausherrin, welche die letzten Worte ihres Gesprächs mit Elfriede gehört haben musste.
„Ach wissen Sie, meine Liebe, ich finde Porträtmalerei heutzutage nicht mehr zeitgemäß“, erklärte diese ernsthaft, angelte sich ein Lachsbrötchen und verlor sich wieder im Gedränge der Partygäste.

Klarissa stieß Elfriede an. „Rausgeschmissen hat sie der Gilles!“, flüsterte sie belustigt. „Brauchst sie ja nur anzusehen und du weißt, warum. Da nützt der alten Schachtel die größte Hingabe nichts.“
Elfriede wurde hellhörig: „Ach, du hast also auch durchschaut, auf was der abfährt?“
„Wer, der Gilles? Klar! Du etwa auch?“
„Na sicher! Deshalb sag ich ja, das wird sein bestes Gemälde!“
Klarissas Gesicht verzog sich unmutig. „Hat er geplaudert?“
„Worüber?“
„Über mich. Hat er dir was vom Lebenskuss erzählt?“
„Von was, bitte?“
Klarissas Miene hellte sich ein wenig auf. „Vergiss es. Eine Marotte von ihm. Komm, ich denke, wir sollten uns auch noch so ein Lachsbrötchen holen. Die sind gut, die Dinger!“

Als Klarissa vor Elfriede am Buffet stand, hätte letztere die Exfreundin am liebsten in den Hintern getreten. Was war das schon wieder: Lebenskuss? Gab es noch weitere Geheimnisse zwischen Klarissa und Gilles?

Gleich beim nächsten Besuch Elfriedes im Atelier sprach sie Gilles direkt drauf an: „Gilles, bitte gib mir einen Lebenskuss!“, bat sie, als sie auf dem Barhocker Platz genommen hatte.
Gilles war überrascht. „Woher weißt du denn davon? Hat Klarissa dir davon erzählt?“
Elfriede schüttelte den Kopf. „Eben nicht! Es dürfte ihr so rausgerutscht sein. Sie hat es als Marotte von dir abgetan.“
Gilles sah sie lange nachdenklich an. „Gut“, sagte er dann leise. „Warum solltest du’s nicht probieren. Vielleicht magst du’s ja. Ist aufregend, wenn man den richtigen Rhythmus hat. Komm mit.“
Er führte sie zum Doppelbett und als sich Elfriede hingelegt hatte, brachte Gilles sein Gesicht dicht an ihres. „Bleib einfach ganz entspannt und lass mich machen“, schlug er vor. „Ausatmen, bitte!“
Elfriede leerte ihre Lungen und bemerkte dabei, dass Gilles tief Luft holte. Dann drückte er seine Lippen auf die ihren und blies seinen Atem in Elfriedes Mund, so dass sie einatmen musste. Dann ließ er aber von Elfriedes Lippen noch nicht ab, sondern hielt die seinen weiterhin an ihren Mund gepresst, so dass Elfriede beim Ausatmen die Luft wieder an Gilles zurückgab. Dieser atmete Elfriedes Luft ein und darauf durch die Nase wieder aus, worauf sich der ganze Zyklus noch einmal wiederholte.

Zunächst war Elfriede nicht nur überrascht, sondern beinahe konsterniert. Was sollte das? Aber als Gilles nach einigen Atemzügen noch immer nicht abbrach, begann sie zu begreifen, welche tiefe Symbolik hinter dieser Atemgymnastik steckte. Sie wurde von Gilles „beatmet“ und bezog ihre Luft aus seinen Lungen! Gilles teilte den lebensnotwendigen Sauerstoff mit ihr! Das war die Bedeutung des Lebenskusses!

Das anfangs etwas unangenehme Gefühl, wenn Gilles‘ Atem in ihre Lungen strömte, wich sehr bald und Elfriede begann, die intensive, knisternde Erotik der Situation wahrzunehmen. Dann hielt Gilles ihr ganz zart die Nase zu und sie war völlig von seiner Mund zu Mund – Beatmung abhängig. Erstaunlicherweise genoss sie die Situation immer mehr, besonders, als sie bemerkte, dass Gilles immer erregter wurde. Beinahe hätte das sündhaft teure Partykleid, das Elfriede immer noch trug, Schaden genommen, als Gilles‘ Lippen ihren Mund freigaben und er stattdessen mit ungeduldigen Fingern die Knöpfe zu öffnen begann.

Später fragte Elfriede unschuldig: „Hab ich’s richtig gemacht, Gilles?“
„Fantastisch, kleine Elfe!“, lobte Gilles. „Du bist ein Naturtalent! Rhythmisch begabter als Klarissa!“
Elfriede richtete sich auf. „Sie besucht dich noch manchmal?“, fragte sie misstrauisch.
Gilles schwieg lange. Dann sagte er: „Nur sehr selten“, aber diese drei Worte trafen Elfriede mitten ins Herz.

Klarissa, diese Schlange! Dieses miserable Gewürm! Es war ihr also bereits gelungen, was Elfriede für sich erhofft hatte, nämlich eine dauerhafte Beziehung zu diesem faszinierenden Maler aufzubauen! Klarissa, diese Praterhure, dieses Stück Dreck, hatte sich nicht nur an ihren Mann Erhard herangemacht, auch Gilles machte sie ihr streitig!
‚Klarissa muss ins Gras beißen, nicht Erhard!’, durchzuckte es sie. Unwillkürlich knirschte Elfriede mit den Zähnen.
„Was hast du?“, fragte Gilles.
„Nichts. Alles paletti“, beruhigte Elfriede, die größte Mühe hatte, sich ihre Wut nicht anmerken zu lassen. „Es gibt also Ausnahmen, was die Anzahl der Sitzungen betrifft? Ich hab geglaubt, Klarissas Porträt wäre längst fertig.“
„Ist es auch“, bestätigte Gilles und angelte sich eine Packung Zigarillos aus dem Nachttisch. „Weißt du, Klarissa ist eine Ausnahme und Ausnahmen bestätigen die Regel.“
Elfriede lag auf dem Rücken und sah zum Dachfenster hinauf, gegen dessen dicke Glasscheibe jetzt Gilles den Rauch seiner kleinen Zigarre blies. Da hinaus sollte man das Dreckstück Klarissa schmeißen! Dann zwanzig Meter hinunter und – ruhe sanft, Klarissa Kasbauer, du niederträchtiges Miststück.

Das Fenster war am unteren, der niedrigen Mauer zugewandten Rahmen mit einer Klinke versehen. Man konnte es also öffnen. Elfriede setzte sich auf und versuchte, die Klinke zu drehen. Es ging ganz leicht und das große Fenster schwang um eine Achse in halber Höhe, so dass der untere Teil sich hob, der obere sich in den Raum hinein senkte und die frische, kalte Luft herein strömte.
„Stört dich der Rauch?“, fragte Gilles.
„Nicht schlimm“, beruhigte Elfriede. „Ich mach gleich wieder zu, bevor’s kalt wird.“
Es war also ganz leicht, da jemanden hinaus zu befördern. Der Abstand zwischen unterem Fensterrahmen und Bett betrug nur wenig mehr als einen Meter. Elfriede musste lediglich dafür sorgen, dass sich Klarissa hier auf dem Bett unter dem Fenster befand. Sie war überzeugt davon, dass sie in ihrem Zorn auf die Exfreundin genügend Kraft aufbringen würde, diese miese Kreatur da hinauszuschmeißen.

Gilles dämpfte den Zigarillo aus, Elfriede schloss das Fenster und legte sich wieder hin. „Gilles, du probierst gern was Neues aus, oder?“, fragte sie.
„Nicht in der Malerei“, behauptete Gilles. „Da hab ich seit Jahren meinen Stil und der kommt an bei den Klienten.“
„Ich hab an was Anderes gedacht.“, sagte Elfriede. „Ich überleg’ mir grad, wie es wäre, wenn du zu meinem nächsten Besuch die Klarissa auch einlädst…“
Gilles richtete sich auf und stützte sich auf den Ellbogen. „Ein Dreier?“, fragte er skeptisch. „Du, ich weiß nicht…“
„Hab ich noch nie gemacht“, bohrte Elfriede. „Wär’ doch einmal ganz interessant.“
Gilles sah sie nachdenklich an. „Du überraschst mich immer wieder, kleine Elfe“, gestand er. „Wie kommst du denn plötzlich auf so was?“
„Na ja…“, Elfriede schien nach Worten zu suchen. „Du könntest den Lebenskuss im direkten Vergleich mit uns beiden probieren. Vielleicht kann ich ja auch eine Ausnahme werden, die die Regel bestätigt.“
„Ach, daher weht der Wind!“, lachte Gilles und legte sich wieder entspannt hin. „Na schön, ich werd’s mir überlegen, kleine Elfe. Wär’ vielleicht wirklich ganz reizvoll.“
Am nächsten Tag meldete sich Elfriede in einem Fitnessstudio an. Sie war entschlossen, sich die nötige Kraft anzutrainieren, um Klarissa aus dem Dachfenster schmeißen zu können.

Mehr als fünf Wochen Zeit standen Elfriede letztlich zur Verfügung, bevor es zum Zusammentreffen mit Klarissa in Gilles‘ Atelier kam. Fünf Wochen, die Elfriede mit - im wahrsten Sinne des Wortes - geradezu krimineller Energie nutzte! Sie quälte sich mit Hanteln ab und mit jenen gemeinen Maschinen, bei denen man Gewichte mittels Seilzügen zu heben hat. Fünf Wochen lang nahm sie den Muskelkater tapfer in Kauf, um dem verhassten Luder Klarissa auch sicher den Garaus machen zu können.
Da sie nicht gut sagen konnte: „Ich möchte für einen Mord trainieren, ich will meine Nebenbuhlerin aus einem Dachfenster schmeißen. Welche Muskeln braucht man dazu?“, blieb ihr nichts anderes übrig, als das volle Programm des Fitnesscenters zu absolvieren und alle Muskelgruppen kamen gleichermaßen dran. Es war hart! Aber Elfriedes Wut auf Klarissa ließ sie alles durchstehen. Außerdem: ‚Wer weiß, wozu’s gut ist.’, dachte sie. Vielleicht musste sie Klarissa ja aus dem Fenster treten, da war es gut, wenn die Beinmuskeln auch genug Kraft hatten.

Drei Wochen nach Trainingsbeginn war sie wieder einmal bei Gilles – allerdings alleine – und dem Maler fiel sofort auf, dass sich Elfriedes Körper bereits leicht verändert hatte. Ihr Gewicht hatte sich um weitere vier Kilo reduziert. „Sag einmal, machst du in letzter Zeit Sport?“, fragte er.
„Sieht man schon was?“, fragte Elfriede erfreut. „Ich muss endlich einmal was für die Figur tun.“
„Steht dir ausgezeichnet!“, lobte Gilles. Dann praktizierte er mit ihr wieder ausgiebig den Lebenskuss, über zehn Minuten lang wurde Elfriede „beatmet“, bis ihr schwindelte.
Selbstverständlich machte sie daraufhin verbissen mit ihrem Training weiter. War ja erfreulich, wenn die Sache noch einen angenehmen Nebeneffekt hatte! Das Biest Klarissa heimdrehen[3] und zusätzlich das eigene Aussehen verbessern, das war schon was!

Schließlich kam es dann endlich zur Konfrontation mit Klarissa in Gilles’ Atelier. Elfriede war mit dem Taxi gekommen, weil sie damit rechnete, nach Klarissas „Unfalltod“ zum Verhör zur Polizei gebracht zu werden und sich anschließend den Umweg über die Tiefgarage am Schwedenplatz ersparen wollte.

Als Gilles Elfriede einließ, war Klarissa schon da. Sie trug einen eleganten, schwarzen Hosenanzug, erhob sich bei Elfriedes Eintreten von der Couch und kam auf sie zu: „Elfriede, meine Liebe, ich hab gar nicht gewusst, dass du so aufgeschlossen bist!“
Elfriede lächelte gezwungen. „Ich hab mehr Talente, als du ahnst, Klarissa. Du wirst dich noch wundern, heute!“
„Nimm Platz, kleine Elfe! Auf der Couch, bitte. Einen dritten Barhocker anschaffen, nur für diesen Nachmittag, das wollte ich doch nicht so recht“, sagte Gilles. Und als Elfriede neben der miesen Ratte Klarissa saß, stellte sich Gilles vor die beiden Frauen und begann in beinahe offiziellem Ton zu sprechen:
„Claire, kleine Elfe, ich muss euch was mitteilen. Ich hab beschlossen, die Porträtmalerei an den Nagel zu hängen. Kleine Elfe, dein Porträt ist fertig und du, Claire, kriegst noch ein zweites Gemälde als Anerkennung von mir.“
Er wandte sich zur Wand neben der Bar, zog zwei Gemälde aus einem dort lehnenden Stapel Bilder hervor und präsentierte sie seinem Publikum. Das eine, im Format von etwa eineinhalb mal einem Meter, zeigte Elfriede in ihrem weinroten Partykleid, auf der Couch sitzend, mit halb geschlossenen Augen und leicht geöffnetem Mund. Es war ein Meisterwerk, aber Elfriede sah nur flüchtig hin. Das zweite, wesentlich kleinere Gemälde, war ein Brustbild Klarissas und zeigte sie auf weichen Kissen liegend, anscheinend schlummernd.

Gilles lehnte die beiden ungerahmten Bilder an die Couch und verkündete: „So! Das zum Abschied. Ich hoffe, es gefällt euch.“
Wie aus einem Mund schrieen Klarissa und Elfriede auf: „Was? Zum Abschied?!“
„Alles muss ein Ende haben“, stellte Gilles sachlich fest und wandte sich nochmals zur Wand neben der Bar, wo er einen großformatigen Zeichenkarton hervorholte und die darauf befindliche Skizze seinen beiden schockierten Gästen zeigte.
Es handelte sich um die Aktzeichnung einer sehr jungen Frau, die maximal zwanzig sein konnte – einer sehr schönen jungen Frau. „Darf ich vorstellen? Die künftige Madame Gilles! Ich muss endlich einmal solide werden, hab ja eh lang genug gewartet damit“, erklärte Gilles lakonisch.

Auf der Couch saßen zwei völlig perplexe Damen, deren Gesichter unterschiedlich reagierten. Elfriede war blass geworden, Klarissa stieg die Zornesröte auf die Wangen.
„Du treuloses Hundsviech!“, schrie sie. „Gilles, du bist ein solches Arschloch, dass man es gar nicht beschreiben kann!“
Gilles verbeugte sich. „Danke verbindlichst“, sagte er spöttisch.
Klarissa wandte sich an Elfriede: „Da bist du schuld, du miese alte Schachtel! Wahrscheinlich hat er sich so fadisiert[4] mit dir, dass er sich mit diesem jungen Gemüse eingelassen hat“, zischte sie.
„Halt den Schlapfen[5], du halbverweste Mumie!“, konterte Elfriede. „Wenn du dich nicht an ihn rangeschmissen hättest, hätte er weiterhin Freude an der Abwechslung gehabt und wär’ nicht auf den Blödsinn mit dem Kindesmissbrauch gekommen!“
Anstatt zu antworten, ging Klarissa ihrer ehemaligen Freundin sofort und ohne Vorwarnung an die Gurgel. Gilles brachte die beiden Gemälde in Sicherheit.

Jetzt konnte sich Elfriedes Training bewähren. Sie zerrte Klarissa von der Couch hoch, verkrallte eine Hand in ihren Haaren und zog sie unter das Fenster in der Dachschräge, das sie mit der anderen Hand öffnete. „Da stopf ich dich raus, du Kakerlak!“, kündigte sie mit vor Anstrengung zusammengebissenen Zähnen an. Klarissa strampelte, schlug um sich und als Elfriede ihr Haar losließ, um sie hochzuheben, verkrallte sich Klarissa ihrerseits mit beiden Händen in den Haaren ihrer Gegnerin. Trotz ihres Trainings schaffte es Elfriede natürlich nicht, Klarissas Gewicht zu bewältigen – da hätte sie sich schon selbst mit anheben müssen.

Jetzt ging endlich Gilles dazwischen. „Aber meine Damen! Ein bisserl mehr Beherrschung, bitte! Ihr benehmt euch ja wie im Kindergarten“, rief er und schloss das Dachfenster.
Elfriede ließ Klarissa los. „Ja, aus dem Kindergarten hast wahrscheinlich deine neue Flamme, du Mistkerl! Kriegt sie noch das Fläschchen?“, fauchte sie den Künstler an.
Gilles lachte und ging zur Bar hinüber. „Ihr zwei kriegt jetzt ein Fläschchen!“, sagte er und griff nach dem Cognac, der vorsorglich bereits neben der Espressomaschine stand. „Vielleicht beruhigt euch das!“
Klarissa sah Elfriede an. Diese hatte einen blutigen Kratzer über dem rechten Auge und ihre Frisur war ein einziges Chaos.
„Waffenstillstand?“, fragte Klarissa. „Schließlich sind wir beide beschissen worden!“
Elfriede nickte. „Schön, Waffenstillstand. Ich werd’ dich schon noch wo aus einem Fenster schmeißen. Möglichst hoch runter!“ Mit einer gewissen Genugtuung bemerkte sie, dass Klarissa zwei Fingernägel abgebrochen waren und ihr offenbar ein ganzes Haarbüschel über dem linken Ohr fehlte.

Erschöpft setzten sich die beiden Kontrahentinnen schwer atmend auf die Couch – möglichst weit voneinander entfernt. Gilles setzte sich dazwischen und reichte ihnen beiden je einen Cognacschwenker.
„Ist amüsant, wenn sich zwei distinguierte, reife Damen wegen eines einfachen Malers prügeln“, bemerkte er belustigt. „Ein würdiger Abschluss meiner Karriere als Porträtist!“
„Warts ab!“, zischte Elfriede ihn an. „In zwei Monaten hast genug von dem minderjährigen Tschapperl! Dann wirst die Frau Zedlinski anrufen und drum betteln, ein Porträt malen zu dürfen!“
„Die Frau Kasbauer wird er anrufen!“, protestierte Klarissa. „Glaubst, dann steht ihm der Sinn nach einer halberten[6] Leich’?“
„Kusch, alter Schraubendampfer!“, sagte Elfriede wütend und nippte an ihrem Cognac. „Und, übrigens, lass gefälligst deine dreckigen Finger vom Erhard!“
„Aber schieb dir doch deinen Alten in den Arsch! Ich werd’ mich lieber in den Galerien nach einem stattlichen, jungen Maler umschauen, der Aufträge für Porträts übernimmt“, erklärte Klarissa. „Zur Überbrückung, bis der Gilles anruft.“
„Ja?“, Elfriede war plötzlich viel ruhiger. „Gilles, du gemeiner Verräter, ich würde mir nicht zu lang Zeit lassen mit dem Anruf! Wer weiß, wie gut andere Porträtmaler sind!“ Dann lehnte sie sich zurück und wandte sich hinter Gilles‘ Rücken vorbei an Klarissa: „Klarissa, meine Liebe, du hast doch nichts dagegen, dass ich mich da beteilige, an deinen Nachforschungen? Ich kenn’ da zum Beispiel eine kleine Galerie am Alsergrund[7], da könnte man vielleicht was finden. Und wir informieren uns doch gegenseitig, ja?“

Anmerkungen:

[1] Gefängnis
[2] Was Jupiter erlaubt ist, ist einem Rindvieh nicht erlaubt
[3] umbringen
[4] gelangweilt
[5] Mund
[6] halben
[7] 9. Bezirk

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