KunstGeschichten

KunstGeschichte: Leopoldine

Geheime Kunstschätze können sich an den unwahrscheinlichsten Orten verstecken. Das muss der Obdachlose Matthias erfahren, als sein Kumpan Wassilij ausgerechnet ihrer Gönnerin, der Wirtin Leopoldine, ein Schnippchen schlagen möchte. Im Wirtshaus befinden sich nämlich zwei geheime Werke des Künstlers Albert Paris von Gütersloh. Leopoldine aber ist gewiefter als man glauben mag und dreht den Spieß einfach um.

In der Favoritenstraße, innerhalb des Gürtels, befand sich eine Gaststätte. Und zwar eines jener Lokale, die es schon in den Sechzigerjahren des vorigen Jahrhunderts gegeben hatte. Damals befand sich an jeder Straßenecke ein „Gasthaus“, in dem man mittags ein Menü bekommen konnte und das abends von Weintrinkern frequentiert war. Üblicherweise wurde da am Abend tarockiert und es ging immer recht hoch her!
Selbstverständlich hatte sich das Lokal in den letzten Jahrzehnten etwas gewandelt. Es war zwar immer noch ein Ecklokal, an der Ecke zur Rainergasse gelegen und das Portal des Wirtshauses war aus altem, grünen Holz. Sonst gab es keine weiteren Anzeichen, dass es sich hier um ein Gastlokal handelte, es gab keine Schaufenster, die Häuserfront wies nur ganz normale, bereits sehr alte Standardfenster auf, die allerdings von schweren Vorhängen verdeckt waren. Aber der Gastraum war recht umfangreich. Und über dem Eingang war ein kleines Messingschild angebracht: „Restaurant Liebermann“.
Das Personal bestand aus zwei Kellnern und in erster Linie aus zwei weiblichen Personen: Der alten Chefin und der jungen Chefin. Und beide Damen waren höchst bemerkenswert! Da war einmal die ältere Leopoldine Liebermann, die bemerkenswert jung aussah. Sie trug immer ein schwarzes Kostüm mit auffallend kurzem Rock und war beinahe zu progressiv und ein bisschen ordinär geschminkt. Sie war gerade 66 Jahre alt und dachte langsam daran, in Pension zu gehen.
Ihre Tochter Katharina Liebermann war gerade 39 Jahre alt und im Gegensatz zu ihrer Mutter geradezu penetrant konservativ. Sie lief immer mit einem geblümten Kleid herum und hatte darüber eine sehr große, weiße Schürze gebunden. Ihr Haar sah immer ein wenig „zerrauft“ aus und sie trug Brillen, derer sie eigentlich überhaupt nicht bedurfte.
Wenn man die zwei Frauen nicht kannte, hätte man der Katharina etwa 45 Jahre zugebilligt und der Leopoldine etwa 55. Deren Gesicht war beinahe faltenfrei – dabei hatte sie nie großen Wert auf Kosmetik gelegt! Manche Menschen haben sozusagen ein „Talent zum Jungsein“.
Außerdem war die Leopoldine recht lebenslustig. Seit ihr Mann verstorben war, ließ sie „nichts mehr anbrennen“ und Leopoldine hatte eine ganze Anzahl von Verehrern, ganz im Gegensatz zur Katharina. Einer dieser Verehrer war der Matthias, ein knapp siebzigjähriger Unterstandsloser, der sozusagen im Wirtshaus „wohnte“. Denn Leopoldine hatte ihm ein Feldbett in das kleine Extrazimmer gestellt, zumindest jetzt im Winter. Es widerstrebte ihr, den armen, weißhaarigen Teufel im Park erfrieren zu lassen. Jetzt, im Februar, waren die Temperaturen meist unter dem Gefrierpunkt.

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Matthias trieb sich untertags im Belvedere herum und sammelte Flaschen. Und zwar Pfandflaschen von Limonade, Bier und Mineralwasser. Die gab er im Supermarkt zurück und kassierte das Flaschenpfand.
Aber jetzt, im Februar, gab es fast keine Flaschen im Schlosspark. Die Touristen waren nicht durstig. So schrieb eben die Leopoldine an. Seine drei Viertel konsumierte der Matthias jeden Abend, bevor er sich ins Extrazimmer zurückzog. Und dazu eines von Leopoldines Spezialmenüs, ein ganz billiges Gericht aus Hühnerklein mit Paprika, zubereitet wie ein Gulasch und mit Nudeln als Beilage. Matthias schwärmte in den höchsten Tönen von diesem „Paprikahendl“, das ihm das Überleben sicherte. Und er war äußerst dankbar für die Fürsorge der Leopoldine!
Heute brachte Matthias einen Kollegen mit. Es handelte sich um Wassilij, einen etwa vierzigjährigen Tschetschenen, der ausgezeichnet Deutsch sprach, einige Wickel mit den Russen gehabt hatte und nach Wien gekommen war, um hier um Asyl anzusuchen. Und dieser Wassilij mit seinem bleichen Gesicht und seiner spitzen Nase hatte heute einen ziemlichen Bedarf an etwas Nahrhaftem. Und da Matthias in der freudigen Erwartung seines Paprikahendls war, nahm er den Tschetschenen einfach mit zu Leopoldine.
„Poldi, Schatzerl, hast du für den Wassilij was zum Beissen? Hendl müsst ja no da sein, oder? Der arme Hund müsst sonst in die Gruft* gehen.“
Leopoldine sah den Matthias etwas skeptisch an. „Bist du die Caritas?“, fragte sie.
„Schatzerl, ausnahmsweise gib ihm was zum Beissen. Er hat kane Flaschen g'funden im Belvedere! Kannst es bei mir anschreiben! Und i zahl's dir garantiert, sobald wieder mehr Touristen im Park sind!“
„Is er so a guter Haberer?“
„Ja, das is er!“
„Aber vorher muss er noch baden! Dem Stinkstiefel gib i sonst nix!“
„Wassilij, husch, in die Badwann! I geb dir an Rasierer! Damit du a feiner Pinkel wirst!“
Leopoldine und Katharina wohnten hier im Haus. Im ersten Stock befand sich eine kleine Wohnung – und in diese geleitete Leopoldine den Wassilij, der Matthias' Nassrasierer stolz in der Hand trug.
Und dann veranstaltete Wassilij eine Reinlichkeitsorgie. Seit vielen Tagen stank er vor sich hin und hatte keine Gelegenheit gehabt, seinen Dreck abzuwaschen. Jetzt verfiel er ins Gegenteil. In dem kleinen Bad vollzog er so gründliche Waschungen, dass man daraus beinahe auf eine religiöse Praxis hätte schließen können. Dann unterzog er seinem Anzug einer gründlichen Bearbeitung mit der Bürste. Beinahe wäre wieder ein ansehnliches Kleidungsstück daraus geworden.

*     Gruft: Notschlafstelle der Caritas mit Ausspeisung im 6. Bezirk

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So begab er sich wieder ins Wirtshaus und Leopoldine erkannte ihn beinahe nicht wieder. Dann schlug er sich den Wanst voll und erging sich ausgiebig in Komplimenten über Leopoldines Kochkunst. Immerhin hatte sie ja insgesamt eine ganze Knolle Knoblauch in dem Paprikahuhn verarbeitet, was bei Wassilij wahre Begeisterungsstürme hervorrief.
Wassilij und Matthias verdrückten ihr Hendl im großen Gastraum. Es waren nicht viele Gäste anwesend. Dann tranken die beiden einige Gläser Rotwein und dann machte Leopoldine die Betten für ihre beiden Gäste im kleinen Extrazimmer. Matthias bekam sein Feldbett und Wassilij eine Matratze daneben. Gegen halb elf Uhr abends machte Leopoldine Feierabend. Die letzten Gäste waren gegangen und der Trankler Ivo, der vom Hauptbahnhof wegen der Bauarbeiten vertrieben worden war, wurde von Katharina hinaus geschmissen. Dann war Ruhe. Matthias und Wassilij gingen zu Bett. Etwas müde, schlief Matthias bald ein. Da weckte ihn Wassilij, der ganz leise von seiner Matratze aufstand und in den großen Gastsaal hinaus ging. Matthias dachte an die paar Viertel, die Wassilij geschluckt hatte und vermutete, sein Kollege müsse „eine Stange Wasser in die Ecke stellen“. Deshalb schlief er sofort wieder ein. Kurze Zeit später weckte ihn ein Geräusch im großen Gastraum. Jetzt stand Matthias auf und sah nach.
Wassilij hatte im großen Gastraum das Gemälde von der Wand genommen. Und außerdem hatte er den Rahmen gelöst. Die überaus kitschige Jagdszene mit dem röhrenden Hirschen lehnte an der holzgetäfelten Wand und der Rahmen stand an die Sessel des Ecktisches gelehnt. Und auf dem Tisch lagen zwei völlig andersartige Bilder.
Wassilij sah sich unversehens ertappt. „Was is denn da los?“, fragte Matthias.
„Is wurscht“, sagte Wassilij, „ich werd's dir sagen. Das sind die geheimen Bilder vom Kiehtreiber. Sind schon seit 1939 da in dem Jagdbild!“
„Von wem san die?“, wollte Matthias wissen.
„Vom Kiehtreiber. Albert Kiehtreiber, besser bekannt unter seinem Künstlernamen. Albert Paris von Gütersloh. Der hat die beiden Bilder dem Herrn Kohn geschenkt. Der Herr Kohn war der Onkel von der Leopoldine und der hat das Gasthaus vorher gehabt. Die Leopoldine hat's geerbt. Und der alte Haunold hat das gewusst. Der hat's mir erzählt, der Josef. Die Leopoldine weiß anscheinend gar nix davon! Und jetzt werd' ich mir die Bilder nehmen. Du kriegst auch was von dem Erlös!“
„Wassilij, des is a Linke!“

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„Ah was! Na schön, is' halt a Linke! Was soll's? Die Leopoldine weiß nix davon! Das bringt uns a schöne Stange Geld!“
„Is der Maler denn so bekannt?“
„Klar! Gilt als der geistige Vater vom Fantastischen Realismus! Unterm Hitler war er a 'entarteter Künstler' und hat sogar Berufsverbot g'habt. Deshalb hat ja der alte Kohn die Bilder versteckt g'habt.“
„Na ja, wenn er Kohn g'heissen hat, hat er eh net auffallen dürfen.“
„Is aber nie im KZ g'wesen! Hat anscheinend wen 'kennt, der's ihm g'richtet hat.“

Jetzt sah sich Matthias einmal die Gemälde an. Da war allerdings nichts darauf zu erkennen, das mit Fantastischem Realismus zu tun gehabt hätte. Das war ein ganz normales Stilleben, das ein recht buntes Service von Schüsseln darstellte, in dem auch Speisen lagen. Nur die Farben waren in Violett gehalten, ein wenig ungewöhnlich und recht seltsam. Und das zweite Bild war so etwas, wie ein weiblicher Akt. Aber die nackte Dame war etwas seltsam proportioniert und sie trug einen total verrückten Hut!
„Na ja, wenn's einem g'fallt...“, sagte Matthias.
„Halt Paris von Gütersloh“, meinte Wassilij. „Der hat ja auch geschrieben. Nur kenn i nix von ihm.“
„Wenn er so g'schrieben hat, wie er g'malt hat, is das auch net notwendig“, kommentierte Matthias.
„Und jetzt versteck i die Bilder wieder. I darf doch noch ein, zwei Tage da bleiben?“
„Wird sich herausstellen.“ Matthias wollte dem Wassilij keine Versprechungen machen. Dann lagen die beiden wieder auf ihren Nachtlagern und Wassilij schnarchte nach ganz kurzer Zeit. Matthias konnte nicht so schnell einschlafen. Ihn ärgerte, dass der Tschetschene der Leopoldine die beiden Gemälde abnehmen wollte! Der Leopoldine, die ein so exzellentes Paprikahendl zustande brachte! Nein, Matthias wollte die alte Wirtin warnen! Das war er seinem Schatzi schon schuldig!
Am nächsten Morgen wollte Wassilij schon recht zeitig verschwinden, um irgendein einem geheimnisvollen Geschäft nachzugehen. Leopoldine war sehr schlechter Laune und stellte gerade einmal eine Kanne Kaffee und vier Semmeln auf den Tisch ihrer beiden „Pensionsgäste“. Als Wassilij gegangen war, nahm sich Matthias die Wirtin vor.
„Poldi, du hast da einen Schatz im Gastzimmer versteckt! Bilder!“
„Ah, geh! Woher weißt du denn das, Hias?“
„I habs gestern g'sehn!“
„Dann zeig mir's!“

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Matthias nahm das kitschige Bild mit dem Hirschen ab und löste das Papier, das die Rückseite des Bildes darstellte. Er nahm die Leinwand des Bildes heraus – und dahinter waren die zwei von Paris Gütersloh gemalten Blätter.
„Was is denn das?“, fragte Leopoldine völlig überrascht.
„Zwei 'entartete' Gemälde von Albert Paris von Gütersloh. Haben deinem Onkel gehört. Er hat sie aber versteckt, weil sie den Nationalsozialisten nicht genehm waren und dein Onkel ja außerdem Jude war. Wenn man die bei ihm entdeckt hätte, wär' er ins KZ gewandert.“
„Mich wundert's eh, dass er den Hitler überlebt hat...“
„Besonderer Glücksfall wahrscheinlich...“
„Na ja, da war der Haunold beteiligt. Der war bei der SA und hat den Onkel Kohn gedeckt.“
„Poldi, das musst du publik machen, zwei Paris von Gütersloh san immerhin a Sensation!“
Leopoldine dachte nach. Dann sagte sie: „I mach nächste Woche den Gschnas da im Wirtshaus. Da werd' i die Bilder der Katharina schenken!“
„Sehr gut“, sagte Matthias.

Es wurde in den nächsten Tagen nichts von Wassilij gesprochen, aber er blieb wie selbstverständlich im kleinen Extrazimmer wohnen. Und täglich erhielt er, genau so wie sein Freund Matthias, sein Paprikahendl.
Am folgenden Mittwoch wurde die große Gaststube dekoriert, das Feldbett und Wassilijs Matratze entfernt und das kleine Extrazimmer als Raucherbereich eingerichtet. Und Leopoldine flüsterte dem Matthias zu: „I hab a Kostüm für die Kathi gekauft. Wird a richtiger Hammer, des Madl!“
Am Donnerstag ging der normale Gasthausbetrieb gegen 18 Uhr allmählich in den Gschnas über. Die beiden Musiker, Marcel und Markus tauchten mit ihren Instrumenten auf und die beiden Chefinnen zogen sich in ihre kleine Wohnung im ersten Stock zurück, um in ihre Kostüme zu schlüpfen.
Um 19 Uhr war das Gasthaus bereits recht voll. Alle Tische waren besetzt. Marcel und Markus intonierten eine uralte Rock-Nummer – und dann tauchten die beiden Chefinnen auf:
Keiner hätte die Katharina erkannt: Sie trug einen langen, auf beiden Seiten geschlitzten Rock, sehr hohe Absätze und ein extrem auf Taille geschnittenes Oberteil. Dazu hatte sie ihre Brillen weg gelassen und ihr Haar, das sie immer sehr eng um den Kopf gelegt trug, war heute offen geblieben. Die Kathi, die sonst immer so streng und konservativ aussah, war heute eine tatsächlich schöne Frau!
Na, und die Leopoldine! Die hatte tatsächlich eine echte Verkleidung an! Sie sah aus wie eine Cancan-Tänzerin! Niemand sah ihr die sechsundsechzig Lenze an, die sie mit sich herum schleppte und spontan brauste Applaus auf, als die beiden Damen in die Gaststube traten.

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Leopoldine überredete die beiden Musiker, einen Cancan zu spielen. Das konnten sie zwar nicht so recht, aber etwas Ähnliches wurde immerhin draus. Und Leopoldine legte einen Tanz hin, der sich gewaschen hatte! Sie warf die Beine so hoch in die Luft, dass die anwesenden Gäste schwindlig wurden und man sich fragte, woher die Leopoldine diese Beweglichkeit nahm! Die Katharina war natürlich nicht so flexibel. Aber sie ließ sich aber immerhin dazu herbei, mit dem Wassilij eine langsame Nummer zu tanzen. Also wurde ein Tanzplatz hergerichtet, indem man einige Tische beiseite räumte. Mussten die Gäste eben mehr zusammenrücken!
Der Wassilij war hingerissen von der Katharina. Er hatte am Nachmittag wieder einmal gebadet und er benutzte seinen immer noch vorhandenen Duft um mit der Katharina ein paar unbeholfene Zärtlichkeiten auszutauschen. Und erstaunlicherweise zeigte sie sich dafür sogar sehr empfänglich.
Etwa eine Stunde lang ging es hoch her in dem Wirtshaus. Die Stimmung war ausgezeichnet. Ein gewisser Herr Pospischil, ein 48er, also ein Müllmann, der für die Magistratsabteilung 48 arbeitete, veranstaltete Tanzspiele und Katharina war eine der aktivsten dabei. Natürlich hielt der Wassilij mit all seiner Kraft mit.
Und dann, es war bereits gegen 22 Uhr, unterbrach die Leopoldine das Treiben. Sie kündigte an, ihre Pläne für die nächste Zeit bekanntgeben zu wollen. Mit der Hilfe von Matthias holte Leopoldine das kitschige Gemälde mit dem Hirschen von der Wand. Wassilij wurde nervös. Anschließend löste Matthias die Rückseite des Bildes vom Rahmen und entnahm dem Bild die beiden Gemälde von Paris von Gütersloh.
„Zwei Gemälde von Paris von Gütersloh, eigentlich Albert Kiehtreiber“, kündigte Leopoldine an. „Sind wahrscheinlich eine Menge wert. Ich übergebe die Dinger meiner Tochter Kathi und ersuche sie, das Restaurant Liebermann übernehmen zu wollen. Die Gemälde sollen ihr ein bisschen Kapital bringen.“
Kathi stand mit offenem Mund da. Leopoldine sprach weiter: „Kathi wird wahrscheinlich eine männliche Unterstützung beim Betrieb des Restaurants brauchen. Auch dafür sollen die beiden Bilder was beitragen. Also, meine Herren, wer hat Ambitionen, da den Wirt zu spielen?“

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Wassilij ließ einen Fluch los. Erst auf Tschetschenisch und daraufhin noch einmal auf Russisch. Kein Mensch im Gasthaus verstand, was er sagte, es klang aber recht derb und ziemlich ausdrucksstark. Leopoldine sah ihn verblüfft an.
„Die beiden Bilder wollte ich haben!“, sagte Wassilij. „Ich hab mir gedacht, du weißt nix davon, Poldi. Die hätte ich gut brauchen können!“
„Wäre a Linke g'wesen!“, meinte Matthias.
Leopoldine lächelte den Wassilij an: „Na, nimmst halt die Kathi und das Wirtshaus, da kriegst die zwei Bilder auch dazu!“
Wassilij schluckte sichtbar. Schließlich sagte er langsam: „Na, wollen wir nix überstürzen...“
Aber schon legten die beiden Musiker wieder los. Und Wassilij und Kathi bewegten sich durch das Gastzimmer, so dass sie die übrigen Gäste mitrissen und die gesamte Gesellschaft in emsiger Bewegung war. Die Stimmung wurde immer ausgelassener. Schließlich machten die Gäste Platz für Wassilij und Kathi, die auf der Tanzfläche einen „L'amour-Hatscher“ hinlegten, wobei der Wassilij die Kathi mehrmals beinahe auf den Boden zurück bog und sie mit Küssen eindeckte. Am Ende applaudierte die ganze Zuschauergruppe.
Und plötzlich waren Kathi und Wassilij verschwunden. Matthias ging die beiden suchen. Sie waren aber nirgends auffindbar. Leopoldine lief, ohne sich etwas überzuziehen, so wie sie gerade war mit ihrem frivolen Kostüm hinaus in die kalte Februarluft, um zu sehen, ob die beiden die Favoritenstraße entlang liefen. Bald war sie wieder da. „Im ersten Stock ist Licht“, sagte sie. „Die zwei sind oben in unserer Wohnung. Da werden wir wahrscheinlich heute noch eine Verlobung haben.“
Zwanzig Minuten später waren die Vermissten wieder im Restaurant. Und besonders Kathi strahlte „wie ein frisch lackiertes Hutschpferd“.
„Mami, der Wassilij hat schon in Grosny einmal als Koch gearbeitet! Da werden wir in Zukunft auch Speisen aus Tschetschenien auf der Karte haben! Wir werden noch ein kaukasisches Spezialitätenrestaurant!“
Und Leopoldine umarmte ihre Tochter und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. „Sollen wir gleich Verlobung machen?“, fragte sie.
„Ja. Damit der Wassilij seine Bilder sicher hat!“
„Ach, ich pfeif' auf die Gemälde“, sagte Wassilij, „Die waren nur der letzte Anstoß! Aber jetzt hab ich die Kathi kennen gelernt. Und was ich da kennen gelernt hab, ist einmalig!“
„Dann werdet glücklich miteinander“, sagte Leopoldine feierlich.
Und das wurden die beiden dann auch. Zumal die Kathi sich gewaltig änderte. Sie trug ab sofort nur mehr recht moderne Kleidung, die noch dazu recht sexy war. Weil sie wusste, dass ihr Wassilij „drauf stand“ – und die Gäste des Restaurants Liebermann auch!
Die beiden Gemälde von Albert Paris von Gütersloh wurden übrigens nicht verkauft, sondern sie hängen immer noch im Restaurant und stellen eine besondere Attraktion dar!