KunstGeschichten

KunstGeschichte: Liliputbahn

Gregor "Greg" Windbichler wohnt am Prater und schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch. Für seine neueste Arbeit - eine fesche Frauendarstellung auf einem Glücksspielautomaten - sucht und findet er durch Zufall ein Modell: eine Dame aus dem horizontalen Gewerbe. Diese hat jedoch ganz andere Probleme. Eine neue KunstGeschichte rund um den Wiener Vergnügungspark.

Woher das Augebiet des Praters seinen Namen hat, ist nicht hundertprozentig klar.
Einerseits geht man davon aus, dass der lateinische Ausdruck für „Wiese“, also „Pratum“ die Grundlage des Namens darstellt, andererseits hat im Jahre 1162 der Babenberger Herzog Friedrich I. die Gegend dem Adeligen Conrad de Prato geschenkt. Die Familie nannte sich später „Prater“, was dem Gebiet den Namen gab. Ab 1403 wurde die Insel zwischen dem Hauptstrom der Donau und seinen Nebenarmen „Pratter“ genannt.

Durch Jahrhunderte war die Gegend reines Jagdgebiet und wurde zeitweise von einem Zaun umschlossen. Mathias Corvinus änderte den Namen zu Ende des 15. Jahrhunderts in „Bardea“, aber 1560 konnte Erzherzog Maximilian II. das Gebiet käuflich erwerben und kehrte zum gewohnten „Prater“ zurück.
Immer wieder trieben sich Wilderer im Prater herum und so wurde von Rudolf II. das Betreten des Augebietes unter Strafe gestellt. Vergeblich.
Am 7. April 1766 gab Kaiser Josef II. den Prater für die allgemeine Benutzung frei. Schon ab 1764 waren die Gitter um den Prater verschwunden.

Josef II. gestattete auch die Errichtung von Etablissements von Kaffeesiedern und Wirten, was zur Entwicklung des „Wurstelpraters“ führte, denn die Kaffeesieder boten Karussells, Schaukeln und Puppentheater (mit der Hauptfigur des „Wurstels“) für ihre Besucher an.

Mehr als zweihundertfünfzig Jahre später hatte sich dieses relativ kleine Areal von Vergnügungsstätten natürlich gehörig gewandelt. Die Schlacht um Wien 1945 hatte die Herrlichkeit der Karussells, Achterbahnen, Schau- und Schießbuden in Schutt und Asche gelegt. Zwar entstanden danach neue Fahrgeschäfte, aber alle in moderner Manier. Die Bretterbuden von einst, die so viel Romantik ausstrahlten, gab es nicht mehr. Hinter dem heutigen Prater steckt viel Technik und das Publikum, das angesprochen werden soll, besteht in erster Linie aus jungen Leuten knapp nach der Pubertät, denen es nie modern genug sein kann. Die „Dame ohne Unterleib“ gibt es nicht mehr und der „Starke Mann“, der seine aus massiven Ketten bestehende Fesseln zerriss, tritt auch nicht mehr auf.

Gleich geblieben ist allerdings die Prostitution, die an den Rändern des Vergnügungsparks noch immer blüht – besonders im Gebiet um die Stuwerstraße, gegenüber dem Wurstelprater, auf der anderen Seite der Ausstellungsstraße.

Direkt in der Stuwerstraße wohnte Gregor Windbichler, ein füfundzwanzigjähriger Bursche, der keinem geregelten Beruf nachging, sondern so etwas wie ein „Praterstrizzi“ war. Sein Einkommen war keinesfalls regelmäßig, er brachte sich mit Hilfsdiensten durch, die er den Unternehmern drüben im Prater anbot. Er war also so etwas wie ein später Nachkomme der „Hutschenschleuderer“, die vor Jahrzehnten die Schaukeln der Kinder in Bewegung gesetzt und technische Arbeiten an den Fahrgeschäften erledigt hatten.

„Greg“, wie er sich selbst nannte, hatte auch tatsächlich eine Lehre als Maschinenschlosser hinter sich, was ihn mehr oder weniger dazu befugte, die Antriebe der Achterbahnen zu warten und notfalls zu reparieren. Daneben saß er öfter an den Kassen diverser Attraktionen und verscherbelte Tickets. Und außerdem stellte er Malereien her, die die Attraktionen des Praters ein wenig „aufmotzen“ sollten.

Für eine der Geisterbahnen hatte er zum Beispiel ein überaus hässliches Monster gemalt, das den Betrachter zu verschlingen drohte und gigantische, blutige Zähne demonstrierte. Nachdem aber laut Auskunft des Kassiers das Gemälde einige besonders ängstliche Kunden bereits abgeschreckt hatte, musste die Malerei wieder entfernt werden. Allerdings zahlte die Geisterbahn Greg das vereinbarte Honorar trotzdem.

Geschickt war Greg, das musste ihm der Neid lassen! Sogar die Diesellok der Liliputbahn hatte er schon repariert!
Greg war also eine bekannte Persönlichkeit im Wurstelprater – und ein überall gern gesehener Gast. Er hatte somit ein ausreichendes, wenn auch etwas unsicheres Einkommen mit dem er aber durchaus zufrieden war. Zumal ihm seine wechselnden Arbeitgeber es gestatteten, die Fahrgeschäfte in Zeiten schwächerer Nachfrage kostenlos zu benutzen. Und so war Greg ein häufiger Gratisfahrgast auf diversen Achterbahnen und er ließ sich auch öfter auf dem 117 Meter hohen „Praterturm“, dem höchsten Kettenkarussell der Welt mit einer Geschwindigkeit von 75 km/h herumwirbeln.

Heute hatte er keinen Auftrag. Er ging gegen 10 Uhr am Vormittag hinüber in den Prater und sah, dass nicht viel Betrieb war. Folglich schlug er den Weg zum Praterturm ein, um sich wieder einmal das Gefühl der Höhenangst zu gönnen, wenn er in über hundert Metern seine Runden auf dem offenen Sessel drehte.

Aber vor einer der Glücksspielhallen wurde er aufgehalten. Joe Pokorny, der Besitzer des Etablissements, sprach ihn an: „Na, Oada, liegt nix an heut? Willst mir net was malen?“
„Was denn?“
„A fesche Katz. Topless. Oben ohne. Brauch i für den neuen Automaten. Der zeigt nix her, da muss man a Werbung dazu stellen. Und nackerte Busen bringen's!“
„Hast a Modell?“
„Naa. Du malst, also musst aa für des Modell sorgen.“
„I hab aber keins!“
„Na, dann such dir halt ein' feschen Hasen! Bei dir drüben in der Stuwerstraßen gibt’s eh gnua Strichkatzen! Nimm dir aber net a Alte mit an Hängebusen!“
„I bin ja net deppert! Wo g'hört denn das Bild hin?“
Joe Pokorny ging voraus zu dem neuen Automaten im Hintergrund der Spielhalle. „Da daneben will i's hinstellen. Aber mal s' schön groß!“
Greg nickte. „In a paar Tag' hast es.“ Dann machte er sich wieder auf den Weg zum Praterturm.

Schon von Weitem sah er, dass einiger Betrieb bei dem hohen Kettenkarussell herrschte. Offenbar war eine Reisegruppe dabei, sich den „Kick“ in großer Höhe zu holen.
Als er den Praterturm erreichte, war eine Reisegesellschaft aus Russland um das Fahrgeschäft versammelt. Soeben senkte sich das drehbare Hängegestell wieder zu Boden, die Fahrgäste verließen ihre Sitze und eine zweite Gruppe machte sich bereit, sich über hundert Meter hochziehen zu lassen.

Es waren aber diesmal nicht alle Sitze besetzt. An den Ketten des Hängegestells besitzt der Praterturm Doppelsitze, ähnlich wie bei einem Sessellift. Und neben einer jungen, sehr hübschen Frau in eleganten Jeans und mit rotbraunem Haar war ein Sitz noch frei.

„Daf i eh?“, fragte Greg Slobodan, der heute hier Dienst hatte. Der nickte und Greg setzte sich neben die hübsche junge Frau.
Slobodan ließ die Sicherungsbügel hinunter und überprüfte deren exakten Sitz. Und dann ging es schon los. Das Karussell begann, sich zu drehen.
Die Dame neben Greg stieß einen kleinen Angstschrei aus, begann aber daraufhin sofort zu lachen. Greg sah nach links hinüber. Die Frau sah jetzt ängstlich nach unten. Die Aufwärtsbewegung des Hängegestells hatte eingesetzt.

Greg sah ebenfalls nach unten und ihm wurde mulmig. Schon das letzte Mal auf diesem Karussell hatte er festgestellt, dass ihm die große Höhe Angst bereitete. Kriegte er jetzt, mit über 25 Jahren, noch Höhenangst? Das war ja lächerlich! Er saß da ganz bequem auf seinem Sessel und der Sicherungsbügel machte es ihm unmöglich, sich in Gefahr zu bringen. Das war einzig und allein sein Gehirn, das ihm da einen Streich spielte!

„Ganz schön hoch“, sagte die Frau neben ihm.
Greg sah sie an. „Gehören Sie nicht zu der russischen Reisegruppe?“, fragte er.
„Nein. Ich bin schon zwei Jahre in Wien“, antwortete die Frau. „Ursprünglich stamme ich aus der Ukraine. Aus Charkiw.“
Greg fiel das reine, ohne Akzent gesprochene Hochdeutsch auf, dessen sich die Dame bediente. „Und da sprechen Sie so gut Deutsch?“
„Man tut, was man kann“, lächelte die Frau und sah wieder einmal nach unten. „Hundert Meter Angst“, sagte sie.
„Der Turm ist ganz sicher“, beruhigte Greg. „Da ist noch nie was passiert!“
„Trotzdem. Angenehm ist das nicht, so in der Luft sitzen und die Beine ins Nichts baumeln lassen.“
„Nicht dran denken!“, riet Greg. Die Drehbewegung war jetzt sehr stark, die Sessel wurden im Kreis herumgeworfen und die Zentrifugalkraft zog die Fahrgäste stark nach außen. Greg fühlte, dass sein Magen unruhig wurde. Er schloss die Augen und bemühte sich, tief durchzuatmen.

Die Drehbewegung wurde langsamer. Nach etwa einer Minute hingen die Sessel bewegungslos in der Luft. Und diese Ruhe machte interessanterweise die Höhe noch fühlbarer. Die Fahrgäste in den an den Ketten hängenden Sitzen wurden mehr oder weniger unruhig.
Aber da begann sich das Drehgestell wieder langsam abzusenken. Greg fieberte dem Boden erwartungsvoll entgegen.

Dann, endlich, konnte er aussteigen. „Nicht noch einmal?“, fragte die Frau, neben der er gesessen hatte.
„Mir reicht's“, sagte Greg.
„Ich bleib noch eine Runde“, sagte die Frau und hielt Slobodan einen 5-Euro-Schein entgegen. Diesmal blieben einige Sitzplätze frei, als das Karussell wieder mit seiner Drehung begann. Greg blieb neben dem Turm stehen und beobachtete die junge Frau, die in beträchtlicher Höhe im Kreis bewegt wurde.

'Die wäre ein ideales Modell für das Bild, das der Pokorny bestellt hat', dachte Greg. 'Ich frag sie einfach.'
Nach kurzer Zeit kam die Aufhängevorrichtung wieder herunter und Greg wunderte sich, dass die ganze Aktion so kurz war. Droben, im Sessel sitzend mit den Beinen im Nichts baumelnd, war ihm das alles viel länger erschienen.
Die junge Frau verließ nun ihren Sessel und kam zu Greg.

„Einen Drink nach dem Abenteuer?“, fragte der.
„OK. Danke“, sagte die Frau. „Ich bin übrigens die Oksana.“
Gemeinsam gingen die beiden zum Schweizerhaus und setzten sich in den Gastgarten. Greg bestellte ein Krügel Budweiser und Oksana schloss sich an.
„Was machen Sie eigentlich beruflich?“, wollte Greg wissen.
„Interessiert Sie das?“, fragte Oksana und Greg nickte. „Und wollen Sie die Wahrheit wissen?“
Greg nickte nochmals.
„Ich bin zurzeit Hostess“, gestand Oksana.
Greg wollte fragen, bei welcher Airline, besann sich aber noch und murmelte: „Also Callgirl“.

In die Pause, die nun entstand, fragte Greg: „Und das macht Ihnen Spaß?“
Oksana zuckte die Schultern und sagte: „Es gibt schlechtere Jobs. Man muss nur akzeptieren, dass die meisten Männer Schweine sind. Aber die ganz miserablen schreckt schon mein Honorar ab. Hundertfünfzig Minimum kann sich nicht jeder leisten.“
„Und das kriegen Sie?“, fragte Greg.
„Ohne Schwierigkeiten“, meinte Oxana. „Hab meine Stammkunden.“
„Und würden Sie sich nackt malen lassen?“ Greg war jetzt an dem Punkt, wo er hin wollte.
„Warum nicht?“ Oksana hatte offenbar keine Bedenken.

„Ich hab heute einen Auftrag gekriegt. Aber da muss ich mich einmal vorstellen. Ich bin Gregor Windbichler, genannt Greg und so was wie der Servicemann hier im Prater. Ich repariere so ziemlich alles da und außerdem male ich für die Praterunternehmer, Werbung und so was. Der Joe Pokorny von der Glücksspielhalle will eine Nackte als Werbung für einen Spielautomaten. Aber er besteht drauf, dass das eine wirklich schöne Frau sein soll. Würden Sie mir Modell stehen?“
„Sicher. Wann?“
„Da richte ich mich ganz nach Ihnen.“
Oksana griff nach ihrer Handtasche und nahm eine Visitenkarte heraus. „Rufen Sie mich an. Mein Studio ist in der Lasallestraße.“
„Ich muss noch mit dem Joe reden. Sonst kann ich mir Ihr Honorar nicht leisten, wenn der Mistkerl zu wenig ausspuckt für das Bild!“
„Ich mach Ihnen einen Sonderpreis“, kündigte Oksana an.

„Danke! Essen wir gleich was? Es ist schon fast Mittag! Ich lad' Sie ein!“
Greg rief den Kellner und orderte eine gebratene Schweinestelze, Oksana begnügte sich mit einem grünen Salat. Sie müsse auf ihr Gewicht achten.
Unter angeregtem Plaudern beendeten sie ihr Essen, als plötzlich ein gut gekleideter, etwas älterer Mann an ihrem Tisch erschien und die Oksana ansprach: „Frau Oksana, ich weiß, sie machen erst um 15 Uhr auf. Aber könnte ich heute schon etwas früher zu Ihnen kommen?“
„Wann denn?“
„Wenn's geht, sofort. Sie können mit mir rüber fahren in die Lasallestraße.“

Oksana legte ihre Hand auf die Gregs: „Greg, Sie entschuldigen. Und Sie rufen an vor dem Malen?“ Und zu dem Herrn sagte sie: „Na schön. Ausnahmsweise. Kommen Sie.“
Oksana und ihr Kunde verschwanden in Richtung der Parkplätze in der Perspektivstraße.
Greg bestellte noch ein Krügel, zog die Visitenkarte Oksanas hervor und speicherte die Telefonnummer in seinem Handy.
Dann bezahlte er und schlenderte zurück zum Riesenrad. Als er am Hauptbahnhof der Liliputbahn vorüber kam, wurde er gerufen: „Greg, alter Gangster, wir brauchen di'!“ Es war Josef Birnbacher, der alte Dampflokführer. Greg änderte seine Richtung und marschierte auf den Alten zu. „Wo brennt's?“

„'s brennt eben net! Bei die Grete hat's das Feuerbüchsentürl a'grissen. Des g'hört g'schwasst! Machst du des?“
„Habts Ihr a Schweißgerät?“
„Logisch!“
„Na, dann is des Türl in zehn Minuten wieder dran“, sagte Greg und zog sich die Jacke seines Jeansanzuges aus. Dann folgte er dem Josef zum Lokschuppen.

Die schwarz und rot lackierte Grete stand auf dem Gleis zur Hauptstrecke und war noch nicht angeheizt. Greg setzte sich auf den Platz des Lokführers und überprüfte die Feuerbüchsentür. Eines der Scharniere war gebrochen.
„So kannst net heizen?“, fragte Greg.
„Aber geh! Da gibt’s doch kan Zug vom Feuerrost. Da blast ja alles durch das Türl rein! So kriegst die sieben Tonnen net in Gang!“
„Was? So schwer is das Ding?“
„Klar!“ Josef Birnbacher schaute den Greg verwundert an. „Is a Masse altes Eisen. Die is seit 1928 bei uns. Wir haben s' aus München, von Krauss-Maffei.“
„Na, erst brauch i einmal ein' Bolzen. So was werd'ts do haben!“
Greg wurde ins Ersatzteillager geführt. Dort kramte er im Kleineisen und hatte nach einigen Minuten einen passenden Bolzen gefunden. Dann wurde geschweißt und nach zwanzig Minuten ließ sich die Feuertür ohne Probleme öffnen und schließen.

Josef Birnbacher heizte die Lok an und in den Lokschuppen kam Zoran, der Fahrer der Diesellok. „Josef, mach schneller! I will nach Haus!“
„Na, zwaa, drei Stunden wirst no' fahren müssen. Das Wasser kocht net so schnell“, meinte Josef. Und zu Greg sagte er: „Der Chef is net da. Du kriegst's Geld morgen.“
Greg wusch sich die Hände. Er brauchte dafür ziemlich lange. Erstaunlich, wie dreckig man sich machte, wenn man an einer so kleinen alten Dampflok arbeitete!
Dann ging Greg nach Hause. Dort suchte er sich eine passende Leinwand aus und rief Oksana an: „Na? Kunde schon weg? Kann i kommen mit meine Farben?“
„Ja. Kommen Sie. Meine Kollegin ist auch schon da, da können S' in Ruhe malen.“
Greg klemmte sich den Rahmen mit der Leinwand unter den Arm und nahm Pinsel und seine Farbtuben mit, dann ging er zu Fuß hinüber zur Lasallestraße.

Oksanas „Studio“ war ein kleines Gassenlokal in einem Altbau, aber recht geschmackvoll adaptiert. Auf Gregs Läuten öffnete eine kleine, schwarzhaarige Frau in einem extrem kurzen Kleidchen, die auffällig geschminkt war. „Ist die Oksana da?“
„Bitte kommen rein“, sagte die junge Frau mit starkem, slawischem Akzent. „Oksana, Kunde!“, rief sie dann.
Aus dem Hintergrund tauchte Oksana auf. Sie war gekleidet, wie man es von einer käuflichen Frau erwarten kann und trug eine knallgelbe Bluse, die viel Einblick zuließ, einen extrem kurzen, roten Rock und Schuhe mit unwahrscheinlich hohen Absätzen.
„Gregor! Kommen Sie gleich mit da rein! Julia, ich bin sicher für die nächste Stunde nicht zu sprechen“, sagte sie und öffnete eine Tür in der Rückwand. Greg trat ein.

Es gab in dem Raum ein breites Bett, zwei Sessel und eine Duschkabine. Greg stellte seine Leinwand auf einen der Sessel und lehnte sie an die Rückenlehne. Dann packte er seine Farben und den Pinsel aus.
Oxana hatte bereits begonnen, sich auszuziehen und setzte sich dann auf das Bett. Greg begann sofort zu malen. Oxana sah einfach fantastisch aus und Greg malte zunächst ihre Umrisse mit hellblauer Farbe. „Das Drum-herum mach ich später“, sagte er. „Wie ich den Joe kenne, will er wieder Sterne und eine Weltraumumgebung. Deshalb male ich Sie auch hellblau, der Hintergrund wird dann dunkelblau bis schwarz.“

„Es ist übrigens gut, dass Sie jetzt schon anfangen“, sagte Oksana. „Ich werde wahrscheinlich nicht mehr lange in Wien sein.“
„Wohin gehen Sie denn?“, fragte Greg.
„Wenn alles klappt, zurück in die Ukraine. Nach Kertsch. Meine Schwester hat heute angerufen. Ich könnte im Hotel Sewastopol als Manager anfangen. Ich hab seinerzeit in der staatlichen Akademie für Kommunalwirtschaft das Studium der Touristik gemacht. Das Sewastopol wäre großartig! Da müsste ich nur noch vom Marko los kommen.“
„Und wer ist Marko?“
„Marko Beckmann. Der hat mich nach Wien geholt. Und jetzt hat er meinen Pass. Den müsste ich mir beschaffen. Wird aber nicht leicht sein!“

„Warum denn?“
„Weil er ihn nicht rausgibt. Ich hab einen anderen gekriegt, einen gefälschten slowakischen Pass. Da heiße ich Swetlana Kolerowa und so steht's auch in meinem 'Deckel'[1] . Aber ich werde dem Marko schon zusetzen! Ich werde ihm drohen, alles auffliegen zu lassen. In meinem echten Pass hab ich ein abgelaufenes Touristenvisum. Dann werde ich wahrscheinlich abgeschoben und kann im Sewastopol anfangen.“
„Klingt riskant! Wenn er sich weigert? Ist dem Kerl zuzutrauen, dass er handgreiflich wird?“
„Klar! Der hat mich schon oft verprügelt!“
„Dann seien Sie bitte vorsichtig!“ Greg hatte das Malen unterbrochen und sah Oksana nachdenklich an.
„Ich hab jetzt immer ein Messer bei mir!“, sagte sie. Und dann fügte sie hinzu: „Malen Sie doch weiter! Ich werde den Marko noch heute anrufen!“
„Ja, tun Sie das“, sagte Greg. „Vielleicht kann ich Ihnen ein bisschen helfen.“
„Aber nein, mit dem Marko werde ich schon fertig.“ Aber Oksana stand trotzdem auf und holte ihr Handy aus der Handtasche. Nackt setzte sie sich wieder afs Bett und tippte in die Tastatur.

Greg malte weiter. Er war damit beschäftigt, die Kurven von Oksana durch entsprechende Schattierungen zu betonen. Das Bild wurde offenbar ganz anständig. Na, er hatte aber immerhin auch ein entsprechendes Modell vor sich!
„Marko?“, sagte Oksana ins Telefon. „Du, ich brauche meinen Pass! Meinen richtigen, den ukrainischen!“
Offenbar war das dem Marko gar nicht recht und er hatte „nein“ gesagt. Denn Oksana begann zu drohen. „Wenn du mir den Pass nicht gibst, geh ich zur Polizei. Na gut, dann schieben mich die ab. Was soll's. Ich muss eh in die Ukraine zurück.“

Offenbar „drehte Marko jetzt auf“. Greg hörte eine männliche Stimme aus dem Handy tönen, die Oksana mehrmals versuchte, zu unterbrechen. Dann endlich gelang es ihr. „Marko, du Mistkerl, ich bin jetzt zwei Jahre für dich anschaffen gegangen. Jetzt ist einmal Schluss. Mir reicht's! Entweder du gibst mir den Pass, oder ich schicke dir einen Bekannten, der ihn aus dir rausprügelt! Und außerdem entgehst du der Polizei nicht. Ich mache Selbstanzeige, gehe in die Ukraine zurück und du gehst nach Stein[2] . Schlepperei und Nötigung haben die da nicht so gern!“
Interessiert hörte Greg zu. „Du brauchst dir gar keine Sorgen machen.“ Oksana sprach wieder ins Telefon. „Was du in den zwei Jahren an mir verdient hast, das lass ich dir. Ich fordere nichts davon. Gib mir nur meinen Pass! Ich hab die Julia ganz gut angelernt. Die macht das Studio schon allein, oder sie nimmt sich noch eine Kollegin. Du verlierst nichts dabei!“ Offenbar hatte Oksana etwas Oberwasser gewonnen.

„Bitte so sitzen bleiben, wie vorhin“, bat Greg. Oksana hatte sich etwas unbedacht bewegt und saß jetzt etwas abgewandt von ihm.
Oksana setzte sich wider zurecht und sprach gleichzeitig ins Telefon: „Ja, bestimmt! Die Bude läuft ausgezeichnet! Du hast sicher keinen Schaden! Und denk dran: In Stein ist es sicher nicht sehr gemütlich!“
Nachdem das Telefonat jetzt offenbar ruhiger geworden war, konzentrierte sich Greg auf den Gesichtsausdruck von Oksana. Sie sah jetzt viel freundlicher drein.

„Gut. Um acht an der Station Stadion“, sagte Oksana und schaltete das Handy ab.
„Warum da unten in der Au?“, fragte Greg.
„Keine Ahnung. Der Marko treibt sich da rum um diese Zeit“, antwortete Oksana.
„Ich komme natürlich mit“, kündigte Greg an.
„Warum denn? Mit dem Marko werde ich schon fertig!“
„Ich wäre da nicht so sicher! Kann ja nicht schaden!“
„Na gut. Wenn Sie's beruhigt. Ich hole Sie um dreiviertel acht ab. Wo wohnen Sie genau?
Greg gab Oksana eine Visitenkarte mit seiner Adresse. „Ich warte vorm Haus“, sagte er und räumte sein Gemälde zur Seite. „Was bin ich schuldig?“
„Ach, kommen Sie doch da rüber zu mir“, bat Oksana und rückte ein Stück beiseite.
„In Ihrem Aufzug ist das aber nicht ungefährlich“, warnte Greg, setzte sich aber doch neben Oksana, die daraufhin eine für Greg erstaunlich angenehme Aktivität entwickelte.

Zwanzig Minuten später, als Greg sich wieder angezogen hatte, zückte er seine Brieftasche. „Das macht?“, fragte er.
„Sie fahren mit mir meinen Pass abholen, und da soll ich was verlangen?“, fragte Oksana zurück. „Kostet Sie doch nur Zeit! Ist zwar unnötig, aber Sie wollen's ja nicht anders.“
„Na, dann bedanke ich mich ganz herzlich“, sagte Greg. „Aber als Modell hätten Sie tatsächlich was verlangen können!“
„Kommt doch nicht in Frage! Dann um dreiviertel acht bei Ihnen?“
„Jawohl. Ich warte auf Sie!“
Und damit verließ Greg das „Studio“ und schlenderte fröhlich nach Hause in die Stuwerstraße. Er fühlte sich großartig!

Kurz nach halb acht stand er dann vor seinem Haus. Oksana war überpünktlich. Fünf Minuten vor dreiviertel hielt ein zweisitziger, silbergrauer Smart vor Greg und Oksana ließ das Fenster herunter. „Guten Abend! Sehr pünklich!“, sagte sie. Greg stieg auf der Beifahrerseite ein. Oksana trug wieder ihre Jeans von heute Vormittag.
„Mein Dienstwagen für Hausbesuche“, erklärte Oksana. „Gehört natürlich dem Marko. Den wird jetzt wahrscheinlich die Julia übernehmen.“ Dabei war Oksana schon los gefahren.
Sie bog rechts ab, auf der Ausstellungsstraße nach links und fuhr bis zur Engerthstraße. Diese nach Südosten bis zur Meiereistraße, bog rechts ab und fuhr unter der U-Bahnstation Stadion durch. Vor der Kreuzung mit der Prater Hauptallee stellte sie dann ihren kleinen Wagen rechts zwischen den Bäumen ab.

„Sie können ruhig da warten“, sagte sie. „Zur Liliputbahn ist es nur ein Katzensprung.“ Und damit drang sie in den dichten Wald ein.
Greg blieb im Auto und sah Oksana nach. Hier gab es keinen Weg, also ging Oksana durch's Buschwerk.
Kaum war sie Gregs Blicken entschwunden, fühlte dieser eine starke Unruhe. Was, wenn der Marko ihr gleich zu Beginn eine überzog? Greg hielt es nicht mehr in dem kleinen Smart. Er stieg aus und folgte Oksana ins Gebüsch.
Es war erst Anfang April, da ist es kurz vor acht Uhr bereits reichlich dunkel. Greg sah überhaupt nichts, von Oksana war nirgends ein Lebenszeichen zu entdecken. Greg rief nach ihr. Keine Antwort. Nur der Verkehr auf der Meiereistraße war deutlich zu hören.

Jetzt wurde Greg ziemlich nervös. In flottem Schritt drang er durch's Gebüsch etwa parallel zur Hauptallee weiter vor. Nirgends etwas von Oksana zu sehen!
Dann traf Greg plötzlich auf den Schienenstrang der Liliputbahn. Das 381 mm breite (15 Zoll) Gleis verläuft hier als einzelner Schienenstrang, da die Züge vom Wurstelpater hier, nach der Haltestelle „Stadion“ die Umkehrschleife befahren. Greg rief nochmals und glaubte, ein Geräusch in der Richtung zur Hauptallee zu hören. Folglich lief er das Gleis entlang und musste so zu der Haltestelle kommen.

Plötzlich hörte er die Geräusche eines Zuges vor sich – und seltsamerweise beunruhigte ihn das noch viel mehr! Er sprang aufs Gleis und lief dem Geräusch entgegen.
Die Zuggeräusche wurden lauter, er hörte schon deutlich das Schnaufen der kleinen Dampflokomotive. Und plötzlich lag vor ihm eine Gestalt auf den Schienen. In der Dunkelheit konnte er nicht erkennen, wer da lag, aber die Gestalt musste da weg! Wegen der Rechtskurve in der Umkehrschleife würde der Lokführer die Gestalt zu spät sehen! Und die kleine Martens'sche Liliputeinheitslok hatte immerhin über sieben Tonnen Gewicht!
Greg rannte auf dem Gleis in der Dunkelheit los. Als er näher an die liegende Gestalt kam, erkannte er Oksana. Sie lag mit dem Kopf zu ihm mit weit gespreizten Beinen genau auf dem Gleis und bewegte sich nicht.
Als Greg bei ihr ankam, bog soeben die Lok „Grete“, die rot-schwarz lackierte, die Greg heute geschweißt hatte, um die Kurve. Der recht kräftige Strahl ihres Scheinwerfers ging an der liegenden Gestalt vorüber ins Gebüsch.

Greg brüllte: „Stopp! Notbremsung!“, aber gleichzeitig machte er die letzten zwei Sprünge auf Oksana zu. Er griff nach ihren Armen und zerrte sie vom Gleis herunter. Unmittelbar darauf passierte die „Grete“ die Stelle und ihre Bremsen kreischten.

Greg kümmerte sich bereits um Oksana. Sie atmete, also brachte sie Greg in eine stabile Seitenlage. Der Zug hielt nach etwa zwanzig Metern und Josef, der alte Lokführer kam von der Lok hier her gelaufen.

„Josef! Hast die Frau net g'sehn, die auf'm Gleis g'legen is!“
„Naa! Wir fahren da net auf Sicht! Das is a vollwertige Eisenbahn“, stammelte Josef.
„Na ja, vollwertig? Es wird aber reichen, dass die ein Golasch macht aus einem, über den s' drüber fahrt!“
„Der is wahrscheinlich hin!“, bestätigte der Lokführer.
„Dann sei froh, dass i die Dame no wegg'räumt hab!“ Greg hatte bereits sein Handy in der Hand und wählte 144. „Bewusstlose Person auf den Gleisen der Liliputbahn auf der Umkehrschleife beim Stadion“, meldete er.
Der Disponent von der Wiener Berufsrettung erkundigte sich: „Wie ist der Herzschlag? Atmung? Gefahr durch einen Zug?“
„Zug ist schon angehalten. Atmung recht flach, Herz anscheinend in Ordnung. Aber holen Sie die Dame trotzdem möglichst bald!“

„In fünf Minuten sind wir da!“, versprach der Mann. Greg gab Oksana ganz sanfte Ohrfeigen und langsam schien sie zu sich zu kommen. „Marko“, sagte sie leise. „Das Schwein hat mir ein Tuch auf Mund und Nase gedrückt.“
„Und dann auf die Schienen gelegt! Und die Lok hat über sieben Tonnen! Ich wette, Ihr Freund weiß das! Und Ihr Pass?“
„Hat Marko.“
„Klar! Jetzt zeigen Sie ihn aber an, oder?“
„Ganz bestimmt!“
„Das war eindeutig ein Mordversuch“, sagte Greg. „Der Kuhfänger der Lok hätte Sie genau zwischen den Beinen getroffen!“ Und dann wandte er sich an Josef: „Du kannst jetzt weiter, sonst werden die Passagiere ungeduldig. Aber sag der Polizei alles, was passiert is! Die werden sich bestimmt bei dir melden!“
„Is in Ordnung“, meinte Josef. „Also fahr i weiter. Danke, Greg!“ Und dann bestieg er wieder die Lok und dampfte davon in Richtung Wurstelprater.
Der Krankenwagen brachte Oksana in die Rudolfsstiftung, wo sie zur Beobachtung über Nacht blieb, aber schon am nächsten Morgen entlassen wurde. Und im Krankenhaus besuchte ein Polizist die Patientin – und dem erzählte Oksana ganz detailliert, was passiert war.

Mittlerweile sind einige Monate vergangen, Marko sitzt tatsächlich in Krems – Stein ein und Greg wird demnächst via Kiew nach Kertsch fliegen, wo ihm Oksana im Hotel Sewastopol ein Zimmer reserviert hat. Er freut sich schon auf einen entspannenden Urlaub am Schwarzen Meer.
Und Oksanas Aktbild steht immer noch neben dem Automaten in Joe Pokornys Spielhalle und hat das primitive Gerät zu einer wahren Attraktion gemacht!

Anmerkungen

[1] Prostituiertenausweis
[2] Stein an der Donau, Stadtteil von Krems mit Hochsicherheitsgefängnis

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