KunstGeschichten

KunstGeschichte: Nächtliche Odyssee

Wie einst der große Grieche auf dem Heimweg von Troja, so irrt Bastian Kopetzky nach getaner Arbeit umher – und auch auf ihn lauern Gefahren, die zu meistern ihm alles abverlangt. Lesen Sie in der neuen KunstGeschichte von Erich Wurth von Orakeln, schwarzen Katzen und der Kraft des Bildes.

Bastian Kopetzky war ein Opfer seines Vornamens.
In unserer Gesellschaft ist immer wieder das Phänomen zu beobachten, dass bestimmte Vornamen plötzlich geradezu erstaunlich modern werden. War es in den späten siebziger und frühen achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts plötzlich „in“, seinen Sohn Markus zu nennen, so kam, nachdem der amerikanische Film „Kevin allein zu Haus“ im Fernsehen gelaufen war, der Name Kevin in Mode. Und zwar so sehr, dass einige Jahre lang gleich vier bis fünf Buben aus der Sandkiste gekrabbelt kamen, wenn auf dem Spielplatz eine Mutter „Kevin!“ rief.
Auch „Die unendliche Geschichte“ von Michael Ende entging natürlich der Verfilmung ebenso wenig, wie deren Ausstrahlung im Fernsehen, was eine Flut von Bastians zur Folge hatte.
Meistens sind es Eltern aus weniger gebildeten Kreisen, die ihre Sprösslinge nach Figuren aus Fernsehfilmen benennen. Dabei denken sie offenbar nicht besonders viel darüber nach, was der Vorname im Leben des Kindes noch alles bewirken kann.

Bastian Kopetzky war eines jener Kinder, denen der Vorname kein Glück brachte. Bastian wird im süddeutschen (und damit auch Wiener) Dialekt gemäß der Lautverschiebung (von B zu W) zur Kurzform Wastl, so wie die Barbara zur Wetti wird. Und dann gibt es im Wiener Dialekt die Redensart „Hängt er schon, der Wastl.“, wenn man ausdrücken möchte, dass jemanden eine verdiente Strafe ereilt hat.
Wastl Kopetzky war demnach schon in der Grundschule der, der immer „hängen“ musste. Ihm konnte man jede Missetat in die Schuhe schieben und wenn ihn dann die ungerechte Strafe ereilte, johlten seine Mitschüler schadenfroh: „Hängt er scho, der Wastl!“

Bastian war kein Kämpfertyp. Relativ früh resignierte er und nahm Ungerechtigkeiten gleichmütig hin. Allerdings beanspruchte er von der Allgemeinheit ebenfalls die Bereitschaft, Ungerechtigkeiten zu akzeptieren. Zu dieser Art von Unrecht, die er anderen zumutete, zählte vor allem der Entzug von Besitz und Eigentum. Ganz folgerichtig war Bastian deshalb professioneller Einbrecher geworden.
Um seine eigentliche Profession zu tarnen, hatte er eine Schlosserlehre absolviert und arbeitete zeitweise auf diversen Baustellen. Er war bereit, zu einem sehr niedrigen Lohn zu arbeiten (der Neben-, oder besser: Hauptverdienst brachte ohnehin genug Geld) und die Baumeister stellten ihn immer wieder gerne ein. Zwischen seinen Engagements im Baugewerbe kassierte er immer ein paar Wochen oder Monate lang Arbeitslosenunterstützung und konzentrierte sich auf die Einbruchstätigkeit. Im allgemeinen führte Bastian also ein ganz angenehmes, wenn auch manchmal nervenaufreibendes Leben.
Er bewohnte eine kleine Zweizimmerwohnung in einer großen Wohnhausanlage im zweiundzwanzigsten Wiener Gemeindebezirk, Stiege Nummer 27, Wohnung 9. Um keinen Preis hätte Bastian diese Wohnung aufgegeben, denn 9 war seine Glückszahl und die hatte er gleich doppelt! Denn drei mal neun ist siebenundzwanzig – die Nummer seiner Stiege.

Bastian war äußerst abergläubisch! Er schwor auf die Macht der Sterne und befolgte gewissenhaft seine Horoskope in der Tageszeitung. Nicht erst einmal hatte er seinen Job als Bauschlosser verloren, weil das Horoskop ihm riet, körperliche Tätigkeiten an diesem Tag zu vermeiden und Bastian einfach nicht zur Arbeit erschienen war.
Was seine Einbrüche anbelangte, hielt sich Bastian ebenfalls streng an Prinzipien: Kein Einbruch, wenn das Horoskop ungünstig war, und außerdem hatte er sein „Revier“ am anderen Ende der Stadt, möglichst weit von seinem Wohnort entfernt, um sich auf der Fahrt ins Einsatzgebiet noch auf die bevorstehende Tätigkeit „einstimmen“ zu können. Darüber hinaus war sein „Revier“ auch aus kommerziellem Gesichtspunkt gut gewählt. Er konzentrierte sich ausschließlich auf den dreiundzwanzigsten Bezirk und die angrenzenden Gemeinden, die politisch bereits zu Niederösterreich gehören, mit Wien aber eine geografische und wirtschaftliche Einheit bilden: Perchtoldsdorf, Brunn am Gebirge, Maria Enzersdorf und Mödling. In diesem Gebiet, das mit Wien ohne sichtbare Abgrenzung seit langem zusammengewachsen ist, gibt es einen hohen Anteil an Eigenheimen, das Einkommen der Bevölkerung ist relativ hoch und damit auch die Wahrscheinlichkeit guter Beute.
Vom 22. in den 23. Bezirk sind es auf der berüchtigten „Südosttangente“, einer der meist befahrenen Stadtautobahnen Europas, gut zwanzig Kilometer und Bastian schätzte insgeheim auch den relativ großen Abstand zwischen seiner Behausung und seinem „Arbeitsplatz“ als eine Art zusätzlicher Absicherung. Rationell begründen konnte er dieses merkwürdige Gefühl der Sicherheit natürlich nicht.

Es war ein regnerischer, windiger Abend im Oktober, als Bastian seinen dunklen VW gegen Mitternacht auf der nun fast leeren Südosttangente in sein Einsatzgebiet lenkte. Nach dem Laaerbergtunnel war die mittlere Fahrspur wegen Belagsarbeiten gesperrt und tagsüber hatte sich an dieser Stelle ein kilometerlanger Stau gebildet. Jetzt kam Bastian zügig an der Baustelle vorbei.
Er hatte das Radio voll aufgedreht und aus den extra großen Lautsprecherboxen hämmerte die Diskomusik derart laut, dass das Dach seines VW davonzufliegen drohte und der Lärm sogar von den Fahrern entgegenkommender Fahrzeuge auf der anderen Richtungsfahrbahn gehört werden konnte. Das war Bastians Einstimmung auf den bevorstehenden „Bruch“.
In der so genannten „Peer Albin Hansen Kurve“ glaubte Bastian plötzlich, einen dunklen Schatten über die gut beleuchtete Fahrbahn huschen zu sehen.
Ein Tier auf der Südosttangente? Die Straße war derart dicht befahren, dass sich auch nachts üblicherweise sämtliche Viecher von der Autobahn fern hielten. Bastian beschlich ein mulmiges Gefühl. Wenn es nun eine schwarze Katze gewesen war?
Bastian Kopetzky stellte sogar das Radio leiser, um besser nachdenken zu können. Sollte er den geplanten Bruch verschieben? Allerdings hatte er das Viech ja gar nicht richtig gesehen, es hätte auch etwas anderes sein können. Und wenn es sich wirklich um eine Katze handelte, war es tatsächlich eine schwarze gewesen?

Bei der Anschlussstelle „Mödling – SCS“ verließ Bastian die Autobahn und fuhr auf den nun leeren, gigantischen Parkplatz der Shopping City Süd, eines der größten Einkaufszentren Europas. Dort stellte er den Motor ab, schaltete die Innenbeleuchtung seines Wagens ein und befragte sein Orakel, eine 1-Euro-Münze aus Griechenland (irgendwann einmal hatte er in der Schule vom Delphischen Orakel gehört). Die Eins auf der Vorderseite bedeutete „ja“ und die Eule auf der Rückseite „nein“. Die Frage, die er dem Orakel stellte, lautete: Soll ich den Bruch wie geplant durchführen? Dann warf er die Münze und fing sie wieder auf.
Das Orakel sagte: ja.
Bastian atmete tief durch und startete den Motor wieder. Um nach Maria Enzersdorf zu kommen, musste er die gut zwei Kilometer um das riesige Gebäude des Einkaufszentrums herum fahren und auf dieser Fahrt beruhigte er sich wieder einigermaßen. Ohne Zwischenfälle gelangte er in die Südstadt.
Dieser Teil von Maria Enzersdorf, in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts als Gartenstadt konzipiert und ein Vorbild für ähnliche Wohnanlagen in Europa, besteht aus einer Mischung von Wohnblocks und Bungalows in einer ansprechenden Parklandschaft. Der Durchzugsverkehr ist unterbunden und die ganze Anlage bietet vorzügliche Lebensqualität. Für Bastian waren besonders die Bungalows ein reizvolles Betätigungsfeld, da die kleinen dazugehörigen Gärten durch Mauern von den öffentlichen Flächen getrennt und damit von außen nicht einsehbar sind.

Für diese Nacht hatte Bastian ein Objekt nahe der Ottensteinstraße ausgewählt und es war etwa halb ein Uhr, als er sich mit einem Satz Schraubenzieher und der „Gaßhaxen“[1] bewaffnet über die Mauer schwang.
Im Garten des Bungalows war es stockdunkel. Bastian ließ sich vorsichtig von der Mauer herab – und warf eine blecherne Gießkanne um, die mit Geschepper auf die Waschbetonplatten eines Weges fiel.
Zwei Sekunden später war Bastian wieder auf der Mauer oben und im Rückzug begriffen. Nur nichts riskieren! Es war also doch eine schwarze Katze gewesen auf der Autobahn!
In der Ottensteinstraße stieg er in seinen VW und rauchte erst einmal eine Zigarette. Nachdem das Euro-Orakel ja grünes Licht gegeben hatte, war damit wohl das Missgeschick für diese Nacht ausgestanden und beim nächsten Objekt würde es keine Schwierigkeiten mehr geben.

So war es auch. Das Einfamilienhaus in Mödling, zwischen Krankenhaus und Schönbergpark gelegen, war verlassen, unter dem Flugdach des Abstellplatzes stand nur eines der beiden Autos und Bastian gelangte über die Terrasse problemlos ins Haus. Das tagelange Auskundschaften der Liegenschaft hatte sich bezahlt gemacht. Die Terrassentür hebelte er mit seinem Brecheisen einfach aus, ohne das Glas zu beschädigen.
Einen Safe gab es nicht, aber der Schreibtisch im Arbeitszimmer war versperrt und aus sehr massivem Holz. Bastian brauchte etwa eine Minute, um beinahe geräuschlos den rechten Seitenteil des Schreibtisches zu öffnen.
Schmuck gab es da und eine offenbar teure Digitalkamera, außerdem eine kleine, bunte Pappschachtel, in der ein Lottoschein und einige Banknoten lagen. Und ein kleines, etwa 60 mal 50 Zentimeter großes Gemälde befand sich hier.
Bastian nahm alles mit. Keine drei Minuten war er in dem Haus gewesen, als er über die Terrasse und den Gartenzaun wieder zu seinem Auto gelangte.

In Mödling gilt generell in allen Straßen Tempo vierzig und langsam, um nicht von einer eventuellen Polizeistreife angehalten zu werden, fuhr Bastian zunächst einmal zum Bahnhof, um auf dem hell erleuchteten Bahnhofsvorplatz seinen „Murrer“[2] in Augenschein zu nehmen.
Der Schmuck war von eher durchschnittlichem Wert. Die Banknoten machten gerade einmal 180 Euro aus, die Kamera war zwar ein teures Gerät, wies aber schon Gebrauchsspuren auf. Und das Gemälde war eines von diesen modernen Dingern, auf denen man nichts erkennen kann. Wenn es aber beim Schmuck aufbewahrt worden war, musste es wohl von einigem Wert sein. Bastian betrachtete es genau, drehte es um – und erstarrte vor Schreck!
Auf der Rückseite des Rahmens klebte ein Etikett, auf dem nur drei Ziffern standen: 666.
Um Himmels Willen! Sechshundertsechsundsechzig! Die Zahl des Antichristen! Die verfluchte, Unheil bringende, teuflische Zahl!
Bastian Kopetzky war nicht sehr belesen. Eigentlich las er – außer dem Sportteil der Tageszeitung und dem Horoskop – fast nie. In seinem ganzen Leben hatte er maximal drei Bücher konsumiert – und diese hatten ausschließlich die Themen Astrologie, Vorzeichen und Zahlenmagie behandelt. Mit Bastians Bildung war es zwar nicht weit her, aber dass 666 die schrecklichste, die fürchterlichste Zahl von allen war, das wusste er!

Ein Grauen beschlich ihn, als er das Bild nochmals umdrehte. Klar! Jetzt erkannte er, was es darstellte: Gelbe Flammen, grünen Rauch, violette Glut und dazwischen schienen ihm die verschwommenen Konturen eines teuflischen Gesichts hervorzutreten! Das Gemälde war ein Abbild der Hölle!
Weg damit!
Aus der Hölle stammte das Bild, zur Hölle sollte es gehen! Am besten mit Hilfe von Feuer!
Bastian zog sein Feuerzeug hervor, öffnete die Autotür und versuchte, das Bild ins Freie haltend, es anzuzünden. Doch der heftige Oktoberwind blies sein Feuerzeug immer wieder aus.
So ging es nicht. Er brauchte einen Zündstoff, der das Bild entflammen würde.
Panisch sah sich Bastian im Auto um. Nichts. Doch! Der Stadtplan und die Kurzparkscheine waren aus Papier, das würde brennen.
Bastian entfaltete den Stadtplan, knüllte ihn und die Parkscheine locker zu einer großen Papierkugel zusammen, legte diese neben seinen VW auf den Gehsteig und als der Wind ein wenig nachließ, gelang es ihm, das Papier zu entzünden.

Als er das Bild auf die brennende Papierkugel legen wollte, frischte der Wind plötzlich auf und blies das brennende Papier unter seinem Auto durch, quer über den Bahnhofsplatz und auf den Eingang des Bahnhofsgebäudes zu.
„He! Alter! Bist jetzt erst deppert word’n oder warst scho immer so?“
Die Aussprache des Mannes, der eben aus dem Bahnhof heraustrat, verriet, dass sein Blutalkoholspiegel höher als 2 Promille sein musste. Und wenn es seine Stimme nicht verraten hätte, dann sein Gang. Der Mann hatte die „waglerten Schuach“[3] an. Seine Entrüstung war ja verständlich, angesichts der Tatsache, dass eine brennende Papierkugel auf ihn zugerollt kam, deren Flammen der starke Wind hell anfachte.
Das plötzliche Auftauchen des Besoffenen, der offenbar den letzten Schnellbahnzug nach Wien verpasst hatte, versetzte Bastian den nächsten Schock. Er warf das Bild auf den Rücksitz seines Wagens, sprang hinters Lenkrad und flüchtete. Über die Bahnbrücke und die Wiener Straße fuhr er – wesentlich schneller als ratsam – in Richtung Osten.

Es war ihm, als säße der Teufel persönlich hinter ihm auf dem Rücksitz. Mit einer Gänsehaut im Nacken kam er zur Kreuzung mit der Triester Bundesstraße und bog, einer Eingebung folgend, nach Süden ab. Wenn Feuer nichts ausgerichtet hatte, dann eben Wasser!
Mit Fernlicht fuhr er die ausgestorbene B 17 entlang, vorbei am Industriezentrum Niederösterreich Süd ins unbebaute Land. Hier erst endet das Stadtgebiet von Wien tatsächlich.
Bei Neu-Guntramsdorf bog er nach links ab und stoppte seinen Wagen am Ufer des Ozeanteichs neben der Trasse der Badner Bahn.
Das Gebiet hier, unmittelbar östlich der letzten Ausläufer des Wienerwaldes, war zu Ende des neunzehnten Jahrhunderts reich an Ziegeleien. Diesen Baustoffbetrieben verdankt auch die Lokalbahn Wien-Baden ihre Existenz. Zum Abtransport der Ziegel gebaut, verband sie schließlich die Straßenbahnbetriebe von Wien und Baden mit einer etwa 20 km langen Überlandstrecke und ist noch heute in Betrieb.
Die mit Grundwasser voll gelaufenen Ziegelgruben sind heute ein beliebter Erholungsraum für die Bevölkerung und um den Ziegelteich bei Neu-Guntramsdorf entwickelte sich sogar so etwas wie ein Strandleben mit Erfrischungskiosken, Liegewiesen und Badestegen.

Bastian holte das teuflische Bild vom Rücksitz seines Wagens und ging zum Wasser hinunter. Er wollte es möglichst weit hinaus auf die Wasserfläche des Teiches werfen, der immerhin einige Meter tief ist. Es war stockfinster hier am Wasser.
Plötzlich stand der Teufel vor Bastian. Eine schwarze Gestalt, weiße Augen, zwei Reihen weißer Zähne, mehr konnte Bastian nicht erkennen. Vor Schreck war er nicht einmal in der Lage zu schreien.
„Please Sir, cigarette?“, sagte der Teufel.
Bastian fischte mit schwerfälligen Bewegungen ein zerknittertes Päckchen Zigaretten aus dem Hosensack und hielt sie dem Teufel hin. Dieser nahm das Päckchen, zog eine Zigarette heraus und gab Bastian die Schachtel zurück.
„Thanks a lot, Sir!“
Verwirrt ging Bastian mit sehr unsicheren Schritten zu seinem VW zurück und der Schwarzafrikaner folgte ihm langsam. Auf einer hölzernen Bank in der Nähe von Bastians Auto setzte sich der Farbige hin und versuchte im Windschatten seines vors Gesicht gezogenen dunklen Mantels, die Zigarette anzuzünden, was ihm erst nach einigen vergeblichen Versuchen gelang.

Der Mann, ein illegaler Einwanderer, der aus Uganda stammte, war im Auffanglager Traiskirchen untergebracht. Da die Lokalbahn Wien-Baden unmittelbar vor dem Lager hält, wird diese Linie von den Insassen des Lagers, die auf die Erledigung ihrer Asylanträge warten, viel benutzt. Umso weniger dafür – besonders nachts – von den Einheimischen. Den Afrikanern aus Traiskirchen wird vorgeworfen, mit Drogen zu handeln (was auch sicher einige tatsächlich tun) und Dealern geht man am besten aus dem Weg.
Jedenfalls war Bastian das höllische Bild wieder nicht losgeworden. Es vor den Augen des Afrikaners in den Teich zu schmeißen, brachte er nicht über sich.
Diesmal legte er es auf den Beifahrersitz. Den Teufel hinter sich, im Rücken, zu haben, war Bastian denn doch zu unheimlich.

Auf der B 17 ging es wieder zurück ins Stadtgebiet. In Wiener Neudorf hatte Bastian eine Idee, wie er das Bild loswerden könnte und er bog nochmals nach Maria Enzersdorf ab.
Das Missionshaus Sankt Gabriel ist sowohl Kloster als auch Hochschule (Theologische Fakultät) und Sitz der „Sängerknaben vom Wienerwald“. Die Geistlichen dort müssten doch Erfahrung im Umgang mit dem Teufel haben!
Bastian stellte den Wagen vor der Buchhandlung neben der neugotischen Klosterkirche ab und lehnte das teuflische Bild an die Wand der Kirche neben dem Haupteingang. Dann stieg er wieder in seinen Wagen und fuhr langsam durch die kurze, verkehrsberuhigte Gasse in Richtung Brunn am Gebirge.
An der Einmündung in die Gabrieler Straße sah er zufällig in den Rückspiegel. Von dem Bild war nichts zu sehen, da war das niedrige Gebäude der Buchhandlung davor, aber Bastian glaubte, ein schwaches Leuchten vom Kirchenportal her zu erkennen.
Beunruhigt bog er in der Gabrieler Straße nach links ab, drehte eine Runde und fuhr nochmals am Kirchenportal vorüber. Plötzlich war ihm, als wäre ein Blitz vom Bild weg gezuckt. In seine Richtung!
Wieder einmal stieg das kalte Grauen in Bastian hoch. Das Bild protestierte offenbar gegen die Platzierung an der Wand eines geweihten Gebäudes! Der Blitz konnte nur eine Drohung sein!
Nein! Dort konnte das Gemälde nicht bleiben. Hastig schob Bastian im Retourgang zurück und holte das Bild wieder in den Wagen. Als es auf dem Beifahrersitz lag, war es Bastian, als hätten sich die Farben verändert. Die Flammen waren jetzt rot, die Glut gelb und das Teufelsgesicht sah nun auch anders aus – noch furchtbarer!
Bastian Kopetzky war am Rand der Verzweiflung. Dass es so schwierig werden könnte, das diabolische Bild loszuwerden, hätte er nie gedacht.

Wie in Trance fuhr Bastian durch die menschenleeren Straßen durch Brunn am Gebirge nach Perchtoldsdorf.
Obwohl Bastian keinerlei Sinn für Architektur hatte, gefiel ihm der Marktplatz mit seiner mächtigen gotischen Kirche und dem freistehenden Wehrturm immer wieder, wenn er hier her kam. Heute flößte ihm der klobige Turm Angst ein.
Er hielt den Wagen an der Auffahrt zur Herzogsburg an und versuchte, vernünftig zu überlegen. Das verdammte Bild musste weg! Aber wohin? An der Kirchenmauer hatte das Gemälde protestiert, war ein Friedhof als Depot für das Teufelszeug vielleicht besser? Oder ein Platz, wo sich Furchtbares zugetragen hatte?
Bastian Kopetzky hatte nie davon gehört, dass gerade an der Stelle, an der er jetzt in seinem VW saß und krampfhaft nach einem Ausweg aus seiner tödlichen Situation suchte, vor langer Zeit ein grausames Massaker stattgefunden hatte. Am 16. Juli 1683 hatten sich ein paar tausend Perchtoldsdorfer vor einer heranrückenden türkischen Truppe in der Kirche verschanzt. Der türkische Kommandant bot gegen Zahlung eines Lösegeldes von viertausend Gulden die Verschonung der Stadt an und wegen der Aussichtslosigkeit der Situation ging der Bürgermeister auf die Forderung ein. Als die junge Tochter des Bürgermeisters den Stadtschlüssel symbolisch an den türkischen Kommandanten übergab, schlug dieser ihr den Kopf ab. Das war das Zeichen für die die türkischen Soldaten die Perchtoldsdorfer allesamt zu erschlagen. Lediglich zwei konnten flüchten.
Wenn es also ein Werk des Teufels war, das Bastian da neben sich auf dem Sitz liegen hatte, dann hätte es sich gerade da recht wohl fühlen müssen. Aber da Bastian vom Perchtoldsdorfer Massaker nichts wusste, fiel ihm nur die hinter der Kirche liegende Burg ein. Dort musste doch irgendwann einmal gekämpft worden sein! Dort passte das Bild hin!

Mittlerweile war es schon nach vier Uhr und in manchen Häusern flammten die ersten Lichter auf.
Bastian nahm das Gemälde, schloss sein Auto ab und stieg die Straße zur Burg hinauf. Er überquerte den Parkplatz vor dem Burghof und drang in das Dunkel zwischen den alten Befestigungsmauern ein.
Plötzlich stolperte er. Gleichzeitig hörte er ein Schnaufen und Husten und außerdem nahm er einen penetranten, strengen Geruch wahr.
„Tschuidigen[4], Herr Cheef“ tönte es aus der Dunkelheit. Bastian zog sein Feuerzeug hervor und ließ es aufflammen. Hier, zwischen den Burgmauern, war der Wind nicht so zu spüren, die Flamme flackerte zwar, aber ging nicht aus.
Vor Bastian lag eine dunkle Gestalt unter einem Busch. Über die Beine dieser Gestalt, die sich soeben langsam aufrichtete, war er gestolpert.
„Warm is net heut, Herr Cheef. Da könnt ma a Klanigkeit zum Aufwärmen brauchen. A Schnapserl oder so was. Hams so was da, Cheef?“
Der Sandler[5] stank bestialisch. Bastian wollte sich soeben zurückziehen, da fiel ihm die Lösung seines Problems ein!
„Schnaps hab i net.“, sagte er. „Aber des da kannst haben!“. Damit reichte er ihm das teuflische, Unheil bringende Bild. Bei dem stinkenden, besoffenen Subjekt musste sich ein Gemälde aus der Hölle schließlich wohl fühlen!
Der Sandler, der nun aufrecht stand, nahm das Bild und wankte damit zwei, drei Schritte bis in den Schein der Straßenbeleuchtung. Dort erst sah er das Gemälde an.
„Willst mi roll’n[6]?“, fragte er wütend. „Was is’n des für a Scheiß? Für des gibt mir ka Wirt was, des kannst Dir in Arsch schieb’n! Wachs uma[7] mit a paar Netsch[8], oder geh zum Teixel[9]!“
Die Erwähnung des Teufels veranlasste Bastian, das Bild wieder an sich zu nehmen und dem Unterstandslosen einen Zehneuroschein, der sich noch aus der Beute des unseligen, letzten Einbruchs in seiner Hosentasche fand, zu überreichen.
„Uiii! Danke, Verehrung der Herr! Herr Doktor, danke vielmals! Des gibt ja an Muglrausch!“ Bastian ließ den entzückten Sandler möglichst schnell hinter sich und eilte zurück zu seinem Auto.

Schwer atmend saß er wieder hinter dem Lenkrad und überlegte, als der stinkende Sandler schwankend die Gasse von der Burg herunterkam, offenbar auf der Suche nach einer Bezugsquelle für Alkohol. Zum Teufel, der ihn ohnehin schon fast sicher in seinen Fängen hielt, hatte ihn dieses erbärmliche Subjekt gewünscht! Bastian graute vor dem Mann, er startete den Motor und setzte seine nächtliche Odyssee fort.

In seinem seelischen Ausnahmezustand ignorierte er das Abbiegegebot in die Wiener Gasse und fuhr ein kurzes Stück gegen die Einbahn in die Hochstraße, was er normalerweise nie gewagt hätte. Um diese Zeit allerdings fiel das niemandem auf und dann war er – in korrekter Richtung – in der von (nun natürlich geschlossenen) Heurigenlokalen gesäumten Hochstraße in flottem Tempo unterwegs nach Rodaun. Nachdem er das Gleis der Kaltenleutgebener Bahn und die Wiener Stadtgrenze überquert hatte, bog er in die Ketzergasse ab und fuhr in Richtung Liesinger Platz. Ein Straßenbahnzug der Linie 60 kam ihm entgegen und erinnerte ihn daran, dass die Stadt wieder zum Leben erwachte. Er musste sich beeilen.

Am Aquädukt hielt Bastian wieder.
Das Tal der Liesing wird an dieser Stelle von der 1873 eröffneten Ersten Wiener Hochquellenleitung überquert, die das saubere, vom Kalkstein des Schneeberges und der Rax filtrierte, aus den hoch gelegenen Quellen im Höllental stammende Wasser durch ein etwa hundert Kilometer langes Rohr nach Wien leitet. Der Bauunternehmer Antonio Gabrielli hatte die Wasserleitung damals nicht nur in Rekordzeit fertig gestellt, sondern die nötigen Talübergänge sogar im Stil Römischer Aquädukte gestaltet und noch heute profitiert Wien durch die revolutionäre Initiative des damaligen Wiener Bürgermeisters, Eduard Sueß, von einer ausgezeichneten Trinkwasserqualität.
Bastian hatte es satt! Stundenlang hatte er sich nun in Angst befunden. Die Sache musste ein Ende haben.
Er stieg aus, lehnte das Bild an den Ziegelpfeiler des Aquädukts und wollte nun nichts weiter mehr, als nach Hause.

Als er wieder in seinen VW stieg, hielt neben ihm der LKW einer Molkerei, der unterwegs war, um die Supermärkte mit frischer Milch zu beliefern, und hinderte ihn am Wegfahren. Der Fahrer des Lasters stieg aus, kam zu Bastians Auto und klopfte an das Seitenfenster.
Bastians Herz befand sich schon wieder einmal in seiner Hose, als er die Scheibe herunter kurbelte.
„Dein Mist nimm schee brav wieder mit, Du Rotzlöffel! Glaubst, dein’ Dreck kannst einfach hinschmeißen, wo’s dir grad passt?“, schnauzte ihn der Mann an.
Bastian zuckte nur eingeschüchtert die Schultern, da öffnete der umweltbewusste LKW Fahrer die Tür von Bastians VW und versuchte, ihn aus dem Wagen zu ziehen. „Hopp, hopp, einsammeln und Abmarsch!“, kommandierte er.
Bastian stieg aus und holte das Bild wieder ins Auto. „Der glaubt, Mistkübeln san no net erfunden“, brummte der Molkereifahrer, stieg wieder in seinen LKW und fuhr los.
Entschlossen startete Bastian den Motor. Schluss! Aus! Ende! Er würde sich von dem teuflischen Gemälde nicht länger frotzeln lassen! Er würde es dorthin zurück bringen, wo er es her hatte! Noch war es Nacht und es würde um diese Jahreszeit lang genug Dunkel bleiben, um das Bild wieder in dem Haus in Mödling zu deponieren.
Plötzlich hatte es Bastian eilig. Zügig ging es über Brunn am Gebirge zurück nach Mödling. Der Frühverkehr setzte langsam ein, trotzdem kam er gut voran. Noch vor 5 Uhr war Bastian wieder vor dem Einfamilienhaus, in das er heute schon einmal eingebrochen war.
Alles war ruhig in dieser Villengegend. Hier wohnte eben ein „besseres Publikum“, das nicht bereits um diese unmenschlich frühe Stunde aufstehen musste.

Bastian überkletterte den Gartenzaun. Immer noch stand nur ein Auto auf dem Grundstück, das Haus war dunkel. Aber als Bastian durch die Terrassentür erneut eindringen wollte, stellte er mit Schrecken fest, dass die Tür, die er nur angelehnt hatte, fest verriegelt war. Sein „Bruch“ musste bereits entdeckt worden sein!
Bastian hütete sich, die Tür nochmals aufzubrechen. Er lehnte das Bild an die unversehrte Glasscheibe der Tür und machte, dass er weg kam.
Er kam nur ein paar Meter weit.
„Guten Morgen! Is aber nett, dass das Bild zurückbringen“, tönte eine tiefe, männliche Stimme von oben. Bastian stand völlig verdattert im Garten, dann drehte er sich um und sah nach dem Haus.
Ein etwa fünfundsechzigjähriger Mann im Schlafanzug sah aus einem Fenster des Obergeschosses.
„Aber die andern Sachen will i aa zrück! Den Schmuck von meiner Frau und die Kamera! Warum eigentlich bringen S’ des Bild z’rück? G’fallts Ihnen net?“
Bastian brach seelisch zusammen. All die Nervenanspannung dieser Nacht löste sich plötzlich und ihm war auf einmal alles, wirklich alles, völlig egal.
„Das is was Teuflisches“, sagte er zähneknirschend. „Auf der Rückseiten is die Zahl sechshundertsechsundsechzig, die Teufelszahl! Und vorn sind Flammen und Glut und Höllenfeuer und a Teufelsfratzen! Das Bildl is verflucht und bringt nur Unglück!“
Der Mann am Fenster lachte. „Sechshundertsechsundsechzig war die laufende Inventarnummer von der Galerie, wo i ’s herhab. Und Höllenfeuer is des aa net. Des Bild heißt ‚Erzengel Gabriel’, weil angeblich im Talmud steht, der Gabriel besteht nur aus Feuer. Wissen S’, g’malt hat des a jüdische Künstlerin. Und wenn man einbrechen geht, sollt’ man net so ängstlich und abergläubisch sein!“
Bastian kam nicht ganz mit. „Des Bild bringt Unglück!“, beharrte er.
„Ihnen schon“, gab der Mann zu. „Tut mir Leid, dass eing’fahrn[10] san bei dem Einbruch. I hab Sie eh schon a paar Mal da g’sehn, wie S’ die Hütten beobachtet hab’n und deshalb hab i mir die Autonummer notiert. Ham S’ glaubt, wir san net da, was? Weil nur a Auto da steht. Dabei is nur mei’ Frau zu ihrer Schwester g’fahrn für a paar Tag.“
Durch das Gebüsch am Gartenzaun war das Blinken eines Blaulichts zu sehen.
„Ah, die san schon da! Flott, die Burschen. Anscheinend nix los heut bei denen“, sagte der Mann am Fenster, „Warten S’ an Moment. I muss nur schnell aufmachen.“
„Bleiben S’ nur.“, sagte Bastian. „Wenn die Gartentür net zug’sperrt is, kann i ja die Kieberer[11] reinlassen.“
„Des wär’ nett. Die Tür hat a Schnappschloss. Nur die Klinken drucken.“
„Mach i“, bestätigte Bastian.
Dann ging er die Gartentür öffnen.

Anmerkungen:
[1] Brecheisen
[2] rotwelsch: Beute
[3] „wackligen Schuhe“
[4] Entschuldigung
[5] Unterstandsloser
[6] rollen – etwa: zum Besten halten
[7] „mit etwas herüber wachsen“ – etwas übergeben
[8] Münzen oder kleinere Geldscheine
[9] Teufel
[10] reingefallen
[11] Polizeibeamten

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