KunstGeschichten

KunstGeschichte: Norberts Trophäensammlung

Schon immer hielten Künstler sich gerne Frauen als persönliche Musen. Norbert Pillauer ist ein Zeichner, der diese Institution nur allzu gerne ausnutzt. Bis eine seiner Musen sich zur Furie mausert. Eine KunstGeschichte von Erich Wurth.

"Wenn i net mein' Matthias hätt, der Pillauer wär' scho' ganz mei' Blutgruppen“, gestand die junge Melanie aus der Versandabteilung ganz im Vertrauen der Veronika Lechner. Die beiden standen im Schatten neben dem Haupteingang und rauchten. Im gesamten Gebäude galt schließlich Rauchverbot.
Veronika, eine schlecht bezahlte Teilzeitkraft im Bereich Verpackung, war zwar neidisch auf Melanie, benutze die Gelegenheit aber, mehr über den jungen Zeichner zu erfahren, der ihr natürlich auch schon lange aufgefallen war.
„Hast mit ihm...?“
Melanie nickte. „War ein Hammer! Du, der hat a ganz tolle, moderne Wohnung drüben in Kaisermühlen. Im vierundzwanzigsten Stock! Aber da is' ja noch der Matthias...“
„Glaubst, i könnt' bei dem was erreichen, dem Pillauer?“
Melanie musterte die Veronika kritisch und nickte dann.“Lass di' von ihm einladen zur Copa Kagrana. Dann zeigt er dir sicher sei' Wohnung.“
Die Zigarette war aufgeraucht.
„Dank' schön, Melanie.“

Und auf ihrem Weg zurück an ihren Arbeitsplatz überlegte Veronika, was sie denn tun könnte, um den Pillauer ein bisserl fester in die Krallen zu kriegen. Die Einladung würde sie schon irgendwie bewerkstelligen, aber es war gut, sich Gedanken zu machen, wie sie den jungen Mann gleich nach dem ersten Mal fester an sich binden könnte.
Sie hatte eben begonnen, wieder zu arbeiten, da fiel ihr etwas ein...

Es war verständlich, dass sich Veronika Gedanken machte. Denn Norbert Pillauer war in jeder Hinsicht ein bemerkenswerter Bursche.
Nicht nur, dass er für sein Alter von sechsundzwanzig einen sehr reifen und klugen Eindruck machte, verfügte er auch über jenes Benehmen, dass junge Männer für Frauen attraktiv macht, ohne dass sie hätten sagen können, was denn der Grund für dieses Empfinden gewesen wäre. Außerdem sah Norbert einfach gut aus. Sein bartloses Gesicht hatte jenen leicht humorvollen Ausdruck, der auch unregelmäßige Gesichtszüge sympathisch erscheinen lässt.

Grundsätzlich trug er ein modisches Sakko und einen weißen Rollkragenpullover und grundsätzlich vermied er Krawatten. Aber Norbert hinterließ auch ohne Krawatte den Eindruck, korrekt gekleidet zu sein – was die positiven Gefühle, die Frauen ihm entgegenzubringen pflegten, natürlich noch verstärkte.
Norbert arbeitete als technischer Zeichner in einer Maschinenfabrik und das Zeichnen beherrschte sein Leben. Tagsüber entstanden höchst exakte Zeichnungen von Maschinenteilen – und nachts zeichnete Norbert Frauen. Und zwar ganz bestimmte Frauen: Jene, die soeben sein Bett mit ihm zu teilen im Begriff waren, oder die es eben mit ihm geteilt hatten.

Akribisch genau achtete Norbert darauf, dass von jeder Frau, die sich ihm geschenkt hatte, eine Zeichnung vorhanden war. Diese Zeichnungen stellten seine Trophäen dar. Er hatte den Ehrgeiz, am Ende seines Lebens über eine vollständige Sammlung aller seiner Partnerinnen zu verfügen.
Norbert hatte die Erfahrung gemacht, dass Frauen nur so lang interessant waren, bis man sie im Bett hatte. Dann lief die Angelegenheit immer mehr oder weniger aufs selbe hinaus. Klar gab es Unterschiede! Aber im Prinzip blieb es immer gleich. Trotzdem, der abschließende Sexualakt gehörte noch dazu und dann konnte sich die Dame verabschieden – und zwar möglichst rasch.

Höflicherweise schmiss Norbert keine seiner Partnerinnen vor dem Frühstück hinaus, im Gegenteil, er sorgte für einen exzellenten Morgenimbiss in seiner ansprechenden, hochmodernen Wohnung in der so genannten „Donau City“, jenem neuen Stadtteil, der auf der Betonplatte über der achtspurigen Autobahn A22 entstanden ist und ausschließlich aus extravaganten Hochhäusern besteht. Norberts Appartement im vierundzwanzigsten Stockwerk verfügte über einen grandiosen Blick über die Donau in Richtung Stadtzentrum und für diese Wohnung hatten Norberts Eltern, Unternehmer aus dem Raum Wels, ein kleines Vermögen bezahlt.

Als am Tag nach dem Gespräch zwischen Melanie und Veronika Norbert sein Appartement verließ und mit der U1 in sein Büro fuhr, hatte er noch keine Ahnung, dass in Bezug auf seine ständige Jagd nach weiblichen Wesen ein bemerkenswerter Höhepunkt bevorstand. Gut fünf Tage lag sein letztes Abenteuer mit der kleinen, schwarzhaarigen Deutschen aus der Diskothek in der Annagasse zurück und Norbert fand es hoch an der Zeit, dass wieder eine junge Dame seinem Charme erliegen würde. Er nahm sich vor, heute Abend wieder einmal ein Lokal im vierten Bezirk zu besuchen, das ihm schon einige recht interessante Kontakte eingebracht, das er aber seit gut drei Monaten nicht mehr frequentiert hatte.
Es sollte gar nicht mehr dazu kommen, denn in der Fabrik kam ihm als erster Mensch dieser hübsche Käfer, die Teilzeitkraft Veronika Lechner entgegen und lächelte ihn an.

Norbert konnte mittlerweile sehr gut die Bedeutung eines Lächelns abschätzen.
Da gab es Lächeln, die als Aufmunterung interpretiert werden konnten und entsagende Lächeln, die eindeutig „Tut mir Leid“ bedeuteten. Lächeln, die „vielleicht“ sagten und solche, die „jetzt noch nicht“ ausdrückten, aber Veronikas Lächeln bedeutete ganz eindeutig: „Heute Abend? Einverstanden?“
Klar stieg Norbert sofort darauf ein.
„Na, so gut drauf heute? Das Lächeln lässt auf einiges schließen!“
„So? Auf was denn?“, fragte Veronika schnippisch.
„Darauf, dass Sie einverstanden sein werden, heute Abend mit mir die Copa Kagrana zu erkunden.“
„Ist die so interessant?“
„Na hören Sie! Hat der echten Copa Cabana längst den Rang abgelaufen! Die Touristen kommen jetzt schon aus Rio hier her!“
Veronika zierte sich noch ein kleines bisschen, aber insgesamt keine fünf Sekunden lang. „Na gut, heut Abend“, sagte sie dann und setzte wieder das Lächeln auf, dass schon vorhin zu der Verabredung geführt hatte.
„U1 Station Kaisermühlen um sieben?“, präzisierte Norbert.
„Um sieben“, bestätigte Veronika.

Norbert rieb sich die Hände, während er zu seinem Büro schlenderte und im Geiste rasch die Checkliste für bevorstehende Damenbesuche durchging.
Alles vorhanden. Er hatte ja erst vor ein paar Tagen für Nachschub an Wein und Knabbergebäck gesorgt und fürs Frühstück war ebenfalls alles eingekühlt. Das würde Zeichnung hundertachtundsechzig ergeben. Norbert war hoch zufrieden. Eine ganz anständige Zahl an „erlegten“ Partnerinnen für einen Sechsundzwanzigjährigen!

Vor der Tür zu seinem Büro traf er auf Partnerin hundertneunundsechzig.
Angelika Grobald, die Prokuristin aus der Verkaufsabteilung, hatte ihm die Unterlagen für eine Ausschreibung eines skandinavischen Konzerns gebracht und auf sein Zeichenpult gelegt. Als Norbert jetzt plötzlich persönlich vor ihr stand, erklärte sie: „Ich hab Ihnen die Unterlagen von Jansson gebracht und wollte Ihnen nur noch sagen, dass ich mich diese Woche einen Abend für Ihre so gepriesene Copa-Kagrana-Tour einmal frei machen könnte. Sollte man sich als Wienerin doch einmal ansehen, wenn man's noch nicht kennt.“

Norbert betrachtete Angelika genauer. Sie, die sonst nie Schmuck trug, hatte diesmal ein Ohrgehänge angelegt und die Bluse ihres Hosenanzugs zierte eine kleine, goldene Brosche.
„Zu blöd“, sagte Norbert. „Heut geht’s leider nicht! Familienkram! Aber übermorgen vielleicht? Um sieben an der U-Bahnstation Kaisermühlen?“
„Abgemacht“, sagte Angelika nur und verschwand aus dem Großraumbüro.

Nein, der Norbert würde seine Verabredung mit der kleinen Veronika Lechner heute nicht zugunsten jener mit Angelika absagen! Schön der Reihe nach! Jede kam dran!
Dabei war Angelika Grobald eindeutig die interessantere Frau! Sie war zwar sicher schon über vierzig und hätte somit beinahe Norberts Mutter sein können! Aber gerade das machte sie für Norbert so wahnsinnig aufregend! Sie sah aus wie eine Dreißigjährige, (kleine, schlanke Menschen pflegen immer jünger auszusehen) und sie hatte offenbar viel Mühe aufgewendet, die kleinen, altersbedingten Anzeichen in ihrem attraktiven Gesicht rechtzeitig zu bekämpfen. Nein, die Angelika war eindeutig ein Höhepunkt unter allen jenen Damen, die Norbert bei sich zu Hause je hatte begrüßen dürfen! Aber heut' kam einmal die junge Veronika dran!

Als er auf dem Bahnsteig der U1 auf Veronika wartete, kam ihm plötzlich wieder Angelika in den Sinn und Norbert schob sie in Gedanken einfach beiseite. Es war sein Prinzip, sich immer voll auf die Frau zu konzentrieren, die gerade physisch verfügbar war und sich nicht von eventuellen theoretischen Möglichkeiten ablenken zu lassen.

Trotzdem fiel es ihm in diesem Fall schwerer als sonst, sich auf Veronika zu konzentrieren. Aber zum Glück traf sie mit dem nächsten Zug ein und Norbert stellte erfreut fest, dass sie tatsächlich noch hübscher war, als er sie in Erinnerung gehabt hatte.

Zehn Minuten später waren sie an der Copa Kagrana.
Es scheint so, als wären die Probleme, die die Donau seit Jahrhunderten Wien bereitet hat, durch das Bauwerk der „Donauinsel“ endlich gründlich gelöst worden. Das breite Überschwemmungsgebiet am nordöstlichen Ufer, das anlässlich der Regulierung des Stromes 1875 fertiggestellt worden war, konnte die Wassermassen nicht vollständig aufnehmen und die Stadt blieb auch weiterhin nicht vom Hochwasser verschont. Aber mit dem Entlastungsgerinne und der Donauinsel dürfte man es jetzt geschafft haben.

Dieses Entlastungsgerinne ist ein stehendes Gewässer mit ausgezeichneter Wasserqualität, dessen Schleusen nur im Falle von Hochwasser geöffnet werden und damit dem Strom ein zweites Bett zur Verfügung stellen, durch das die Wassermassen rasch und problemlos abgeleitet werden können.

Außerdem ist, sozusagen als „Abfallprodukt“, eine einundzwanzig Kilometer lange und zweihundert Meter breite Insel entstanden, die der Bevölkerung uneingeschränkt zur Verfügung steht und als Naherholungsgebiet und Badestrand genutzt wird. Einzelne Abschnitte der Insel, besonders die leicht erreichbaren, weisen besonders viele gastronomische Betriebe auf. Und das Zentrum der Gastronomie stellt eben die Copa Kagrana dar, die besonders leicht vom Nordostufer zu erreichen ist und nach dem nahe gelegenen ehemaligen Vorort Kagran benannt wurde. An schönen Sommerabenden halten sich bis zu zehntausend Menschen an der Copa Kagrana auf.

Allerdings scheint die große Zeit der Copa Kagrana heute bereits wieder vorbei zu sein.
Die Pächter der Gastronomiebetriebe haben in den letzten Jahren ihre Sorgfaltspflichten gegenüber ihren Etablissements nicht besonders ernst genommen. Rasch verdientes Geld lockt eben mehr als sorgfältig geplante und effizient eingesetzte Investitionen. Die Betriebe machen alle einen etwas desolaten, herunter gekommenen Eindruck, was dazu führt, dass das bessere Publikum ausbleibt und immer häufiger die Copa Kagrana von einfachen Bevölkerungsschichten, die wenig Wert auf gepflegtes Ambiente legen, besucht wird. Es wäre dringend nötig, die gesamte Ansammlung von Restaurants und Bars einer Generalsanierung zu unterziehen. Aber die Pächter scheuen die Investition.

Norbert war das allerdings gerade recht. Er wusste genau, wie seine Besucherinnen auf die gediegen eingerichtete kleine Wohnung im vierundzwanzigsten Stock reagieren würden, insbesondere nach einem Aufenthalt in einem der wenig einladenden Restaurants der Copa Kagrana. Fast alle Damen waren von der Aussicht aus seinem Wohnzimmer auf die Donau, den Prater und im Hintergrund die Innenstadt mit dem Stephansdom überwältigt und brauchten eine ganze Weile, bis sie sich satt gesehen hatten. Und diese Zeit pflegte Norbert bereits in seinem Sinn zu nützen...

Auch Veronika rümpfte ein wenig die Nase, als Norbert ihr den Sessel an einem Tisch direkt am Wasser des Entlastungsgerinnes zurecht rückte und bei Mehmed, dem türkischen Kellner zwei Gläser Prosecco bestellte.
Allerdings tauchte keine halbe Minute später der Holzbauer Toni mit seinem Maurerklavier auf und Norbert zahlte ihm prompt einen halben Liter Weißwein, um ihn vom Spielen abzuhalten. Das gelang nicht ganz, denn der Toni produzierte doch noch einige Töne, bevor der Mehmet noch den Veltliner brachte und Norbert ließ den Prosecco unangetastet stehen. „Kommen Sie, Veronika. Ich kenne bessere Plätze da.“

Veronika zögerte keine Sekunde, ihm zu folgen. Dann schien sie leicht verunsichert zu sein, denn Norbert schlug den Weg am Entlastungsgerinne stromaufwärts ein. Offenbar hatte Veronika gedacht, ihr Ziel wäre sofort Norberts Junggesellenbude. Aber Norbert hielt sich an seine übliche Praxis und blieb fast eine halbe Stunde mit Veronika am Wasser in einem anderen Restaurant.

Es dämmerte, als Norbert seine Begleiterin an der Baustelle des zweihundertzwanzig Meter hohen DC Towers vorüber zu dem Hochhaus führte, in dem er logierte.
Veronika reagierte nicht anders als alle anderen Besucherinnen, die Norbert bisher in seiner Wohnung hatte begrüßen können. Der Blick auf Entlastungsgerinne, Donauinsel, Donau und den dahinter liegenden zweiten Bezirk mit dem Prater und den modernen Gebäuden entlang der Lasallestraße war auch zu überwältigend! Norbert ließ seiner Besucherin etwa eine Minute, um das Panorama in sich aufzunehmen, dann küsste er Veronika und stellte belustigt fest, dass ihm dabei der Duft eines billigen Parfums, das eine Drogeriemarktkette vertrieb, in die Nase stieg. Die Teilzeitkraft Veronika konnte wohl auch nicht so, wie sie gern gewollt hätte!

Norbert entschuldigte sich bei Veronika. Er hätte einen kleinen Imbiss vorbereitet. Ob sie wohl die nächsten fünf Minuten mit dem Panoramablick Vorlieb nehmen würde?
Veronika nickte nur, sagte aber kein Wort. Norbert verschwand in der kleinen Küche.
Als Veronika das Klappern von Tellern hörte, beeilte sie sich, ins Vorzimmer zu schlüpfen. Dort steckte Norberts Schlüsselbund im Schloss der Wohnungstür. Veronika zog ihn ab, holte in fliegender Eile einen Klumpen Wachs aus ihrer Handtasche und fertigte Abdrücke von Haus- und Wohnungsschlüssel an.

Noch wusste sie nicht, ob sie tatsächlich Gebrauch von den beiden Schlüsseln machen würde, aber immerhin sprach alles dafür. Die elegante, kleine Wohnung, das herrliche Panorama und nicht zuletzt hatte sich Norbert als ein Bursche erwiesen, mit dem man ausgezeichnet zurecht kommen konnte. Er war liebenswürdig, bisher sehr korrekt und wenn der Abend so weiter ging, konnte sich Veronika vorstellen, an einem der nächsten Tage ganz einfach auf Norbert in dessen Wohnung zu warten, um ihm die Ernsthaftigkeit ihrer Absichten klar zu machen. Das würde doch ein ganz anderer Auftritt sein, wenn Veronika plötzlich da war, da brauchte man nicht lang zu diskutieren und irgendein Treffen vereinbaren. Veronika würde auf Norbert warten, vielleicht in dessen Bett, und alles würde ganz einfach sein...

Veronika lächelte erwartungsvoll, als Norbert mit einem Tablett wieder ins Wohnzimmer trat. Gemäß seiner alten Gewohnheit hatte er in einem Feinkostladen am Graben eine kalte Platte mit einigen raffinierten Köstlichkeiten zusammen stellen lassen. Nein, lumpen ließ sich Norbert nicht, wenn er Damenbesuch erwartete!

Das Abendessen war ganz großartig. Und auch die Weine, die Norbert vorbereitet hatte, waren von besonderer Qualität.
Und dann holte Norbert einen Skizzenblock aus dem Wohnzimmerschrank und begann, Veronika zu zeichnen.
Erstaunt sah Veronika ihm zu, als ihr Porträt entstand. Um Himmels Willen, der Bursche konnte tatsächlich was!

Später zeigte Veronika noch mehr als ihr hübsches Gesicht. Die zweite Zeichnung, die Norbert anfertigte, strahlte bereits einiges an Erotik aus, zumal Veronika jetzt nur mehr ihr knappes Höschen trug.
Und dann ließ Norbert das Zeichnen überhaupt bleiben. Eine speziell für solche Anlässe bereit gehaltene CD lief und Norbert hatte die Veronika richtig eingeschätzt, was deren Musikgeschmack betraf. Die Scheibe war pure Romantik – und Veronika schmolz dahin.

Insgesamt war es ein Abend voller Harmonie, ja, die beiden kamen sogar gemeinsam, exakt zum gleichen Zeitpunkt zum Orgasmus, wie ein altes, eingespieltes Ehepaar. Veronika war von Norbert einfach begeistert.
Und dann kippte die Atmosphäre plötzlich.

In einem plötzlichen Anfall von Ehrlichkeit machte Veronika eine Andeutung, einen solchen anregenden gemeinsamen Abend möglichst bald zu wiederholen. Hätte Norbert zugestimmt, dann hätte Veronika ihren geplanten „Einbruch“ bei Norbert ganz einfach wie vorgesehen bereits am nächsten Tag durchgeführt.

Aber Norbert stimmte nicht zu. Im Gegenteil!
„Hör einmal, Schatzerl“, sagte er ernst, „wir zwei sind Singles und aus ein' Single kannst net über Nacht ein' Dauerpartner machen. Zumindest i schaff des net! Jetzt brauch i erst einmal Zeit! Muss das alles verdauen und verarbeiten. Später könn' ma das gern noch einmal machen, vielleicht nächste Wochen, ja?“

Veronika war wie vor den Kopf gestoßen. Norbert wollte sie nicht wieder möglichst bald bei sich haben? Da steckte doch was dahinter! Ein anderes Weibsbild?
„Wer steckt dahinter? Wie heißt denn die Tussi?“ Veronika fragte grade heraus.
„Da hättest nix davon, wenn i dir die Namen aufzähl“, meinte Norbert, der viel zu stolz auf seine Erfolge und Eroberungen war, als dass er diese geleugnet hätte. „I zeig dir lieber a paar Zeichnungen.“

Eine ganz erkleckliche Anzahl von Bildern kam da aus dem großen Wohnzimmerschrank zum Vorschein und Veronikas Gesicht wurde immer länger. Die unterschiedlichsten Typen von Mädchen und Frauen waren da vertreten, ganz junge, aber auch Damen um die dreißig, ausgeflippte Halbwüchsige und eher konservative, seriös und reif wirkende Frauen, ausnehmend hübsche, aber auch solche, die man eher als „interessant“ bezeichnen könnte. Aber was Veronika am meisten beeindruckte, das war die Menge an Zeichnungen!

„Und die alle hast vergenusszwergelt?“, fragte Veronika erschüttert.
„Klar“, meinte Norbert. „Auch a schlechter Ruf verpflichtet! Mehr wahrscheinlich, als a guter!“
„Na servus!“, meinte Veronika, die die Zeichnungen oberflächlich ansah. „Da san ja richtige Asseln dabei!“
„Na hör einmal! Die meisten san ganz fesche Hasen!“
„Die Hainisch von der Buchhaltung aa?“ Veronika hielt das entsprechende Blatt belustigt hoch. „Die is doch uralt! Zwischen Absterben und Verwesung! Hat dir net g'graust?“
„Die is no kane achtunddreißig“, warf Norbert ein.
„Warum vernaschst du den miesen Kakerlak, wenn'st mich haben kannst?“ Veronikas Stimme war vorwurfsvoll und schneidend. Ihre Eifersucht war ganz deutlich hörbar!
„Weil i net mit dir verheirat' bin! I bin völlig frei und kann machen, was i will!“
„Dann hupf in' Kürbis zu die Kern, du Nudelaug! Wenn di' nix andres interessiert, als andere nackerte Weiberärsche, aber meiner net, dann hau di in d' Klomuschel und lass abe!“

Ohne noch ein weiteres Wort zu verlieren, inszenierte Veronika ihren Abgang, wobei sie etwas schniefte und ein paar Tränen vergoss. Aber schließlich rauschte sie hoch erhobenen Hauptes ab.
Norbert seufzte erleichtert auf, als sie weg war. Na ja, so ein Leben als Casanova hatte eben auch seine Schattenseiten.

Norbert soff die angebrochene Flasche Rotwein aus. Nach dem Auftritt mit Veronika brauchte er einmal einen Beruhigungsschluck.
Und dann verbannte er Veronika aus seinem Hirn und bemühte sich, an den feschen, alten Hasen, die Prokuristin Angelika Grobald zu denken, die übermorgen auf dem Programm stand. Er würde doch noch einmal bei dem Delikatessenladen am Graben vorbei schauen. Für diesen Abend musste es etwas ganz besonderes sein!

Am nächsten Tag ging Veronika dem Norbert im Betrieb natürlich aus dem Weg. Doch auf ihre gewohnte Zigarette konnte sie nicht verzichten und so stand sie wieder einmal neben dem Haupteingang und rauchte, als Frau Grobald, die Prokuristin vom Verkauf mit einem älteren Mann, dessen Name Veronika nicht kannte, vorüber ging.

Und Frau Grobald sagte soeben: „Ich war noch nie dort! Hat mich nie interessiert, diese Copa Kagrana. Aber morgen schau ich s' mir an. Der Pillauer will s' mir unbedingt zeigen.“
Veronika wäre am liebsten zu diesem Norbert in dessen Büro galoppiert und hätte ihn erschossen. Aber in Ermangelung einer Kalaschnikow ließ sie es doch bleiben. Aber eine zweite Zigarette brauchte sie. Und was sie an ihrem freien Nachmittag morgen tun würde, wusste sie auch schon!

Norbert betrat am nächsten Abend erst ziemlich knapp vor dem vereinbarten Zeitpunkt den Bahnsteig der U1 Haltestelle. Er hatte beim Umsteigen am Graben wieder einmal seinem Delikatessenhändler einen Besuch abgestattet. Frau Grobald war schon da. Sie war nicht mit der U-Bahn gekommen, sondern hatte ihren PKW auf dem Parkplatz der Copa Kagrana abgestellt.

Norbert, der einen Plastiksack mit seinen Einkäufen aus dem Delikatessengeschäft trug, bat Frau Grobald, doch gleich seine Junggesellenbude aufzusuchen, damit er die Einkäufe los werden könne. Zur Copa Kagrana würden sie gleich anschließend gehen.

Frau Grobald war einverstanden und so betraten sie wenig später Norberts kleines, aber geschmackvoll eingerichtetes Vorzimmer. Norbert stellte seine Einkäufe ab und hielt dann seiner Besucherin die Wohnzimmertür auf.

Im nächsten Moment schrie Norbert gequält auf: „Himmel, Arsch und Zwirn!“ Er hatte offenbar ungebetenen Besuch bekommen!
Das schöne Panoramafenster mit der Aussicht auf die Donau war vollkommen zugeklebt. Überall waren Norberts Zeichnungen mit Klebeband befestigt worden und die Damen schienen alle höhnisch zu lächeln.
Und im Zentrum befand sich einer von Norberts Zeichenkartons. Leer, aber mit der Aufschrift: „Norbert Pillauers Betthaserln“

Norbert war die Sache furchtbar peinlich! Auch wenn er es gewohnt war, seine Promiskuität offen zu gestehen, vor einem zärtlichen Abend war das doch ein äußerst schlecht gewählter Zeitpunkt!
Mittlerweile hatte Frau Grobald das Zimmer betreten und die Porträts und Aktzeichnungen genauer betrachtet. „Fesche Mädel“, kommentierte sie.

„Entschuldigen Sie, Frau Grobald“, bemühte sich Norbert um Schadensbegrenzung. „Ich hab keine Ahnung, wie die Blätter da ans Fenster kommen!“
„Und die waren alle mit ihnen im Bett?“, fragte Angelika beeindruckt, um gleich die nächste Frage anzuschließen: „Und die haben alle Sie 'zeichnet?“
Norbert wich der Frage aus: „Wer könnt' die da her'pickt haben?“
„Na, wahrscheinlich eine von denen“, vermutete Angelika und deutete auf die Porträts.
„Krätzen, elendige“, murmelte Norbert.
„Darf ich eins runter nehmen?“, fragte Angelika. „Die Aussicht interessiert mich!“

Norbert riss wütend eines der Blätter ab. Angelika nahm es ihm aus der Hand und sagte: „Die Hainisch von der Buchhaltung. Wie war die denn so?“
Da dämmerte ein Verdacht in Norberts Hirn. „Hat wer von der Firma g'wusst, dass wir uns heute treffen?“, fragte er.
„Das haben mehrere g'wusst.“
„Die Hainisch auch?“
„Die net“, gestand Angelika.
„Die Veronika Lechner vielleicht?“
„Wenn das die Teilzeitkraft aus der Verpackung is', dann glaub ich, die hat vorm Haupteingang g'raucht und g'hört, wie i mit'm Bauernfeld vorbei g'gangen bin und was davon g'sagt hab“, gab Angelika zu.
„Dann war's die! Wie kommt die zu meine Schlüssel?“
„Die kann man nachmachen“, vermutete Angelika.

„Dann war sie's! Das Luder! Das miserable Mistviech! Eifersüchtiger Trampel! Veranstaltet da a Vernissage mit meine geheimen Trophäen!“
„Das is ja gut“, meinte Angelika. „Geheim wär' nämlich schad'! Das sind immerhin ganz gute Zeichnungen!“
Norbert fühlte sich zwar geschmeichelt, war sich aber dennoch dessen bewusst, dass er den zärtlichen Abend mit Angelika in den Rauchfang schreiben konnte.
„Die Mädel sind alle ganz fesch“, sagte er, „net die Zeichnungen. Auch die älteren Mädel waren immer ganz klasse Puppen.“
„Und die haben S' wirklich alle vernascht?“
Norbert nickte nur schuldbewusst, aber trotzdem ein wenig stolz.
„Also stimmt das, was man in der Firma über sie tratscht. Da werden Ihnen schon ganz tolle Qualitäten nachgesagt...“
„Tratscherei...“, versuchte Norbert zu relativieren.
„Tät' i net sagen“, widersprach Angelika. „Von der Aussicht aus Ihrem Appartment wird ja auch viel gemunkelt. Und soweit ich das sehen kann, stimmt's.“

Norbert begann, die einzelnen Zeichnungen der Reihe nach von der Glasscheibe zu reißen. „Jetzt können S' besser sehen“, sagte er. Und als das Fenster frei war, fügte er hinzu: „Bisserl was essen werden S' doch noch hoffentlich. Ich mach uns gleich was.“
Als er in die Küche wollte, sagte Angelika nachdenklich: „Dann stimmt wahrscheinlich alles. Die Aussicht, die vorzügliche Bewirtung und dass Sie ein Hammer im Bett sind.“
Norbert glaubte, sich verhört zu haben. „Und trotzdem sind S' 'kommen?“
„Na, wegen der Copa Kagrana sicher net!“, lachte Angelika. „Wie a Wirtshaus ausschaut und a Flaschel Bier, das kann i mir denken. Und 's Wasser vom Entlastungsgerinne dazu aa!“

Norbert flüchtete in die Küche zu den Köstlichkeiten, die er am Graben besorgt hatte. Angelika nahm auf der Couch Platz und betrachtete das Panorama von Wien. Dabei hörte sie das Klappern von Geschirr und auf einmal fühlte sie sich wunderbar entspannt.
Und während Norbert die kalte Platte anrichtete dachte er daran, wie unwahrscheinlich cool diese Angelika die Erkenntnis aufgenommen hatte, dass er, Norbert, ein Hallodri war.

Das beruhigte Norbert ungemein. Aber bevor er sich in den erotischen Nahkampf stürzte, zog er das volle Programm durch. Angelika hatte das verdient. Erst der Bruderschaftskuss und dann bat er noch die Angelika, sie zeichnen zu dürfen.

Es wurde übrigens ein sehr gelungenes Bild. Eines der besten des Norbert Pillauer überhaupt!
Und ganze vier Monate dauerte die Beziehung zwischen Angelika und Norbert, bis der Kontakt immer lockerer wurde und schließlich ganz aufhörte.
Es war die längste Beziehung des Norbert Pillauer bisher – und die befriedigendste.
Ob der Altersunterschied das machte?

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