KunstGeschichten

KunstGeschichte: Rheosmin

Mit der Ironie im Bild können tiefere Wahrheiten zu Tage gefördert werden. Martha Wiesinger nutzt sie daher, um in ihren bissigen Karikaturen Täuschungen aufzudecken. Und dank ihrer speziellen Oberarm-Piercings hat sie in kürzester Zeit eine kleine Fangemeinde auf einer bekannten Videoplattform. Erich Wurth über künstliche Aromen, Körperschmuck und das Streben nach Aufmerksamkeit.

Martha Wiesinger war das, was man in Wien eine „verrückte, wilde Henn'“ nennt.
Sie war gerade einmal 24 Jahre alt, eher klein gewachsen, sehr schlank, um nicht zu sagen beinahe dünn, und äußerst modern. Ihren etwas antiquierten Vornamen hatte sie der alten Tante Martha zu verdanken, von der sich ihre Eltern einen namhaften Betrag nach deren Ableben erhofft hatten, was aber dann doch nicht eintraf.

Martha glich dieses Manko ganz einfach damit aus, dass sie ihren Vornamen ausschließlich mit englischer Aussprache benutzte – und schon war er wieder „modern“.
Zwar musste man „zweimal hinsehen, damit man sie einmal sah“, dann aber war der Anblick recht erfreulich, sofern man das doch recht offenbar fehlende Fettgewebe an der weiblichen Gestalt nicht allzu sehr als Schönheitsfehler betrachtete.

Von klein auf konnte Martha gut zeichnen. Besonderes Talent hatte sie offenbar für menschliche Gesichter. Und bereits in der Grundschule karikierte sie sowohl die Lehrerin als auch sämtliche Mitschüler auf unübertreffliche Art.

Als eine für die moderne Jugendkultur Begeisterte, hatte sie eine Zeit lang für Piercings geschwärmt und in den Ohren und an der Unterlippe diese silbrigen Dinger aus Edelstahl getragen, die ins Gewebe gestochen werden und mitunter zu Eiterungen führen können. Aber dann hatte sie die Dinger alle raus genommen und war auf alte, traditionelle Schmuckstücke umgestiegen, die sie aber auf sehr eigenwillige Art zu tragen pflegte.
Die Schmuckstücke waren vor allem Anhänger, dazu gedacht, an einer Halskette getragen zu werden, aber Martha benutzte keine Kette.

Sie trug die Anhänger an den Oberarmen, wobei sie zur Befestigung jeweils eine silberne Sicherheitsnadel verwendete. Die Nadel stach sie sich durch die Haut der Oberarme und daran hingen die kleinen Schmuckstücke. Das tat zwar manchmal etwas weh, hatte aber den Vorteil, dass sie flexibel war, was die Anzahl der Anhänger betraf. Wenn sie abends in die Disko ging, hingen oft bis zu zwölf Anhänger an ihren Armen, jeder an einer eigenen Sicherheitsnadel, die sie durch die Haut gesteckt hatte. Ihre Tanzpartner schauten auch ziemlich blöd. Oft wurde sie gefragt: „Tut das denn nicht weh?“

Darauf pflegte sie zu sagen: „Doch. Aber ich mag das.“ Dann schauten die Herren noch blöder.
In der Tat, das Anlegen ihrer Schmuckstücke bedeutete jedes Mal eine gewisse Herausforderung für Martha. Oft gingen die Nadeln beinahe schmerzlos durch ihr Fleisch, aber manchmal erwischte sie einen Nerv und dann tat es gehörig weh. Aber Martha biss die Zähne zusammen und drückte die Nadel einfach trotzdem durch. Und dann freute sie sich, dass sie nicht aufgegeben hatte.

Sie war, wie schon gesagt, tatsächlich „eine wilde Henn'.“
Auch beruflich äußerte sich das mitunter. Sie arbeitete als Bürokraft in einem kleinen Lebensmittelbetrieb, an dem auch eine Molkerei angeschlossen war. Eines der Hauptprodukte der Firma Krauthappel war Fruchtjoghurt.

Der Abteilungsleiter der Molkereiabteilung hieß Muhammed Abdallah und war der Martha nicht sehr positiv gesonnen. Zumindest empfand es Martha so. Denn immer, wenn Martha schon tagsüber ihren Schmuck für den abendlichen Diskobesuch in den Armen stecken hatte, fand Muhammed eine Gelegenheit, daran zu ziehen. Und das tat manchmal ganz schön weh!
„Chef, Sie Sadist! Hören S' auf, bitte!“

„Das muss doch einer Masochistin Spaß machen“, pflegte Muhammed spöttisch darauf zu antworten.
„Bin ich nicht!“, behauptete Martha dann regelmäßig.
Und eines Tages zeichnete sie dann ihren Chef Muhammed, der eindeutig erkennbar war, als einen Peitsche schwingenden Wüterich, der ein halb nacktes Mädchen mit ihren eigenen Gesichtszügen auspeitschte. Und die Karikatur hängte sie im Gang des Bürogebäudes an die Wand.

Fünf Minuten später war die Zeichnung verschwunden und Herr Abdallah erschien in Marthas Zimmer: „Frau Wiesinger, das geht zu weit! Sie können mich doch nicht vor der ganzen Belegschaft lächerlich machen!“
„Dann hören Sie mit den Spielchen auf!“
„Na, wenn's Ihnen offenbar Spaß macht, sich Nadeln in die Arme zu stechen, was soll man dann davon halten?“
„Das ist doch meine Sache! Also, Sie hören auf damit und ich zeichne nicht mehr!“
„Rutschen Sie mir doch den Buckel runter!“
Aber Muhammed hielt sich an die unausgesprochen getroffene Vereinbarung. Und Martha auch.
Aber dann kam es doch zu einer Konfrontation zwischen Martha und ihrem Chef. Und schuld daran war die Geldgier des obersten Chefs, des Herrn Krauthappel, des Eigentümers der Krauthappel Lebensmittel GmbH.

Dieser hatte „bei der Durchsicht seiner Bücher“ (wie man so schön sagt) herausgefunden, dass sich der Gewinn bei den Fruchtjoghurts seit Monaten nicht so recht bewegte. Und bei näherer Betrachtung hatte er festgestellt, dass die Kosten für die Himbeeren einfach exorbitant waren.
Was war also zu tun? Steigerung von Umsatz und Gewinn ist ja das Essentielle in der Wirtschaft. Hauptsächlich der Gewinn musste wachsen! Himbeerjoghurt war recht beliebt und die Umsätze erfreulich. Krauthappel konnte nicht so einfach das Produkt vom Markt nehmen.
Aber einer seiner Lebensmittelchemiker kannte einen Stoff namens Rheosmin mit der chemischen Formel C10H12O2 und dem Alternativnamen „Himbeerketon“. Man müsse diese Substanz nur dem Joghurt zusetzen und erspare sich damit den Fruchtanteil. Oder könne den zumindest auf ein Minimum reduzieren.

Damit begann das Projekt „Beere“, das die ganze Firma einige Zeit in Atem halten sollte.
Herr Abdallah verhandelte mit etwa zwanzig chemischen Werken um den Kauf einer gewissen Menge von Himbeerketon, aber das war gar nicht so einfach. Trotz der einfachen Mengenformel wies das Molekül eine komplizierte Struktur auf und war nicht so einfach zu synthetisieren. Die Ersparnis gegenüber echten Himbeeren war verschwindend gering.
Dann stellte sich aber das alles als Missverständnis heraus. Vom Himbeerketon benötigte man nur ein paar Gramm, um den vollen Geschmack ins Joghurt zu bringen. Zusätzlich hatte ein anderer Chemiker noch ein zweites Aroma gefunden, einen Harnsäureester, der den Geschmack nach Himbeeren geradezu sensationell natürlich wirken ließ.

Und so erhielt die Belegschaft der Molkereiabteilung eines Morgens einen Plastikbecher mit „Krauthappels Himbeerjoghurt“ auf die Schreibtische gestellt. Zusätzlich lag ein Bewertungsbogen dabei, auf dem die Mitarbeiter die Geschmacksqualität angeben sollten.
Martha kam an diesem Morgen missgelaunt ins Büro. Der vorige Abend in der Disco war daneben gegangen. Sie hatte zwar einen gewissen Robin zu einem „One-Night-Stand“ mit nach Hause genommen, der junge Bursche hatte sich aber als unfähiges „Weichei“ erwiesen und Martha hatte ihn heute am Morgen einfach kalt abgefertigt.

Und jetzt stand da der Joghurtbecher und der Bewertungsbogen lag daneben.
Martha zog den Deckel ab. Der Inhalt des Bechers war reinweiß und da waren auch keine Beeren darin.
'Saft- und kraftlos. Wie der Robin heute Nacht', dachte Martha. Sie trank aber trotzdem ein Schlückchen davon.
Das schmeckte ja ganz hervorragend! Aber woher kam der Geschmack? Himbeeren waren ja ganz offensichtlich nicht drin! Das musste ein künstliches Aroma sein!
Martha nahm also den Bewertungsbogen zur Hand. „Schmeckt großartig“, schrieb sie, „aber es sind gar keine Früchte drin. Und die Farbe ist miserabel.“

Dann nahm Martha ein Blatt Briefpapier und zeichnete Muhammed Abdallah, der in einem großen Bottich Joghurt umrührte und aus einem Reagenzglas etwas in den Bottich tröpfelte. Über das Reagenzglas schrieb Martha „künstliche Himbeeren“, mit einem Pfeil auf die Tropfen, die ins Joghurt fielen. Dann war ihr wohler. Betrug überall! Der Robin, der zögerliche Schönling, der sich nicht traute – und der Abdallah, der Chemikalien ins Joghurt applizierte. Die Welt war schlecht!

Wie diese Karikatur ihren Weg zur Zeitung fand, hat sich nie aufgeklärt. Bei Krauthappel hatte man den Verdacht, dass eine ukrainische Putzfrau Namens Natalia Kalaschenkowa, die einen Bruder bei der Zeitung hatte, das Blatt am Abend auf Marthas Schreibtisch gefunden hatte. Man konnte ihr aber nie etwas nachweisen.

Die Zeitung druckte die Karikatur in der nächsten Sonntagsausgabe und benutzte die Sache, um eine Untersuchung der Lebensmittelbehörden von Fruchtjoghurt anzuregen. Das wurde vom Konsumentenministerium aufgegriffen und die Untersuchung tatsächlich durchgeführt.
Die Ergebnisse waren ernüchternd.

Ausnahmslos alle Molkereien benutzten künstliche Aromen und viel zu viel Zucker, um ihre Produkte an den Mann bringen zu können. Gesundheitsschädlich war zwar kein einziges der Joghurts, aber einige Ärzte warnten vor übermäßigem Konsum.
Der Umsatz bei Krauthappel sank.

Und da man in der Firma von Marthas Talent zu Karikaturen wusste, fiel ihr das natürlich auf den Kopf. Sie wurde beschuldigt, der Firma Krauthappel mit ihrer frechen Zeichnung einen finanziellen Schaden zugefügt zu haben.
Der Personalchef war sehr korrekt und verständnisvoll, als er Martha hinaus schmiss. Man mache ihr keinen Vorwurf, aber ihre Karikatur habe eben diese unglückselige Untersuchung sämtlicher Fruchtjoghurts auf dem Markt ausgelöst und damit einen Rückgang des Erfolges verursacht. Den Posten der Martha müsse die Firma Krauthappel nunmehr einsparen. Bis zum Monatsende kriege Martha ja noch ihr Gehalt, sie wäre aber ab sofort von ihrer Tätigkeit entbunden.

Ob man denn solche Angst vor ihren Karikaturen hätte, fragte Martha.
Das hätte damit überhaupt nichts zu tun, sagte der Personalchef. Aber er sagte es leicht indigniert und Martha konnte beinahe fühlen, dass er log.
Also räumte sie ihren Schreibtisch und ging nach Hause. Unterwegs besorgte sie sich eine Tageszeitung und begann daheim, die Stellenangebote zu lesen.
Nachdem sie nichts passendes fand, nahm sie einen Zeichenkarton zur Hand und machte eine Karikatur ihres Personalchefs, der breit an seinem Schreibtisch saß und einer vor ihm sitzenden jungen Frau erklärte: „Wer zeichnet, fliegt raus!“

Abends ging Martha wieder – wie gewöhnlich – in „ihre“ Diskothek. Das war so etwas wie eine fixe Gewohnheit von ihr, die Tatsache, dass sie ihren Job verloren hatte, durfte daran nichts ändern.
Es war viel neues Publikum im Tanzlokal. Zwar war der unmögliche Robin auch da, aber als er sich an Martha heran machen wollte, servierte sie ihn einfach ab.
Und dann forderte sie ein junger Mann auf, der recht sympathisch wirkte. Es war eine uralte Nummer mit Led Zeppelin und der junge Mann tanzte sie einfach großartig.
Dann saßen sie zusammen an einem Tisch und sprachen. Der junge Mann stellte sich als Harry Tannhauser vor. Er arbeite für eine Tageszeitung, das „Tagblatt“, als unterbezahltes „Mädchen für alles“ - aber er strebe einen Posten in der Redaktion an.

Martha erzählte von den letzten Geschehnissen in ihrer Lebensmittelfirma und dass sie wegen ihrer Zeichnungen gekündigt worden wäre. Und dann zeichnete sie mit Kugelschreiber eine Skizze ihres neuen Bekannten Harry auf eine Papierserviette.
Harry war mehr als beeindruckt. Er bat Martha um die Zeichnung und verwahrte sie sorgfältig in seiner Brieftasche.

Martha kam kaum zum Tanzen an diesem Abend. Harry saß mit ihr in einer Nische an der Wand und die beiden redeten beinahe ununterbrochen. Nur manchmal, wenn der DJ eine Nummer auflegte, die den beiden gut gefiel, führte Harry seine neue Bekannte auf die Tanzfläche. Und wenn die beiden tanzten, war Harry ziemlich schweigsam und wirkte nachdenklich.

„Martha, kann ich Ihnen mit meiner Zeitung helfen? Etwa den Joghurtumsatz wieder ankurbeln, mit Hilfe Ihrer Zeichnungen. Oder legen Sie keinen Wert mehr auf Ihren Job bei Krauthappel?“ Sie saßen wieder in ihrer Nische.
Martha wusste keine Antwort. Einerseits war ihr Job nicht allzu schlecht, andererseits würde sie gerne irgendetwas aus ihren Karikaturen machen. Das sagte sie auch ganz geradeheraus dem Harry.„Ich werde mit unserer Spinne reden“, meinte Harry. „Wir haben einen Redakteur mit dem Namen Weberknecht.“

Diese Ankündigung veranlasste Martha, Harry noch zu einem „Schlummertrunk“ zu ihr einzuladen und dieser nahm selbstverständlich an.
In Marthas kleiner Wohnung nahm Harry sehr vorsichtig die Sicherheitsnadeln aus Marthas Armen und versorgte die Einstiche mit Desinfektionsmittel. Und was dann folgte, empfand Martha als einfach großartig. Kein Vergleich mit dem „Weichei“ vom letzten Abend. Dieser Harry war ein echter Glückstreffer!

Am nächsten Tag erschien Harry etwas übernächtigt in seiner Redaktion. Viel geschlafen hatte er ja nicht.
Im zweiten Stock des Zeitungsgebäudes lief er der Spinne direkt in die Arme. Herr Weberknecht war ausnahmsweise blendend gelaunt: „Na, Herr Tannhauser! Nicht ausgeschlafen?“
„Nein. War sozusagen im Dienst. Ich hab gestern eine ganz bemerkenswerte junge Frau kennen gelernt!“
„Ach ja?“
„Über die wollte ich eh schon mit Ihnen sprechen, Herr Weberknecht! Haben Sie kurz Zeit?“
„Jetzt nicht. Aber in etwa einer Stunde. Ich ruf Sie dann an.“

Harry verzog sich zu seinem Schreibtisch und begann damit, die wöchentliche Abrechnung für die Immobilienagentur vorzubereiten, die im „Tagblatt“ regelmäßig annoncierte.
Beinahe zwei Stunden war Harry damit beschäftigt, die Aufträge des Kunden zu sortieren, bis endlich Redakteur Weberknecht anrief: „Herr Tannhauser, kommen Sie kurz zu mir wegen Ihrer Mitteilung.“

Harry sauste sofort los. Die Spinne bat ihn, Platz zu nehmen und dann berichtete Harry:
„Ich hab gestern eine junge Dame kennen gelernt, a wirklich wilde Henn', die aber sehr gut zeichnen kann. Besser gesagt, sind das Karikaturen, was sie macht. Da, sie hat gestern mich gezeichnet!“ Harry fischte die Zeichnung von ihm auf der Papierserviette aus seiner Brieftasche.

Die Spinne sah sich die Zeichnung an und nickte anerkennend.
„Und das Eigenartige bei ihr ist, dass sie sich Sicherheitsnadeln in den Arm sticht und dran als Schmuck so Anhänger befestigt.“
„So ein Blödsinn“, sagte die Spinne. „Warum macht s' denn das?“
Harry zuckte die Achseln. „Keine Ahnung. Sie sagt, sie mag das! Könnten wir net einmal von der a Karikatur drucken? Die krieg ich sicher ganz billig!“
„Na, zahlen tun wir nix dafür! Die wird froh sein, wenn wer was druckt, auch ohne Bezahlung. Aber das muss ein' Sinn haben, was eher Politisches, mit ein' Gag dabei. Halt a Witzzeichnung! Bringen S' mir was, dann schau'n wir weiter.“
Harry lief in sein Büro zurück und rief die Martha an. Er erzählte in allen Einzelheiten sein Gespräch mit dem Chef und bat Martha, eine, oder besser mehrere Zeichnungen für die Zeitung anzufertigen.

Um diese Zeit war der „Pferdefleischskandal“ in aller Munde. Martha nahm sich also dieses Themas an und zeichnete die Innenansicht einer Großküche, die Pferde verarbeitete.
An der linken Seite hing eine Pferdehälfte, von der schon einige Teile fehlten. Einer der Köche bereitete soeben einen Burger vor, wie man die gebratenen „Fleischlaibchen“ heute nennt. Und an der Küchenwand war eine Werbetafel befestigt, die „Lippizanerburger“ anpries.
Daneben war das Innere einer Molkerei gezeichnet. In einen großen Bottich, gefüllt mit weißer Flüssigkeit, warf ein Mitarbeiter soeben eine Handvoll Himbeeren und ein zweiter Mann ließ aus einer Eprouvette einige Tropfen einer farblosen Flüssigkeit hineintropfen. Die Werbung an der Wand pries „Rheosminjoghurt“ an. Unter die beiden Zeichnungen hatte Martha geschrieben: „Ehrlich! Also nichts dagegen einzuwenden!“

Als Harry am nächsten Tag die Zeichnung der Spinne vorlegte, konnte Herr Weberknecht sich eines Schmunzelns nicht erwehren. „Na ja, nix Sensationelles, aber immerhin. Gut, ich lass das drucken – und einen Artikel über Aromen im Joghurt lass ich auch machen.“

Harry rief sofort die Martha an. „Du wirst gedruckt!“, verkündete er. „Mach so weiter, dann versuch’ ich, dich zu meiner Zeitung zu bringen.“
„Und ich helf’ mit Youtube nach“, sagte Martha. „Kannst mir helfen dabei!“
Am Abend kam Harry wieder seine Martha besuchen und sie erklärte ihm ihren Plan. Sie wollte, dass Harry sie mit ihrem alten Videorecorder filmte, wenn sie die nächste Karikatur anfertigte. Aber das Video sollte noch etwas Besonderes beinhalten. Martha würde sich vorher Sicherheitsnadeln in den Arm stecken, mit dem sie dann zeichnete.
„Warum denn das?“, wollte Harry wissen.
„Da schauen die Leut' zu!“, sagte Martha. „So was gilt heutzutag' als cool! Cool ist einer, der sich nix drum pfeift, wenn's weh tut. Sieht man doch immer wieder! Da lassen sich die Jungen an Haken aufhängen und so Blödsinn! Rauchen vorher einen Haufen Gras und dann baumeln sie an so spitzen Haken, die sie sich haben durch den Rücken stechen lassen. Nennt man 'body suspension'. Das wollen die Leut' heute seh'n!“
„Aber was hat das mit Karikatur zu tun?“
„Nix! Is halt cool. Zeitgeist.“
„Und da musst du auch mitmachen?“
Martha sah den Harry treuherzig an: „Na ja, i bin ja auch cool!“
Harry schüttelte zwar zweifelnd den Kopf, aber er machte mit.

Martha legte sich einen großen Zeichenkarton zurecht und stellte ein Schüsselchen mit den Sicherheitsnadeln daneben. Die Nadeln schwammen in einem Bad aus Alkohol.
Dann nahm Martha eine der Nadeln aus dem Schüsselchen heraus, öffnete sie und stach sich die Nadel durch den Handrücken der rechten Hand. Harry tat es richtig weh, als er zusah und die Aktion filmte. Dabei sah Martha ganz entspannt aus und lächelte leicht. Harry schwenkte empor zu ihrem Gesicht. Martha führte die wieder aus ihrer Haut aufgetauchte Metallnadel durch die Öse eines ihrer Anhänger und schloss die Nadel.

Die zweite Nadel folgte etwas weiter oben an ihrem Unterarm. Wieder ging das Metall anscheinend leicht und problemlos durch die Haut und an Marthas lächelndem Gesicht änderte sich nichts. Harry war ganz fasziniert von der Selbstverständlichkeit, mit der Martha mit den Sicherheitsnadeln umging – und er konnte sich nicht verkneifen, die Sache als interessant zu bezeichnen. Da war was dran an dem, was Martha über die Attraktivität solcher kleinen Selbstquälereien gesagt hatte.

Der zweite Anhänger war befestigt. Aber beim dritten gab es leichte Probleme. Martha stach die Nadel in ihren Unterarm und zuckte zurück. Ganz leise sagte sie „Scheiße“. Offenbar tat es diesmal gehörig weh!
„Soll ich's machen?“, fragte Harry.
„Ich mach's selber“, meinte Martha. „Ist cooler!“ Und wieder griff sie nach der Nadel.
Harry filmte Marthas Gesicht, das sich schmerzlich verzogen hatte. Aber sie führte die Nadel durch ihr Fleisch und befestigte das Schmuckstück. Dabei sog sie schmerzlich die Luft durch die Zähne ein. „Muss mir merken, dass es da weh tut“, kommentierte sie.

Nach etwa fünf Minuten hatte sie alle zwölf Anhänger befestigt und begann zu zeichnen.
Es entstand ein Porträt von Silvio Berlusconi, der grinste wie ein frisch lackiertes Hutschpferd[1] und die Sprechblase neben seinem Gesicht sagte: „Italien hat mich wieder und alles ist gut.“
Harry grinste jetzt ebenso fröhlich wie Silvio auf der Zeichnung. Die Karikatur gefiel ihm.
Martha sah sich die Videoaufzeichnung an, hatte nichts auszusetzen und lud die Datei unter dem Titel „Cool Martha preparing for drawing“ hoch.

„Willst du nicht auch einmal cool sein?“, fragte sie dann den Harry.
„Wie denn?“
„Na, stech' dir auch etwas in den Körper!“
„Ich spinn' ja nicht so wie du! Außerdem, was soll denn das?“
„Dann zeig' morgen deinem Redakteur, dieser Spinne, das Video auf Youtube. Ich bin gespannt, was der dazu sagt.“
„Das mach ich auf jeden Fall“, versprach Harry und setzte sich auf die Couch. „Komm einmal her zu mir“, sagte er dann. Und plötzlich hatten die beiden etwas anderes zu tun. Denn Harry wusste immerhin, was die Martha an ihm so schätzte...
Aber die Anhänger ließ sie in ihrem Unterarm stecken.

Am nächsten Morgen war der Weberknecht später dran, aber als er gegen Mittag kam, lief Harry ganz einfach in dessen Büro. „Herr Weberknecht, ich will ihnen was zeigen auf Youtube“, sagte er, „Betrifft unsere Karikaturistin!“
Die Spinne rief Youtube auf und Harry gab „Cool Martha“ ein.
Die Plattform brachte mehrere Videos, aber das, das gestern Harry aufgenommen hatte, war ebenfalls dabei. Harry rief es auf.

Herr Weberknecht schaute sich etwas ungläubig die Aufzeichnung an. Manchmal murmelte er: „Die spinnt echt!“, aber als zum Schluss das Gesicht Silvio Berlusconis erschien, lachte er und sagte: „Guter, subtiler Gag!“
Aber was Harry besonders beeindruckte, war die Tatsache, dass die kleine Datei seit gestern bereits über tausend Mal aufgerufen worden war! Da war also anscheinend doch ein Bedarf für solche Videoszenen vorhanden!

„Also, ich könnte ihrer Bekannten eine freie Mitarbeit anbieten“, kam dann die Spinne wieder auf Martha zu sprechen. „Wir übernehmen ihre Zeichnungen, aber veröffentlichen sie nur nach Prüfung. Ich geb' Ihnen eine E-Mail Adresse und sie soll uns ihre Zeichnungen gescannt zuschicken. Über das Honorar pro publizierter Zeichnung muss ich noch mit unserem Personalbüro sprechen. Geben Sie mir die Adresse Ihrer Freundin und wir schicken ihr einen Vertrag zu.“

„Das ist ja großartig, Herr Weberknecht! Vielen Dank! Ich werd' sie sofort anrufen!“
„Schon gut. Hoffentlich bringt sie uns was Vernünftiges! Könnte dem Blatt nur gut tun.“
Ganz aufgeregt lief Harry zurück zu seinem Arbeitsplatz und rief die Martha an.
Aber die Martha war gar nicht so sehr erfreut, wie Harry gedacht hatte. „Ich weiß nicht, ob ich deiner Spinne öfter was schicken kann“, sagte sie. „Heute früh hat mich der Rocking Harvey angerufen. Der hat mein Video auf Youtube gesehen und mir einen Job angeboten. Ich glaub', wir müssen drüber reden. Ich komm' dich abholen heut' Abend.“
„Wer ist dieser Mensch und was ist der Job?“
„Erzähl ich dir heut' Abend.“ Mehr war aus Martha nicht heraus zu bringen.

Der Tag verging zähflüssig wie dicker Honig für Harry. Was konnte die Martha da im Schilde führen? Harry brachte nichts recht zustande, bis es endlich 17 Uhr wurde und er das Gebäude verlassen konnte.
Vor dem Bürogebäude hielt Marthas alter Kleinwagen in zweiter Spur. Harry setzte sich auf den Beifahrersitz.
Martha fuhr sofort los und lenkte das Fahrzeug nach Osten. Eine geraume Zeit fuhren sie durch die abendliche Rushhour, aber endlich waren sie am Handelkai angelangt und Martha steuerte ein Fischrestaurant am Donauufer an.

„Ich lad' dich ein“, sagte sie, als Harry ausstieg. „Heut kann ich's mir leisten.“
Ein wenig beunruhigt folgte Harry seiner Freundin in den Speisesaal. Hatte sie den Job bei dem „Rocking Was-weiß-ich“ bereits angenommen?
Martha bestellte zwei Portionen Donauzander und eine Flasche grünen Veltliner und sagte dann: „Heim fahren musst dann du, mir ist heut' zum Feiern.“

Und dann erzählte Martha, was ihr heute widerfahren war:
Gleich um 9 Uhr hätte der „Rocking Harvey“ angerufen. Das war ein etwas außergewöhnlicher Typ, der in der Hard Rock-Szene beschäftigt war und eine Truppe von so genannten „Freaks“ betrieb, die ungewöhnliche „Action Nummern“ zum Besten gab. Unter anderem waren bei der Truppe Feuer- und Schwertschlucker dabei, die auch solche Nummern wie Nagelbretter und das Gehen auf Glasscherben im Repertoire hatten. „Alles mehr oder weniger Schmäh“, behauptete Martha. „Die Glasscherben sind nicht scharf, sondern abgerundet – und je mehr Nägel die Nagelbretter haben, desto bequemer kann man drauf liegen, weil sich das Gewicht verteilt. Nur die Schwertschlucker müssen die Dinger wirklich schlucken – und das verlangt Übung, sonst speit man sich dabei an. Und der Harvey hat mein Video im Internet gesehen und hat mir einen Job angeboten: Das Schnellzeichnen von Leuten im Publikum. Aber vorher etwas in die Arme stechen. So was, wie kleine „Antennen“, damit man die Gedanken der Leute lesen kann. Also keine Schmuckstücke, sondern nur Nadeln, die aber gebogen sind und wie Antennen aussehen. Na ja, das kann ich ja machen.“

„Hat du schon zugesagt?“
„Mehr oder weniger. Wir haben eine Probezeit vereinbart. Ich krieg ein kleines Monatsgehalt und Sonderzahlungen pro Auftritt. Der Harvey macht da als Rahmenprogramm bei Rockkonzerten mit und die Truppe hat so etwa 6 Auftritte pro Monat.“
„Und das reizt dich?“
„Klar! Da kann ich meine Zeichnungen verwenden und sogar davon leben! Na und die paar Nadeln sind ja auch kein Problem!“
„Aber da verlässt du die Seriosität deiner Zeichnungen. Ein bisserl lächerlich ist so was schon!“
„Na, wenn schon! Witze zeichnen für das Tagblatt ist auch kein seriöser Beruf!“
„Na, besser ein Printmedium als ein Tingeltangel!“
„Du, so ein Tingeltangel fordert auch einen ganz schönen Einsatz! Schluck' einmal ein Schwert, ohne dich anzuspeien!“
„Ich denk' ja gar nicht dran! Da ist mir die Spinne noch lieber!“
„Also ich bin ab sofort die 'Cool drawing Martha'. Hin und wieder werde ich deinem Chef schon was schicken. Wenn mir was einfällt.“
„Das wäre nett. Die Spinne freut sich schon. Kann dem Blatt nur gut tun, hat der Weberknecht heute gesagt.“
„Dann wäre ja alles in Ordnung. Prost, Harry!“ Der Wein war gekommen.
Harry sah seine Martha längere Zeit wortlos an und dachte: 'Eine wilde Henn', die Martha.'
„Tut mir nur leid, dass ich meinem alten Chef heut' hab absagen müssen“, sagte dann die Martha. „Die Zeichnung und der Artikel im Tagblatt über Aromen im Fruchtjoghurt haben den Muhammed Abdallah veranlasst, mir meinen alten Job bei Krauthappel wieder anzubieten.“

Anmerkungen
[1] Schaukelpferd

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