KunstGeschichten

KunstGeschichte: Sankt Ruprecht

Die älteste Kirche Wiens, ein Heiliger für Hunde und Salz und ein Tontechniker, der sich für einen Künstler hält. Erich Wurth mit einer vergnüglichen Geschichte rund um die Wiener Ruprechtskirche.

Auf das Jahr 740 soll die Ruprechtskirche in Wien zurück gehen. Allerdings weiß niemand, ob das tatsächlich stimmt. An Dokumenten ist aus dieser Zeit nahezu nichts vorhanden.
Zwar sind die Archäologen heute der Meinung, dass Wien bereits seit der Antike durchgehend besiedelt war, dass nach den Römern die Awaren im Römerlager Vindobona gehaust hätten, aber schriftlich belegt ist das alles nicht. Man hat nur irgendwelche Artefakte ausgegraben.
Das ist ja doch schon einige Zeit her. 740 hatte nicht einmal noch Karl der Große regiert, sondern dessen Großvater, der Hausmeier der Merowinger, Karl Martell. Und das Gebiet von Wien war noch nicht ins Deutsche Reich eingegliedert, das es noch nicht einmal gab. Überhaupt weiß man nicht viel darüber, wer hier damals das Sagen hatte. Es dürfte also ziemlich drunter und drüber gegangen sein...
Urkundlich wird die Ruprechtskirche erstmals im Jahr 1161 in einem Dokument erwähnt, das auf eine Schenkung des Herzogs Heinrich II Jasomirgott Bezug nimmt, in dem die Kirche an das Schottenstift übertragen wurde und als älteste Kirche Wiens bezeichnet wird.
Auch das dürfte nicht stimmen, denn unterhalb der Peterskirche wurden neuerdings Fundamente ausgegraben, die darauf schließen lassen, dass es eine noch ältere Kirche an dieser Stelle gegeben haben muss. St. Ruprecht dürfte deshalb nur die älteste noch bestehende Kirche Wiens sein!
Also keine genaue Buchführung damals.

1276 wurde das Gebäude nach einem Brand der Stadt umgestaltet und es fanden zum Teil frühgotische Elemente ihren Platz in der Kirche. Trotzdem wirkt sie immer noch romanisch. Die kleinen Fenster und der karge Innenraum lassen den Bau eher schlicht erscheinen, obwohl das Bauwerk bis 1147, dem Jahr der Fertigstellung des alten, romanischen Stephansdoms die Stadtpfarrkirche Wiens gewesen war.
Thomas Leinfellner beachtete die Kirche normalerweise gar nicht, wenn er vorüber kam. Und er kam relativ oft vorüber, denn die Ruprechtskirche liegt im berüchtigten „Bermudadreieck“ von Wien. Und in dessen Lokalen war Thomas ein häufiger Gast. Insbesondere im „Rap-Keller“, einem tief gelegenen Lokal gleich gegenüber der Kirche, das man nur durch den Hauseingang direkt am oberen Ende der Ruprechtsstiege betreten konnte und das eigentlich so etwas wie ein Clublokal sein sollte.
Thomas war einer jener modernen Typen, die sich einbilden, ganz großartig zu sein. Er hatte jetzt, mit gerade einmal einundzwanzig Jahren bereits seit zwei Jahren eine Stelle beim ORF, dem österreichischen Rundfunk und war Tontechniker im Funkhaus in der Argentinierstraße. Seine Aufgabe war das Ausrichten und Einstellen der Mikrofone bei Sendungen, bei denen ein Gast mitwirkte. Und das betrachtete Thomas als eine Art von künstlerischer Tätigkeit.

Wie er zu dieser Ansicht kam, ist zwar schwer nachzuvollziehen, denn die Behandlung von Mikrofonen ist gerade heutzutage eher eine handwerkliche Tätigkeit, für die man leicht angelernt werden kann. Und seinen Job hatte Thomas ja auch dem Onkel Ernst zu verdanken, der einen der Herren aus dem Personalbüro des Rundfunks kannte. Aber Radio setzte Thomas gleich mit Kultur – und Kultur setzte er gleich mit Kunst. Folglich bezeichnete Thomas sich im Geheimen als „Künstler“.
Während seiner Besuche im „Rap-Keller“ produzierte er sich hin und wieder als Rapper. Zu einer zwar rhythmischen, aber sehr eintönigen Musik gab er ein paar Töne von sich, verzichtete dabei auf jeden Reim und auch beinahe vollständig auf Melodie, aber seine Texte waren sehr aggressiv und verspotteten vor allem die friedlichen Spießbürger.

Die Lara Aigner stellte den Thomas auch diesbezüglich öfter zur Rede. Er möge doch nicht solche Beleidigungen in seine Nummern aufnehmen. Das habe er doch gar nicht nötig!
Diese Lara Aigner war ein seltsames Geschöpf. Und zwar in seelisch-geistiger Hinsicht.
Sie sah recht gut aus, hatte aber ein großes Problem mit ihrem Vornamen. „Lara“ war modern gewesen, als damals das Computerspiel „Tomb Raider“ um die Phantasieheldin „Lara Croft“ so gefragt war. Und das war einige Jahre so geblieben. Im Kalender stand der Name gar nicht, es hat also nie eine Heilige Lara gegeben. Und Lara Aigner hatte ein ganz eigenartiges Verhältnis zu religiösen Dingen. Jedenfalls störte es sie gewaltig, einen so durch und durch profanen Vornamen zu tragen.
Bevor sie in den „Rap-Keller“ ging, pflegte Lara regelmäßig die gegenüber liegende Kirche St. Ruprecht aufzusuchen. Wenn sie dann in dem schlichten Innenraum auf einer Bank saß, kam ihr des öfteren der Gedanke in den Sinn: »Da müsste man ein Kunstwerk aufstellen.« Die schmucklose Kirche machte einen armseligen Eindruck auf sie.

Fortsetzung von Seite 1


Mit den Lehren des Katholizismus hatte sie überhaupt nichts zu schaffen. Sie huldigte sozusagen ihrer „Privatreligion“, die zwar Elemente aus der katholischen Lehre enthielt, aber auch Ansätze zu einem gewissen Polytheismus, denn ihr persönlicher Himmel war bevölkert von einer Vielzahl von Heiligen, die in ihrer Bedeutung bei Lara beinahe die Rolle von „Göttern zweiter Klasse“ übernahmen. Es waren Schutzpatrone für so ziemlich alles, was da existierte. In ihrem Himmel musste es einfach „Spezialisten“ für alles geben.

Und auch deshalb hatte es gerade die Ruprechtskirche ihr angetan. Sankt Ruprecht war dem heiligen Rupert geweiht, dem Bischof von Salzburg, der, aus Worms kommend, im Jahr 711 das heute älteste Frauenkloster Nonnberg gegründet hatte. Rupert wird heute als Schutzpatron des Salzes verehrt, aber auch der Hunde!

Lara hatte einen Hund, um den sie sich kümmerte. Den Sebastian, einen recht großen hellbraunen Dobermannrüden, der einer alten Dame drüben im zweiten Bezirk gehörte, die regelmäßig den Supermarkt besuchte, in dem Lara an der Kasse saß. Nachdem diese Frau Stefanie Pichler aber nicht gut zu Fuß war, besuchte sie Lara regelmäßig nach ihrem Dienst im Supermarkt und ging mit dem Sebastian Gassi, wobei sie meistens auf dem Gaußplatz die Grünanlagen um den Kreisverkehr frequentierte, damit der Hund sein Geschäft verrichten konnte.

Als heute, wiederum nach einem Besuch in der Ruprechtskirche, Lara den „Rap-Keller“ betrat, lief ihr der Thomas Leinfellner direkt in die Arme. „Vorschriften machen“, beschwerte er sich. „Der Mickey hat keine Ahnung von der Kunst!“
Mickey war der Bandleader, der überdies E-Gitarre spielte. Hinter Thomas tauchte er soeben auf. „Wenn'st net da die eine Zeile auf achtzehn Silben kürzt, kriegst ane in die Fiesanamie[1], dass dir die Beisserl aussefliegn und du nur mehr Grieskoch fressen kannst!“, drohte er.
„Hau di in'n Rettich und lass abe!“[2], forderte Thomas auf.
„Na, na“, mischte sich Lara ein. „Wenn du ein Künstler bist, musst du doch eine Zeile verändern können!“
„Klar kann i das!“
„Dann mach's“, bellte Mickey, drehte sich um und verschwand im Hintergrund.
„Sag einmal, Tommy, machst du auch bildende Kunst?“, fragte Lara ganz beiläufig.
„Hab i zwar no net, bin aber sicher, das kann i auch!“, behauptete Tommy im Brustton der Überzeugung. „Warum denn?“
„Drüben, in der Kirchen fehlt was. So was wie a Heiligenfigur.“
Skeptisch sah Thomas die Lara an. „Bist a Kerzenschluckerin?“
Lara schüttelte vehement den Kopf. „Naa! I mein nur, da fehlt was!“
„Und was?“
„Na, die Kirchen is dem heiligen Rupert geweiht. Das is der Patron vom Salz und von den Hunden. Der tät rein passen! Kannst den machen?“
Thomas war etwas schockiert. Da stand eine fesche, junge Katz vor ihm und verlangte, dass er etwas in der Art einer Heiligenskulptur anfertigen sollte. Davon hatte Thomas natürlich nicht die geringste Ahnung. Andererseits, die Lara war immerhin ein Mädel, das Thomas sehr gerne einmal im Bett gehabt hätte. Da lohnte es sich schon, ein gewisses Risiko einzugehen. Irgendetwas würde ihm schon einfallen!
Das sagte er der Lara auch: „Klar, a Künstler macht alles, was mit Kunst z'tun hat. I bin ja kreativ! Mir fallt schon was ein!“
Das trug ihm einen Kuss ein. Vor allen Leuten im Rap-Keller. Und keinen angedeuteten, sondern einen mit dem vollem Einsatz der Lara. Thomas machte sich Hoffnungen, die Lara werde „ja“ sagen, wenn er sie auf einen „heißen“, zärtlichen Abend ansprach.
Das tat er auch noch am selben Abend. Und holte sich eine Abfuhr.
„Du mach erst einmal den Heiligen, dann seh'n ma weiter“, sagte Lara.
Aber das war keine so ganz einfache Angelegenheit. Thomas hatte nicht die geringste Ahnung von der Herstellung einer Skulptur. Also fragte er seine Kumpane vom Rap-Keller.
Die konnten ihm auch nicht viel weiterhelfen. Der Marcel hielt ihm einen Vortrag, er müsse nur einen Steinblock nehmen und alles weg schlagen, was nicht so aussah wie ein Heiliger. Zum Schluss würde der Heilige übrig bleiben.

Dem Thomas graute erst einmal vor dem vielen Schutt, der da anfallen musste. Und dann, einen Steinblock in seine kleine Wohnung in Margareten zu schaffen, kam ihm auch reichlich mühsam vor.
Nein, es musste etwas anderes sein. Kein Steinblock!
Thomas begann also, nachzudenken. Konnte man eine Heiligenfigur anders, einfacher herstellen? Er dachte daran, eine Kleiderpuppe mit Gips zu überziehen und die Gipsschicht zu bearbeiten, traute sich aber die Ausformung nicht recht zu.
Aber musste es eine Heiligenfigur sein? Die Lara hatte je etwas vom Schutzpatron der Hunde gesprochen. Also, wenn man eine Statue eines Hundes dort aufstellen könnte, wäre die Sache doch schon erledigt!
Aber wie die Statue eines Hundes machen?
Die absonderlichsten Gedanken kamen dem Thomas. Etwa, sich einen toten Hund zu besorgen und den in einen Überzug aus Gips hüllen. Da brauchte er sich nicht um Gesichtszüge kümmern. Der Weg schien ihm gangbar.

Fortsetzung von Seite 2


Am nächsten Tag wurde Thomas Leinfellner im Tierschutzhaus an der Stadtgrenze vorstellig. Einer Tierärztin, Frau Doktor Dengler, schilderte er seine Absicht und bat sie um einen toten Hund. Frau Doktor Dengler meinte, sie hätte gedacht, dass es für einen Bildhauer keine Schwierigkeit wäre, die Formen eines Tieres zu gestalten. Tote Hunde könne man einfach nicht abgeben! Da wäre der Tierschutzverein an gewisse Hygienestandards gebunden.
Aber die Frau Doktor wusste einen anderen Weg. Es gab da aufblasbare Gummitiere, die gegen eine bescheidene Spende abgegeben werden konnten. Wenn Thomas schon keine Skulptur formen wolle, dann könne er dieses Gummitier mit Gips überziehen.
Thomas war begeistert. Die Frau Doktor besorgte ihm einen Hund aus Gummi und Thomas spendete 50 Euro. So hatte also der heilige Rupert dem Tierschutzverein zu etwas Geld verholfen, was immerhin ein schöner Erfolg für den Heiligen war.

Der Gummihund war übrigens alles andere als perfekt. Gedacht war das Spielzeug vor allem als Schwimmhilfe für Kinder im Wasser und der Hund sah am ehesten einem großen Foxterrier ähnlich. Aber nur so ähnlich, denn eigentlich hatte er gar keine Rasse.
Die Verwandlung eines Kinderspielzeugs in eine ernsthafte Skulptur erwies sich als geradezu unmöglich. Der von Thomas angerührte „Elektrikergips“ hielt nicht auf dem Gummi und fiel immer wieder von der Gestalt runter – und schließlich blieb Thomas nichts anderes übrig, als sich Gipsverbände aus der Apotheke zu besorgen.
Die hielten dann endlich, aber die Skulptur wurde alles andere als ein Hund. Schließlich entstand ein vierbeiniges Monstrum, das noch dazu über und über von Beulen bedeckt war. Dort, wo das Verbandsmaterial etwas viel Gips enthalten hatte, waren die Erhebungen entstanden.
Mit einem scharfen Messer rückte Thomas den Beulen zu Leibe und glättete seinen aufgeblasenen Gummihund, der als Gipsstatue verkleidet war. Und bei einer Beule am Nacken drang das Messer zu tief ein, ein zischender Ton kündigte das Ende des „Kunstwerkes“ an und der Gipshund fiel in sich zusammen.
Thomas gebärdete sich wie Rumpelstilzchen im Märchen und fluchte in gekonnter Manier, aber die Skulptur war beim Teufel.
Jetzt ging das alles wieder von vorne los!
Also begann Thomas zunächst mit einer Recherche im Internet. Was war über den Rupert noch heraus zu finden?

Thomas erfuhr, dass die Ruprechtskirche keine Pfarre wäre, sondern eine Rektoratsgemeinde, die sich vor allem der Pflege von Kultur verschrieben hatte. Alte Musik wurde häufig aufgeführt und es fanden auch viele Lesungen statt. Die letzten Autoren waren Herbert Rosendorfer, Leo Perutz, aber auch Elias Cenetti gewesen und Vera Ferra-Mikura. Eine besondere Beziehung bestand zur Synagoge in der Seitenstettengasse, die ja in unmittelbarer Nachbarschaft gelegen ist.
Und dann erfuhr Thomas auch, dass direkt an die Ruprechtskirche das alte Salzamt angebaut war.
Thomas wunderte sich sehr! Er kannte lediglich die Redensart, „man könne sich beim Salzamt beschweren“, wenn ein Rechtsweg nicht zur Verfügung stand. Jetzt erfuhr er, dass es dieses Amt tatsächlich gegeben hatte!

Seit dem Altertum war Salz ein wichtiger Wirtschaftsposten in Österreich. Die Preise von Salz kamen manchmal sogar an den Wert des Goldes heran! Und mit den Abbaustätten in Hallein an der Salzach und im Salzkammergut um Bad Ischl und Hallstatt stand in Österreich ein wahrer Schatz zur Verfügung. Salz war ein Monopolartikel und gehörte seit jeher dem Herrscherhaus. Klar, dass man zum Abbau und zum Verkauf von Salz eine eigene Behörde brauchte!
Bis in die Neuzeit wurde Wien durch Salzschiffer versorgt, die das wertvolle Material auf Kähnen über die Traun oder sie Salzach und den Inn zur Donau brachten und in Wien am Salzgries landeten. Genau über dem Salzgries stand die Ruprechtskirche, die dem Patron der Salzschiffer geweiht war und dort fand der Handel mit dem Salz statt.
Der Kirchenraum diente zeitweise sogar als Lagerplatz für das Salz – und das Salzamt wurde im Jahre 1775 in das im vierzehnten Jahrhundert direkt neben der Ruprechtskirche erbaute „Praghaus“ verlegt. Die Zeche der Salzer war verpflichtet, die Ruprechtskirche zu erhalten und hatte dafür das Privileg zum Salzhandel, der auch direkt auf dem Salzgries stattfand. Daher nannte man die Salzer auch „Griesler“, aus welchem Begriff sich später die wienerische Bezeichnung „Greißler“ für einen Lebensmittelhändler entwickelte.

Fortsetzung von Seite 3


Am ersten April 1824 wurde der Handel mit Salz freigegeben und das Salzamt verlor seine Bedeutung. Aber erst 1832 wurde der ehemalige „Praghof“ demoliert. Also gab es acht Jahre lang neben der Kirche ein „Amt ohne Bedeutung“. Und dadurch erklärt sich die Redensart, sich „beim Salzamt beschweren zu können“.
Für Thomas stand somit fest, dass der heilige Rupert in erster Linie mit dem Salz in Verbindung zu bringen war. Also war Salz der Schlüssel zum Kunstwerk in der Ruprechtskirche!
Nun, einen Haufen Salz konnte man leicht vor dem Altar aufschütten! Das brachte sogar der Thomas problemlos zuwege!
Allerdings, auf den Gedanken kam sogar Thomas, war der optische Eindruck eines Haufens Salz nicht gerade überwältigend! Thomas versuchte, eine geeignete Form für das Salz zu finden.
Das von den Salinen Austria in den Supermärkten angebotene Salz ist in kleinen Kartons verpackt und eine Packung wiegt ein halbes Kilogramm. Die quaderförmigen Kartons lassen sich leicht stapeln und können sogar als Bausteine benutzt werden, wie sie Kinder verwenden.
Das war es! Thomas würde ein kunstvolles Monument aus den Salzpackungen errichten!
In einem Supermarkt in der Reinprechtsdorfer Straße fand Thomas ein Sonderangebot: Bad Ischler Spezialsalz, jodiert, zum Preis von 59 Cent pro Packung.
Und da man eben etwas investieren musste, wollte man die Lara ins Bett kriegen, gab Thomas ganze 590 Euro aus für insgesamt hundert Stück Salzpackungen.
Schwieriger als der Einkauf war der Transport seines Baumaterials in die Kirche. Die hundert Stück der Packungen waren in einen Überkarton geschlichtet, den Thomas mit seinem alten, kleinen Opel zum Morzinplatz brachte. Dort, wo der Salzgries früher verlaufen war, fand er einen Parkplatz, der zwar illegal war, aber einen guten Ausgangspunkt für das Verbringen des Salzes in die Kirche darstellte. Und dann schaffte er mit enormer Anstrengung den über 50 kg schweren Karton die Ruprechtsstiege hinauf auf die Stadtterrasse.

Oben, vor dem Eingang zum Rapkeller traf er auf Marcel und dieser half ihm, den schweren Karton in die Kirche zu schaffen.
„Was machst denn mit dem ganzen Salz, du Wappler?“, wollte Marcel wissen.
„A Kunstwerk“, sagte Thomas kryptisch.
„Und wie? Willst des aufstraan, damit si' ka Glatteis bildt?“
„Aus die Packeln mach i a Skulptur“, gestand Thomas. „Die Lara will des so.“
„Na, da bin i g'spannt!“ Marcel verzog sich hinüber in die Gefilde der modernen „Musik“.
Thomas öffnete den Überkarton und nahm einige Packungen des Salzes heraus. In der Apsis der Kirche begann er, seitwärts vom Altar die Packungen hin zu legen.
Plötzlich betrat ein etwa dreißigjähriger, bärtiger Mann mit Brillen die Kirche.
„Was machen S' denn da am Altar?“, fragte er.
„Da soll a Kunstwerk her“, sagte Thomas, der natürlich nicht wusste, ob dieser junge Mann zur Kirchgemeinde gehörte. Der bärtige Brillenträger kam näher.
„Und mit den Salzpackerln wollen S' a Kunstwerk machen? Und den Auftrag haben S' vom Pater Provinzial?“ Der junge Mann nahm die Brille ab und lächelte Thomas etwas skeptisch an. Thomas fiel auf, dass er leicht schielte. Aber genau das machte ihn dem Thomas gleich sympathisch.
„I will a Skulptur draus bauen. Für mei' Freundin, die Lara. Und von der Kirchen weiß keiner was davon“, gestand Thomas.
„Das sollte man aber schon dem Pater Gernot sagen“, meinte der Bärtige.
„Wer ist das?“
„Der Chef da. Pater Doktor Diplomingenieur Gernot Wisser, der Rektor der Ruprechtskirche und der Provinzial von Österreichs Jesuiten.“
„Ich mach aber sicher nix kaputt da“, beteuerte Thomas.
„Das weiß ich schon. Entschuldigen Sie, muss mich wohl vorstellen. Ich bin Maximilian Eisgrub und ich soll da eine Lesung machen. Ich bin nur da, um das Mikrofon aufzustellen.“
„Das mach ich schon für Sie! Ich bin Tontechniker beim ORF. Thomas Leinfellner mein Name“, sagte Thomas und die zwei jungen Männer schüttelten einander die Hand.
Die nächsten zehn Minuten war Thomas mit der Verstärkeranlage beschäftigt. Dann platzierte er das Mikrofon und nach kürzester Zeit lief die Tonanlage zufriedenstellend.
Dann nahm sich Thomas sein „Bauwerk“ vor.
Vor der Apsis legte er einige Salzpäckchen auf den Boden und darauf entstand zunächst einmal ein Turm. Die Salzpäckchen wurden wie einzelne Ziegel übereinander gestapelt und bald war der „Turm“ einen Meter hoch. Die Konstruktion war aber keineswegs stabil, es hätte gereicht, heftig gegen das Gebilde zu blasen, und der Turm wäre umgefallen.
Also verstärkte Thomas seinen Turm, indem er unmittelbar daneben einen zweiten errichtete, der den ersten Turm berührte. Die Reibung der Kartonflächen aneinander stabilisierte das Ding ein wenig, es reichte aber noch nicht aus. Folglich entstand ein dritter Turm hinter den beiden schon bestehenden.
Herr Eisgrub sah belustigt zu. Er hatte sich auf die vorderste Bank gesetzt und verfolgte die „Bauarbeiten“ aufmerksam.

Fortsetzung von Seite 4


Thomas trat zurück und überprüfte das Ergebnis. Die drei aneinander gebauten Stapel hatten bereits beinahe die Hälfte seiner hundert Salzpackungen verbraucht. Aber zufrieden war Thomas nicht.
„Entschuldigung“, sagte plötzlich Herr Eisgrub, „Was wollen Sie eigentlich damit erreichen?“
„Ach, das wird eh nix“, sagte Thomas enttäuscht. „Meine Freundin Lara hat gesagt, da in der Kirche fehlt a Kunstwerk. Sie hat an eine Figur vom heiligen Rupert gedacht. Aber ich kann so was nicht machen. Da hab ich mir gedacht, der Rupert ist der Pate vom Salz, also mach ich irgendwas aus den Salzpackungen. Aber wie man sieht, das funktioniert net!“
„Wieso können Sie keine Heiligenfigur machen?“
„Weil ich net modellieren kann.“
„Nie probiert?“
Thomas schüttelte den Kopf. „Viel zu kompliziert. Wenn man einmal daneben haut, ist der ganze Stein im Popo.“
„Na, man muss es halt können! Kunst kommt von können!“
„Da bin i anderer Meinung. Kunst is das, was man als Kunst verkaufen kann!“
Eisgrub wackelte mit dem Kopf, aber es war nicht zu erkennen, ob zustimmend oder verneinend. „Das ist nur teilweise richtig“, sagte er. „Aber ihre Salzpackerln können S' sicher net als Kunst verkaufen.“
„Abwarten“, meinte Thomas. „I muss das Zeug einmal anders probieren.“ Und damit begann er, seine Kartons wieder abzutragen.
Eisgrub stand auf. „Na, ich lass Sie allein. Vielleicht fallt Ihnen ja doch noch was ein.“
Vor der Kirchentür blieb aber Eisgrub noch einmal stehen. „Übrigens, Herr Leinfellner, machen Sie sich nix draus, wenn Ihnen nix mehr einfallt. Künstler kann net jeder sein und es gibt eh schon viel zu viele Leut', die sich dafür halten. Warum wollen denn grade Sie ein Künstler sein? Geltungsbedürfnis?“
Thomas traf diese Frage mehr, als er zuzugeben bereit war. Warum tat er sich diese Sache da wirklich an? Hatte dieser Bärtige recht mit seiner Vermutung?
„Es is wegen der Lara“, sagte Thomas verlegen. „Die lasst sich nur bumsen, wenn i da in der Kirchen a Kunstwerk aufstell'.“
„Vergessen S' den Hasen“, riet Eisgrub. „Bestellen kann man leicht was! Aber auf Bestellung a Kunstwerk schaffen, is was für Fortgeschrittene. Fanges S' klein an, wenn Sie selber was mit Kunst machen wollen. Malen S' vielleicht erst einmal mit Wasserfarben. Und denken S' dran: A andere Mutter hat auch a schöne Tochter!“ Und dann fiel die Kirchentür ins Schloss und Thomas war alleine.
Es war noch früh im Jahr und im Februar dunkelt es schon gegen 16 Uhr 30. Das Licht in der Apsis wurde immer schwächer und Thomas konnte die Salzpackungen, die hier lagen, kaum mehr erkennen. Er setzte sich auf die vorderste Kirchenbank und betrachtete nachdenklich die schemenhaften Salzkartons. Was er da vor hatte, war tatsächlich eine absolut sinnlose Arbeit. Die quaderförmigen Kartons konnte man nur wie ein kleines Kind übereinander schlichten. Das ergab kein Kunstwerk, sondern lediglich das Ergebnis eines kindlichen Spieles. Es war beinahe anzunehmen, dass die Kirchenbesucher die hier aufgetürmten Salzkartons umgehend entfernen würden. Das war auf jeden Fall nichts Heiliges, ja, das hatte in einer Kirche nicht das Geringste verloren. Zum Teufel mit dem Salz!

Thomas seufzte und holte den Überkarton, in dem er das Salz vom Morzinplatz hier herauf geschafft hatte, und schlichtete die kleinen Kartons wieder hinein. Das Licht wurde immer schwächer.
Plötzlich hörte er die Kirchentür ins Schloss fallen und sah auf. Es war Lara.
Sie kam durch die Dunkelheit den Mittelgang entlang und als sie vor dem Altar stand, sagte sie: „Was machst denn du da, Thomas? Noch nicht im Rap-Keller?“
„Ich komm' gleich rüber“, antwortete Thomas. „Räum' nur noch das unnötige Baumaterial weg.“
„Welches Material?“
„Das blöde Salz!“ Und dann erzählte Thomas der Lara unaufgefordert, dass er hier etwas zustande bringen hatte wollen. Und da er sich nicht zutraute, eine Steinfigur zu modellieren, hätte er aus Salzpackungen ein Standbild errichten wollen. Weil doch der Rupert der Patron des Salzes wäre.
„Und der Hunde!“, warf Lara ein.
„Ja. I hab auch ein' Gummihund mit Gips überzogen“, berichtete Thomas. „War auch nix. I bin halt ka Künstler! Leider!“
„Warum hast denn dann g'sagt, dass du so was machen kannst?“
„Weil du g'sagt hast, erst mach den Heiligen, dann seh'n ma weiter. Und i wollt so gern mit dir ins Bett. Du bist so a klasser Has', Lara!“
Thomas sah dabei so kläglich drein, dass Lara lachen musste. „Aber du hast schon vorher g'sagt, du kannst des!“
„Na ja, i hab's halt 'glaubt.“
„Aber no' nie vorher probiert! Na ja, du bist halt auch ein 'Herr Gut', der alles kann!“

Fortsetzung von Seite 5


Diesmal wurde Thomas einer Antwort enthoben, denn es kam ein Besucher in die Kirche. Es war wieder einmal der Herr Eisgrub.
„Warum machen Sie kein Licht?“, fragte er, ging vom Eingang nach links und betätigte irgendwo da hinten einen Schalter. Warmes elektrisches Licht erhellte die inzwischen fast völlig dunkle Kirche. Eisgrub kam wieder vor zum Altar und bemerkte die wieder im Überkarton verstauten kleinen Salzpackungen. „Aha, Sie haben's schon aufgegeben. Sehr vernünftig!“
„Aber da hätte doch noch eine Heiligenfigur herein gepasst“, beschwerte sich Lara.
„Vergessen Sie's“, meinte Eisgrub. „Seit 740 steht die Kirche, das geht aus einem Dokument eines gewissen Johann Lazius hervor, die jetzigen Mauern sind aus dem frühen 11. Jahrhundert und die jetzige Form hat der Bau 1276 gekriegt. In den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts hat die Kirche dann außerdem moderne Glasfenster bekommen. Lydia Rappolt hat die gemalt und die passen vorzüglich da rein. Alles andere wäre schon zu viel! Schauen Sie, die Kirche ist nicht besonders groß!“
Lara verzog trotzdem das Gesicht.
„Trösten Sie sich!“, sagte Eisgrub. „Ihr Freund da wollte Salzpackungen aufbauen! Na, die hätten auf gar keinen Fall da her gepasst. Lassen Sie doch die alte Kirche in Frieden! Ist ja trotzdem ein wertvoller, alter Bau! Und auch irgendwie schön, oder?“
Lara begann, ein wenig zu lächeln.
„Und seien Sie dem Herrn Leinfellner dankbar dafür, dass er da nicht auf Teufel komm raus was her gestellt hat! Ob eine moderne Plastik oder Salz in Kartons, beides wäre nicht passend gewesen. Na, jetzt hat er's begriffen. Weniger ist oft mehr!“
Lara wandte sich dem Thomas zu und gab ihm einen ganz ernsthaften Kuss.
„Na, sehen Sie, was man aus etwas, das anscheinend fehlt, alles machen kann?“, lächelte Herr Eisgrub.

Anmerkungen:
[1] Physiognomie
[2] Etwa: »Spring in die Kloschüssel und betätige die Spülung«