KunstGeschichten

KunstGeschichte: Schrebergärtner

Krieg unter Kleingärtnern mit Künstlerambitionen: Der Wiener Hugo kann nicht malen, während sein sächsischer Nachbar Günter Skulpturen meißelt. Ob die künstlerischen Differenzen bei einem Krügel Wein ad acta gelegt werden können, erfahren Sie einen Klick weiter.

Günter Köppke war nun schon beinahe zwanzig Jahre in Wien. Und schuld daran war seine Frau.
Helene hatte im Jahre 1991 eine Busreise nach Leipzig, Dresden und Halle an der Saale unternommen und dabei den Günter in Leipzig kennen gelernt. Helene war damals 39 Jahre alt gewesen. Günter war damals bereits fünfundvierzig und ziemlich verzweifelt, weil er als Angestellter der Reichsbahn abgebaut worden war. Damals gab es bereits Bemühungen, Reichsbahn und Bundesbahn zu fusionieren und als Dampflokführer hatte Günter ohnehin schlechte Karten.

Es war so etwas wie Liebe auf den ersten Blick gewesen, Helene hatte sogar ihren Reisebus sausen lassen und war einige Tage später mit der Bahn zurück nach Wien gefahren. Günter war bald darauf nachgekommen und in Wien hatten sie dann geheiratet.

Ihre gemeinsame Tochter hatte vor kurzem ebenfalls, sehr jung, geheiratet. Die Eltern Köppke hatten dem jungen Paar die gemeinsame Eigentumswohnung überlassen und waren in das Gartenhaus gezogen, das Helene Köppke vor Jahren einmal geerbt hatte.
Das Häuschen stand in einem etwa 400 Quadratmeter großen Schrebergarten im zehnten Bezirk, ganz nahe an der Autobahn. Nur ein Erddamm trennte die Siedlung von der berüchtigten Südosttangente und trotz dieses Schallschutzes war den ganzen Tag der Lärm des sechsspurigen Schnellverkehrsweges zu hören.

Das war aber zu ertragen. Weit mehr Probleme bereitete der Nachbar von Günter und Helene, ein allein stehender Pensionist von 67 Jahren mit dem Namen Hugo Birner.
Das Verhältnis zwischen den beiden Nachbarn war ein höchst kompliziertes, das man irgendwie mit „Hassfreundschaft“ bezeichnen konnte.

Hugo Birner hatte natürlich gleich beim ersten Kontakt zu Günter über den Gartenzaun hinweg an dessen Aussprache gehört, dass der Nachbar ein „Zuagraster“[1] war. Und da Hugo grundsätzlich mit jedem, den er nicht als Respektsperson einstufte, per „Du“ war, entwickelte sich folgender Dialog:
„Bist a Marmeladinger[2], häh?“
„Ein was, bitte?“
„A Marmeladinger, a Preiß! So, wie du red'st, kannst nur von durt ob'n kumma!“
„Ich bin aus Sachsen!“
„Na, sag i ja!“

So unerhebliche Kleinigkeiten wie die Unterscheidung einer Herkunft aus Sachsen, Thüringen, Berlin oder Hamburg erschien Hugo unerheblich. Nördlich des Weißwurstäquators bedeutete Preußen. Punktum.

Günter und Hugo freundeten sich bald an. Obwohl sowohl geografisch als auch sprachlich Welten zwischen Leipzig und Wien liegen, haben die Idiome doch eine gewisse, entfernte Affinität, die sie für den jeweils anderen Sprecher relativ leicht verständlich machen. Es könnte die breite Ausdrucksweise sein und das „verschlucken“ einzelner Silben, die eine gewisse Gemütlichkeit suggerieren.

Die erste Auseinandersetzung zwischen Günter und Hugo gab es, als Günter zum ersten Mal im Garten seinem neuen Hobby frönte, der Steinbearbeitung.
Um ein Haar wäre Günter damals gar nicht zur Reichsbahn gegangen, sondern hätte den Beruf des Steinmetz ergriffen. Eine Lehrstelle hatte er bereits in Aussicht gehabt. Warum er sich dann doch für Dampflokomotiven entschieden hatte, hätte er jetzt gar nicht mehr sagen können.
Aber nun hatte er immerhin ein eigenes Fleckchen Erde, wo man selbst verfertigte Skulpturen aufstellen konnte. Also versuchte es Günter wieder, nach langen Jahren Pause.

Schon vor geraumer Zeit hatte sich Günter anlässlich eines Besuches auf dem Zentralfriedhof das Bruchstück eines alten Grabsteins vom Müllplatz mitgenommen. Eine etwa 70 cm hohe Steinplatte, zwar mit einem Rest einer Beschriftung, aber zum Üben reichte das wohl.

Als die ersten Hammerschläge über den Zaun hallten, fiel das Hugo Birner trotz des monotonen Lärms von der Autobahn sofort auf. Er begab sich zum Zaun.
„He! Günter! Marmeladinger! Was is denn des für a Bahöö[3]?“
„Orbeet“, sagte Günter, in sein heimatliches Idiom verfallend. Er bemühte sich zwar, hier in Wien möglichst die Schriftsprache zu benutzen, doch das gelang ihm nicht immer, besonders nicht, wenn ihn Emotionen bewegten.
„Und was hackelst du da?“
„Wollt einmal Steinmetz werden“, erklärte Günter. „Wieder mol brobiere.“
„Bist wo dagegen g'rennt? Des is ja anstrengend! Da tu i mir leichter, i mal.“ Sofort sauste Hugo in sein Gartenhäuschen zurück und kam mit ein paar Gemälden wieder, die er über den Zaun reichte.

Günter sah sie der Höflichkeit halber an und meinte, ebenso aus Höflichkeit: „Bomfortionös!“
Hugo deutete das ihm unbekannte Wort instinktiv richtig und begann zu berichten, wo überall Aquarelle von ihm hingen: Beim Friseur Weinwurm, beim Fleischhauer Bodendorfer und drüben in Oberlaa bei den meisten Heurigen. Na ja, kein Wunder! Herr Birner malte ausschließlich Motive, die mit dem Wein zu tun hatten: Weingärten, Weinpressen, Weinkeller, Weintrauben, Weinfässer, Weingläser, Weinheber, Weintrinker und so weiter.

Die Arbeiten waren rührend naiv. Hugo hatte es weder mit der Perspektive noch mit den Farben tierisch ernst genommen. Und man muss zugeben, sich so ein Gemälde an die Wand zu hängen, erforderte einen gewissen Mut. Oder man war dem Maler einen Gefallen schuldig, sei es, weil er ein besonders guter Kunde war, oder man ihn aus einem anderen Grund schätzte.
In Oberlaa war es übrigens der Umsatz, den der Maler den Heurigenbetrieben brachte. Und zwar beinahe fast allen!

Günter reichte die Bilder wieder über den Zaun zurück und Hugo mahnte ihn: „Und du sei brav und mach kan Radau net“. Und auf den Steinklotz deutend fragte er noch: „Und was soll des werd'n, wenn's fertig is?“
Günter gab zu, dass er es noch nicht wisse. Irgendeine „moderne Schgulbdur“ würde es werden - und er klopfte weiter an dem ziemlich großen Brocken Kalkstein herum.

Hugo hatte sich in seine Hütte zurückgezogen aber das Klopfen hörte er natürlich noch, was ihn einigermaßen störte. „Hoffentlich haut si der Piefke endlich auf die Klebeln[4]“, murmelte er schließlich. „Aber fest, dass a Ruh' is!“

Günter gab keine Ruhe. Den ganzen Abend vermischte sich das Hämmern mit dem monotonen, rauschenden Brummen der Autobahn und Hugo Birner fühlte sich genervt. Erst gegen zwanzig Uhr, als es im Garten zu dunkel wurde, stellte Günter sein Meißeln ein.
Und etwa um Mitternacht überstieg Herr Hugo Birner mit Hilfe einer Doppelleiter den Zaun zu Nachbar Köppkes Garten.

Am nächsten Morgen um sieben kam Frau Helene Köppke im Morgenmantel und mit ihren Pantoffeln in den Garten, um frischen Schnittlauch für das Frühstücksbutterbrot zu schneiden. Um zum Beet mit dem Schnittlauch zu gelangen, musste sie an der Skulptur ihres Mannes vorüber. Die Skulptur war eigentlich noch keine, sondern immer noch ein unförmiger Kalkstein, aber da stand mit schwarzer Schrift darauf: „Hier ruht“ - und in der zweiten Zeile „ein störender Piefke“.

Erbost kehrte Helene ins Haus zurück und berichtete von der Freveltat.
Günter ging nach draußen, sah sich die Sache an und kam grinsend zurück. Das wäre sicher der Nachbar gewesen. „Der Birner, der Kriepel. No, der wird Räächen griechen beim Malen.“
Vorerst konnte Günter allerdings nichts tun, als die Schrift von seinem Stein abwaschen. Das ging recht gut, weil der Birner nur Wasserfarbe benutzt hatte.

Nachmittags saß Hugo Birner im Schatten eines Buchsbaumes und malte eine Weinflasche und ein Weinglas daneben. Da das Glas nicht so gefüllt war, wie es dem Hugo behagte, veränderte er mehrmals die Menge des Weines in dem Römer, indem er etwas davon in sich hinein goss. Wenn dann wieder zu wenig drin war, goss er aus der Flasche nach.

Und plötzlich begannen, schwere Tropfen zu fallen. Das Aquarell vor ihm wurde nass, die Tropfen wuschen die Farben vom Blatt und Hugo fluchte lautstark: „Fixlaudon no amal! Jetzt schifft's ganz ohne Wolken!“
„Ä bissel Räächen schad nix“, sagte jemand hinter dem Gebüsch. „Deene Bische sollen ooch Räächen griechen.“
Jenseits des Zaunes hatte der Marmeladinger Günter eine Beregnungsanlage am Ende eines Gartenschlauchs in Gang gesetzt und die Buchsbaumsträucher des Nachbarn ins Visier genommen.
Hugo war diesmal echt sauer. Er rief ein bekanntes Zitat aus Goethes „Götz“ über den Zaun, zog sich in seine Bude zurück und vermied die nächsten beiden Tage jeglichen Kontakt zu Günter.
Das fiel ihm insofern leicht, weil Günter täglich weiter an seiner „Schgulbdur“ arbeitete und sich nicht dabei stören ließ. Am dritten Tag rief der Bildhauer allerdings über den Zaun: „He! Gehärrnambudiertr! Biste immr noo rubbsch?“

„Du wirst glei a Packel Tetschen fangen, du Bosnigel“, schimpfte Hugo. „Schwabt mir die Farb weg von mein Büldl! Des hab i schmeissen kenna!“
„Wollt ich nicht. Ennschuldige. Kannst dafür meene Schgulbdur haben.“

Misstrauisch äugte Hugo über den Zaun auf das Machwerk des nervenden Sachsen. Günter hatte den Steinblock in eine seltsame Form gebracht. In der Mitte hatte er den Block durchschlagen und es sah etwa aus, wie eine dicke, unförmige, senkrecht stehende Klosettbrille. Aber da musste man schon sehr viel Fantasie haben.

Hugo rümpfte die Nase. „Und wie haaßt des?“
Günter zuckte die Achseln.
„Dann nennst es halt 'Das Leben', weil man macht viel durch“, schlug Hugo vor, auf die Form der Klosettbrille anspielend.

Günter wollte den Stein gleich zu Hugo hinüber schaffen, aber der schlug vor, das Kunstwerk lieber einem der Heurigen in Oberlaa zu stiften. Etwa dem Kornbeißer, der habe einen ausgezeichneten Roten.

Folglich wurde ein Besuch zu dritt beim Kornbeißer vereinbart. Hugo bestand darauf, dass Helene mitkam, um eine Fahrerin zu haben, falls am Ende der süffige Rote einen etwas höheren Alkoholpegel im Blut bedingen würde.

Helene war zwar „not amused“, einen Abend beim Heurigen vor einem Viertel Mineralwasser zu verbringen, weil sie zwei Saufglocken heimfahren musste, aber sie stimmte schließlich zu. Es konnte immerhin nicht schaden, wenn ihr Mann Günter ein wenig Kontakt zu den Leuten hier im Bezirk bekam.

Es war ein schöner Sommerabend, als Hugo und die beiden Köppkes den Garten des Lokals betraten. Hugo, der sich beinahe als „Hausherr“ hier fühlte, weil er das Lokal im Gegensatz zu den Köppkes kannte, trug ganz allein das doch sehr schwere Kunstwerk. Die meisten Tische waren schon besetzt, aber nahe am Eingang zum Buffet gab es noch einen freien. Die drei setzten sich und Hugo stellte die mitgebrachte Skulptur auf die Tischplatte, die aus einzelnen Brettern bestand.

Die Kellnerin nahm die Bestellung von Hugo entgegen, der einen Liter Roten orderte und für Frau Köppke ein kleines Mineralwasser. Zusätzlich äußerte er den Wunsch, Herr Kornbeißer möge doch bitte kurz hinter seiner Schank hervorkommen. Er solle entscheiden, wo das Kunstwerk aufgestellt werden sollte, das ihm sein Freund Köppke schenken wolle.

Erst kam die Kellnerin mit dem Roten in einer Karaffe und dem Mineralwasser, dann kam der dicke Herr Kornbeißer und sah nicht sehr intelligent drein. Die Skulptur verwirrte ihn. Da stand ein etwa ringförmiges Ding aus Stein auf dem primitiven grünen Tisch, bog drei der Bretter durch und wirkte irgendwie deplaciert.

„Was soll denn der hatscherte Rettungsring?“, fragte er befremdet.
„Das is a Kunstwerk, Kornbeißer. Und es g'hört dir!“
„Und was soll i damit?“
„Na, aufstell'n, damit ma's anschaun kann!“
„Wo denn aufstell'n? Glaubst, i hab z'viel Platz da im Garten? Da kann si' ja aner darstessen[5] drüber!“
„Na, wenn einer net seine Haxen heben kann...“, meinte Hugo und zuckte die Schultern.
„Des Glumpert nimm dir schön wieder mit, Alter!“ Der Wirt verschwand wieder im Inneren des Hauses.

Hugo nahm inzwischen am Tisch Platz und schenkte zwei Gläser mit dem Rotwein ein. „Komm, Marmeladinger, wir saufen den aus und gehen dann weiter zum Buchberger. Der hat ein' ordentlichen Müller–Thurgau! Kriegt der halt dei' Klobrillen!“
Helene Köppke sah den Hugo Birner böse an, sagte aber nichts dazu.

Die nächsten zehn Minuten brauchten die beiden, um der Karaffe Rotwein den Garaus zu machen, wobei den Löwenanteil sich Hugo einverleibte. Dann rülpste er ausgiebig und winkte der Kellnerin. Aber Anstalten, zu bezahlen, machte Hugo nicht. Wenn der Piefke schon sein Kunstwerk loswerden sollte, hatte er immerhin dafür auch die Kosten zu übernehmen.
Günter bezahlte und dann brach man auf. Helenes Auto wurde nach Süden dirigiert und direkt am Liesingbach befand sich „der Buchberger“.

Hugo trug wieder die Skulptur des Günter und wieder nahm man im Gastgarten Platz. Hugo bestellte einen Liter Müller – Thurgau und vergaß diesmal, ein Getränk für Helene zu ordern.
Die Karaffe mit dem Weißwein kam und dazu drei Gläser. Hugo schenkte die drei Gläser voll und ließ den Chef bitten, doch kurz heraus zu kommen. Die drei Viertel Roten begann er bereits zu spürten, so dass er nicht mehr darauf achtete, dass Helene nüchtern zu bleiben hatte.

Herr Buchberger, ein langer, dünner Mann mit Glatze, kam heraus und Hugo bot ihm die ringförmige Skulptur des Günter an.
„Hörst, Buchberger, das is a Kunstwerk von mein' Freund, dem Marmeladinger Günter aus Leipzig, a ganz a tolle Sache. G'hört dir! Wo soll ma's denn aufstelln?“
„Bei mir net“, sagte Herr Buchberger wenig zuvorkommend, verzog das Gesicht und marschierte zurück ins Haus.
„Buchberger“, rief ihm Hugo nach, „i geb ja zu, des schaut aus wie a Klobrillen. Aber das is was wert, du Ignorant!“
Buchberger blieb tatsächlich stehen und rief zurück: „Häng's an der Liesing auf, als Rettungsring!“
„Sei net deppert!“, rief Hugo zurück. „In der Liesing is no niemand dersoffen! Die is ja nur zehn Zentimeter tief! Außerdem schwimmt der Stan net!“
„Na, wird scho' no einer dersaufen! Wenn er des Ding auf die Birn' kriegt.“ Damit verschwand der Wirt wieder.
„Was sagst, Piefke, der will's aa net! Nehm' ma's wieder mit, oder probiern ma's beim Stelzer? Der Stelzer hat an guten g'mischten Satz!“. Hugo schüttete das erste Viertel in sich hinein. „Aber den da lass' ma net stehn!“

Günter und Helene tranken ebenfalls. Günter schmeckte der Wein überhaupt nicht. Er war bisher Rhein- und Moselweine gewöhnt und der leicht säuerliche Geschmack des Gewächses stieß ihn irgendwie ab. Aber Helene fand Geschmack am Müller–Thurgau.

Am Ende des zweiten Liters an diesem Abend war Hugo immer noch ziemlich nüchtern, Günter hatte fast nichts getrunken – aber Helene war etwas „eingespritzt“.
Auf der Fahrt zum Heurigen „Stelzer“ war sie deshalb besonders vorsichtig.

Beim Stelzer, der im Osten des Ortsgebietes von Oberlaa liegt, ging man wegen der Erfahrungen bei den Vorgängern etwas subtiler vor. Zunächst suchten die drei sich den Imbiss am Buffet aus. Hugo nahm etwas Deftiges, nämlich zwei Scheiben Kümmelbraten vom Schweinebauch, Günter schlug beim Käse zu und Helene begnügte sich mit einem gefüllten grünen Paprika, der Wurstsalat enthielt.

Der gemischte Satz des Herrn Stelzer enthielt einen erklecklichen Anteil an Muskattrauben und der schmeckte dem Günter wesentlich besser als der Müller–Thurgau vom vorigen Heurigen. Herr Stelzer war froh darüber, den Muskat gewinnbringend vermarkten zu können, denn den sortenreinen Muskat verkaufte sich nicht so besonders gut. Der Wiener ist an herbere Sorten gewöhnt.

Diesmal bot Hugo das Kunstwerk der Kellnerin an, die den Liter in einer Karaffe brachte. Diese sah sich die seltsame Skulptur misstrauisch an und meinte dann: „I schick Ihnen den Chef.“
Es dauerte aber noch eine Weile, bis Herr Stelzer in den Garten kam. Inzwischen wurde dem Imbiss zugesprochen und der Liter beinahe geleert. Dann tauchte endlich der Wirt auf: „Was gibt’s?“
„Da, des Kunstwerk g'hört dir, Stelzer! Hat mei' Freund g'macht. A moderne Skulptur! Und so a Loch passt wunderbar in dein' Garten, wo eh so viel Löcher da an die Tisch hocken und si' vollsaufen!“
„Kann i net brauchen“, sagte Herr Stelzer gleichgültig. „Die Leut da wollen an Wein beißen und kane Löcher anschaun! Nehmts des wieder mit.“
„Stelzer! Du weißt ja gar net, wie anregend des wirkt auf die Leut! Wenn da so a Loch steht, bestell'n die glei no an Liter nach!“
„Aber! Warum denn?“ Herr Stelzer grinste breit.
„Na ja, a Loch ghört aufgfüllt! Wenn die Leut des anschaun, merkens, dass aa no a Loch im Magen hab'n! Na, und dann füll'n sie's halt auf mit ein' Wein!“
Herr Stelzer machte nur eine wegwerfende Handbewegung und verschwand.

Hugo kaute kräftig an seinem Bauchfleisch und spülte mit reichlich Wein nach. Dann sah er sich seinen Freund Günter an. „Piefke, da hat's was! Wieso wollen die alle dei' Plastik net? Meine Bilder hab'ns alle gleich g'nommen.“
„Weil man a Bild viel leichter wegschmeißen kann“, sagte Helene kichernd. „Des gibt man ins Altpapier, aber den Stan muss man irgendwohin bringen.“
„Ha, ha, ha“, machte Hugo indigniert.
„Der Wein ist gut da“, meldete sich Günter plötzlich, der bislang kaum gesprochen hatte. Daraufhin hob Hugo die fast leere Karaffe hoch und winkte damit der Kellnerin, die sich soeben in der Nähe aufhielt. Diese nickte nur.

Keine Minute später brachte sie den zweiten Liter. Hugo schenkte die Gläser voll. „Müss'ma die Plastik halt wieder mitnehmen“, sagte er. „Du, Piefke, tu lieber malen statt so ein' Scheiß da machen. Siehst eh, es will kaner!“
„Malen! Kann ich nich“, sagte Günter. „Da kommt nur so'n Schiet raus wie bei dir.“
„Na, und was is dei' Plastik? A Loch in der Natur!“ Hugo war tatsächlich etwas böse.
„Seid's doch friedlich“, mahnte Helene, die bereits etwas schwerfällig sprach. Auffallen tat das aber nur dem Hugo. Er sah Helene kritisch an. „Kannst no fahren?“
„Viel besser, als sie malen können, Herr Birner“, behauptete Helene und kicherte ein bisschen dümmlich.
„Ei'gspritzt. Alle zwa!“, konstatierte Hugo und goss sich aus der Karaffe nach.
„Ich ooch noch mal bichln“, meinte Günter und goss den Rest des Weines in sein Glas.
„Aber jetzt is's gnua! Jetzt reicht's dann!“, forderte Hugo. „Jetzt soll uns dei' Alte ham bringen! Kannst dir ja no a Bouteilln mitnehmen, du Saufglocken!“
„Worauf du einen lassen kannst“, meinte Günter, stand schwerfällig auf und verzog sich ins Innere des Hauses, um noch für Nachschub zu sorgen.

„Fräulein zahlen“, rief Hugo, als die Kellnerin wieder auftauchte. Diese kam tatsächlich sofort zu Hugo und addierte die beiden Liter. Aber hinter der dicken Bedienung stand ein etwa vierzigjähriger Mann in dunkelgrauem Anzug und sah sich die steinerne Figur an, die auch hier wieder auf dem Tisch stand.

Diesmal bezahlte Hugo. Die Kellnerin streifte das Geld ein und der Dunkelgraue sagte, auf die Plastik deutend: „Tschuldigung. Was is denn des?“
„A Kunstwerk“, meinte Hugo. „Von ein' gewissen Günter Köppke aus Leipzig.“
„Köppke, Köppke, … der Name sagt mir was“, murmelte der Dunkelgraue. „Hat der nicht schon in Berlin ausgestellt?“
„Genau“, sagte Helene, obwohl es gar nicht stimmte. „Und da hat er ganz schön was verkauft. Das da ist übrigens auch zu haben!“
„Wie viel?“ Der Dunkelgraue war anscheinend interessiert.
Helene stand auf. „Da muss ich ihn fragen“, sagte sie und ging leicht schwankend auf den Schankraum zu.

Günter stand an der Schank und nuckelte an einem Viertel vom gemischten Satz. Eine gefüllte Literflasche stand neben ihm. „An den kann man sich gewöhnen“, sagte er in reinem Hochdeutsch.
„Du, da draußen möcht' einer wissen, was dei' Plastik kosten soll“, fragte Helene.
Günter bekam große Augen, soff das Viertel in einem Zug aus und marschierte mit der Flasche in der Hand hinaus in den Garten.
Bis hinaus zum Tisch überlegte er: Etwa 36 Stunden hatte er an der Skulptur herum geklopft. Eine Putzfrau bekam etwa zehn Euro pro Stunde, also so gesehen müsste er 360 Euro dafür verlangen. Aber er würde es mit dem Doppelten probieren!

Der Mann im dunkelgrauen Anzug strich soeben mit der Hand den Bogen des Loches in der Steinplatte entlang. Als Günter an den Tisch kam, fragte der Mann: „Wie viel soll das denn kosten und wie heißt das?“
„Wie viel ist Ihnen das denn wert? Heißt Feuerbüchse“, sagte Günter. Soeben war ihm eingefallen, dass die Statue ja Ähnlichkeit mit dem Feuerloch einer Dampflokomotive hatte.
„Net mehr als ein' Tausender“, sagte der Dunkelgraue. „Wo steh'n denn die andern Sachen von Ihnen?“
„Hauptsächlich in Sachsen“, gab Günter Auskunft, obwohl er gar nicht wusste, dass seine Frau schon vorgearbeitet hatte.

Da mischte sich Hugo ein, der bisher nichts mehr gesagt hatte: „Du verkaufst des Zeug net, Piefke! Dann machst no so ein' Scheiß, klopfst wieder im Garten und i hab ka Ruh mehr!“
„Na hör mal! Das iss'n Kunstwerk und ich hab das gemacht! Also kann ich's ooch verkoofn!“, beschwerte sich Günter. „Du kannst da auch was rumlurksen!“
„Na, wenn's wahr is“, jammerte Hugo. „Die Tangente reicht mir mit'n Lärm! Da brauch i net aa no ein' Piefgonen, der zusätzlich ein' Lärm macht wie a Industriebetrieb!“
„Immer kiefig und kann nur immer knatschen, der Runks“, beschwerte sich Günter kopfschüttelnd.

„Na, was is? Ein' Tausender?“, fragte der Dunkelgraue.
„Gemacht“, sagte Hugo und hielt die Hand auf.
„Na, glauben Sie, ich steck mir ein' Tausender ein, wenn i zum Heurigen geh?“, fragte der Mann im dunkelgrauen Anzug. „I hol mir das morgen ab und Sie kriegen den Tausender. OK?“
„Gut. Ich gebe Ihnen meine Adresse“, sagte Günter und schrieb seine Anschrift auf ein Stück einer Papierserviette. Der Mann steckte den Papierfetzen ein.
„Sehr gut! Dann bis morgen!“ Der Dunkelgraue verschwand.

„Nu, ei verbibbsch“, sagte Günter verwundert. Dann sah er Hugo an, der plötzlich still geworden war. „Und der Dussel sitzt da mit'm Flunsch. Du, hör mal, ich kann doch nicht die Binnunsen sausen lassen, nur damit du Ruhe hast!“
Hugo knurrte nur: „Ah, vergiss'. Abmarsch! Gemma, gemma!“ Er stand auf, griff sich Günters Kunstwerk und dann machten sich alle auf den Weg zu Helenes Wagen.

Helene, etwas beschwipst, fuhr die kurze Strecke von Oberlaa hinüber zur Südosttangente mit einem Tempo von etwa 30 km/h – aus Angst, ein Streifenwagen könnte sie kontrollieren. Aber das Heurigengebiet Oberlaa schien an diesem Tag nicht im Mittelpunkt des behördlichen Interesses zu stehen. Helene kam unbehelligt zu Hause an.
Seither wartet Günter Köppke auf den Herrn im dunkelgrauen Anzug. Er hat sich bislang nicht blicken lassen.

Manchmal regt sich in Günter der Verdacht, der Dämel Hugo habe den Herrn noch vor seinem Grundstück abgefangen und ihm erzählt, dass es Günters allererstes Kunstwerk war, das der Herr da erstehen wollte. Aber darauf angesprochen stritt Hugo Birner das auf das Entschiedenste ab. Und beweisen konnte man ihm nichts.
Hin und wieder hört man auch jetzt noch Hammerschläge aus Herrn Köppkes Garten. Aber, nachdem weder das Verschenken noch der Verkauf seiner Plastik funktioniert hat, ist das eher selten der Fall.

Und Hugo Birner wird von der Autobahn wesentlich mehr gestört, als von Günters künstlerischer Tätigkeit.

Anmerkungen

[1] Fremder, wörtlich: Zugereister
[2] Deutscher (im 1. Weltkrieg hatten deutsche Soldaten angeblich an Stelle von Butter billigere Marmelade im Marschgepäck)
[3] Lärm, von tschech. Bahol - Krawall
[4] Finger
[5] anstoßen, darüber stolpern

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