KunstGeschichten

KunstGeschichte: Speed-Dating

Als Christa Holzknecht für eine Teilnehmerin beim Speed-Dating im Kunsthistorischen Museum einspringt, weiß sie noch nicht, was ihr am Ende des Abends blüht. Erich Wurth über Tempo, Aufdringlichkeiten, verpatzte Chancen und Venedig.

Christa Holzknecht arbeitete als Assistentin bei Frau Generaldirektor Sabine Haag im Kunsthistorischen Museum Wien und hatte eines Tages eine ungewöhnliche Idee.
Seit Wochen dachte die Direktion über eine Methode nach, die Anzahl der Besucher zu erhöhen. Direktorin Haag erwog zunächst den Ankauf neuer Werke. Dies scheiterte aber am Budget des Museums. Werke Alter Meister kauft man eben nicht im Supermarkt, moderne Werke verbot das Museumskonzept. Christa Holzknecht verfiel dann auf den Gedanken, nicht die Kunstliebhaber anzusprechen, sondern eine ganz andere Zielgruppe. „Normale“ Bürger sollten ins Museum gelockt werden. Mit einer Veranstaltung, bei der sich junge Menschen treffen konnten, und zwar zum Kennenlernen. Die Gemälde der Alten Meister waren dabei zwar nur Zugabe, aber man konnte damit an der Besucherzahl etwas drehen.

Die Frau Generaldirektor war reichlich skeptisch.
Erstens grenzte das Vermitteln von jungen Paaren ein wenig an Kuppelei – und die hatte in einem Museum– noch dazu einem von Weltrang– nichts verloren. Und zweitens passte das Ambiente nicht. Junge Paare pflegten sich miteinander zu beschäftigen, Kunstwerke würden da nur stören.

Aber neugierig machen, wandte Christa ein. Wenn man hier etwas Interessantes erlebt hätte, würden die Leute wohl wiederkommen! Es käme nur auf einen Versuch an! Sie stelle sich für den Anfang etwa 10 Männer und 10 Frauen vor. Ab 18 Uhr, eine Stunde lang zum doppelten Eintrittspreis. Sie selbst, Christa, würde da bleiben und keine Überstunden abrechnen – na und dann brauche man nur noch einen Aufseher, der müsste reichen. Christa werde sich um alles kümmern.
Frau Direktor Haag seufzte zwar, aber Christa erhielt die Zustimmung. Nur müsse alles ganz korrekt ablaufen und Frivoles oder Erotisches wäre verboten!

Innerhalb kürzester Zeit waren die Vorbereitungen getroffen. In den Tageszeitungen wurde das erste Speed-Dating im KHM verlautbart und schon vier Tage später standen die Teilnehmer fest. Es waren, wie geplant, zehn Damen und zehn Herren.

Am 14. Februar um 18 Uhr sollte es losgehen.
Draußen war es bereits dunkel geworden, aber die Gemäldegalerie war hell erleuchtet. Im Foyer warteten neunzehn Teilnehmer auf den Beginn der Veranstaltung.

Nur neunzehn?
Ja. Die Frau Kramsacher war nicht erschienen. Niemand wusste, weshalb sie fehlte.
Christa Holzknecht wartete noch zehn Minuten. Niemand kam. Die übrigen Besucher der Galerie hatten das Museum bereits verlassen und Christa musste entscheiden, ob man die neunzehn Gäste in das obere Stockwerk bitten sollte. Aber irgendwie hatte sie Hemmungen. Zwanzig Teilnehmer sollten es sein, eine Dame weniger bedeutete eine gewisse Einschränkung, eine Änderung der Vereinbarung. Christa entschloss sich, die fehlende Frau Kramsacher zu ersetzen und selber am Speed-Dating teilzunehmen.
Immerhin war sie eine recht ansprechende Person. Schlank, mit dunkelbraunem Haar und ihre Figur war auch so, dass sich die Männer auf der Straße nach ihr umdrehten. Und irgendwie passte sie zu den anderen Damen, die erschienen waren.

Rasch musterte sie die Anwesenden. Die hatten sich alle irgendwie zurechtgemacht. Die Herren trugen alle Sakko mit Krawatte und die Damen waren in – zwar kurzen – Kostümen oder Kleidern gekommen, die aber alle einen passenden Rahmen für das KHM darstellten.
Christa beeilte sich, in ihr Büro zu kommen. Dort hatte sie ja auch Kleidung deponiert, für den Fall, dass sie später weg kam und noch etwas vorhatte. So sparte sie eine Menge Zeit!
Aber als sie in ihrem Büro den Schrank öffnete, sah sie, dass da nur ein Kostüm hing. Ein schwarz-graues Kostüm, das eher einer Geschäftsbesprechung angemessen war. Ach ja, sie hatte ja ihr dunkelgelbes Cocktailkleid erst vor drei Wochen angehabt, als sie direkt vom Museum zu der Vorstellung im Ronacher gegangen war!
Nun, es musste eben auch so gehen!

Sie schlüpfte aus ihren Jeans und zog den dunkelgrauen Rock an. In knapp zwei Minuten war sie fertig und legte noch etwas Eaux de Cologne auf. Rasch noch die Lippen nachgezogen und sofort lief sie ins Erdgeschoß hinunter.
Dort stellte sie sich den Teilnehmern vor, entschuldigte sich für das Ausbleiben der Frau Kramsacher und kündigte an, selber am Speed-Dating teilnehmen zu wollen. Dann bat sie die gesamte Gruppe, ihr zu folgen und gemeinsam stieg man zur Gemäldegalerie hinauf.

In einem Ausstellungssaal, der hauptsächlich Gemälde aus dem 18. Jahrhundert enthielt, war ein kleines Tischchen aufgebaut, an dem man Kaffee und alkoholfreie Getränke erhielt. In der Mitte des Saales stand eine oval geformte, in sich geschlossene Bank, die es erlaubte, sich so zu setzen, dass man jedes einzelne der Bilder im Blickwinkel haben konnte. Auf dieser Bank nahmen die Teilnehmer Platz.

Neben Christa kam ein älterer Herr zu sitzen, der sich als Boris Gundacker vorstellte und sofort begann, über sich zu erzählen. Er war angestellt im mittleren Management einer Treibstofffirma und verwickelte Christa gleich in ein Gespräch über Treibstoffzusätze. Diese war jedoch keine begeisterte Autofahrerin, bevorzugte in Wien die „Öffis“ und hatte keinerlei Ahnung, was sie normalerweise in den Tank ihres kleinen VW hineinfließen ließ. Superbenzin, diese Information reichte ihr. Dementsprechend langweilig fand sie das Gespräch.

Herr Gundacker machte Werbung für seinen Arbeitgeber und betonte, dass dessen Superbenzin den Zusatz „Formula YX plus“ enthielt, der sowohl die Ventile als auch die Zylinderkopfdichtung schonen würde und einen ruhigeren Lauf des Motors garantiere. Christa war aber nicht so schnell zu begeistern.
Somit ging Herr Gundacker auf die Verbrauchswerte über. Gundackers Sprit reiche für eine um fünfzehn Prozent gesteigerte Fahrtstrecke, da Formula YX plus den Benzinverbrauch radikal reduziere. Christa möge doch in Zukunft nur mehr das Superbenzin seiner Firma tanken, es wäre nur unwesentlich teurer als die Konkurrenzprodukte, bringe aber ein bedeutendes Mehr an Leistung. Christa versprach schließlich, den teureren Sprit das nächste Mal tanken zu wollen.

Da begann drüben am Tisch mit den Getränken ein Glocke zu läuten. Es war das Signal für den Tausch der Gesprächspartner. Zehn Minuten waren schon um und Herr Gundacker hätte diese Zeit mit voller Berechtigung seinem Arbeitgeber als Überstundenleistung verrechnen können.
Es kam Bewegung in die Gruppe. Die Herren umkreisten die ovale Bank in der Mitte des Saales und beobachteten die dort sitzenden Frauen mit taxierenden Blicken. Dann suchten sich die Herren einen neuen Platz.

Neben Christa setzte sich nun ein dunkler Typ mit Lederjacke, engen Jeans, einem knallbunten Hemd, enorm spitzen Schuhen in hellbraun, die nicht zu seiner Hose passten und einem Schnauzbart von geradezu gewaltigen Dimensionen. Die deutsche Sprache machte ihm einige Schwierigkeiten und wenn er ein Verb nicht wusste, gebrauchte er die Redewendung „machen“ mit dem entsprechenden Substantiv. Er stellte sich vor mit den Worten: „Ich nix machen viel Museum. Heißen Abdullah Anatoli und machen Gleise für Straßenbahn.“

Dann wetterte er gegen den österreichischen Staat, der die Scharia bisher nicht eingeführt hatte und kündigte an, dass er würde „machen Messer“ und „machen Kebab“, wenn irgendjemand zu seiner zukünftigen Frau würde „machen Glotzen“. Allah wolle das so, und er, Abdullah, wäre ein treuer Anhänger Allahs.
Christa fühlte sich gar nicht wohl in der Gesellschaft dieses anatolischen Bauarbeiters, dessen Sprache noch dazu kaum zu verstehen war. Als die Glocke vom Getränketisch her erklang, war sie daher enorm erleichtert.
Aber auch der nächste Herr an ihrer Seite war ihr von vornherein suspekt.
Er war etwa älter als Christa, trug keine Krawatte, aber einen weißen Rollkragenpullover und ein weinrotes Sakko, natürlich Jeans und er hatte die Hände schmutzig, offenbar befanden sich Reste von Farbe auf seinen Fingern.
Das Seltsame an dem neuen Gesprächspartner war aber, dass er Christa kaum beachtete, sondern das Gemälde vor ihm anstarrte. Es war eine Vedute von Francesco Guardi und zeigte das „Tor zum Arsenal in Venedig“, nach 1776 gemalt.

„Ich hab gar nicht gewusst, dass hier auch Veduten hängen“, sagte der junge Mann plötzlich.
„Nur sehr wenige“, antwortete Christa. „Einige Canalettos und der Guardi da drüben.“
„Kennen Sie sich so gut aus da?“, fragte der Mann.
„Christa Holzknecht. Ich arbeite da. Assistentin von Frau Generaldirektor Haag“, gestand Christa.
„Da sind Sie zu beneiden“, meinte der junge Mann. „Kunst ist mein Leben! Ich bin Marko Dolezal und ich male. Aber meistens nach moderner Art. Nur Veduten mache ich auch sehr gern!“
„Das ist im Zeitalter der Fotografie wohl nichts mehr“, meinte Christa.
„Doch! Grade im Zeitalter der Fotografie! Ein Foto zeigt doch nur, was tatsächlich da ist. Ein Gemälde viel mehr!“

Christa stand auf und ging zur Vedute des Francesco Guardi hinüber. „Na, es sieht fast so aus, als ob das Bild auch nur das wiedergibt, was damals tatsächlich da war“, sagte sie.
„Möglich“, sagte Marko. „Wäre interessant zu sehen, wie das heute ausschaut. Fahren wir hin und sehen's uns an?“
Christa war sehr überrascht: „Na, Sie gehen's aber ganz schön an!“
„Entschuldigen Sie“, sagte Marko. „Ich sag immer, was ich denke! Verstellen kann ich mich nicht.“
„Das ist ja sehr schön“, meinte Christa. „Aber manchmal eben etwas überraschend. Sie sollten nicht so mit der Tür ins Haus fallen!“
„OK“, sagte Marko. „Wann fahren wir?“
„Glauben Sie wirklich, ich fahre mit einem wildfremden jungen Mann nach Venedig? Ich hab doch gar keine Ahnung, ob Sie mich sympathisch finden!“ Christa war tatsächlich etwas empört über die Zumutung.

„Frau Holzknecht, wenn ich Sie nicht sympathisch finden würde, hätte ich den Vorschlag gar nicht gemacht“, sagte Marko. „Und in Venedig schauen wir uns die Galleria dell' Academia an und die Galleria Franchetti alla Ca' d' Oro. In der Akademie hängen viele Veduten von Bellotto, besser bekannt als Canaletto und im Ca d' Oro ein paar Guardis. Das müsste Sie doch auch interessieren!“
„Tut es ja“, gab Christa zu. „Aber Sie wollen das zu etwas Anderem benutzen!“
„Aber das hängt ja ganz allein von Ihnen ab“, sagte Marko, wobei er aber keinerlei Verlegenheit erkennen ließ. „Natürlich würde ich mich sehr freuen! Gar so ein hässliches Ungeheuer bin ich ja hoffentlich doch nicht!“
Christa musste jetzt über die geradlinige Ehrlichkeit des Malers lächeln.

„Übrigens kann man in einem Doppelzimmer preiswerter übernachten“, sagte Marko. „Und wie kommen wir dort hin? Flugzeug, Bahn oder Auto?“
„Wie Sie wollen. Ich komm nicht mit“, verkündete Christa.
„Bin ich doch so entsetzlich?“ Marko konnte es nicht fassen.
„Aber nein! Wir kennen uns doch erst zwei Minuten! Da kann man doch nicht über gemeinsame Ausflüge diskutieren! Noch dazu, wo Sie so offen zugeben, dass Sie mich im Bett haben wollen!“
„Ist doch besser, wenn Sie's wissen. Dann sind Sie nicht so überrascht!“
„Bei Männern muss man eh auf alles gefasst sein!“
„Na, sehen Sie!“

Und dann schwiegen sich Christa und Marko etwa eine Minute lang an. Marko studierte Christas Gesichtsausdruck – und dann studierte er alles Andere. Dabei dachte er: 'Verdammt fescher Hase! Na, die krieg ich schon noch so weit!'
Laut sagte er: „Sind Sie jetzt böse, weil ich so Tempo gemacht hab? Das heißt doch 'Speed-Dating', also hat's was mit Geschwindigkeit zu tun.“
„Aber Sie haben gleich den Turbogang eingelegt!“
„Auf einer geraden Autobahn ohne Verkehr können Sie schon den Turbo verwenden.“
„Gerade Autobahn?“, fragte Christa.
„Natürlich! Keinerlei Fragen über Sie! Sie sind eine sehr schöne Frau, sehr sympathisch und noch dazu mit Kunstverständnis. So eine, die man auf Dauer für sich haben möchte. Also, höchster Gang und aufs Gas! Kommen Sie! Wir fahren mit dem Auto, da brauchen wir uns nicht um Fahr- oder Flugpläne kümmern. Und in vier bis fünf Stunden sind wir in Venedig.“
„Das sind über 600 Kilometer! Vier bis fünf Stunden?“
„Na, wenn Sie selbst fahren wollen, dann halt sechs Stunden“, sagte Marko achselzuckend.
„Darauf können Sie sich verlassen, dass ich den Großteil der Strecke fahre! Ich bin doch nicht lebensmüde!“
„Sie kommen also mit?“, frohlockte Marko.
„Hab ich nicht gesagt! Aber wenn wir tatsächlich fahren sollten, fahre hauptsächlich ich.“
„Jawohl, Chefin“, sagte Marko. „Wie wär's nächsten Freitag? Dann könnten wir am Montag zurück sein.“

Christa begann auf einmal hellauf zu lachen. „Sie geben's nicht auf“, sagte sie. „Warum ausgerechnet Venedig?“
„Canaletto und Guardi“, meinte Marko. „Und das Tor zum Arsenal! Und außerdem ist man doch früher immer nach Venedig gefahren auf der Hochzeitsreise! Na gut, wenn Sie wollen, dann heiraten wir noch schnell vorher!“
Christa wurde ernst. „Damit macht man aber keine Witze“, sagte sie.
„Mach' ich doch nicht!“, protestierte Marko. „Ich überlass' es Ihnen! Wenn Sie vorher heiraten wollen, dann machen wir das, und wenn nicht, dann machen wir eine Probezeit in Venedig. Ich brauch' zwar keine, aber wenn Sie das probieren wollen, dann gerne. So zwei, drei Tage. Aber die könnten anstrengend werden.“
„Ich glaube fast, Sie meinen das wirklich ernst!“
„Sicher doch! Das hier ist ein Speed-Dating. Also habe ich Ihnen ganz schnell erklärt, was ich von Ihnen möchte. Ohne lange Einleitung und ohne Redensarten. Sie gefallen mir und ich möchte Sie haben. Für immer! Und damit Sie es mit mir probieren können, möchte ich mit Ihnen nach Venedig. Sie brauchen mir nur zu sagen, ob sie mitkommen – oder vorher noch heiraten wollen. Na, was ist?“

Christa sah sich den Mann neben ihr noch einmal genau an.
'Sieht gut aus', dachte sie. 'Und er weiß, was er will! Und er kann's auch durchsetzen. Gar nicht so schlecht, der Kerl!'
Und laut sagte sie: „Also gut. Aber ich fahre!“
„Gut“, sagte Marko. „Vielleicht kann ich Sie hin und wieder ablösen. Nächstes Wochenende?“
„Ja. Nächstes Wochenende.“
„OK. Speed-Dating beendet. Das müssen wir jetzt begießen! Kommen Sie mit?“
Christa zuckte die Schultern und stand auf. Marko erhob sich ebenfalls und wandte sich an die leise plaudernde Gruppe: „Speed-Dating erfolgreich abgeschlossen. Wir wünschen noch einen schönen Abend!“ Dann nahm er Christa an der Hand und führte sie über die Haupttreppe nach unten.
Am Haupteingang stand ein Aufseher. Der wünschte „Schönen Abend, Frau Holzknecht“ und öffnete die Tür.

Marko führte Christa hinüber zur Zweierlinie. Auf dem Maria-Theresien-Platz, der für den Autoverkehr gesperrt ist, stand ein dunkelrotes BMW 3-er Cabriolet mit geschlossenem Verdeck. Marko öffnete den Wagen und gab Christa den Schlüssel. „Wollen Sie ihn gleich fahren? Aber nur vorsichtig Gas geben, das Ding hat 420 PS!“
„Himmel, was kostet denn der?“. Fragte Christa.
„Etwas über 100.000 Euro“, antwortete Marko. „Ich fahr' halt gern schnelle Autos. Aber mit dem brauchen wir sicher nicht länger als 4 Stunden nach Venedig.“
„Wenn ich den fahre, dann geht's nicht schneller als erlaubt“, kündigte Christa an.
„That's up to you, honey“, sagte Markus ganz friedlich.
„Aber jetzt fahren Sie! Ich hab noch nie so einen Schlitten gefahren und würde mich gern etwas langsamer dran gewöhnen, nicht im abendlichen Stadtverkehr“, gestand Christa. Marko hielt ihr die Beifahrertür auf.
Christa nahm Platz und sah sich auf dem Armaturenbrett um. Ein Luxusauto! Allein die Verarbeitung war die hohen Kosten schon wert! In Christas Achtung stieg der Marko noch um mehrere Stufen!

Beim Einsteigen nahm Marko noch das Strafmandat von der Windschutzscheibe und warf es ins Handschuhfach. „Kriegt der Papa übermorgen“, sagte er nur.
„Der übernimmt das?“, fragte Christa.
„Klar! Der ist Bauunternehmer und hat's“, sagte Marko. „Das Auto ist auch von ihm. Aber ich bin der Zulassungsbesitzer.“
Dann fuhr Marko los. Und Christa bemerkte zu ihrer Freude, dass er ganz gesittet fuhr. Über die Zweierlinie bis zur Linken Wienzeile und dann stadtauswärts in Richtung Schönbrunn. Und ein Tempo von 60 km/h überschritt er nie.
„Wo fahren wir eigentlich hin?“ fragte Christa.
„Ihren Entschluss begießen“, sagte Marko. „Ich dachte ans Parkhotel Schönbrunn – und dann weiter zu mir. Ich bin in der Maxingstraße zu Hause.“
„Zu Ihnen? Warum denn?“
„Damit Sie mich etwas besser kennenlernen können.“
„Ich dachte, dafür fahren wir nach Venedig!“
„Sicher! Aber da sollten Sie mich schon ein bisschen kennen!“
'Dieser Marko ist ein sturer Kerl', dachte Christa. 'Der bringt mich noch so weit, dass ich tatsächlich mit ihm heute noch ins Bett gehe!' Und irgendwie wurde der junge Mann ihr etwas unheimlich.

In der Hietzinger Hauptstraße hielt Marko auf dem Busparkplatz vor dem Parkhotel. Ein livrierter Angestellter kam aus dem Hotel. Marko stieg aus und reichte dem Mann die Autoschlüssel und einen Geldschein. „Wir bleiben nur ein paar Minuten, Dragan“, sagte er. Daraufhin gab dieser Marko die Schlüssel zurück, steckte den Geldschein aber ein. „Heute kommt kein Bus mehr. Bleiben Sie nur da steh'n, Herr Dolezal“, sagte er.
„Dann verscheuch' aber die Kieberer“, verlangte Marko und deutete auf das Halteverbotszeichen vor dem Hotel. Dann sperrte er seinen Wagen ab und führte Christa die Stufen zum Hoteleingang hinauf.
An der Hotelbar bestellte Marko zwei Manhattan und erhielt dazu eine große Schüssel mit Salzgebäck.
Christa sah ihn forschend an und fragte: „Sie brauchen wohl nicht jeden Cent umdrehen, oder?“
„Ich verdiene ganz gut mit meinen Bildern“, erklärte Marko. „Papa bietet die nämlich den Käufern der Wohnungen an, die er baut. Und wenn die Leute fast eine Million investieren, ist ihnen so ein Bild auch ziemlich egal.“
„Und was malen Sie da?“
„Sie werden lachen! Wenn der Ausblick von der jeweiligen Wohnung halbwegs attraktiv ist, dann hängen sich die Leute diesen Ausblick ins Wohnzimmer. Da brauchen sie nicht eigens aus dem Fenster schauen. Trotteln, diese Reichen!“
„Ist doch gut für Sie!“
„Das will ich meinen! Hoffentlich bleibt Papa noch lang im Geschäft.“
„Ihr Papa macht wohl alles für Sie?“
„Ja. Dazu ist er ja auch da.“
„Und deshalb sind sie es gewöhnt, alles zu bekommen, was Sie wollen?“
„Stimmt.“
„Wenn ich aber jetzt nicht mitkomme zu Ihnen?“
Marko schaute ganz überrascht. „Warum sollten Sie nicht mitkommen?“
„Weil ich zu wissen glaube, was Sie zu Hause mit mir vorhaben“, sagte Christa.
„Na und?“, fragte Marko. „Ob nächste Woche in Venedig oder heute in Hietzing ist doch auch schon egal.“
„Mir nicht! Heute, das würde so aussehen, als ob ich's drauf angelegt hätte! Speed-Dating mit Nachspiel in Ihrem Bett! Das wäre einfach peinlich!“
„Das finde ich nicht so“, widersprach Marko. „Es ist nur eine logische Entwicklung. Speed-Dating – und die Folgen. Alles ganz natürlich. Wo ist das Peinliche?“
„Es ist eine körperliche Dienstleistung. Auch, wenn's nicht bezahlt ist.“

Marko sah Christa lange an. Dann sagte er plötzlich: „Wollen Sie was dafür?“
In der nächsten Sekunde hatte er eine Ohrfeige erhalten und Christa sah ihn böse an.
„Entschuldigung“, murmelte Marko. „War nicht ganz passend.“
„Na, wenigstens sehen Sie's ein“, meinte Christa.
„Vertragen wir uns wieder?“, fragte Marko uns hob sein Glas.
„Dann müssen Sie aber vorher nachdenken, bevor Sie solchen Scheiß sagen!“
„Versprochen. Prost. Sie wissen ja, ich heiße Marko. Sagen wir du zueinander.“ Marko trank und dann gab er der Christa einen Kuss. „Schauen Sie weg, Manfred“, sagte er zu dem Barkeeper.
Und dann folgte eine sehr intensive Liebkosung mit einer Menge von Küssen. Allerdings ging diese von Marko aus und Christa blieb etwas reserviert dabei. Als Marko endlich abließ, sagte Christa: „Du bist ein verwöhnter Fratz, Marko. Glaubst, du kannst dir alles erlauben. Dein Vater sollte dich einmal übers Knie legen!“
„Jawohl“, grinste Marko. „Aber das könntest ja du auch tun.“ Er trank seinen Cocktail aus. „Was jetzt? Standortwechsel? Ich möchte dir ein Paar Bilder zeigen.“

Christa trank ebenfalls aus und rutschte vom Barhocker. Marko schob einen Geldschein dem Barkeeper zu und sagte: „Stimmt schon, Manfred.“
Es war nur ein kurzes Stück Weg vom Parkhotel zur Maxingstraße. Marko wohnte ganz oben, beinahe am Montecuccoliplatz. Dort parkte er seinen BMW und führte Christa etwa hundert Meter wieder den Hügel hinab.
In einem Altbau, ziemlich genau gegenüber dem Hietzinger Friedhof, hatte Marko eine relativ große Wohnung im ersten Stock. Die Fenster gingen zum Innenhof hinaus, in Richtung Westen.
Als Marko Christa eintreten ließ, war die Wohnung natürlich dunkel. Aber dann schaltete Marko die indirekte Beleuchtung ein. An den Wänden des Vorzimmers hingen überall Gemälde.
„Konnte ich alle nicht verkaufen“, erklärte Marko und zeigte auf die Bilder. Es waren teilweise Aquarelle und teilweise Gouachen. Die naturalistischen Ansichten von Stadtlandschaften überwogen, dazwischen gab es aber auch sehr farbenprächtige, abstrakte Bilder, die schwer einzuordnen waren. Christa fand, dass dieser Marko tatsächlich sehr gut malen konnte.
Sie sah sich gerade eine der modernen, abstrakten Malereien aus der Nähe an, als Marko eine Tür öffnete und Christa weiter bat. Er führte sie in ein geräumiges Wohnzimmer mit einer weiß-ledernen Wohnlandschaft im Zentrum und bat Christa, Platz zu nehmen.
Christa setze sich und sah sich um. Zwei weiter Türen führten zu anderen Räumen. Die Wohnung schien tatsächlich sehr geräumig zu sein.

Marko verschwand im Nebenraum und kam nach wenigen Sekunden mit einer Gouache zurück. Es zeigte eine Balletttänzerin in einem blasslila Tütü, die mit einem Bein auf Spitze stand und das andere Bein steil hoch streckte. Das Gemälde strahlte eine gewisse Erotik aus.
„Ich wollte dir nur zeigen, was ich momentan mache“, erklärte Marko. „Das wird eine ganze Serie.“
„Hübsch“, sagte Christa. „Auch das Modell.“
„Das ist die Natascha vom Volksopernballett“, erklärte Marko.
In diesem Augenblick öffnete sich die andere Tür und heraus kam ein junges Mädchen in einem halb durchsichtigen, weißen Nachthemd. „Marko, ich hab's vergeigt“, sagte die weiße Gestalt, lief auf Marko zu und umarmte ihn.
„Die Fahrprüfung?“, fragte Marko, sichtlich überrascht. Das weiße junge Mädchen nickte verlegen. Jetzt erst fiel Christa auf, dass das junge Mädchen die Tänzerin auf dem Bild war.
„Mach dir nix draus“, sagte Marko, „das nächste Mal klappt's sicher!“
„Küss mich“, sagte Natascha. „Ich brauch' ein bisschen Trost heute.“ Und damit begann sie, den Marko abzuknutschen.

Christa stand auf und nahm ihre Handtasche. „Dann will ich sicher nicht stören“, sagte sie.
Marko machte sich mit Mühe von Natascha los. „Abmarsch, Natascha! Komm morgen wieder!“, sagte er mit Nachdruck.
„Werfen Sie doch Ihre Geliebte nicht raus!“, sagte Christa laut und mit einer gewissen Schärfe in der Stimme. „Sie hat Pech gehabt heute und braucht ein bisschen Zuspruch. Und eventuell noch was anderes.“
„Bleib da, Christa! Mit Natascha hab ich heute nicht gerechnet!“
„Aber sie ist einmal da – und sie braucht was. So hartherzig können Sie doch nicht sein, Herr Dolezal!“
„Natascha soll morgen kommen! Heut hab ich was anderes vor!“, protestierte Marko.
„Aber zu dem, was Sie vorhaben, gehören zwei. Und ich hab's heute nicht vor!“, sagte Christa. Und dann setzte sie hinzu: „Mit Ihnen übrigens auch in Zukunft nicht! Leben Sie wohl!“
„Christa, das ist doch nur ein dummer Zufall! Bleib doch! Wir müssen noch über unseren Ausflug nach Venedig sprechen!“
„Fahren Sie doch mit Fräulein Natascha nach Venedig. Malen Sie sie im Ballettkostüm auf der Rialtobrücke oder vor dem Arsenal! Und mich vergessen Sie!“
„Aber wieso denn? Die Natascha geht jetzt gleich heim! Das war nicht beabsichtigt! Heute bist du dran! Und die Sache mit Venedig ist doch fest vereinbart!“ Marko wurde sichtlich nervös. Offenbar war ihm die Anwesenheit der Tänzerin sehr unangenehm.
„Marko, ich hab bis jetzt immer nachgegeben und allem zugestimmt. Aber jetzt ist eine Grenze erreicht. Sie nehmen sich offenbar das Recht heraus, zwei Beziehungen gleichzeitig zu haben. Und das wird keine Frau tolerieren! Sie mögen ein guter Maler sein, aber auch ein verwöhntes Bubi wie Sie muss ein paar Mindesstandards tolerieren. Das tun Sie nicht, folglich ist es aus mit uns.“ Christa war ganz schön in Fahrt gekommen.
„Und Ihnen wünsche ich viel Spaß mit dem verwöhnten Söhnchen des Herrn Papa!“, sagte sie dann zu Natascha und rauschte aus der Wohnung.
Marko sah Natascha wütend an: „Und das alles, weil du Trampel nicht Auto fahren kannst!“

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