KunstGeschichten

KunstGeschichte: Spitzenbilder

Lady Gaga ist das beste Beispiel: Wer heutzutage ein erfolgreicher Künstler sein will, muss dem Publikum etwas bieten. Lesen Sie in der neuen KunstGeschichte von Erich Wurth wie Träume in Erfüllung gehen.

Zuversicht ist eine Geisteshaltung, die im Laufe der Zeit abnimmt.
Ein junger Mensch, noch unerfahren, vertraut darauf, dass man nur Talent brauche, um seinen Weg zu machen. Talent und vielleicht ein bisschen Glück. Und beinahe jeder Jugendlicher ist davon überzeugt, er habe Talent. Na, und Glück sowieso.

Mit vierzehn Jahren ist fast jeder bereit, „der Welt ein' Haxen auszureißen“. Da glaubt man, die Welt habe darauf gewartet, dass man in Erscheinung tritt. Und dann wird man ganz einfach der große Star.
In dem Alter weiß man noch nicht, dass nur der zum Star wird, den die Massenmedien dazu machen. Sicher, man braucht dazu auch entsprechende Voraussetzungen. Aber wenn man die Zahl der Jugendlichen, die solche Voraussetzungen haben vergleicht mit der Zahl der Jugendlichen, die zum Erfolg gelangen, wird man ein krasses Missverhältnis feststellen.

Melisa Kremser war da auch nicht anders als andere Jugendliche. Sie war jetzt knapp über zwanzig Jahre alt und träumte noch immer von einer erfolgreichen, wenn möglich künstlerischen Karriere. Als halbe Türkin war sie ein ausgesprochen hübsches Mädel mit kohlschwarzem Haar. Ihr Vater Mustafa hatte ihre Mutter zwar nicht geheiratet, das Verhältnis zwischen ihren beiden Eltern bestand aber noch immer. Na, ein wenig bestand es noch. Manchmal besuchte der Vater ihre Mutter – und für Melisa hatte er brav Unterhalt bezahlt. So wuchs Melisa (das war übrigens der einzige türkische Mädchenname gewesen, der ihrem Vater eingefallen war und der auch ein bisschen westlich klingt) in ordentlichen Verhältnissen in Wiens fünfzehntem Bezirk nahe der Stadthalle auf. Sie hatte bis zu ihrem sechzehnten Lebensjahr Ballettunterricht gehabt und war sehr sportlich, hatte die Mittelschule abgeschlossen und war jetzt in der Modebranche tätig. Sie entwarf Damenmode für ein renommiertes Unternehmen und fertigte oft ein Kleidungsstück nach ihren Entwürfen selber an, um sie ihren Chefs in natura vorführen zu können.
Melisa war recht erfolgreich in ihrer Firma (wahrscheinlich weil sie so oft mit neu entworfenen, selbst genähten Teilen ins Büro kam), verdiente nicht schlecht, aber zufrieden war sie nicht.
Sie war zwar kreativ tätig, aber damit konnte man nicht bekannt werden. Designer, die nicht über ihr eigenes Label verfügten, waren einfach nicht prominent.

Prominent zu werden war aber der Wunsch Melisas, wie es der Wunsch so vieler junger Leute ist, die in ihrer Verblendung nur den Ruhm sehen, nicht aber die Begleiterscheinungen. Man braucht sich ja nur den Andrang anzusehen, den Wettbewerbe wie „Deutschland sucht den Superstar“ hervorrufen! Offenbar verfügen Tausende von Jugendlichen über die ehrliche Überzeugung, bei solchen Veranstaltungen reüssieren zu können. Ein gesundes Selbstbewusstsein ist zwar etwas Schönes, die jungen Leute haben aber offenbar eine übersteigerte Form davon. Zuversicht ist halt nun einmal ein Privileg der Jugend.
Bei Melisa spielte da auch noch ein weiterer Gedanke mit: Wenn es ihr gelang, prominent zu werden, könnte sie tatsächlich eine eigene Produktion gründen. Ein eigenes Label, wobei ihr „junge Mode“ vorschwebte, vertrieben über ausgewählte Boutiquen.

Aber wie konnte man berühmt werden?
Was konnte sie denn eigentlich?
Mode entwerfen. Schön und gut, damit wurde man nicht berühmt.
Zeichnen konnte sie ganz gut, das brauchte sie für ihre Arbeit. Vielleicht konnte sie ein paar Bilder malen? Das müsste sie wohl zustande bringen. Aber mit Bildern wird heutzutage niemand eine Berühmtheit.

Eines Abends nach dem Büro traf sie eine alte Schulbekanntschaft, die sie auf den richtigen Weg brachte. Darinca war kroatischer Abstammung, ein dickliches, unbeholfenes Mädel, aber mit einem großen Herzen für Kinder. Folgerichtig hatte sie die Ausbildung zur Kinderkrankenschwester begonnen und stand kurz vor dem Diplom.
Bewahrt hatte sie sich ihre grenzenlose Bewunderung für die Größen der Popmusik. Anlässlich dieses Treffens mit Melisa, der Pop herzlich egal war, erzählte sie über den neuesten Auftritt von Lady Gaga.
An diesem Abend hörte Melisa interessiert zu. Offenbar war diese Popsängerin gar nicht so gut, was ihre Musik betraf. Aber sie hatte Anderes zu bieten.

„Die Frau ist total, total, total ausgeflippt“, berichtete Darinca. „Ich hab mir erst gestern wieder im Internet ihre Fotos angesehen. Alleine die Frisuren! Und das Outfit! Solche Kleidungsstücke hab ich noch nie gesehen! Dabei zum Teil echt hässlich! Aber Lady Gaga kann sich's leisten. Jeder weiß, dass sie sexy ist, da kann sie herumlaufen, wie sie will. Die Zeitungen nennen sie schrill, aber das ist viel mehr! Die Frau macht ein Kunstwerk aus sich selber!“
Jetzt war der Ausdruck Kunstwerk gefallen.

Melisa ließ diese Lady Gaga in ihren Gedanken nicht mehr los. Der Abend, der eine gemütliche Plauderei über alte Schulzeiten hätte werden sollen, endete relativ früh, weil sich Melisa nicht recht konzentrieren konnte und Darinca sich schließlich langweilte.
Nach Hause in die Wohnung ihrer Mutter gekommen, setzte sich Melisa vor den Computer und googelte „Lady Gaga“.
Darinca hatte völlig recht gehabt.
Das konnte sie, Melisa, ja auch versuchen. Mit Malerei statt mit Musik!
Dann begann Melisa nachzudenken. War das Kunst?
Eine abgedroschene Definition von Kunst lautet in Wien: Kunst ist, was man nicht kann. Denn wenn man's kann, ist es keine Kunst mehr.
So gesehen war sie also auf dem besten Weg, eine Künstlerin zu werden. Malen hatte sie noch nicht versucht, und sich so ausgeflippt anzuziehen wie Lady Gaga auch nicht.

Die nächsten Stunden verbrachte Melisa vor dem Computer und surfte im Internet in allen möglichen Sparten der Kunst. Dabei kam sie auch dahinter, dass die Artisten im Zirkus ja auch als Künstler bezeichnet werden, die Zauberer, Seiltänzer, die Clowns und dass Kunst viel damit zu tun hat, ob der Betrachter es als Kunst empfindet!

Besonders amüsiert war sie, als sie das Foto eines halb eingegrabenen, alten VW Käfers sah. Der Vorderteil des Autos steckte in der Erde und das Heck ragte in die Luft. Das war ein modernes Kunstwerk und der Schöpfer der Skulptur hatte ein kleines Vermögen dafür bekommen. Sie fragte sich, worin die Kunst hier lag: Im Eingraben des Autowracks oder darin, der Welt klar zu machen, dass man ein bedeutendes Werk geleistet habe?
Plötzlich erinnerte sie sich, einmal die Definition von „Geld“ gehört zu haben: „Geld ist, was als solches gilt.“
Könnte man das nicht auf die Kunst ebenfalls anwenden? Kunst ist, was als solche gilt?
Da gibt es doch „Künstler“, die mit bloßen Füßen über Glasscherben gehen. Dass man mit relativ einfachen Mitteln die scharfen Kanten solcher Glasscherben harmlos abrunden kann, ist dabei dem Betrachter nicht bewusst und der „Künstler“ scheint übernatürliche Fähigkeiten zu besitzen. Trotzdem: Bequem ist so ein Weg über Glasscherben sicher nicht, auch wenn kein Wunder dabei mit im Spiel ist. Und wenn das Publikum dafür bezahlt, so ist das Geld ehrlich verdient.

Dass in Wien einmal eine Praterbude ihre Hauptattraktion verlor, weil die „Dame ohne Unterleib“ schwanger geworden war, mag eine poetische Übertreibung sein, es ändert aber nichts an der Tatsache, dass manchmal Betrug zur Kunst gehört. Aber die Zuschauer lassen sich gerne betrügen. Sonst wären die „Magier“ nicht so gut im Geschäft.
Und möglicherweise ist die Kunst selbst gar nicht so wichtig, sondern die „Zugabe“!
Hätte sie möglicherweise so eine „Zugabe“ zu bieten?
Als Melisas Mutter gegen Mitternacht bemerkte, dass im Zimmer ihrer Tochter immer noch Licht brannte, ging sie nachsehen und fand Melisa, die ihre alten Ballettschuhe angezogen hatte und ein paar Schritte „auf Spitze“ versuchte.
„Was machst du denn da?“
„Ich kann's noch“, sagte Melisa erfreut. „Tut ein bisserl weh, die Schuhe sind etwas zu klein, aber ich kann's tatsächlich noch!“
„Warum machst du denn das?“
„Weil ich Künstlerin werde, Mama!“
Kopfschüttelnd schloss die Mama die Tür wieder. Töchter... besonders junge Töchter...

Schon am nächsten Tag begann Melisa mit den Vorbereitungen. Sie kaufte Staffelei, Farben und Leinwand, außerdem neue, passende Ballettschuhe und jeden Abend malte sie. Allerdings auf eine Art, die wohl nie zuvor ein Maler versucht hatte.
Im Grund genommen entwarf sie auch jetzt Muster für Damenkleider. Farbenfrohe, völlig ausgeflippte Muster. Das konnte sie und sie bedeckte die gesamte Leinwand damit, beziehungsweise wandelte sie das Muster zum Rand hin in Variationen ab.
Das wäre nichts Besonderes gewesen, aber Melisa malte das alles „auf Spitze“ stehend in ihren neuen Ballettschuhen.
Mühsam war das!

Am ersten Abend hielt sie es am Anfang gerade vier Minuten auf den Zehenspitzen stehend aus. Dann musste sie sich setzen. Beim zweiten Versuch am selben Abend brachte sie es beinahe auf zehn Minuten. Beim dritten Versuch beendete sie das Bild (sie war immer recht schnell gewesen, was die Muster betraf) und hielt dabei zweiundzwanzig Minuten durch.
Im Bett schmerzten dann ihre Zehen aber noch stärker die übrigen Muskeln und sie fragte sich, ob sie die ganze Sache nicht doch lieber aufgeben sollte.
Aber am nächsten Abend stand sie wieder auf den Zehenspitzen vor der Leinwand.
Nicht weil es ihr Spaß gemacht hätte! Sie wollte nur ihre Füße trainieren. Seit Jahren hatte sie nichts mehr in Bezug auf Ballett gemacht und ihre Muskeln, die zum Strecken des Vorfußes benötigt werden, waren einfach zu wenig kräftig. Da musste sie unbedingt was tun! Denn sie hatte sich vorgenommen, ihre Bilder persönlich zu präsentieren und dabei eine Show abzuziehen, indem sie sich ausschließlich auf den Zehenspitzen bewegte!
War doch einmal etwas Anderes!
Dazu gedachte sie noch, sich das Haar halb blau und halb orange zu färben und bezüglich ihrer Kleidung würde sie sich noch etwas einfallen lassen.
Zunächst brauchte sie jedoch Bilder!

Zwei Monate lang malte sie sozusagen am Fließband. Gedanken über ihre Bilder machte sie sich nicht. Sie malte einfach, wie es ihr gerade in den Sinn kam.
Mit der Zeit kam sie von den Mustern für Bekleidung ab und dekorierte einfach nur die weiße Fläche vor ihr. Ohne zu denken. Und jedes einzelne Bild entstand, während sie auf ihren Zehenspitzen stand.
Das war ein guter Einfall gewesen. Wenn sie malte, achtete sie gar nicht darauf, dass ihr die Füße weh taten. So bekam sie mit der Zeit eine gewisse Sicherheit und nach diesen beiden Monaten fiel es ihr gar nicht mehr auf. Sie nahm den Pinsel zur Hand und stellte sich fast automatisch schon auf die Zehenspitzen.

Dann hatte sie endlich fünfzig Bilder fertig (etwa zehn hatte sie weg geschmissen, darunter die ganz frühen) und jetzt kam es darauf an, einen Platz zu finden, wo sie ausstellen konnte.
Da machte sie wieder eine Entdeckung: Kunst ist nur dann gefragt, wenn andere was damit verdienen können. Oder glauben, was damit verdienen zu können.
Einen ganzen Tag lang rief sie Leute an und bot ihre Vernissage an. Erst, ohne über irgendwelche finanziellen Dinge zu reden, später gleich mit dem ausdrücklichen Zusatz: „Natürlich kostenlos.“
Ergebnis: Entweder der kurze Satz „Kein Interesse“ oder das wortlose Beenden des Gesprächs, indem der Gesprächspartner einfach den Hörer auflegte.

Ältere Leute, die schon mehr Erfahrung haben, hätten nach kürzester Zeit aufgegeben. Nicht so Melisa. Sie war jung, voller Enthusiasmus und sie glaubte an sich selbst. Sie glaubte nicht, dass sie malen könne, aber sie glaubte, dass sie locker so eine Vernissage (also mehrere Stunden) auf den Zehenspitzen durchstehen würde. Und das, sie selbst, war ja die Attraktion, nicht ihre Bilder!
Es ist die Frage, ob nicht die zweimonatige Plackerei für Melisa doch vergeblich gewesen wäre, hätte ihre Mutter nicht so ein obskures „Gratisbezirksblatt“ aufgehoben, das man ungebetener weise per Post bekommt: Inhalt: 99 % Werbung, 1 % Lokalnachrichten. Die Schlagzeile dieser Ausgabe lautete: „Immer mehr Hundekacke zwischen den Gemeindebauten und die EU tut nichts dagegen!!!“

Beim Abendessen mit ihrer Mutter fiel ihr dieses Druckwerk in die Hände. Sie blätterte darin, weil sie wissen wollte, was denn die EU mit den Hinterlassenschaften von Bello, Flocki und Daisy zu tun habe und stieß dabei auf einen Bericht über die Eröffnung eines neuen Schuhgeschäfts im Bezirk. Am nächsten Tag rief sie in der Redaktion des Sensationsblattes an.
Sie geriet an Herrn Rainer Bernbauer, der für den Verkauf von Werbeanzeigen verantwortlich war und der umgehend begann, mit Melisa am Telefon auf Teufel komm raus zu flirten.
Melisa schilderte ihr Dilemma, einen Platz für die Präsentation ihrer Gemälde zu brauchen. Die Eröffnung eines neuen Handelsbetriebes wäre ideal. Und im Übrigen stieg sie voll auf den „Schmäh“ ein, den Herr Bernbauer im Gespräch mit ihr laufen ließ.
In der Lugner City würde in zwei Wochen eine Buchhandlung eröffnet. Da könne er einmal die Betreiber fragen, ob sie einer Vernissage zustimmen würden.
Das würden sie bestimmt, meinte Melisa, denn sie habe ein ziemliches Spektakel vor. Wesentlich mehr, als ein paar Bilder auszustellen. Es würde in die Lugner City passen!

Die 1990 eröffnete Lugner City ist ein Einkaufszentrum, das der exzentrischer Baumeister Richard Lugner, nebenbei zweifelhafter Fernsehstar bei einem Privatsender (für den er sich selbst spielt) und gewesener Kandidat für die Bundespräsidentenwahl errichtet hat, indem er einen ganzen Häuserblock am Gürtel umgebaut und mit großzügigen Tiefgaragen versehen hat. Wie seinem Schöpfer Lugner haftet dem gesamten Komplex irgendetwas Skurriles an, obwohl man sich schwer tun würde, diesen Eindruck zu begründen. Aber es stimmte: Das, was Melisa vor hatte, passte zum Schauplatz. (Oder muss man heutzutage „Location“ sagen?)

Herrn Bernbauer gelang es tatsächlich, für Melisa die Genehmigung, ihre Bilder auszustellen, zu erhalten. Die Betreiber der Buchhandlung verlangten aber die Beschränkung auf zwei Staffeleien seitwärts vom Eingang. Die Künstlerin müsse eben öfter ihre Bilder austauschen. Aber mehr Platz könne man einfach nicht zur Verfügung stellen.
Als Bernbauer dann die Melisa zurückrief und ihr die Bedingung mitteilte, war Melisa höchst zufrieden damit.

Für den Tag, an dem die Eröffnung der Buchhandlung stattfinden sollte, hatte sich Melisa natürlich frei genommen und am Tag davor ging sie zum Friseur. Als sie der dortigen Chefin ihren Wunsch klar zu machen versuchte, schrie diese beinahe Zeter und Mordio! Melisa hatte doch so schönes, langes, schwarzes Haar! Das wäre doch ein Verbrechen, das färben zu wollen! Noch dazu blau und orange! Ob Melisa völlig übergeschnappt wäre?
Diese gab schließlich nach. Dass Lady Gaga sie auf die Idee gebracht hatte, bedeutete ja nicht, dass man die Verrücktheiten dieser Dame alle übernehmen musste und sie ging mit ihrer natürlichen Haarfarbe heim.

Und dann war es schließlich so weit.
Herr Bernbauer vom Gratisbezirksblatt war bereits eingetroffen und wartete mit einem Fotografen in dem Buchgeschäft. Melisa steckte noch in ihren üblichen Jeans und ihre Bilder waren noch im Auto ihrer Mutter, das sie sich für diesen Tag geborgt hatte. Herr Bernbauer bot sich an, ihr diese Gemälde aus der Tiefgarage zu holen und Melisa ging das erste Mal mit.
Herr Bernbauer war wesentlich zurückhaltender als damals am Telefon, nichtsdestoweniger machte er Melisa ein paar Komplimente über ihr Aussehen. Als er die Bilder sah, gab er allerdings keinen Kommentar ab.

Melisa stellte die beiden Staffeleien auf und zog sich im Büroraum der Buchhandlung um. Um 9 Uhr öffnete das Geschäft und Punkt neun Uhr stellte Melisa die ersten beiden Bilder auf die Staffeleien. Unter den beiden Staffeleien hing jeweils ein Schild mit der Aufschrift: „EUR 50,-“.
Herrn Bernbauer wären beinahe die Augen aus dem Kopf gefallen, als Melisa mit extrem engem, sehr kurzem weißen Minirock, einem extrem knappen, knall bunten Top in ihren Ballettschuhen auf den Zehenspitzen aus dem Geschäft trat und die beiden Bilder auf die Staffeleien stellte. Dann blieb sie daneben stehen, um auf Interessenten zu warten.
Erste Besucher des Einkaufszentrums blieben interessiert stehen, betrachteten aber nicht die Bilder, sondern Melisa.
Herr Bernbauer verschwand in der Buchhandlung, holte aus dem Büro einen einfachen Sessel und stellte den neben einer der Staffeleien auf. „Setzen Sie sich doch!“, forderte Melisa auf.
Die meinte nur lächelnd: „Danke. Ist nicht nötig.“
„Dann stellen Sie sich doch wenigstens normal hin“, schlug Bernbauer vor.
Melisa schüttelte den Kopf. „Dann wäre das alles nichts Besonderes“, sagte sie.
„Aber das muss doch anstrengend sein und auch weh tun!“
„Ich hab das trainiert. Wissen Sie, dass ich alle die Bilder auf den Zehenspitzen stehend gemalt habe?“
„Tatsächlich? Warum denn?“
„Zum Training. Ich hab fast vier Jahre nicht mehr Ballett gemacht.“
Bernbauer wunderte sich: „Aber wozu das alles?“
Melisa räumte die Bilder wieder in die Buchhandlung und holte zwei andere, die sie auf die Staffeleien stellte. „Sehen Sie sich die Bilder an“, sagte sie. „Die reißen niemanden vom Sessel. Sie selber haben nichts dazu gesagt, also finden Sie die Dinger auch schlecht. Da muss man eben was extra dazu anbieten. Die Malerin, die auf den Zehenspitzen läuft, zum Beispiel. Die Leute mögen Besonderes!“

Ein gut gekleideter Herr mit ganz leicht grauen Schläfen näherte sich Melisa und Bernbauer. Er ging nahe an eines der Gemälde heran und nahm die Brille ab. Konzentriert sah er sich das Gemälde an. Dann setzte er die Brille wieder auf und besah sich Melisa.
„Das Bild ist nur Durchschnitt“, sagte er. „Aber die Verkäuferin ist ein Hammer!“
„Die Verkäuferin ist die Malerin“, belehrte Bernbauer. „Und die hat die Bilder auf den Zehenspitzen stehend gemalt!“
„Tatsächlich?“, sagte der Herr. „Muss anstrengend sein. Na ja, veränderten Bewusstseinszustand beim Malen kann man auf verschiedene Art erreichen. Da wundert es mich, dass die Gemälde nicht besser sind.“
„Die sind doch großartig!“, widersprach Bernbauer. „Das sind Spitzenbilder! Zehenspitzenbilder!“
„Wenn es dazu ein Foto der Malerin gäbe, würde ich vielleicht das da kaufen“, meinte der Kunde und zeigte auf das Bild, das er vorhin so genau angesehen hatte.
„Können Sie haben“, sagte Bernbauer. „Ich hole nur rasch den Fotografen.“ Er verfügte sich in die Buchhandlung, traf aber seinen Kollegen dort nicht mehr, weil dieser einen Kaffee trinken gegangen war. Also ging er ihn suchen.

„Wenn sie das Bild nicht gut finden, warum kaufen sie's dann?“, fragte Melisa, die auf Bernbauer warten musste. „Es wäre übrigens das erste, das ich verkaufe.“
„Dann nehme ich es auf alle Fälle“, sagte der Herr. „Übrigens mein Name ist Böhm. Doktor Karl Böhm. Nicht verwandt mit dem Dirigenten.“
„Und sie finden den Preis angemessen?“
„Durchaus! Das Bild ist nicht schlecht, nur eben nicht überragend. Das wäre ein gutes Muster für ein Damenkleid, aber in ein Museum passt so was nicht!“
„Interessant“, bemerkte Melisa. „Im Zivilberuf entwerfe ich Damenmode.“
Doktor Böhm grinste. „Und ich dachte, Sie sind beim Ballett.“
Melisa lächelte nun ebenfalls. „Ich hab als Kind Ballettunterricht gehabt. Als Profi wäre mir das aber zu mühsam gewesen.“ Sie stand immer noch auf ihren Zehenspitzen.
„Und da tun Sie sich jetzt das an?“ Doktor Böhm schaute ungläubig und zeigte auf Melisas Ballettschuhe.
Melisa wurde verlegen. „Na ja, was tut man nicht alles, um prominent zu werden...“
Der Doktor lachte. „Und was haben Sie davon, wenn Sie prominent sind?“
„Dann könnte ich mein eigenes Modelabel aufmachen. Aber erstens braucht man dafür Kapital. Und zweitens, wenn man prominent ist, läuft das Geschäft von allein.“

Rainer Bernbauer tauchte mit dem Fotografen auf, und der begann sofort, das Blitzlicht in Tätigkeit zu setzen.
Der Buchhändler kam aus seinem Laden und bemühte sich, den Fotografen dahin zu drängen, wo man den Eingang zur Buchhandlung möglichst deutlich sah.
Melisa war wieder damit beschäftigt, die Bilder auszutauschen und der Fotograf schoss eine ganze Serie von Fotos, als ob diese Tätigkeit eine Sensation wäre. Inzwischen hatte sich mehrere Zuschauer eingefunden, in erster Linie natürlich Männer.
Dann ließ sich Bernbauer die E-Mail Adresse des Doktor Böhm geben und versprach, sämtliche Fotos digital an ihn zu senden.
Melisa nahm ihre ersten fünfzig Euro ein und Doktor Böhm verabschiedete sich. Auch das Team vom Gratisbezirksblatt zog ab ab – hoch zufrieden übrigens.

Das Blitzlicht, das doch eine ganze Menge Zuschauer angelockt hatte, erwies sich als günstig für Melisa. In der nächsten Stunde verkaufte sie acht weitere Bilder. Alle an junge Männer, die nicht in Begleitung ihrer Frauen waren. Dabei machte Melisa außerdem die Beobachtung, dass Ehemänner in Begleitung der Gattin immer erstaunlich rasch von dieser weg gescheucht wurden.
Melissa war amüsiert. Waren die Ballettschuhe also doch ein Erfolg.
Allerdings wurde die Sache mittlerweile doch recht unangenehm. Die Ballettschuhe drückten, die Zehen schmerzten und die Fuß- und Beinmuskeln ermüdeten. Melisa beschloss, doch etwa alle zwei Stunden eine kleine Pause einzulegen und sich fünf Minuten hinzusetzen.

Gegen Mittag hatte sie einundzwanzig Bilder verkauft und war körperlich ziemlich am Ende. Dass die Sache mit den Ballettschuhen so anstrengend sein würde, hätte sie nicht gedacht. Zu wenig trainiert?
Gegen vierzehn Uhr kam Doktor Böhm ein zweites Mal.
Melisa lief noch immer auf den Zehenspitzen herum, jetzt konnte sie aber kaum mehr.
„Alle Achtung“, sagte Doktor Böhm. „Sie sind ja wirklich konsequent! Das imponiert mir.“
„Und ich bin drauf und dran, aufzugeben“, jammerte Melisa. „Das Malen auf den Zehenspitzen war doch so einfach! Aber der Verkauf jetzt ist der reinste Horror!“
„Kunst produzieren ist meistens einfacher, als Kunst zu verkaufen“, stellte der Doktor weise fest. „Ich bin gekommen, um Ihnen ein Angebot zu machen. Wollte nur vorher noch sehen, ob Sie das wirklich länger durchhalten. Jetzt setzen Sie sich doch einmal!“

Melisa sah auf die Uhr. „In sechs Minuten geb' ich auf“, sagte sie. „Dann hab ich genau fünf Stunden durchgehalten. Zweimal hab ich mich nämlich jeweils fünf Minuten hingesetzt.“
„Und das bringt Ihnen Ihr ersehntes Unternehmen ein“, sagte Doktor Böhm.
Melissa kippte vor Überraschung von ihren Zehenspitzen herunter und stand ganz normal da. „Wie bitte?“
„Ich mache mit Ihnen gemeinsam eine Modefirma auf“, erklärte Dr. Böhm. „Sie sind natürlich die geschäftsführende Gesellschafterin und von mir kommt nur das Kapital. Einmischen werde ich mich nicht. Verantwortlich sind ganz allein Sie. Ihre Entwürfe sind gut. Nicht für Bilder an der Wand, aber für die Mode. Na, und Einfallsreichtum und Durchhaltevermögen haben Sie ja heute bewiesen. Machen wir das?“
Melisa brachte kein Wort heraus. Sie fiel nur dem Doktor Böhm um den Hals.
Der ließ sich aber dadurch nicht in seinem Vortrag unterbrechen: „Ich bin also sozusagen nur der stille Teilhaber, den Rest machen Sie. Das ist ganz Ihr Label, ja?“
Melisa gab dem Doktor einen richtigen, völlig ernst gemeinten Kuss.
„Und um den Verkauf mach ich mir auch keine Sorgen“, sagte der Doktor, als er wieder Luft kriegte. „Das Design ist Spitze und die Verkaufszahlen werden auch Spitze sein. Und wenn nicht, dann helfen Sie halt auf den Zehenspitzen ein bisserl nach.“

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