Buchrezensionen

Kunth, Felicitas: Die Rothschild'schen Gemäldesammlungen in Wien, Böhlau Verlag, Köln/Weimar/Wien 2006.

Im ausgehenden 19. Jahrhundert galten die in Wien ansässigen Rothschilds als eine der bekanntesten Käuferfamilien auf dem internationalen Kunstmarkt. Sie hatten eine beachtliche Kunstsammlung, nach dem Vorbild traditioneller Kunstkammern zusammentragen können, welche Merkwürdiges, Lehrreiches und Kostbares zur Schau stellte.

Davon ausgehend entstand eine große Gemäldesammlung, die in den Wirren des Zweiten Weltkriegs in ihrer Gesamtheit aufgelöst wurde. Obwohl 1945 und 1998 Versuche einer Restitution angestellt wurden, konnte die Sammlung in ihrer Vollständigkeit nicht wieder zusammengeführt werden.

Felicitas Kunth legt mit »Die Rothschild'schen Gemäldesammlungen in Wien« ein Buch vor, das die bekannte Gemäldesammlung vorstellt. Bei der Veröffentlichung handelt sich um eine gekürzte und überarbeitete Fassung ihrer Dissertation, die sie 2001 in Wien vorgelegt hat. Kunth beschäftigt sich ausführlich mit der Sammlung und rekonstruiert deren Entstehung und Auflösung. Dabei geht sie der Frage nach, ob die Familie aus Leidenschaft sammelte oder ob sie sich die Werke aneigneten, um einfach nur Luxusgegenstände anzuhäufen.

Dem Text ist eine ausführliche Vorstellung der Familie vorangestellt, die klären soll, welche Interessen die Familienmitglieder hatten und wie sich diese in der Auswahl der angeschafften Kunstobjekte widerspiegelte. Kunth beschreibt die Familie Rothschild als ehrgeizige Geschäftsleute, die sich mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln den Aufstieg in die Gesellschaft erkämpften.

Fortsetzung von Seite 1

Die Autorin erläutert darüber hinaus das gesellschaftliche Klima im damaligen Wien. Dies stellt sich auch durch die vergleichende Beschreibung weiterer Kunstsammlungen als ein Ballungszentrum kultureller Höchstleistungen dar. Schon im damaligen Wien wurde das Engagement der privaten Kunstförderer und der Kunstvereine immer wichtiger, zu welchen sich auch einige Familienmitglieder der Rothschilds zählten. Zu dieser Entwicklung lassen sich zur gegenwärtigen Kunstförderungspraxis Parallelen ziehen, sodass das Buch über sein eigentliches Thema hinaus besonders an Aktualität gewinnt.

Kunth macht deutlich, dass das Sammeln in den sozial besser gestellten Kreisen zum guten Ton gehörte, betont an dieser Stelle aber nochmals die besondere Situation der Familie Rothschild. Als Juden sahen sie sich antisemitischen Vorbehalten gegenüber, die ihnen die gesellschaftliche Akzeptanz erschwerten. Die Autorin stellt daraufhin die Hypothese auf, dass die Gründung der Kunstsammlung auch einen Versuch jüdischer Bürger darstellt, sich dem Land durch Kunst- und Kulturpflege anzupassen.

Den eigentlichen Kern der Veröffentlichung bildet aber die Vorstellung der Gemäldesammlung. Die Autorin hat feststellen können, dass die Sammlung ungefähr um 1840 aus einer Münzensammlung hervorging und ihre Erweiterung durch den Kunstsinn ihrer Besitzer beflügelt wurde. In der Betrachtung der einzelnen Werke ordnet Felicitas Kunth diese der jeweiligen Generation zu. In chronologischer Reihenfolge erläutert sie dabei die Ankäufe der Familiemitglieder und gibt Hinweise auf deren Motivationen. Als besondere Schwerpunkte streicht sie die holländische Malerei des 17. Jahrhunderts und die französische Malerei des 18. Jahrhunderts heraus.

Fortsetzung von Seite 2

Ebenso geht die Kunsthistorikerin der Frage nach, warum es bisher nur spärliche Versuche gab, sich wissenschaftlich mit der Sammlung auseinanderzusetzen. Bei ihren Untersuchungen kommt sie zum Schluss, dass es die Familie seit je her vermied, über den tatsächlichen Umfang der Sammlung Auskunft zu geben. Den Erwerb der Kunstwerke beschreibt Kunth als sehr diskret. Einmischungen von staatlicher Seite wollte man vermeiden. Die Autorin entdeckte Hinweise darauf, dass die Familie aus diesem Grund einen großen Teil der privaten Korrespondenz, Rechnungen und Geschäftsbücher vernichtete, wobei die beiden Weltkriege das Übrige zur Zerstreuung der persönlichen und geschäftlichen Papiere hinzu taten.

Das Ende der Sammlungstätigkeit verortet Kunth zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Mit dem Einmarsch der deutschen Truppen erfolgte die Auflösung der Sammlung und die Enteignung der Familie. Die Autorin versucht davon ausgehend nachzuvollziehen, welche Werke wohin geschafft wurden und zeichnet den Weg der Werke bis in die Gegenwart nach. Seit dem Wiederaufleben der Raubkunstdebatte Ende der Neuziger Jahre ermöglichte es ein österreichisches Bundesgesetz, umfangreiche Archivakten einzusehen. Somit konnte die Autorin Inventarlisten und das Rothschild-Archiv in London sichten.

Felicitas Kunth gelingt es, die Gemäldesammlung vorzustellen und dem Leser gleichzeitig einen Eindruck von deren Besitzern und deren Zeit zu vermitteln. Die einführenden Kapitel geben ein logisches Fundament zu den Überlegungen, die im Hauptteil angesprochen werden. Der Text ist mit zahlreichen farbigen und schwarz-weißen Abbildungen anschaulich ausgestattet, welche in drei Blöcken als weitere Gliederungselemente dienen. Den textlichen Erläuterungen fügt Kunth einen schematischen Stammbaum der Familie an und den zweiten Abschnitt bildet die ausführliche Inventarliste, die jene Gegenstände aufführt, die seit den Anfängen der Sammlung im Besitz der Familie standen. Nach Angaben Kunths ist diese die bis dato vollständigste Inventarliste.

Fortsetzung von Seite 3

Die Kunsthistorikerin Felicitas Kunth, die auch als studierte Juristin heute in der Provenienzforschung tätig ist, hat in ihrer Dissertation ein aktuelles Thema aufgegriffen. Mit ihrer Veröffentlichung stellt sie nicht nur eine bedeutende Gemäldesammlung vor, sondern stößt gleichzeitig auf die schwierige Problematik der Raubkunstdebatte.