Ausstellungsbesprechungen

Kykladen – Lebenswelten einer frühgriechischen Kultur, Badisches Landesmuseum Karlsruhe, bis 22. April 2012

Abstraktion in der Antike: In der Bronzezeit schufen Inselbewohner in der Ägäis elegante stilisierte Marmor-Idole, deren Stil große Künstler der Moderne wie Picasso und Brancusi faszinierte. Die umfassende Überblicksausstellung in Karlsruhe stellt die neuesten Forschungsergebnisse zur kykladischen Skulptur vor. Günter Baumann war dort und berichtet.

Wer kennt sie nicht, die Idolfiguren der Kykladen – doch was heißt schon »kennen«? Oft genug tauchen diese unnahbar schönen Marmorbüsten und -figuren in Modemagazinen auf oder sie figurieren als Vorbilder für klassisch-moderne Plastiken: Henry Moore, Pablo Picasso, William Turnbull, Wilhelm Loth, Lothar Fischer und natürlich Constantin Brancusi – die Liste ist beeindruckend. Schwieriger wird es, die frühgriechischen Skulpturen zu verorten, auch kulturell: Wozu dienten sie?

Da die Kykladeninseln zur altgriechischen Welt gehören und deren Glanzzeit vorausgehen, sollte man meinen, ihre Kultur müsste greifbarer sein als etwa die der Osterinseln. Die Ausstellung in Karlsruhe, die uns Leben und Kunst der Menschen auf den Kykladeninseln näherbringt, hat hier eine Menge zu leisten: sie rückt deren Kultur vordergründig noch weiter in die Ferne, um sie dann mit viel Sachkenntnis und zahlreichen Artefakten vors Haus zu legen, soweit dies überhaupt möglich ist. Für die Distanz sind die Ausstellungsmacher freilich nicht wirklich verantwortlich: Aber zum einen kommen zu den zauberhaft schönen »Unbekannten«, den Idolen, auch Schalen, Gefäße, Armreifen sowie Tierfigürchen, die den Zauber etwas ins Alltägliche rücken – prompt sehen wir uns konfrontiert mit der archäologisch-nüchternen Bestandsaufnahme einer untergegangenen Kultur, der man nur noch auf abstrakter Ebene begegnen kann.

Zugleich konnte man aus Farbspuren und unverwitterten Linien im Stein Farbfassung und Gesichtszüge rekonstruieren, deren Ergebnis ähnlich irritierend ist wie das der bemalten griechischen Skulptur, die man mittlerweile wohl recht gut bestimmen kann - sie war genauso wenig marmorweiß wie die kykladische Plastik. Doch eine solche Offenlegung ist notwendig, um die Fehleinschätzung durch den modernen Blick zu vermeiden, den gerade die Idole zweifellos provozieren. Man denke nur an das auch im Katalog abgebildete Foto, auf dem der Bildhauer Henry Moore nachdenklich eine Kykladenfigur in Händen hält, die ihn unmittelbar zu inspirieren scheint.

Die Ausstellung geleitet uns um 5000 Jahre zurück in die Bronzezeit. Reger Handel entfaltete sich, von dem die handwerklich geschickten Bewohner der bodenschatzreichen Kykladen profitieren, die auch über eine der frühesten Schiffsflotten verfügte. Die Töpferscheibe geht auf ihr Konto, wodurch die Keramik einen neuen Boom erreicht. Die Idole lagen in der Regel Gräbern bei, an ihrem kultischen Sinn ist kaum zu zweifeln. Der Reiz lag in der hohen Abstraktionsstufe, die eben noch die menschliche Gestalt erkennen ließ. Was man bislang kaum ahnte, konnte aus den Pigmentspuren entschlüsselt werden: Je nach Anlass, sei es Geburt oder Tod, Hochzeit oder ein anderer festlicher Akt, wurden die Figuren übermalt, änderten ihr Aussehen und wurden somit auch zum Dokument über die Lebenssituation des Besitzers. Der Sinn lag vermutlich darin, sich mittels dieser Idole den göttlichen Beistand in bestimmten Lebenslagen zu sichern.

Es geht der Karlsruher Schau nicht darum, diese Kunst um ihrer selbst willen zu zeigen, was man durchaus verstehen kann angesichts der geheimnisvollen Anmut der Marmorfiguren. Sie will vielmehr das Leben der damaligen Zeit ergründen. Schönstes Beispiel dafür ist ein rekonstruiertes Langboot im Modell. Was die Kenntnis über diese frühe Zivilisation erschwert, ist, dass keine Schrift bekannt ist und folglich direkte Quellen fehlen. Auch führte die Entdeckung oder besser gesagt die Neubewertung der kykladischen Kunst in den 1920er Jahren dazu, dass man sie einerseits zur Patin der modernen Kunst, andererseits aber auch zum Ziel von Grabräubern machte, die etliche Spuren zerstörten.

Das garantiert zum Leidwesen der Wissenschaft den Bestand an offenen Fragen an die Forschung auch über die Gegenwart hinaus (warum etwa die Kultur nach dem bronzezeitlichen Aufschwung plötzlich wieder unterging, weiß niemand)– ein großes Stück des Rätsels der kykladischen Idole bleibt auch nach Besuch der Ausstellung erhalten, was den laienhaften Besucher freuen mag. Wenn er darüber hinaus diese ferne Kultur rund um Delos (daher der mythisch grundierte Name der Kykladen nach ›kyklos‹ = Kreis) als »Drehscheibe zwischen griechischem Festland, Kreta und Anatolien« begreift, hat man zumindest ein Kapitel zu Beginn der europäischen Geschichte aufgeschlagen.