Ausstellungsbesprechungen

Lektüre: Bilder vom Lesen - Vom Lesen der Bilder, Franz Marc Museum Kochel am See, bis 23. September 2018

Still sitzen sie mit einem Buch in der Hand — Leser sind ein faszinierender Anblick, bleibt ihre Lektüre doch immer ein kleines Geheimnis. Kein Wunder, dass sie ein häufiges Motiv in der Malerei sind. Das Franz Marc Museum hat ihnen und ihren Bildern eine Ausstellung gewidmet, die sich Walter Kayser angesehen hat.

Eine der reizvollsten Fragen, über die man sich stundenlang den Kopf zerbrechen kann, lautet: Warum ist eigentlich herzhaftes Gähnen so schrecklich ansteckend? – Natürlich, die berühmten Spiegelneuronen! Aber was teile ich eigentlich meinen Mitmenschen mit, wenn ich gähne? Lediglich, dass mein ermattetes Gehirn dringend nach einem kräftigen Zug Sauerstoff verlangt? Oder dass ich auf nichts als auf totale Erschlaffung und Deeskalation aus bin, weil ich wie ein satter Löwe, der gerade eine Antilope verspeist hat, mich nicht mehr von meinem Lager erheben möchte? Ist demnach das atavistische Signal irgendeiner animalischen Stammhirnregion vielleicht zu verstehen als Beschwichtigungsbotschaft: »Ich zeige dir gelassen meine gewaltigen Reißzähne und bin doch kein bisschen aggressionsbereit; lassen wir uns in Ruhe! Wir könnten ja auch mal nur relaxet nebeneinander sitzen.«

Ein ganz ähnliches Signal gibt der Anblick eines Lesenden: Hier ist jemand ganz in seine eigene Welt versunken, er will nichts mehr von der Außenwelt, und was wirklich in ihm vorgeht und in welchen imaginären Regionen er sich gerade tummelt, bleibt sein Geheimnis. »Das Eigentliche ist unsichtbar«, wie schon der Fuchs dem kleinen Prinzen predigte. Die weiten Räume der angesprochenen Erinnerungen, die zutiefst geteilten Gefühle und Erregungen der Fantasie – alles bleibt dem Gegenüber fremd. Denn ein Leser ist paradoxerweise Raum und Zeit enthoben und zugleich tief abgetaucht. Die andächtige, höchst konzentrierte Form des Kombinierens von abstrakten Zeichen verleiht dem Leser kindliche Unschuld. Und noch grundsätzlicher vermittelt das Bild des Lesers die Erkenntnis: Jede Persönlichkeit stellt im Kern einen unzugänglichen Geheimnisbezirk dar.

Der Anblick eines lesenden Menschen ist immer ein Anblick des Friedens, der tiefen Versunkenheit und der selbstgenügsamen Einkehr: keine Arbeit, keine Bewegung, kein Kommunikationsbedürfnis! Lesende erwidern als Porträtierte den Blick nicht, sind wie abwesend und gerade dadurch ganz bei sich und völlig ungekünstelt. Sie machen die Betrachter eines Bildes stets zu Voyeuren einer intimen Handlung. Kein Wunder, dass von Lesenden deshalb ein einzigartiger Reiz ausgeht, den auch Maler immer wieder fasziniert einfangen wollten. Nun könnte man sofort einwenden, dass das doch »reichlich weit hergeholt« sei; schließlich könne sich ein Künstler einfach kein Modell wünschen, das bereitwilliger stillhalte. Das wäre allerdings doch etwas sehr oberflächlich motiviert und kaum der Kunst wert.

»Lektüre: Bilder vom Lesen – Vom Lesen der Bilder« ist das reizvolle Thema einer Ausstellung, die das Franz-Marc-Museum in Kochel am See in diesem Sommer präsentiert. Das ist nicht ganz neu, zumal wenn man an die besondere Rolle von Leserinnen dabei denkt: Erst vor wenigen Wochen erschien von der Literaturkritikerin und Piper-Verlegerin Felicitas von Lovenberg die »Gebrauchsanweisung fürs Lesen«, in welcher sie die unterschiedlichsten Vorzüge dieser Tätigkeit preist, in welcher sie unumwunden ein »Zähneputzen für den Geist« sieht. Und erst 2012 erschien im Elisabeth-Sandmann-Verlag Stefan Bollmanns überaus erfolgreiches Buch über »Lesende Frauen in Malerei und Fotografie« mit dem schönen Titel »Frauen, die lesen, sind gefährlich«, publikumswirksam mit einem Vorwort von Elke Heidenreich eingeleitet.

Selbstständiges, individuelles Lesen war die entscheidende Kulturtechnik, mit der sich in den letzten Jahrhunderten die aufstrebende Klasse des Bürgertums konstituierte, stand sie doch für Bildung, moralische Unterweisung und die Behauptung von Privatheit. Die einsame Tätigkeit, zumeist in aller Stille und in geschlossenen Räumen ausgeübt, war, nachdem sie lange dem Klerus vorbehalten war, somit ein Vehikel der Emanzipation, — auch und besonders der Frauen. Kein Wunder, am Ende des bürgerlichen Zeitalters erfreut sich dieses Motiv auch heute noch großer Beliebtheit.

Vor allem aber sind das Thema des Katalogs und die Bandbreite der in Kochel ausgestellten Kunstwerke von der Kuratorin Cathrin Klingsöhr-Leroy sehr viel weiter gefasst. Das ist geschickt, denn wer sich nach Kochel aufmacht (bei aller Schönheit nicht gerade der Mittelpunkt der Welt), ist vermutlich nicht nur kunstinteressiert, sondern auch den Büchern nicht abgeneigt (zumal auf Reisen und in den Wochen der »Sommerfrische«). Die Randständigkeit dieser Voralpenlandschaft lässt natürlich an Lovis Corinth, Franz Marc und den ganzen Umkreis des »Blauen Reiters« denken. Deshalb nimmt es nicht wunder, wenn ein Schwerpunkt der gezeigten Bilder auf der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts liegt. Daneben sind aber auch jene Künstler zu sehen, welche Schrift und Zeichen oder die Geste des Schreibens zu ihrem malerischen Thema gemacht haben. Schon Paul Klees Vorliebe für Zeichen, die wie Runen oder Hieroglyphen über den Malgrund verteilt werden, gehört hierher (wiedergegeben auch auf dem liebevoll gestalteten Leineneinband des Katalogs). Oder die dem surrealistischen Verfahren der »écriture automatique« verwandten Bilder von Henri Michaux, die »decollagierten« Plakatwände eines Jacques de la Villeglé und nicht zuletzt, gegen Ende des letzten Jahrhunderts, Cy Twomblys expressiven Kritzeleien, Verwischungen und Übermalungen. Wie breit gestreut hier das Thema Berücksichtigung findet, zeigt abschließend eine kleine Serie der berühmten Bibliotheksbilder der Fotografin Candida Höfer: Kathedralen des Wissens, Oasen der Stille, Tempel der Weisheit. Sie werden im Herbst in erneuter Auflage und in der gewohnten Qualität ebenfalls bei Schirmer neu aufgelegt.

Wie wunderschön und mit Liebe zum Detail der Katalog gemacht ist, erweist sich im Einband, das in den Leinebezug vertieft noch einmal Klees »Alphabet WE« von 1938 aufnimmt, in der Qualität von Papier und Abbildungen, in der großzügigen Platzierung des Textsatzes und nicht zuletzt auch im spielerischen Umgang mit unterschiedlicher Typographie, die sich den Kunstwerken annähert. Und noch in einer anderen Hinsicht sucht der Katalog die dialektische Umkehrung, welche im Titel anklingt, zu berücksichtigen: Etliche interessante Texte der letzten hundert Jahre umkreisen, ja, beschwören die Wonnen des Lesens auf poetische Weise. Marcel Prousts selbstreferenzielle »Tage des Lesens« waren zumindest teilweise eine essayistische Vorstufe zu seinem Jahrhundertwerk. Walter Benjamin, Jean Paul Sartre, Kurt Tucholsky, Vladimir Nabokov, um nur einige prominente Schriftsteller zu nennen, frönen in ihrer Art wort- und bilderreich ihrer stillen Leidenschaft im Umgang mit Büchern. Nicht minder originell, modern und selbstreferenziell ist Jochen Wagners Klage: »Nun kann ich lesen, lesen lernen nie mehr«.

Im siebten und letzten Band des Proustschen Jahrhundertwerks, der »Wiedergefundenen Zeit«, heißt es einmal, dass der gelesene Text so etwas darstelle wie »eine Art von optischem Instrument, das der Autor dem Leser reicht, damit er erkennen möge, was er in sich selbst vielleicht sonst nicht hätte sehen können«. Dasselbe gilt für das Betrachten von großen Werken der Malerei.