Ausstellungsbesprechungen

Lucas Cranach in Bremen, Kunstsammlungen Böttcherstraße, bis 23.August

Die Werke der Ausstellung zeigen anschaulich den Erfolg der Cranach-Werkstatt in Wittenberg. Hier entstanden neben den bekannten Porträts der Reformatoren Luther und Melanchthon auch traditionelle sakrale Motive und sinnliche Akt-Darstellungen nach antiken Vorbildern.

Bremen ist reich an Cranach. Das sieht man nicht immer, weil sein Werk auf mehrere Stellen verteilt ist: Dom-Museum, Kunsthalle, Roselius-Haus. Neben 35 Gemälden – darunter acht aus Bremen – begegnen dem Betrachter zahlreiche Grafiken des Künstlers, der einst – vor 500 Jahren – den Ruf als »schnellster Maler« erhielt, was auf seine Produktivität gemünzt war. Was als Lob gedacht war, wurde nicht zu allen Zeiten so gesehen – Dürer-Fans etwa oder Freunde des gehobenen Individualismus konnten mit dem firmenhaften Kunstgebaren Cranachs wenig anfangen. Dazu kam womöglich auch eine Portion Neid, nahm man den Zeitgenossen Albrecht Dürers doch auch als einen der sinnlichsten und vielseitigsten Künstler wahr. In Bremen hat man sich nun genau diesem außergewöhnlichen Schaffen gewidmet: Zum einen bietet sich die Möglichkeit, durch gewichtige Leihgaben Varianten einiger der Porträts zu vergleichen (insbesondere Martin Luther, aber auch Philipp Melanchthon), zum andern wurde überhaupt erstmals der Versuch unternommen, die Cranach-Bestände in der Stadt gemeinsam zu präsentieren.

Die Vielfalt wird nicht nur durch Porträts, sondern auch durch Aktmalerei und Bilder aus dem religiös-mythischen Genre unterstrichen. Stolz dürfen der Chef des Paula-Modersohn-Becker-Museums, Rainer Stamm, und seine Kollegen auf die Spitzenproduktion in der Werkstatt Lucas Cranachs mit rund einem Dutzend Gesellen verweisen: Zwischen (einigermaßen gesicherten) 50 und (legendären) 1000 Luther-Porträts sollen hier entstanden sein, zwischen acht und 120 Melanchthon-Bildern schwankt die Kunstwissenschaft. Wie auch immer, die Frage der Eigenhändigkeit muss heute ohnehin anders gestellt werden als früher, und längst hat man sich daran gewöhnt, dass Peter Paul Rubens eine arbeitsteilige Werkstatt perfektioniert hatte, als die industrielle Arbeit noch weit vom Fließband entfernt war. Für die Dürer-Zeit ist dies freilich überraschend, solange man nicht das Sujet mitdenkt. »Wir alle kennen Luther« so Stamm, »wissen, wie er ausgesehen hat; und es sind natürlich die Bilder Cranachs, die die Identität Luthers vermitteln; wir zeigen dieses erfolgreiche Bildkonzept, dem Reformator und der Reformation ein Gesicht zu verleihen. Luther und seine Frau Katharina von Bora, das waren erfolgreiche Bildideen von Cranach, zugleich auch politische Bilder, Luther und Katharina zeigen sich sehr selbstbewusst als verheiratetes Paar, das ist ein Bekenntnis zu dieser neuen Glaubensrichtung.« Wiederholung schafft Gewohnheit und Vertrauen, das gehört zum Credo eines Werbeunternehmens.

Fast schon ikonischen Status erhalten so auch Christus als Schmerzensmann, genauso wie die erotisierende Quellnymphe. Auch derartige Vergleichbarkeiten unvergleichlicher Motive ist so modern wie eine Werbung von Benetton oder anderen. Das Faszinierende dabei ist, dass – wie Stamm überzeugend vermittelt – keine Kopisten am Werk sind. Vielmehr arbeitet sich Cranach am Thema ab, variierte unermüdlich: Kein Luther-Bild ähnelt den anderen aufs Haar, jedes für sich tritt als einzelne Facette in den Reigen einer komplexen Persönlichkeit ein – die gerade in der Fülle mehr als beeindruckt (selbstredend soll und kann in Bremen über eine Handvoll an Beispielen genügen, um sich den Eindruck in einer höheren Potenz vorzustellen). Die einzigartige Schau vermittelt noch ein weiteres. Die Kunst war auch damals ein Geschäft – und Cranach war Geschäftsmann genug, dass er wusste: Wer zahlt, bestimmt Inhalt und Termin. Und wer eine ordentliche Qualität bekommt, kommt wieder. So sprach sich in Reformierten- und Humanistenkreisen herum, dass man seinen Luther oder Erasmus von Rotterdam bei Cranach in Auftrag geben konnte. Er war sich auch nicht zu schade, wenn ein katholischer Kirchenmann eine »Dreifaltigkeit« bestellte. Cranachs Schlangensignet mit emporgerichteten Flügeln etablierte sich als Marke, vergleichbar nur mit dem Initialzeichen Dürers, bei dem allerdings mehr die Einmaligkeit ausgezeichnet wurde (und missbraucht, wie dessen Rechtsstreitigkeiten beim Umgang mit dem Signet zeigen).

Wenn man schon bei der professionellen Vermarktung bleibt, soll nicht verschwiegen werden, dass die Gestaltung des Katalogs in den Händen des Bremer Büros 'de Silva, Das und Partner' lag, das hier zwischen Kosmetikprodukten und dem Projekt für den Auftritt der Bremer Stadtverwaltung zusammen mit den stilistisch und fachlich herausragenden Autoren einen sehr schönen Band entwickelt hat. Die Ausstellungsarchitektur besorgte die vielfach ausgezeichnete Bremer 'Gruppe für Gestaltung'.

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