Ausstellungsbesprechungen

Marcel van Eeden – The Darkest Museum in the World, Mathildenhöhe, Darmstadt, bis 19. Februar 2012

Für seine bislang umfassendste Einzelausstellung weltweit realisiert Marcel van Eeden auf der Mathildenhöhe Darmstadt eine spannungsreiche Totalinstallation, in der sich Zeichnung und Raum ebenso wie Realität und Fiktion kunstvoll verzahnen. Günter Baumann hat es sich angeschaut.

Geschichten erzählen sich offenbar nicht mehr linear, einem Handlungsstrang folgend. Kein Wunder, dass Graphic Novels gerade Hochkonjunktur haben. Sie sind nicht allein der Sprache verpflichtet, die einer mehr oder weniger fantastischen Logik folgt, sondern werden von Bildern begleitet, die den Erzählstrang optisch unterstützen oder auch unterlaufen. Der niederländische Wahl-Züricher Marcel van Eeden, einer der besten gegenwärtigen Zeichner, geht noch weiter: Seine »Backlist« an Bildmotiven, die er digital sammelt, geht in die Zigtausende. Diese fügt er als Panels zu einer überbordenden, surreal übersteigerten und in der relativen Gesamtheit stimmigen, aber im Stil eines Comic gelockerten Story zusammen. Der literarische Ansatz ist keineswegs eine Marotte, schließlich wollte Van Eeden früher Schriftsteller werden. Seine Geschichten, die dem Panoptikum an Einzelbildern zugrunde liegen, entwickeln ein Eigenleben, das an Filme von Dalí und Buñuel oder an die Tradition des ›Cadavre Exquis‹ anzuschließen scheint. Hatte Letzteres allerdings mehrere Teilnehmer, die sich sozusagen den Ball der Ideen zuspielten, schöpft Van Eeden aus seinem eigenen Fundus an Motiven. Diese werden assoziativ zu einer absurden Gedankenkette an der Ausstellungswand aneinander gereiht. Es bleibt dabei nicht aus, dass die Wände als potentielle Storybords überlastet werden. Dem entgeht auch die Darmstädter Schau nicht, doch nimmt man dies an wie im richtigen Leben, denn: Wer will schon ein geradliniges Leben führen?

Als Zeichner ist Van Eeden fast schon ein Pionier. Zwar hat Robert Longo bereits vor ihm realistisch anmutende Zeichnungen geschaffen, aber der 1965 geborene Niederländer steht einer Generation neorealistischer Grafiker vor, die in den vergangenen Jahren Furore machten (man denke an Tim Plamper). In diesem Umfeld wird auch deutlich, wie monumental Van Eeden seine Arbeiten, die meist eher kleinformatig sind, im Grunde anlegt. Hier hat die Faszination, die wir seinen Zeichnungen entgegenbringen, ihren Grund. Und der ist gepflastert mit alltäglichen (bis hin zu katastrophalen oder kriminellen) Situationen wie mit werbe-ikonologischen Elementen, die von der Pop Art inspiriert sind. Die Ironie sitzt dem Künstler dabei meist im Nacken und macht auch vor rohen, tanzenden Koteletts nicht Halt. Ansonsten überwiegen jedoch real erfasste Szenerien, denen man tatsächliche Erfahrungen und Erlebnisse unterstellen mag. Um selbst im ernstzunehmenden Motiv jedoch strikt Autobiografisches auszuklammern, gehen Van Eedens »Schritte ins Reich der Kunst« konsequent in die Zeit vor seiner Geburt zurück. Am deutlichsten wird dies in der Totalinstallation von Hunderten fingierter Bilder, die Zeitungen entnommen scheinen. Zur Ausstellung entstand denn auch eine reale Zeitung mit dem Datum vom 22. Oktober 1948, deren Schwarzweißbilder erfunden sind.

Auf der Mathildenhöhe sind 13 Serien mit rund 660 Zeichnungen zu sehen, ergänzt um plastische, Film- und Video-Arbeiten. Der Untertitel der Schau, »The Darkest Museum in the World«, ist dabei nur die jüngste der Serien, die einmal mehr die tiefenpsychologische Seite des Werks betont und zudem eben jenes Panoptikum ausstellungswürdiger Einzelbilder beschwört. Die immer wieder erzeugte Spannung zwischen harmlosem Comic und Filmnoir-Krimi weckt die Fantasie des Betrachters, der am Ende des Rundgangs kaum noch rekapitulieren kann, wo ihn die Bilderzählung in reale und wo in absurde Welten entführte.

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