Buchrezensionen

Marianne Schneider (Hrsg.): Leonardo da Vinci - Das Wasserbuch. Schriften und Zeichnungen, Schirmer/ Mosel 2011

Sein gesamtes Leben hat sich der Künstler, Erfinder und Naturphilosoph Leonardo da Vinci mit den vier Elementen auseinander gesetzt. Vor allem das Wasser faszinierte ihn. Nun ist in einer überarbeiteten Auflage bei Schirmer/ Mosel Leonardos »Wasserbuch«, das seine Schriften und Zeichnungen zum Thema miteinander vereint, neu erschienen. Walter Kayser hat das Buch gelesen.

Wie alle Ursymbole hat das Wasser eine zutiefst ambivalente Kraft, gilt es doch als lebensspendend und todbringend zugleich. Ein mehr zu den amorphen Uranfängen zurückführendes, archetypischeres Bild dürfte es schwerlich geben. Denn in der Phylogenese der Evolution wie in der persönlichen Ontogenese jedes Embryos entwickelt sich Leben aus dem Wasser. Nicht nur für den Schreiber der Genesis oder für den Vorsokratiker Thales von Milet war hier der Urstoff zu sehen, der Grund, die »arché« allen Werdens und Vergehens. Gerade die Vorstellung des Kreislaufs und der unendlichen Wandlungsfähigkeit verbindet sich mit diesem ungreifbaren Element.

Seine Rätsel und Geheimnisse faszinierten den »uomo universale« Leonardo da Vinci mehr als die aller anderen Elemente. Vielleicht erkannte er unbewusst gerade in diesem Element eine geheime Verwandtschaft mit seinem eigenen, ruhelos fragenden, in alle Wissensgebiete ausufernden Wesen. Bekanntlich glaubten die alten Ägypter, dass es tief unter der Erde noch als Rest des Schöpfungsaktes jene chtonischen Urgewässer geben müsse, auf denen die Sonnenbarke des Nachts dahinfahre. Etwas von diesen unergründlichen mythischen Quellen muss letztlich auch Leonardos pausenloses Grübeln angetrieben haben. »[…]Des Menschen Seele gleicht dem Wasser«, dichtete der junge Goethe in seinem »Gesang der Geister über dem Wassern«.

Vielleicht ist es deshalb auch kein Zufall, wenn die allererste Zeichnung von der Hand des jungen Leonardo ein Flusstal darstellt und etliche seiner berühmten Gemälde im Hintergrund jene vom Wasser erodierten Urzeit- und Mondlandschaften zeigen, die als geheime Sinnbilder innerer Wüsteneien und Verlorenheit gelesen werden können.

»Das Wasserbuch« des Leonardo da Vinci ist die wiederholte, gleichwohl um etliche Texte erweiterte Neuauflage einer erstmals 1996 auf dem deutschen Buchmarkt erschienenen Sammlung. Es sind lose Gedanken, die sich verschiedensten Handschriften und Codices verdanken. Genau genommen gab es schon im 17. Jahrhundert den Versuch, editorisch leichtfertig zu glätten und zu komplettieren, was Leonardo – seinem Naturell entsprechend – an hingeworfenen Beobachtungen, skizzierten Vorhaben und Reflexionen hier und dort notiert hatte und was einmal in das nie vollendete opus magnum über die Natur und die vier Elemente »Vom Himmel und von der Erde« einmünden sollte. Erst die Herausgeberin Marianne Schneider legte diese gründliche Edition vor, die den torsohaften Charakter des Ganzen in der gebotenen Sorgfalt dokumentiert und belässt.

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Das Buch hat sehr viele Facetten. Wo unsereins tumb durch die Welt stolpert, müssen sich Leonardo auf Schritt und Tritt tausend Fragen und faszinierende Rätsel aufgetan haben: Eine Welt der Wunder, die allesamt der Entzauberung harren. Kaum etwas ist vorstellbar, worüber er sich keine Gedanken machte: Über die unterschiedliche Form von Tropfen, je nachdem, ob sie als Regen fallen oder als Tau des Morgens an den Gräsern hängen; über die Konstruktion von Blasen und Strudeln, über Verwirbelungen und Strömungsverhältnisse, über die Form von Wellen und Muscheln. Der gestaltenden Kraft von Erosion und Brandung sinnt er ebenso nach wie dem Salzgeschmack der Meere. Alles hängt mit allem zusammen und ist auf analoge Abstraktionen zurückzuführen. Besonders häufig wird die Gestalt der Erde mit ihren Strömen und Meeren mit dem menschlichen Körper und seinem Aderngeflecht verglichen: »[…] aus den tiefsten Tiefen des großen Ozeans fließt es in die leeren, geräumigen Höhlen der innersten Eingeweide dieser Erde, von wo es dann durch die verzweigten Adern wider seinen natürlich Drang zu den Gipfeln der Berge hochfließt und durch die aufgebrochenen Adern in einem fort hervorsprudelnd in die Tiefe zurückkehrt ...« In dieser Weise entfalten die Formulierungen immer wieder eine bestrickende, unwillkürlich poetische Kraft.

Da Leonardo nicht einmal das Studium der septem artes liberales durchlaufen hatte, sondern als Malerlehrling sich weitgehend alles autodidaktisch aneignete, nimmt es nicht wunder, dass die Erklärungsversuche manchmal merkwürdig skurril wirken. So behauptet der Schreiber allen Ernstes, das trübe Wasser schlage stärker auf Widerstand als klares. Oder er fragt sich, warum nur das Blut regelmäßig aus der höchsten Stelle am Kopfe heraussprudle. Geradezu obsessiv beschäftigt sich Leonardo mit dem Tod im Wasser und den Weltuntergangsszenarien der Sintflut. Hier geht die Beschreibung über ins Visionäre, als hätte der Künstler nicht gemalte Bilder lebendig vor Augen. Die Abhandlung wechselt sogar ins Imperfekt, als würde der letzte Augenzeuge einer nachfolgenden Spezies vom apokalyptischen Weltenuntergang Bericht erstatten: »[…] Und die Schwärme, die in die größte Nähe kamen, senkten ihren Flug in schräger Bewegung nach unten und ließen sich auf den Leichen nieder, die von den Wellen dieser Sintflut gebracht worden waren […]«.

Grundsätzlich aber ist Leonardo der große Wegbereiter eines empirisch gestützten, neuzeitlichen wissenschaftlichen Forschens, hat er sich doch dem Grundsatz verschrieben, »zuerst die Erfahrungen auszuführen und danach deine Überlegungen«. Auf diese Weise wurde der Künstler wohl auch zum Erfinder des in der heutigen Chaos-Theorie zum Terminus avancierten Begriffs »turbolenzie«. Immer steht hinter den Naturbeobachtungen das Bedürfnis, durch technische Entwicklungen die Natur zum menschlichen Nutzen zu verändern. Bis ins hohe Alter erwog Leonardo Erfindungen, empfahl er sich mit unausgeführten Patenten. Seien es Entwässerungs- oder Flussumleitungsprojekte, dem Bau von Schleusen, diversen Schwimmgürteln oder Tauchgeräten. Sogar das Gehen auf dem Wasser fasste er als realisierbar ins Auge.

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Der Aufbau dieses Buches folgt in Gliederung und Kapitelschwerpunkten den konzeptuellen Entwürfen Leonardos. Die einzelnen Abschnitte werden in Kursivschrift mit einer kurzen kommentierenden Einleitung versehen, die so gründlich ist, dass beispielsweise auch auf die Ausdrücke im toskanischen Dialekt rekurriert wird.

Der Anhang gibt die großformatigeren Bilder wieder, die sich fast ausnahmslos im Besitz der englischen Königin Elizabeth II. befinden. Hier entpuppt sich Leonardo zunächst als ausgezeichneter Kartograph, der in der extremen Vogelschau beispielsweise zu erforschen versucht, wie sich Flussverläufe aus der Alpenzone entwickeln und Landschaftsformationen schaffen. Überhaupt überwiegt eine großräumige Perspektive, welche meteorologische Erscheinungen ins Kosmisch-Visionäre hebt.

Angesichts der geradezu unheimlich reichhaltigen Ideenwelt dieses Menschen, kommt folgende Geschichte wieder in den Sinn: Ein illustrer Kreis von Nobelpreisträgern soll sich einmal vor Jahren auf einer ihrer turnusgemäßen Zusammenkünfte in Lindau am Bodensee die Frage vorgenommen haben, wer wohl unter allen Denkern und Wissenschaftlern, die je diesen Planeten bevölkerten, der intelligenteste Kopf gewesen sei. Der weise Sokrates oder der enzyklopädisch gebildete Aristoteles? Newton vielleicht, Albert Einstein oder doch Galileo Galilei? Nach langem Debattieren habe man sich doch recht bald, so die Sage, auf Leonardo da Vinci festgelegt.