Ausstellungsbesprechungen

Marino Marini. Ein Jahrhundertbildhauer.

Mit über 100 Skulpturen und Gemälden zeigt Heilbronn einen Querschnitt durch das Werk des Bildhauers Marino Marini (1901-1980), der mit Henry Moore und Alberto Giacometti zu den markantesten Vertretern ihrer Zunft im 20. Jahrhundert gehört.

Mit seinem beziehungsreichen, auratischen Reiter-Pferd-Motiv ist es Marini sogar gelungen, ein Plätzchen im allgemeinen Bildgedächtnis zu finden (wie auch Moore und Giacometti) - ungeachtet der Tatsache, dass sich auch hinter den zuweilen, wenn auch nur scheinbar frohgemut-gefälligen Reitersmännern eine Chiffre für den bedrohten Menschen verbirgt, wie dies bei den Darstellungen strauchelnder Personen offensichtlich ist. »Wenn Sie meine Reiterstatuen der letzten [...] Jahre [...] betrachten, werden Sie bemerken, dass der Reiter jedes Mal weniger im Stande ist, sein Pferd zu beherrschen« - nicht heroisch, sondern tragisch wollte Marini seine Arbeiten verstanden wissen, »eine Art Götterdämmerung« hatte er im Sinn. Neben dem Reiterbild bevölkern mythologische und idolhafte Figuren, Tänzerinnen und Zirkusleute den skulpturalen Olymp des »Jahrhundertbildhauers«. Dass Marini die figurative Plastik nicht verlassen konnte, lag an seiner Herkunft - der Tradition italienischer Bildhauerei - und an seinen Vorbildern - den Etruskern, als deren Abkömmling er sich ernsthaft sah: »Meine Liebe zur Realität verdanke ich den Etruskern«. Er revanchierte sich mit seinen von Maillol inspirierten »Pomona«-Figuren, die der etruskischen Muttergottheit ein modernes Denkmal setzten und zugleich zeitlose Chiffren der Frau evozierten - vergleichbar den Nanas von Niki de Saint-Phalle.

Was die vorrangige Motivwahl des scheiternden Reiters angeht, sind zwei prägende »Begegnungen« auszumachen: Marinis erstes Atelier lag zufällig neben einem Pferde-Mietstall, die Modelle lagen und sprangen sozusagen vor der Tür. Historisch prägten außerdem die den faschistischen Sieg verherrlichenden Reiterheroen von Mussolinis Gnaden den jungen Künstler - fördernd wie abschreckend. Anders als unter der nationalsozialistischen Kitschkunst, die gezwungen und betont »völkisch« daher kam, dass schon jegliche Volksnähe ausgetrieben wurde, konnte sich die italienische Kunst ohne besondere Verkrampfung auf die römische und die Renaissance-Zeit berufen: So gehörten die Reiterbildnisse zu einer langen Tradition, in die sich die »Staatskünstler« wie deren Kritiker einfügten. Nur trabten Marinis Pferde alles andere als siegreich daher; in Kleinplastiken dieser Zeit ließ er die edlen Tiere ganz unheroisch springen und sich gebärden.

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Erst später - dann aber in krassem Gegensatz, ja als Anklage gegen den siegestaumelnden Rossebändiger - schuf er die Reiter als tragische Helden, die in ihrer Niederlage eins werden mit dem Pferd. Und das Pferd selbst entgegenständlicht sich in den 50er-Jahren bis zur »Idee eines Pferdes«, um dann in existenzialistischer Konkretion auf die Bühne der gegenständlichen Kunst zurückzukehren, die Marini nie wirklich verlassen hatte.

Was die Stärke der Marini-Plastiken ausmacht, ist die Art, wie der studierte Maler an seine Skulpturen herangeht: malerisch, d.h.: »ich beginne nie eine Plastik, bevor ich nicht ihre Essenz malerisch erfasst habe«. Nirgends wird dies so deutlich wie in den Porträtköpfen: Künstlerkollegen wie Marc Chagall und Oskar Kokoschka, Musiker und Architekten wie Stravinsky oder Mies van der Rohe werden in der Ausstellung meist plastisch wie auch auf Papier präsentiert, nebeneinander- bzw. gegenübergestellt. Eine Überraschung in der Ausstellung sind zumal die harmonisch in Farben schwelgenden Gemälde, die mal bis zur kubistischen Verfremdung, mal als zweidimensionale Geschwister der plastischen Pendants auftreten. Die gelegentliche Bemalung der Skulpturen ist ein weiterer Tribut an die Malerei; sie verleiht dem Eindruck des materiell Dauerhaften - besonders von Stein und Bronze - eine dem Thema angemessene Flüchtigkeit.

Es ist bewundernswert, mit welcher Sorgfalt, welchem Ehrgeiz und wohl auch Glück die Schau zustande kam, die Partner in der Fondazione Marino Marini in Pistoia (Italien) und in der Kunsthalle Recklinghausen gefunden hat. Zu loben ist der Mut, selbst einen so bedeutenden Bildhauer wie Marini - der bei einer Versicherungssumme von rund 15 Millionen Euro nicht leicht zu handeln ist - auszustellen, in einer Zeit und (das Besucherbuch legt ein betrübliches Zeugnis ab) an einem Ort, wo die bescheidenen fünfeinhalb Euro Eintrittsgebühr schon als Zumutung empfunden wird. Dabei wird man diesen »Jahrhundertbildhauer« so schnell nicht mehr in dieser Dichte sehen können.