Buchrezensionen

Martin Eder. Der dunkle Grund. DuMont Buchverlag 2009

Die Publikation „Martin Eder. Der dunkle Grund“, die in diesem Jahr im DuMont Buchverlag erschienen ist, bringt die aufrüttelnden, scharfsichtigen, subtilen, magisch desillusionierenden und grausam ästhetischen Werke des 1968 in Augsburg geborenen Künstlers einem breiten kunstinteressierten Publikum näher.

Martin Eder.Cover©DuMont
Martin Eder.Cover©DuMont

Dieser opulente Band leistet – und das sei vorweggenommen – einen nicht zu unterschätzenden Beitrag im Kontext einer provozierenden, kompromissunwilligen, perspektivschärfenden und diskussionsanregenden Gegenwartskunst. Einen ersten Einblick in das künstlerische Schaffen Martin Eders gibt der sprachlich anspruchsvolle, informative Essay von Thomas Wagner, der die Arbeiten des Künstlers im Spannungsfeld von allgegenwärtigem Kitsch und ästhetischer Umsetzung verortet. Daran schließt sich – und dies bildet den Großteil der 320 Seiten umfassenden Publikation – ein fruchtbares Zusammenspiel von Werkabbildungen und Texten von Rudij Bergmann, Fiona Geuß, Nina Heydemann, Stefanie Müller und Thomas Wagner an, die als Annäherungsversuche zu verstehen sind. Indem die Interpreten mit eigenen Assoziationen oder unter Zuhilfenahme von Texten anderer Autoren, wie etwa einem Gedicht Baudelaires, einen persönlichen Zugang zu den Bildern finden, „entwerfen sie nicht nur ein ganzes Bündel von Perspektiven“, sondern „sie tragen auch dazu bei, Martin Eders reichhaltiges Werk im Spiegel der Wahrnehmung Kontur annehmen zu lassen“, wie Wagner erklärt.

Kontur gewinnt auf diese Weise auch die Arbeit „Des Yeux Verts – Sans Visage“, die dem Betrachter zwei Hunde vor grünem Hintergrund präsentiert. Das Irritierende daran sind die Augenhöhlen, die mit eben jenem leuchtenden Grünton gefüllt sind. Rudij Bergmann stellt dem Werk Versatzstücke aus einem Interview mit Martin Eder zur Seite, die nicht treffender hätten sein können: „... gegen das Schöne, Spröde, gegen die Malerei gemalt [...] die Welt der Stumpfheit, die kollabiert, mit Bildern ärgern...“. [Martin Eder]

Ähnlich verstörend ist die Fehlstelle in dem Werk „Soleil – Noir – String – Trauma“. Ein sich an Händen haltendes Zwillingspaar scheint eine harmonische Einheit zu bilden, doch indem der Künstler mit wenigen Pinselzügen eingreift, gerät diese Welt aus den Fugen: Die rechte der beiden Mädchen, deren Blick von Traurigkeit zeugt, trägt nicht wie ihre Schwester weiße, sondern schwarze Strümpfe und statt der rosigen Mädchenknie zeigen ihre Beine zwei tiefe, umlaufende Kerben – möglicherweise Prothesen? Eine Erklärung dafür wird uns verweigert. Aber an der Beantwortung dieser Frage scheint dem Künstler auch weniger gelegen zu sein, als vielmehr am ungeschönten Aufzeigen dieser Verwundung.

Der Moment, in dem die Stimmung von harmloser Koketterie in selbstzerstörende Inszenierung im Bild umschlägt, zeigt sich ebenfalls in der Arbeit „Der Schritt – The Step“. Ein blutrotes Zierband, das außerhalb des Bildes über dem Kopf der Dargestellten befestigt ist, schlingt sich sanft um den schlanken, weißen Frauenhals. Nina Heydemann sieht jedoch weniger in diesem Band als vielmehr in dem „unauffällige[n] Leinenstrick des antikisierenden Gewandes“ eine Bedrohung und verweist auf den berühmten Fall akzidentaler Strangulation der Tänzerin Isadora Duncan, der die „eigene Kleidung zum fatalen Tötungsinstrument“ wurde.

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Der Tod kehrt weiterhin in dem 2007 entstandenen Werk „Am Abend“ wieder. Hier lässt eine „undinenhafte Protagonistin“ gelassen ein blutbeflecktes, männliches Haupt, dem die Züge des Künstlers eingeschrieben sind, aus der linken Hand gleiten. Irritierend ist – so Stefanie Müller – „wie der eingefrorene Augenblick Motiv und Hergang der Tat im Ungewissen belässt.“ Dabei stellt die Autorin die Überlegung an, ob nicht die beiden riesenhaften, miteinander kopulierenden Feuerkäfer, die kompositorisch auf die Hauptakteure ausgerichtet sind, als Projektionsobjekte eines „Drama[s] zwischen Liebes- und Tötungsakt“ dienen. Zu denken wäre hier an eine malerische Rekonstruktion des „biblische[n] Thema[s] des Männermordes durch die unschuldige Judith oder die sündige Salomé“ [Müller]. Diese Männermordende „ist ein Idol, eine Dienende, Quelle des Lebens, eine Macht der Finsternis; sie ist“, so Simone de Beauvoir in ihrem Buch „Le Deuxième Sexe“, „Beute des Mannes, sie ist sein Verderben“, das von Martin Eder „als eine überpersönliche Perspektive in der Zusammenführung von Sinnlichkeit und Bluttat, Lust und Tod“ [Müller] gemalt wurde.

Diese Beispiele zeigen bereits, dass wir an der Oberfläche von Martin Eders Kunst kratzen müssen, um zu ihrem eigentlichen Aussagegehalt vordringen zu können. Da der Künstler „die Differenz zwischen ‚hoher’ und ‚niedriger’ Kunst nicht auflöst [und] er seine Hinwendung zu den kitschigen Übertreibungen und Selbstinszenierungen nicht mit einem Augenzwinkern relativiert, wirken seine Allegorien so verstörend. [...] Was er malt,“ so die pointierte Formulierung Wagners, „ist keine billige Peepshow und schon gar keine Pornografie. Es sind Dispositive einer sexuell angeheizten Gesellschaft, deren Voyeurismus noch das unschuldigste Verlangen dazu verdammt, sich abgegriffener, kitschiger Posen zu bedienen, um Aufmerksamkeit zu erregen und Bestätigung zu ernten.“

Die Publikation „Martin Eder. Der dunkle Grund“ zeichnet sich neben spannend zu lesenden Bildbeschreibungen und -analysen der fünf AutorInnen in deutscher und englischer Sprache, der beeindruckenden Abbildungsqualität primär durch die stilistisch perfekt gemalten, motivisch bisweilen erschütternd ehrlichen Arbeiten Martin Eders aus. In diesem Sinne kann der vorliegende Band, dem es gelingt, die aufrüttelnden, scharfsichtigen, subtilen, magisch desillusionierenden und grausam ästhetischen Werke des Künstlers einem breiten kunstinteressierten Publikum näher zu bringen, uneingeschränkt empfohlen werden!

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