Ausstellungsbesprechungen

Michaël Borremans: Eating the Beard, Württembergischer Kunstverein Stuttgart, bis 1. Mai 2011

Selten war die Resonanz so einhellig: Die Präsentation von Gemälden, Zeichungen und Filmen von Michaël Borremans im Württembergischen Kunstverein erweist sich bereits jetzt als eine der wichtigsten und faszinierendsten Ausstellungen des Jahres in der Schwabenmetropole. Günter Baumann hat sich ebenfalls von dem belgischen Künstler begeistern lassen.

Nicht erst seit Neo Rauch den Namen Borremans ins Spiel brachte als seinen Nachfolger in der Leipziger Klasse, die einst unter Arno Rink Furore gemacht hat, wird der in Gent lebende Maler hoch gehandelt. Aber mittlerweile ist er exklusiv fast nicht mehr zu haben. »Ohne die Kooperation mit Budapest«, so der Kunstvereins-Chef Hans D. Christ, »wäre die Ausstellung nicht möglich gewesen.« Dabei gab es in seinem Haus schon eine Begegnung mit dem Belgier, der im Jahr 2006 gemeinsam mit Fernando Bryce und Dan Perjovschi Zeichnungen zeigte – eine spektakuläre Veranstaltung.

Nun bilden die kleinformatigen Zeichnungen sozusagen das Herzstück der großen Werkschau, die sich innerhalb einer grandiosen, aber betont unprätentiösen Ausstellungsarchitektur zum Film und zur Malerei hin öffnet. Der Betrachter trifft zwar auf über hundert Arbeiten, aber das Kuratoren-Duo Christ und Iris Dressler haben die Werke nur im Kernbereich verdichtet, ansonsten bevorzugten sie eine lockere Hängung, an der Borremans wesentlich mitgewirkt hat. So fühlt sich der Besucher wie in einem Labyrinth ausgesetzt, zur Auseinandersetzung mit den Bildern regelrecht genötigt. Denn eines ist klar: Die Sogwirkung, die von den Arbeiten ausgeht, nimmt einem den Atem, und zugleich verweigern sich die Protagonisten dem Blick – keiner schaut aus dem Bild. Eine solche Intimität der Distanz ist einzigartig.

Irritiert, wenn nicht gänzlich verstört sieht man sich einer Kunst gegenüber, die sich so unbedingt gibt, dass man nahezu darum bettelt, an den minimalistischen Gesten teilzuhaben. Mit fast altmeisterlicher Perfektion steht da etwa ein »Man Looking Down at his Hand« – so der Titel eines Bildes von 2007 – , dessen Gedankenversunkenheit so gar nicht zu der geöffneten, aber leeren Hand zu passen scheint. Eine Nuance ist der 1963 geborene Künstler von der Interieur-Dramaturgie eines Vermeer oder Metsu entfernt und die Tatsache, dass der im Pullover an einem Tisch stehende Mann eben keinen Brief oder sonst etwas in der Hand hält, macht aus der Szenerie eine philosophische Betrachtung. Die Nähe von Borremans Palette von der erdigen, beinahe monochromen Farbigkeit der Haager Schule, aus der sowohl Van Gogh als auch Mondrian hervorgingen, macht ihn zum Erben der Tradition und der Moderne. Bringt man noch den belgischen Surrealismus mit Magritte oder Delvaux ins Spiel, ahnt man, dass es dem Maler um mehr geht als um eine symbolische Silllebenseligkeit, die ihre Motive absurderweise ausgerechnet aus dem menschlichen Dasein bezieht.

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Die Arbeiten von Michaël Borremans sind Chiffren der Kunst schlechthin. Deswegen macht es auch keinen Unterschied, ob wir seinen Leinwänden oder dem Zeichenpapier oder dem Videobildschirm gegenüberstehen – die lakonischen Inhalte und verschiedenen Medien treten letztlich zurück zugunsten der Reflexion. Dabei sind die Darstellungen keineswegs harmlos oder weltfremd. Fast immer hinterlassen sie einen beklemmenden Nachgeschmack von aggressiven Übergriffen und Abhängigkeiten. Der Maler agiert hier als Beobachter, er wertet nicht, aber er versteckt sich auch nicht hinter abstrakten Formen. Vielmehr reiht sich Borremans in die Reihe von Künstlern ein, die zur Zeit die figurative Bühne der Malerei beherrschen: Luc Tuymans – auch er aus dem Benelux-Raum –, Neo Rauch und andere (in der Fotografie beispielsweise Stan Douglas). Allesamt setzen sich mit traumatischen Zuständen auseinander und haben die Diskussion um persönliche und historische Vergangenheitsbewältigungen neu belebt. Offenbar reagiert die gegenwärtige Kunst auf die hier und da aufbrechenden Psychosen, die unsere modernen Gesellschaften prägen. Rauch entlastet den Betrachter insofern, als er sein Figurenpersonal gruppendynamisch auf sich selbst verweist, Tuymans lässt den Betrachter gar nicht erst an seine Figuren heran. Borremans bezieht dagegen den Betrachter mit ein – nicht dass er Lösungen parat hätte, nicht dass seine dargestellten Personen mit sich klar kämen: Er fordert uns sozusagen auf, die Rolle des Zaungastes zu verlassen, auch wenn wir damit genauso verlassen sind wie seine fiktiven Protagonisten.

Die Filmprojektion »The Storm« von 2006/07 ist alles andere als stürmisch: Drei dunkelhäutige Männer, die in weißen Anzügen stecken, sitzen da und scheinen zu warten – wenn es irgendwo einen Sturm gibt, dann findet er in deren Köpfen oder in denen der Betrachter statt, die Bedeutungen reflektieren, die die bewusst schlecht ausgeleuchteten und in scheinbar technisch überholter Qualität erstellten Filmsequenzen genauso wenig hergeben wie die Gemälde und auch die Zeichnungen (die sich zumindest ansatzweise mit deutschen Klischees auseinandersetzen). Faszinierend dabei ist, dass die lapidaren Ansätze einer Erzählung so offen gehalten sind, dass der Sinn genauso auf blankes Entsetzen wie auf ironisches Vergnügen hinweist, auf naturalistische Dinglichkeit wie auf pure Phantastik, auf fiktive Bühnenästhetik wie auf Alltagstheorie. Dass Borremans mit diesen sich ausschließenden Möglichkeiten spielt, erkennt man schon im malerischen Ansatz: In seinem Diptychon »Pink shoes«, das zweimal ein unteres Herren-Hosenbeinpaar mit Schuhen zeigt – kaum erkenn- oder unterscheidbar hat er einmal den Hinter- bzw. Untergrund gemalt, dann das modische Detail, das andere Mal umgekehrt erst die Hosen, dann den Raum drum herum. So hat man den Eindruck, als gehe ihn nur die malerische Qualität, die Peinture etwas an. Aber er weiß freilich nur zu genau, dass ein bezeichnetes Etwas – sei es in der Sprache oder in der Kunst, sei es vertraut oder paradox – zumindest eine inhaltlich-semantische und meist auch eine formalsymbolische Bedeutung hat.

Achtung! Wanderausstellung:

Die Ausstellung wird vom 14. Mai – 26. Juni 2011 in Mücsarnok/Kunsthalle in Budapest zu sehen sein.

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