Ausstellungsbesprechungen

Miro and the Object, Fundacio Joan Miro Barcelona, bis 17. Januar 2016

Joan Mirós Schaffen glänzt durch seine große Bandbreite: Von Malerei über Collagen bis hin zu seinen »Anti-paintings« und Skulpturen reichte es und immer wieder lassen sich neue Aspekte seines Schaffens entdecken. In Barcelona widmet sich in diesen Tagen der Rolle des Objekts in Mirós Schaffen. Karin Ego-Gaal hat sich das einmal näher angesehen.

»Ich fühle mich wie von einer magnetischen Kraft zu einem Objekt hingezogen, und dann fühle ich mich vom nächsten Objekt angezogen, welches mit dem ersten verbunden ist und deren Kombination zu einem poetischen Schock führt – und gerade das macht die Poesie so ergreifend, ohne das hätte sie keinen Effekt.« So äußerte sich Joan Miró über seine Beziehung zu den Objekten, welche eine bedeutende Rolle in seinem künstlerischen Schaffen einnahmen.

Joan Mirós (1893 – 1983) andauernde Faszination für Objekte bildet die Grundlage für die Ausstellung »Miro and the Object« in der Fondacio Joan Miró in Barcelona. In vielen Phasen seiner künstlerischen Entwicklung stand das Objekt im Mittelpunkt und beeinflusste seinen kreativen Prozess. Nun gibt es endlich die erste Ausstellung, welche diese Beziehung monografisch untersucht und anhand von sechs Themen die Evolution von der bildlichen Präsentation des Objekts bis hin zur physischen Inkorporation begleitet.

Mit seinen frühen Stillleben aus dem Jahre 1916, in denen er Vasen, Teekannen oder Öllampen malte, stellte er die ordinären, alltäglichen Objekte in den Mittelpunkt und erinnerte mit seinen dunklen Farben und eckigen Formen an den frühen Kubismus. In der Ausstellung kann man unter anderem »Still Life I« and »Still Life II« entdecken, welche extra vom MoMA in New York kommen. Die Idee, reale Objekte auf der Leinwand darzustellen, war der Beginn einer anhaltenden Leidenschaft, die nicht nur den Sammler in ihm weckte, sondern auch den Künstler, der offen war für Überraschungen und sich dem Unerwarteten stellte.

Joan Miró überraschte deshalb nicht mit seiner Aussage von 1927: »Ich möchte die Malerei umbringen«, denn für ihn war die Malerei im Abstieg. Seine intensive Zusammenarbeit mit dem Künstler Andre Breton resultierte 1928 in einer Serie von Kollagen, darunter die in der Ausstellung zu sehende »Spanish Dancers«. Die Figur einer Tänzerin ist auf eine Stecknadel und eine Feder reduziert, welche auf einem Korken befestigt wurden. Seine »anti-paintings«, in denen er Images einfach durchstrich oder eliminierte, entstanden zur selben Zeit. Seine sich ändernde Sichtweise und Auseinandersetzung mit der Malerei, gaben ihm die Möglichkeit, das physische Objekt, welches in seinen Arbeiten immer mehr an Bedeutung gewann, besser zum Ausdruck zu bringen.

Der Chefkurator William Jeffett eröffnet durch die Zusammenstellung der Werke »von der Kollage zur Skulptur« einen Dialog zwischen den Werken von 1933 und den mit ihnen korrespondierenden Kollagen. Miró entwarf die Kollage als Vorbereitung zur Skulptur oder involvierte sie gleich ganz mit in das Werk. Das Ergebnis war eine enigmatische Sprache. Immer mehr verwendete er auch atypische Materialen wie Metallstücke, Teer oder Sand: 1936 entstanden die »Paintings on Masonite«. Farbe und Pinsel dagegen rückten immer mehr in den Hintergrund.

Eisen, Keramik und Bronze waren die Hauptelemente seiner frühen Skulpturen der späten 40er und frühen 50er. In Zusammenarbeit mit Josef Llorens Artigas entstanden viele Skulpturen, deren Inspiration er aus gefundenen Objekten zog. »Earthenware« von 1956 ist die Zusammenfügung eines Holzgestells, eines Kürbisses und einer Zucchini. Der Kopf aus Granit, »Tete« ist ebenfalls ein gefundenes Objekt und wurde zum Modell für andere Bronze- und Keramikskulpturen. Bei »The ironing board« von 1953 hat Miro ein Bügeleisen verfremdet und es mit seiner charakteristischen kalligrafischen Sprache versehen.

Miró unermüdliches Interesse für Objekte führte schließlich zu einer radikalen Veränderung seines künstlerischen Schaffens. Ab den frühen 60ern positionierten sich die Objekte im Mittelpunkt seiner poetischen Sprache. »Die Objekte, die ich in Barcelona habe, werden nicht länger als solche existieren, sie werden Skulpturen«, schrieb er in sein Notizbuch. In der Skulptur »Femme et oiseau« von 1967 kann man die zusammengefügten Objekte noch deutlich erkennen: Der Körper basiert auf einer kleinen Bank, deren Beine zugleich die Arme und Beine der Figur repräsentieren. Das Gesicht ist ein Deckel eines Eimers mit zwei ausgeschnittenen Löchern, welche als Augen fungieren. Ein Hut macht die Figur komplett. Gerade die Werke dieser Periode demonstrieren in welchem Ausmaß Mirós Skulpturen die Poesie des Objektes repräsentieren.

Fast 80jährig war Miró immer noch ein aktiver, dynamischer Künstler, der durch Provokationen und Innovationen sehr involviert war in den kreativen Prozess der Zeit. Das Attackieren der Leinwand in den frühen 70ern stellte eine neue Maßnahme zur Infragestellung der Bilder dar. Er zerschnitt und zerriss die Oberfläche der Leinwand und lud somit den Betrachter ein, hinter die Kulissen zu schauen, in die Tiefe, weg von der Oberflächlichkeit. Das »Cadre Objet« von 1972 stellt noch eine Steigerung dar, da die Leinwand komplett entfernt wurde und lediglich noch der Rahmen und ein an einer Schnur hängender Aluminiumball den Mittelpunkt bilden.

Im Jahre 1974 fand im Grand Palais in Paris eine erste umfangreiche Miró Retrospektive statt. Dass die auf keinen Fall eine konventionelle Retrospektive wurde, dafür sorgten besonders seine »anti-paintings” mit den verbrannten und aufgeschlitzten Bildern »Tela cremada 1 und 4« von 1973; sowie seine »painting-objects«, bei denen er Nägel in die Leinwand bohrte oder Bilder übermalte und ihnen seine kalligrafische Sprache aufdrängte.

Mit der Ausstellung ist es der Fondacio Joan Miró gelungen, den Künstler nicht nur als Maler vorzustellen. Miró war einer der ganz Großen, der trotzdem oder gerade deswegen immer experimentierte, untersuchte, die traditionelle Kunst in Frage stellte, neue Ideen einbrachte und ausführte und mit dem Konzept der Objekte einen Umbruch auslöste, welcher die Kunst in vielerlei Hinsicht bereicherte.