Ausstellungsbesprechungen

Mumien. Der Traum vom ewigen Leben.

MUMIEN. Der Traum vom ewigen Leben ist die erste Sonderausstellung im wieder eröffneten Zeughaus der Mannheimer Reiß-Engelhorn-Museen und die derzeit größte Ausstellung, die das Phänomen Mumifikation in einer kultur- und naturgeschichtlichen Gesamtschau beleuchtet. Nicht nur in Ägypten, sondern in vielen anderen Kulturen und Naturräumen auf der ganzen Welt findet sich Mumifikation.

Trotz Medienrummels und Negativ-Schlagzeilen – Dürfen Mumien überhaupt ausgestellt werden? – präsentiert sich die Ausstellung sehr zurückhaltend und macht wissenschaftlich fundiert deutlich, welche Bedeutung die Erforschung der Mumie als »direktes Archiv zum Menschen« für unser Wissen über die Vergangenheit hat. Der Umgang mit Tod und Vergänglichkeit ist ein zentrales Thema aller Kulturen.

Grund für die Ausstellung ist denn auch keine makabre Sensationsgier, sondern die überraschende Wiederentdeckung von mehreren Ganzkörpermumien und Mumienteilen 2004 im Museumsdepot, die teilweise in den Kriegswirren verloren gegangen schienen. Zu ihrer Erforschung wurde eines der größten Forschungsprojekte weltweit ins Leben gerufen, dessen erste Ergebnisse jetzt präsentiert werden.

In einem Querschnitt durch geografische und kulturelle Räume werden unterschiedliche Facetten des Phänomens Mumifikation vorgestellt. Die gezeigten Exponate werden von ausführlich recherchierten Erläuterungen und 3-D-Animationen begleitet.

Der Ausstellungsrundgang beginnt mit Erklärungen, die deutlich machen, dass Mumifikation nicht durch geheimnisvolle Hexerei entsteht, sondern ein natürlicher Prozess ist, bei dem der Leichnam – sei es von Mensch oder Tier – durch bestimmte Umstände dem natürlichen Kreislauf entzogen wird. Mumien sind Körperskelette mit Weichteilerhaltung. Durch Sauerstoffmangel, Trockenheit, Kälte oder Chemikalien wird die Verwesung aufgehalten, aber nicht gestoppt.

Unter bestimmten klimatischen und geografischen Bedingungen kann es in bestimmten Naturräumen zu natürlicher Mumifikation kommen, etwa in Wüsten, wo Hitze und Wind den Leichnam austrocknen, oder in dunklen, zugigen Höhlensystemen, im Permaforst, in Salzgebieten und Mooren, aber auch an überraschend alltäglichen Orten in unserer direkten Umgebung: in zugigen, trockenen Dachböden, in sandigen Kellern oder Kaminen, wie verschiedene Tiermumien eindrucksvoll belegen.

Fortsetzung von Seite 1

Am Beispiel von Moorleichen erhält der Besucher Einblicke in die Möglichkeiten der Mumienforschung, Rückschlüsse auf Alter, Geschlecht und Lebensumstände des Verstorbenen zu ziehen. Mindestens ebenso spannend wie die anthropologischen Daten sind Informationen darüber, wie mit den Mumien zum Zeitpunkt ihrer Entdeckung umgegangen wurde. Während im 19. Jahrhundert das wissenschaftliche Interesse an den Funden erwachte, wurden die Toten in den Jahrhunderten zuvor auf dem Friedhof bestattet.

Vielfältig sind auch die Gründe für vom Menschen herbeigeführte künstliche Mumifikation. Am bekanntesten sind die ägyptischen Mumien, die religiösen Jenseitsvorstellungen entsprechend durch Einbalsamierungsverfahren hergestellt wurden. In Ozeanien und Südamerika dagegen wurden die Verstorbenen bestimmten äußeren Bedingungen ausgesetzt, die zur intentionellen Mumifikation führten. Die Maori etwa konservierten die tätowierten Köpfe ihrer Vorfahren im Rauch, um die ehrwürdigen Ahnen in ihren Alltag zu integrieren.

Für Südamerika, das neben Ägypten einen Schwerpunkt der Ausstellung bildet, ist ein Sensationsfund gelungen: An einer präkolumbischen Kindermumie aus Peru konnte erstmals nachgewiesen werden, dass auch in Altamerika künstlich mumifiziert wurde und damit Ägypten nicht die einzige Hochkultur war, die die Kunst des Einbalsamierens beherrschte.

Abgeschlossen wird der Rundgang durch die Ausstellung mit einem Überblick über den Umgang mit Mumien im christlichen Abendland. Hierzu zählen zufällige Mumifizierungserscheinungen in zugigen Kellern und Gewölben von Kirchen und Schlössern, etwa in den Bleikellern des Bremer St. Petri-Doms oder in der Kapuzinergruft von Palermo. Darüber hinaus wurde bis ins 20. Jahrhundert hinein »Mumia vera aegyptiaca« aus zermahlenen ägyptischen Mumienteilen als »Wundermittel« bei den unterschiedlichsten Leiden eingesetzt.

Über die Mumifikation als politisches Instrument – Stichwörter Päpste oder Lenin - wird der Bogen geschlagen zur Gegenwart: Der Traum vom ewigen Leben ist nicht schwächer geworden, wie die Plastination oder die Kryonik, das Einfrierenlassen nach dem Tod, zeigen.

 

Weitere Informationen

 

Öffnungszeiten
Dienstag bis Sonntag (auch an Feiertagen) 11–18 Uhr
donnerstags bis 21 Uhr
Mo geschlossen