Meldungen zum Kunstgeschehen

NEUE GRUPPE im Haus der Kunst München. Ettlinger Schloss und Grünhaus der Stadtwerke Ettlingen GmbH. haus der Stadtwerke Ettlingen GmbH - Festvortrag zur Eröffnung. 29. März – 10. Mai 2009

Wir veröffentlichen hier den Festvortrag, den Günter Baumann anlässlich der Eröffnung der Ausstellung gehalten hat, in einer gekürzten Fassung - er bietet eine interessante Einführung in das Thema der Ausstellung.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich begrüße Sie ganz herzlich im Ettlinger Schloss, danke Ihnen, Frau Maier, dass Sie mir die Gelegenheit geben, in diesen schönen, barock eingekleideten Räumlichkeiten zu sprechen. Es freut mich ganz besonders, dass ich nun auch schon zum wiederholten Male mit Ihnen, lieber Professor Voré zusammenarbeiten durfte – ich weiß es zu schätzen, welchen Aufwand, ja Kraftakt es bedeutet, eine Ausstellung solchen Ausmaßes vorzubereiten und durchzuziehen, zumal noch in der fortgeschrittenen Entstehungsphase die Karten für die Ausstellungsräume neu gemischt werden mussten: Von der geplanten Vernetzung über mehrere Ettlinger Institutionen und Galerien blieb letzten Endes die Konzentration auf das Schloss und das Grünhaus. Einzelne der weit über 50 Beiträger kamen bis zuletzt hinzu, andere schieden kurzfristig aus. Michael Eckle konnte noch in letzter Minute seine dreiteilige, pigmentleuchtende Arbeit ins rechte Licht rücken. – Darüber hinaus musste die Gruppenaktivität in München im Auge behalten werden, wo die NEUE GRUPPE, die wir heute feiern, ihren Sitz hat. Voré, ihr Präsident, zeichnet auch dort für die laufenden und kommenden Ausstellungen verantwortlich ...

München und Ettlingen. Voré hat bereits darauf hingewiesen, dass außer ihm selber Sibylle Schlageter und Eckart Steinhauser in Ettlingen verwurzelt sind. Freilich ist es nicht als Heimspiel des momentanen Präsidenten zu werten. Freilich ist die Vita dem Unternehmen günstig: Der in vielen deutschen Verbänden organisierte und rastlos tätige Künstler, gebürtig aus Karlsruhe, tastete sich als Mitglied im Deutschen Künstlerbund 1976, und im Künstlerbund Baden-Württemberg 1977, 2004 dort auch als Geschäftsführendes Mitglied, vor bis nach München: 1978 Mitglied der NEUEN GRUPPE im Haus der Kunst, 2006 deren Präsident, 2007 auch Präsident der Ausstellungsleitung der Großen Kunstausstellung München ebenda, das heißt: der Riesenschau im Verband der Münchner Secession, der Neuen Münchner Künstlergenossenschaft und der NEUEN GRUPPE. Seit 2005 sucht die Gruppe ihr Profil auch außerhalb ihrer Basisstation im Münchner Haus der Kunst zu schärfen und auf sich aufmerksam zu machen. Da Ettlingen grade mal einen Steinwurf von Karlsruhe entfernt ist: Auch da hat Voré schon auf Hajek, Hofer & Co verwiesen. Grieshaber können wir noch dazu nehmen, Lehrer u.a. von Horst Antes und Dieter Krieg, allesamt Mitglieder der NEUEN GRUPPE ...

Auch die Kunst hat ihre Gruppe 47. Sie kennen die legendäre Schriftstellergruppe: 1944/45 kursierte in Kriegsgefangenenkreisen eine Zeitschrift »Der Ruf«, die Alfred Andersch und Hans Werner Richter 1946/47 in München neu herausbrachten. Den Amerikanern war das Heft zu nihilistisch und sie verboten es. Aber es ging ohnehin eher darum, dass sich die Autoren um die Zeitschrift trafen und ihre Texte besprachen. Das war die Keimzelle der Nachkriegsliteratur in der Bundesrepublik, mit dem Ziel, Anschluss an die europäische Dichtung zu finden und das demokratische Verständnis im Land zu formen. Günter Grass, prominentestes Mitglied der Gruppe 47, initiierte 2005 eine Neuauflage unter anderen Bedingungen (das langwierige Ende des Originals dauerte etwa von 1967 bis 1990).

Diese Zeit, in der diese und viele anderen Gruppen entstanden, müssen wir uns kurz vor Augen führen. Meist kamen sie ohne Manifest aus, Gruppenzwänge wurden fast peinlich vermieden. Die Namen der Vereinigungen mussten da notwendig unspektakulär bleiben. Und was sehr wichtig ist: Traumatisiert oder auf vielfältige Weise geprägt vom Hitlerfaschismus und von den Kriegsjahren, ging es darum, trotz alledem einen Nullpunkt zu setzen. Beispiele in der Kunst sind zahlreich, ich nenne hier nur die Künstlergruppe »Der Kreis« in Nürnberg – um in Bayern zu bleiben –, »Die Freunde« in Stuttgart – bei der wir HAP Grieshaber als Gründungsfigur wieder begegnen – und unsre Gruppe mit dem lapidaren Namen »Neue Gruppe«, die sich zum Ziel gesetzt hatte, »ein wenn auch noch unvollkommenes Bild des derzeitigen deutschen Kunstschaffens zu vermitteln«.

Ich gebe zu, dass ich das Jahr 1947 leicht korrigieren muss. Gegründet wurde die NEUE GRUPPE ein Jahr zuvor, aber die erste Ausstellung im Juni/Juli 1947 in der Städtischen Galerie München machte sie öffentlich. Nach 60 Jahren müssen wir die kläglichen Lebensumstände ins Gedächtnis rufen, in der die Gründungsmitglieder wie Willi Baumeister, Max Beckmann, Karl Hofer oder Karl Schmidt-Rottluff sich befanden. Das Land lag in Trümmern, und wenn auch hier das Bedürfnis nach Kunst wächst, lag es den Betroffenen doch näher, den leiblichen Hunger zu stillen. Eine Überlebensfrage!

Baumeister wird 1946 an die Stuttgarter Kunstakademie berufen, wo er eine zentrale Rolle für die Etablierung der abstrakten Kunst spielt: »Denn neue Ideen entspringen der künstlerisch schaffenden Phantasie, aber für den Wert einer neuen Idee maßgebend ist allemal nicht der Grad der Anschaulichkeit«. Auch der entschieden figurativ arbeitende Maler Karl Hofer wurde, schon 1945, an die gerade wiedereröffnete Hochschule für Bildende Künste in Berlin-Charlottenburg berufen. Sein Werk wurde weitgehend im Krieg zerstört. Er litt mehr unter den Folgen der Nazizeit und unter dem Streit zwischen abstrakten und gegenständlichen Künstlern: »Sie haben recht«, schrieb er an den Bildhauer Gerhard Marcks, »es wird mehr wie je nötig sein, dass man zusammenhält, umso mehr als die Reihen gelichtet sind und ein richtiger Zusammenschluß wie im Deutschen Künstlerbund noch nicht möglich ist.«

Es ist beeindruckend, dass sowohl Hofer als auch Baumeister bei der Gründung der NEUEN GRUPPE genannt werden und gemeinsam ausstellen – fand er hier offensichtlich den eingeforderten Zusammenhalt gewährleistet, ging er anderswo gewaltsam verloren, wie die Angriffe Will Grohmanns gegen Hofer in den Folgejahren zeigten. Noch ein Hofer-Zitat will ich hier vortragen, das er an die Berliner Studentenschaft richtete, genau in den Sommermonaten 1947, als die NEUE GRUPPE in München ausstellte: »Und nun dieses heute noch ärmliche Geschöpf, dieses Wesen Demokratie. Nein, sie hat, wie ihr sie sehen könnt, wenig Verführerisches, Bestechendes, fast ist sie noch ein Kind. Darum aber sollt ihr sie trotzdem lieben wie eine Schwester, die auch eures Schutzes bedarf, die euch nie enttäuschen wird.«

Karl Schmidt-Rottluff und Max Beckmann verpassten ihren Einsatz bei der Premierenausstellung in München: Schmidt-Rottluff steckte in der russischen Besatzungszone fest, Beckmann kam aus finanziellen Gründen aus den Niederlanden nicht heraus. Ernst Wilhelm Nay, ein Mitglied der ersten Stunde und selbsternannter »Eigenbrötler«, schlug sich auf die abstrakte Seite Willi Baumeisters, andere unterstützten das gegenständliche Lager. Leicht hatten sie es nicht, aus der Notzeit vieler Entbehrungen heraus sich zu formieren – »In München«, so schreibt Nay 1948, »haben meine Bilder zu sehr bösartigen Ausfällen geführt, aber es hat auch Stimmen begeisterter Zusage gegeben«. Doch der Künstlerverband NEUE GRUPPE war gerade deshalb eine spannende Sache, ein Abenteuer und ein wenn auch ungewisser Aufbruch, dessen Fortgang wir heute sehen: unbändig vielfältig, Ausdruck der Zeit, unserer Zeit.

Einige Passagen aus dem Geleitwort zur ersten Gruppenausstellung im Jahr 1947 könnten auch unsere Schau charakterisieren: »Die NEUE GRUPPE ist im Gegensatz zu ähnlichen Vereinigungen der Zeit vor 1933 nicht der Ausdruck einer bestimmten Richtung, da nach unserer Meinung sich solche an einseitige Kunstdoktrin gebundene Zusammenschlüsse überlebt haben. Ihre Absicht ist starke, eigenwillige Individualitäten zu vertreten, ganz gleich, ob diese an die formalen Ergebnisse des Expressionismus anknüpfen, sich einer abstrakten oderhalbabstrakten Formensprache bedienen oder ob sie sich wie die Surrealisten und Neoklassizisten einer neuen Gegenständlichkeit zuwenden.«

Ich will Sie nicht überfrachten mit historischen Details, aber es gehört schon zum Selbstverständnis einer Künstlergruppe, wenn sie ihre Wurzeln zwar nicht ideologisch verkörpert, aber doch als Beginn eines Prozesses begreift, der einen Gemeinschaftssinn erst möglich macht. Deshalb ist es nötig zu erwähnen, dass die NEUE GRUPPE nicht aus dem Nichts heraus entstanden ist, sondern eine Vorgeschichte hat, die bis ins 19. Jahrhundert zurückführt.

Bereits 1891 kam es anlässlich der Internationalen Jahresausstellung der Künstlergenossenschaft zu einer Auseinandersetzung mit fortschrittlich gesinnten Künstlern, die sich 1892 als Münchener Secession abspalteten – die Wiener und Berliner Secession gründeten sich erst später nach dem Münchner Vorbild. Die Devise lautete: »Wir wollen wahre Kunst von jeder Richtung pflegen.« Ein Jahr später trennte sich eine weitere Gruppe ab, die statuten- und juryfreie, sogenannte »Freie Vereinigung«, die schon recht modern dachte und die divergierenden Gruppierungen so in Bewegungen brachte, dass sich neue Verknüpfungen untereinander ergaben. In der Öffentlichkeit sah man ein paar Doppelausstellungen, die überliefert sind als »verblüffend harmonisch, innerlich reich an künstlerischer Offenbarung; … man glaubt, ein Orchester zu vernehmen, in dem lauter Solisten mitwirken«.

Zum Problem wurde der Ort der Selbstdarstellung: Das Secessionsgebäude wurde abgerissen, der berühmte Glaspalast zerstört. Der Bau des geplanten Neuen Glaspalastes kam mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten ins Stocken wie auch die freie Kunst. Dafür entstand das Haus der Kunst, das als Ort der denunziatorischen Ausstellung zur Entarteten Kunst und als Hort der braunen Bauern- und Schamhaarmalerei seinen zweifelhaften Ruf erhielt. Kein Wunder, dass die amerikanischen Soldaten 1945 daraus ein Offizierskasino und einen an sich grotesken Tanzpalast machten. 1946 erinnerte man sich daran, dass München einst eine Kunstmetropole war und gründete die Secession neu. Zugleich formierte sich die NEUE GRUPPE, die 1949 schließlich unter dem Dach des Hauses für die Kunst in einen Zusammenschluss mit den weiterhin eigenständigen Verbänden, der neuen Secession und der wiederbelebten Neuen Münchener Künstlergenossenschaft einwilligte, als die Politik noch im Trüben und in der Betrübnis fischte. Übergänge zwischen den Gruppierungen sind bis heute erkennbar. Unter den Mitinitiatoren der NEUEN GRUPPE waren es übrigens wieder Baumeister, Hofer und Schmidt-Rottluff sowie Karl Hartung, die 1950 den Deutschen Künstlerbund in Berlin erneut begründeten, der im Dritten Reich auch zum Erliegen gekommen war.

Unter den heute aktiven Mitgliedern der NEUEN GRUPPE zählt man noch fünf Präsidenten, die seit 1986 Regie führten: ein Zeichen, dass dieser Posten keine autoritativ ausgestattete Lebensstellung ist. Sie sehen hier neben Arbeiten des derzeitigen Präsidenten Voré, der sich in seinem prozessualen Schaffen mit antiken Mythen und der altägyptischen Symbolsprache auseinandersetzt, existenzialistisch ergreifende Werke von Andreas Bindl, der zugleich Ehrenpräsident der Gruppe ist, und Hans Friedrich mit abstrakten Positionen sowie Arbeiten von Reinhard Fritz, der nicht nur mit einem nahezu orphischen Farbenspiel zugegen ist, sondern auch den Internetauftritt der NEUEN GRUPPE als Webmaster betreut – darüber hinaus wird er beim Museumsfest am 26. April auch als Musiker auftreten, wie auch der 1. Schatzmeister der NEUEN GRUPPE, Karl Imhof, an diesem Tag seine Doppelbegabung als Maler, Grafiker und klangvoller Textdichter unter Beweis stellen wird. Das Gruppen-Mitglied Peter Dietz wird mit einer Video-Sound-Performance auftreten. Der Termin sei Ihnen wärmstens ans Herz gelegt. Als Hans Friedrich das Präsidentenamt von Fritz übernahm, war die Gruppe der Auflösung nahe, konnte aber gerettet werden – für ihn war das Amt eine »Energievernichtungsmaschine«.

Zumindest die weiteren Beiträger, die in oft undankbaren, aber wichtigen Zusatzämtern auch das Gruppengebilde mitragen, möchte ich kurz auflisten. Da sind die stellvertretende Vorsitzende Silvia Götz, die mit malerischem Elan einen Landschaftskosmos zwischen, Bibel und Geschichte abdeckt. Darüber hinaus sind als gewichtige Künstler und fallweise als Schatzmeister, Schriftführer oder im Arbeitsausschuss tätig – Peter und Wolfgang Dietz – Sybille Hochreiter und Manfred Hollmann sowie Bernd Weber zu nennen. Aus dieser Beiträgergruppe bekommen wir u.a. geometrische Farbkompositionen zu sehen.

Ganz aktuell darf ich Manfred Hollmann zur Verleihung des diesjährigen Seerosenpreises gratulieren, der seit 1962 auf Anregung des damaligen Münchner OBs Hans-Jochen Vogels verliehen wird. Der Seerosenkreis besteht – das sei wegen der zeitlichen Nähe zur NEUEN GRUPPE erwähnt – seit 1948 und nahm immer auch einige GRUPPEN-Mitglieder in seinen Reihen aus. Preisträger aus der NEUEN GRUPPE sind Edgar Ende, der als erster den Preis 1962 entgegennahm, Karl Reidel, der ihn gleich zweimal erhielt, Hans Friedrich und Heinz Gruchot sowie die in unserer Ausstellung vertretenen Künstler Ingo Glass, Heino Naujoks, Reinhard Fritz und Gabriele Stolz. Herrn Fritz konnte ich schon erwähnen, zusammen mit Glass\' strenger Abstraktion, Naujoks\' gestischen Arbeiten und den konzeptuellen Fantasmagorien von Stolz haben Sie hier die ganze Bandbreite der Gruppe vor Augen.

Am Schluss meiner Ausführungen will ich noch ein Wort zur Anlage der Doppelausstellung sagen. In wichtigen Positionen, die im Grünhaus versammelt sind, ist sie Bestandteil einer Wanderausstellung, die das Goethe-Institut in München mit auf den Weg brachte und die noch in weiteren Orten im Land gezeigt wird. Als eine Art Chefvermittler hat das Institut der Gruppe und der Schau »unterwegs« ihre internationale Bedeutung bestätigt.

Vieles wäre noch auszuführen. Gerne hätte ich mehr über das filigrane zeichnerische Werk Bettina van Haarens, das dichte Schaffen Hans-Uwe Hähns oder Konrad Hummels berichtet, die Symbolsprache von Joachim Palm und Richard Vogl. Vor dem faszinierenden Werk von Albrecht von Hancke – einem Wahl-Karlsruher Urgestein der NEUEN GRUPPE, der nach dem Krieg in München bei den GRUPPE-Pionieren Geiger und Geitlinger studierte – würde ich mich verneigen. Sie werden beachtliche Vertreter der reinen Abstraktion vorfinden – ich nenne nur Rudolf Härtl und Inge Jakobsen –, auch die der Figuration, von fotografisch-skurriler Anmutung bis hin zur karikaturhaften Auffassung: Peter Nagel dort, Hans Dumler hier.

Die Gattungen der Fotografie und der Videoarbeiten sowie der Plastik seien hier nur zur Vertiefung empfohlen. Alle, auch die nicht genannten Beiträger machen diese Ausstellung zu einem großen Kunstereignis. Vorhin sagte mir Reinhard Fritz mit einem sichtbaren Ausdruck von Erleichterung, es sei schön, wenn sich das Chaos (das zu Beginn eines jeden Ausstellungsprozesses steht) in eine Ordnung verwandelt. Ihnen, sehr geehrte Damen und Herren, wünsche ich viel Vergnügen beim Betrachten und Entdecken – und schließlich danke ich für Ihre Aufmerksamkeit.
 


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Tel.: 07243-101600
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