Ausstellungsbesprechungen

Nolde im Dialog 1905-1913

»Eines Nachmittags in brennendem Schaffenstrieb malte ich ein Bild, Wellen sich brechend gegen Felsen. Im gleichen Moment, als es fertig war, nahm ich das Palettenmesser und kratzte es ab... Höchstleistung und Vernichtungsrausch.«

Emil Nolde, der diese Worte in seinem autobiografischen Bericht »Jahre der Kämpfe« fand, wollte nicht einfach malen, was er wollte, sondern - so war er überzeugt - was er musste. Hierin war er ganz einig mit seinen »Brücke«-Kollegen, die sich den Nietzsche'schen Zarathustra an die Fahnen hefteten und den vergleichsweise braven »Fauves« in Frankreich zeigten, was wilde, formal und farblich enthemmte Malerei hieß. Heute gehören die Mitglieder der »Brücke« wie auch die licht- und klangvolleren »Blauen Reiter« zum Repertoire eines jeden Kunstkalenders; Nolde trifft es da besonders hart, wird er doch gern zum Blumenmaler heruntergezähmt.

»Was groß ist am Menschen, das ist, dass er eine Brücke und kein Zweck ist: was geliebt werden kann am Menschen, das ist, dass er ein Übergang und ein Untergang ist.« Nietzsche also war der Stichwortgeber der expressionistischen Gruppe, in der der Bauernsohn aus Nordschleswig so plötzlich vereinnahmt wurde, wie er auch wieder austrat: Der 1867 als Hans Emil Hansen geborene Bildschnitzer und Möbelzeichner war zu sehr Zeitgenosse der Jugendstil-Künstler und Symbolisten als ein Mitspieler der erst um 1880 geborenen Dresdner »Brücke«-Gründer Bleyl, Heckel, Kirchner und Schmidt-Rottluff. Sein Werk, das seine Inspirationen von Goya wie von van Gogh, von Matisse und Ensor erhielt, ist weniger holzschnittartig und deutlich ekstatischer, vielfältiger und doch letztlich beseelt vom selben anarchischen Farbrausch.

Die Städtische Galerie in Karlsruhe zeigt nun einen zeitlichen, hier aber umfassenden Ausschnitt aus dem Werk Emil Noldes, der geprägt ist von der Auseinandersetzung mit seinen Vorbildern, mit dem ausklingenden Impressionismus und mit seinen Zeitgenossen, geprägt auch von der Phase der Selbstfindung: beginnend mit dem Jahr 1905, in dem auch das experimentierfreudige grafische Werk Noldes einsetzt, bis ins Jahr 1913, in dem er zu einer abenteuerlichen Südseereise aufbricht - ohne seinen Stil wirklich noch einmal zu ändern. In zwölf Abteilungen sollen seine wichtigsten Themenbereiche präsentiert werden, die allerdings auch auf drei, vier Komplexe hätten reduziert werden können: die Menschendarstellung unter den Vorzeichen des Porträts, der Groteske und der biblischen Szene; das rauschhaft-bunte Blumen- und Gartenbild als umgrenzte, domestizierte Natur; die vitalistischen Meeres- und Küstenlandschaften, die demgegenüber die ungebändigte Natur versinnbildlichen.
 

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Eine solche Konzentration auf wenige Jahre krempelt nun nicht das Nolde-Bild um, und sie mogelt sich auf diese Weise sogar um die Auseinandersetzung mit der (enttäuschten) Hoffnung des »nordischen« Malers auf Anerkennung durch die Nazis in den 30er-Jahren herum. Aber die Fülle der Motive öffnet den Blick auf ein erstrangiges Werk zwischen expressiver Reduktion auf das Wesentliche und imaginär-gluthafter Naturschau, zwischen bäuerlicher Derbheit und Prophetieglaube, zwischen europäischer Lebensreformidee und archaisch-primitivem Kunstverständnis, auf ein Werk, das den Bogen schlägt zwischen dem impressionistischen Ausstieg aus der traditionellen Bildauffassung und dem Einstieg in die fantastisch-expressive Bildfindung weit über die »Brücke« hinaus (man denke an die Bezüge zur COBRA-Gruppe). Ein besonderes Augenmerk verdienen die fein nuancierten Radierungen, die Nolde in die Nähe eines Alfred Kubin bringen - recht weit weg von den Dresdner Holzschnitt-Genossen.

Dass die Karlsruher Galerie mit der Nolde-Schau ihr bisher größtes und aufwändigstes Ausstellungsprojekt realisiert, liegt zunächst an wenig spektakulären Beweggründen: Die Museumsleiterin Erika Rödiger-Diruf erfüllte sich damit einen persönlichen Wunsch, und die Stadt würdigt einen Maler, der - als einziger Schüler des großartigen Kunsthandwerkers und Architekten Max Laeuger - die Karlsruher Kunstgewerbeschule besuchte. Entscheidend dürfte die Zusammenarbeit mit der Emil-Nolde-Stiftung Seebüll gewesen sein, die nicht nur die Hauptleihgeber ist, sondern auch den dialogischen Charakter der Präsentation ins Spiel gebracht hat.

Die Ausstellung ist noch bis zum 16. Februar in der Städtischen Galerie in Karlsruhe zu sehen. Zu erreichen ist sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln, Buslinie 55 oder Straßenbahnlinien 5 und 6 (Haltestelle ZKM bzw. Lessingstraße), oder mit dem PKW (das ZKM weist den Weg). Für Kinder ab 10 Jahren bieten das Museum und die Jugendkunstschule (JUKS) am 18. und 19. Januar (14-17 Uhr bzw. 11-16 Uhr) einen Kurs an, in dem ein Bild aus Holz - ganz im Stil Emil Noldes - geschnitten werden kann. Vom 8. März bis zum 1. Juni wird die Ausstellung dann im Gemeentemuseum in Den Haag zu sehen sein.