Ausstellungsbesprechungen

Oskar Kokoschka. Illustrationen - Bilder zur Weltliteratur

Oskar Kokoschka (1886–1980) war in vielen Gattungen zu Hause: Was nicht allzu bekannt ist – und das verbindet ihn mit dem Bildhauer Ernst Barlach – ist die Wertschätzung der grafischen Künste als gleichwertige Fertigkeiten zur »Leitgattung« der Malerei (bei Barlach: der Plastik) einerseits und die Dichtung andererseits. Dass sich bei Kokoschka gerade Literatur und Kunst auch thematisch nahe sind, zeigt die Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen – nach Stationen in Aschaffenburg und Delmenhorst – in einer liebevoll arrangierten, im Auftreten verhaltenen und doch so spektakulären Ausstellung.

Vielfältig begegnet die Literatur im Werk des Expressionisten, dem die Merkmale dieses Stils immer zu eng waren: vom Drama über die theoretische Abhandlung bis hin zum Brief zog er alle Register des humanistisch gebildeten Sprach-Künstlers. Er illustrierte seine eigene Literatur (das bekannteste Drama ist »Mörder Hoffnung der Frauen«), aber auch die Weltliteratur: Aristophanes, Euripides, Homer, Kleist, Pound, Shakespeare, Yeats und andere mehr. Unter seinen Zeitgenossen taucht sein Name in illustrierten Ausgaben u.a. von Albert Ehrenstein und Karl Kraus auf, und nicht zuletzt nahm er sich auch der Musik als Gegenstand seines illustrativen Genies an, man denke an Johann Sebastian Bachs »O Ewigkeit, du Donnerwort«. Zu danken ist diese exorbitante Sammlung literarisch angewehter Kunst Angelika und Heinz Spielmann, in deren Besitz sich die Arbeiten befinden. (Nicht nur den Norddeutschen ist der Kokoschka-Kenner Spielmann als Museumschef ein Begriff, verbindet sich sein Name doch mit dem Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe und mit dem Bucerius Kunst Forums ebenda; den Süddeutschen darf man sagen, dass Spielmann in Stuttgart bei dem Urgestein der ästhetischen Theorie Max Bense studierte.)

Es liegt nahe, dass sich die Städtische Galerie für eine thematische Ordnung anstatt einer chronologischen entschieden hat, angesichts der Vielfalt der Facetten im Umgang eigener und fremder Literatur, besonders aber wegen seiner jahrzehntelangen Beschäftigung mit Jan Amos Comenius – die Arbeiten in diesem Komplex erweisen sich als Opus magnus und machen die Bietigheimer Schau zu einem grandiosen Ereignis. Eine Chronologie würde diesen Eindruck dadurch schmälern, dass der Altersstil Unsicherheiten zeigt – man könnte auch mutmaßen, dass die charakteristische kurzatmige Stricheltechnik im Alter nur verstärkt nach vorn kommt –, die unnötigerweise den außerordentlich wachen Geist überschatten könnten. Anlass jedoch, wenn es einen solchen bedürfte, ist das 1908 – also vor 100 Jahren – veröffentlichte literarische Erstlingswerk von Oskar Kokoschka: »Die träumenden Knaben«, ein von pubertärer Liebe und Verzweiflung handelndes, autobiographisch geprägtes Märchenbuch mit hymnischen Ober- und spezifisch Wiener Sezessions-Untertönen. Schnell wird beim Museumsgang klar, dass Illustration ein zu schwaches Wort ist für die leidenschaftliche Identifikation mit den Protagonisten der Dichtung – King Lear! Odysseus! –, für die offenkundige Doppelbegabung, die das Denken in Bildern und Sprache gleichermaßen voraussetzte (und nicht, wie so oft, eine Ausgleichstätigkeit der einen für die andere Gattung).

Oskar Kokoschka agierte souverän auf Einzelblättern und innerhalb von Zyklen, was bis in biographische Momente hinein begründet ist: Seiner Vorstellung nach steckt in jeder einzelnen Arbeit ein ganzes gelebtes Leben, wie die Verstrickung von Leben und Geschichte das Denken in Zyklen nahe legt. Darin liegt freilich ein Konstrukt, doch darf man nicht vergessen, dass Kokoschka auch ein Alltagsphilosoph war, der die Realität für »eine Bewusstseinstatsache« (Spielmann) hielt. Persönliche Erfahrungen, Erlebnisse und historische Zeitläufte bilden für Kokoschka eine Einheit derartiger Bewusstseinstatsachen, wie sie exemplarisch im Comenius-Werk deutlich wird. Dieser Pädagoge aus dem 17. Jahrhundert begegnete dem Maler bereits im kindlichen Alter, als er dessen »Orbis pictus« lesen konnte. Fast spielerisch lässt er den weltmännischen Comenius mit Rembrandt in Verbindung treten – ein nur vage belegtes Faktum, aus dem ein mögliches Porträt des Pädagogen durch Rembrandt oder seine Schule hervorging. Zugleich reflektierte Kokoschka mit seinen Comenius-Bildern das Judenpogrom während der Nazizeit. Begonnen 1934, zieht sich das Thema bis in die 1970er Jahre hin, an deren Höhepunkt das Filmprojekt steht, für das Kokoschka auch selbst mit einbezogen wurde. Eine Dokumentation dieser Verfilmung ist während der Ausstellung zu sehen. Nebenbei sind die O-Töne des Malers, der durch und durch auch ein homo politicus war, sehr erhellend für das malerische, grafische und zeichnerische Werk.

Weitere Informationen

Öffnungszeiten
Dienstag bis Freitag 14–18
Donnerstag 14–20
Samstag/Sonntag 11–18 Uhr

Weitere Station
Kunstmuseum Solingen „Museum Baden“, 29. April bis 7. Juni 2009