Ausstellungsbesprechungen

ParkeHarrison, Robert und Shana. The Architect’s Brother.

Naiv, poetisch, kindlich, träumerisch und doch aufrüttelnd, in die Tiefe gehend – dies sind meine Notizen, die ich mir während des Rundganges durch die hellen Räumlichkeiten der Galerie im Jenaer Stadtmuseum machte.

An einem Sonntag Nachmittag auf der Durchreise zu einem Konzert nach Weimar Station in Jena machend, war ich vom ersten Augenblick an überwältigt von der Wirkungsintensität der inszenierten Bildwelten von Shana und Robert ParkeHarrison. Und offensichtlich ging es nicht nur mir so, sondern auch den wenigen anderen Besuchern, die fasziniert vor den Photographien standen und sich über die ausgelösten Gedanken und Gefühle unterhielten. Im Nachhinein im Pressetext zur Ausstellung lesend, konnte ich überrascht – und durchaus mit einem Schmunzeln auf den Lippen – feststellen, dass die eindrückliche Reihung meiner Adjektive sich teilweise mit den in diesem Text verwendeten deckte. Wer sich den Bildwelten der ParkeHarrisons aussetzt, kann sich ihnen offensichtlich nicht entziehen und wird auf magische Weise in ihren Bann gezogen.

Das noch junge Künstlerpaar, das in Europa – leider muss man sagen – noch weitgehend unbekannt ist, stellt zum ersten Mal seine umfassende Werkschau jenseits des Atlantiks aus und Jena ist die einzige Station dieses Abstechers in die „Alte Welt“. Dieses – hoffentlich nicht ein einmaliges Gastspiel bleibende – Ereignis verdankt die Kulturregion Mitteldeutschland wohl den persönlichen Kontakten des Museumsleiters Erik Stephan. In einem ausführlichen Interview im begleitenden Katalog lässt sich viel über die gedanklichen Ansätze und die Hintergründe zu den ausgestellten Bildserien erfahren.

Allen Werken gemein ist ein intensive Entstehungsprozess: Vom ersten Gedankensplitter bis zur Realisation des Motivs vergehen in der Regel fünf Monate, an einer der ausgestellten Serien haben sie jeweils ca. 15 Monate gearbeitet. Ganz traditionell werden zunächst alle Ideen in einem Skizzenbuch festgehalten und ausgereift. Anschließend folgt der aufwendige Prozess der Inszenierung, wobei Robert ParkeHarrison selbst der Protagonist, der „Jedermann“ aller Serien ist. Shana ParkeHarrison, ausgebildete Tänzerin, hat in diesem Stadium einen besonders großen Anteil an den Werken. Es entstehen Papiernegative, von denen Positive gewonnen und zu einer neuen Gesamtkomposition zusammengefügt werden. Anschließend übermalt ParkeHarrison die so entstanden Collagen und fotografiert die Bilder erneut ab und versieht die großen, auf Paneele aufgezogen Fotos mit einem Lacküberzug. So sind es am Ende Objekte zwischen Fotografie und Malerei, die aufgrund ihres traditionellen Entstehungsprozesses an die Anfänge der Fotografie, an expressionistische s/w-Filme und künstlerische Experimentalfilme der 1920-er Jahre erinnern.
 

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Generell eröffnen die ausgestellten 47 Werke einen wahren Kosmos der Assoziationsmöglichkeiten. Vielleicht gerade aufgrund der kindlichen Naivität, die in den skurrilen Rettungsversuchen des „Jedermann“ liegt, vermögen sie den Betrachter auf intensive Weise zu fesseln. Allen sechs ausgestellten Serien aus den Jahren 1997 bis 2001 ist eine aufrüttelnde Zeitkritik gemeinsam; Kritik am zerstörerischen, gedankenlosen Umgang der Menschheit mit der einen ihr das Zuhause bietenden Erde. Gleich zu Beginn der Präsentation in Jena wird dem Zyklus „Exhausted Globe“ das berühmte Zitat „Man sieht nur mit dem Herzen gut ...“ aus Saint-Exupérys „Der kleine Prinz“ vorangestellt – und es ist eben genau jene kindlich-naive Wahrheit, die die Arbeiten der ParkeHarrisons so überzeugend und ergreifend wirken lassen. Vor allem in den großen Zyklen „Promisedland“ und „Earth Elegies“ zeigen sie das Thema der geschundenen Erde, die vom „Jedermann“ auf ironisch-skurrile Weise zu heilen versucht wird.

Dies ist quasi das eine große Thema, das sich als Leitmotiv durch alle Arbeiten des Künstlerpaares zieht. Nebenbei aber lassen sich auch andere Bedeutungsebenen finden, wie beispielsweise in „Garden of Selves“ aus „Earth Elegies“. Spontan fühlte ich mich vor diesem Bild an den Kinofilm „Beeing John Malcovitch“ erinnert. Zu sehen sind unzählige Pappkisten, in die in immer wieder veränderter Pose „Jedermann“ gequetscht ist. Groß im Vordergrund, die gesamte Bildbreite einnehmend, beginnt die endlose Reihung des Motivs und wird in die Tiefe hinein immer unschärfer und kleiner. Aus einer der Kisten in der zweiten Reihe richtet sich „Jedermann“ auf und überblickt die endlose Weite der verschiedenen Formungen seines Selbst – hilflos anmutend, fast als wolle er aus dieser Gefangenheit ausbrechen.

Es ließen sich noch viele beeindruckende Motive dieser faszinierenden Arbeiten herausheben und empfehlen, doch einzig und allein ein Besuch in der Galerie selbst kann den unvergesslichen Eindruck erzeugen, den diese surrealen grünlich-braunen Bildwelten erwecken: für jeden Freund der Fotokunst ein Muss, für alle Interessierten eine einmalige Erfahrung und für den zufällig Vorbeischauenden vielleicht der Beginn einer neuen Leidenschaft. Noch bis zum 22. August 2004 gibt es die Möglichkeit dazu. Es ist, wie gesagt, die einzige Station der Wanderausstellung in Europa überhaupt - und dies bis 2006!