Ausstellungsbesprechungen

Per Kirkeby in der Tate Modern

Per Kirkeby (geb. 1938): dänischer Künstler, Geologe, Schriftsteller, Multitalent. Er ist Schöpfer eines bemerkenswerten und wunderbaren Œuvres, welches mit einer Retrospektive in der Tate Modern gefeiert wird. Die Ausstellung präsentiert 146 Werke der letzten 40 Jahre, darunter Bilder, Skulpturen, Arbeiten auf Papier und eine umfangreiche Auswahl seiner geschriebenen Werke. Inspiriert von der Schönheit der Landschaft und Vielfalt der Natur „The world is a material of which one makes art“, kreierte er über die Jahre seinen eigenen, unabhängigen und einzigartigen Stil. Obwohl er immer wieder künstlerisch experimentierte wie z.B. mit Filmen, stand fest, dass das Malen im Mittelpunkt seines Schaffens steht, besonders seine großformatigen abstrakten Bilder leben ihre eigene Realität.

Am Beginn der Ausstellung steht die Auseinandersetzung mit dem immer
wiederkehrenden Motiv der „Hütte“. Assoziationen mit einer einfacheren, rustikalen Lebensform stehen im Vordergrund, doch hauptsächlich bezieht sich Kirkeby auf die Dynamik zwischen Natur und Kultur als die bestimmenden Parameter der menschlichen Existenz. Viele seiner Werke sind ohne Titel, und wenn sie einen Titel haben, ist dieser auch besonders aussagekräftig wie „The Murder in Finnerup Barn“, 1967. — Ein wunderbares Werk, das wie ein Kriminalfilm gedeutet werden kann: Schusslöcher sind zu erkennen, ein fliehender Fuchs, ein aufgeschreckter Vogel, eine übergroße Gestalt mit einer Waffe und natürlich die Hütte, alles Elemente eines Mordkomplotts. Tatsächlich soll dieses Bild an ein sehr bedeutendes Ereignis der dänischen Geschichte erinnern: an die Ermordung des Königs Erik Klipping im Jahr 1286 in einem Dorf in Jütland. In der Darstellung der „Hütte“ sieht und kreiert Kirkeby viele Variationen: die Hütte in „The World’s Northernmost House“ von 1987 hat Ähnlichkeit mit einer Station, in welcher Kirkeby und seine Gruppe Schutz suchten während einer Expedition in Grönland 1963; ein anderes Hüttenbild erinnert eher an eine kitschige Landschaft.

Die Werke der 60er Jahre repräsentieren eine Periode des intensiven künstlerischen Experimentierens. Im Vordergrund dabei stand die Idee, Kunst mit Alltag zu verbinden. Dazu benutzte er ganz gewöhnliche Farben, die in jedem Haushalt zu finden sind anstatt teurer Ölfarben. Diese frühen Werke geben einen kleinen Vorgeschmack dessen, was Kirkeby noch alles kreieren wird. Viele Collagen aus dieser Zeit zeigen eine feine Balance zwischen abstrakten Bereichen und figurativen Elementen, die von Cowboys und mittelalterlichen Rittern bis zu Architektur und Landschaft reichen.
In den späten 1970ern und frühen 80ern begann Kirkeby mit Öl auf Leinwand zu malen. Dies reflektiert die sehr bewusste Entscheidung, einen Dialog mit der großen Tradition der europäischen Malerei zu starten. Im Gegensatz zu seinen früheren Werken malt er jetzt freier, mit einem intensiveren Pinselstrich, losgelöst von figurativen Elementen. „Fram“ von 1983 ist ein Schlüsselwerk dieser Periode, es verbindet die Genres von Landschaft und Stillleben zu einer hybriden Komposition, welche sich zwischen figurativ und abstrakt bewegt.
Zu seinen Bildern werden in einigen Räumen kleine schwarze Skulpturen präsentiert. Diese sind in zwei Gruppen geteilt: die sogenannten „models for architecture“ und die „sculptures“. Die hybriden Strukturen der „models for architecture“ wurden ohne Funktion kreiert, die einzige Verbindung zur Architektur besteht darin, dass sie sich auf monumentale Backsteinstrukturen beziehen, das wohl häufigste Baumaterial in Kirkebys Heimatland Dänemark. In seinen sogenannten „sculptures“ sollen Fragmente von menschlichen Figuren, die an Rodins Werke erinnern, zu erkennen sein. Kirkebys Bewunderung für Künstler wie Rodin zeigt sich ebenfalls in seinen Büchern, die am Beginn der Ausstellung präsentiert werden. Er hat über 80 Bücher, darunter Fiktionen, Dichterbände und Zeichnungen publiziert; eine Serie davon ist den Künstlern gewidmet, die er besonders verehrte und bewunderte wie Auguste Rodin, Paul Gauguin, Peder Balke und Pablo Picasso.

Reisen zu den unterschiedlichsten und entlegensten Regionen waren für Kirkeby
besonders wichtig, zum einen als intellektuelle Nahrung und zum anderen für sein Engagement in der kulturellen Geschichte. Die Landschaft bleibt die ganze Zeit über, ob privat oder für sein künstlerisches Schaffen, ein bedeutender Bezugspunkt. Ohne die direkte Verbindung zur Natur und der Leidenschaft für diese wären seine wunderbaren Werke wohl niemals realisierbar gewesen.