Ausstellungsbesprechungen

Peter Dreher. Tag um Tag guter Tag

Betritt man derzeit die Kunsthalle Erfurt, wird man empfangen von drei großformatigen Bildern, aus deren grauem Fond ganz zarte Blumen in Pastelltönen wachsen. Oder verschwinden sie im diffusen Nebel?

Trotz ihrer Größe wirken sie leicht, scheinen sie zu schweben in der großen Halle. Es sind Bilder des Malers Peter Dreher (1932 in Mannheim geboren). Selbst Student an der Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe bei Karl Hubbuch, Wilhelm Schnarrenberger und Erich Heckel, leitete er ab 1965 die Malklasse der Akademie. Dort gehörte unter anderem Anselm Kiefer zu seinen Schülern. Mit der Ausstellung »Tag um Tag guter Tag« präsentiert die Erfurter Kunsthalle das Werk Peter Drehers erstmals so umfassend in den neuen Bundesländern.

Bekannt geworden ist Dreher durch die gleichnamige Folge »Tag um Tag guter Tag« (1974-2008). Wie ein Leitmotiv überschreibt das zenbuddhistische Zitat sein Opus Magnum: Die Bilder des schlichten, zylindrischen Wasserglases. Ein Gegenstand, der seit fast 35 Jahren Objekt einer kontinuierlichen malerischen Auseinandersetzung ist. Einem absolut strengen Reglement folgend sind bis heute über 4400 Glasbilder entstanden. Sie haben dasselbe Format von 20 x 25 cm und dieselbe Komposition: Das Wasserglas steht in Realgröße im Bildzentrum, die Bildfläche ist in zwei immergleiche verschiedenbreite horizontale Streifen gegliedert. Ein Kriterium der Unterscheidung bildet die Einteilung in Tag- und Nachtgläser. Die Differenzierungen finden sich in den Farbtönen, die nur in Nuancen voneinander abweichen, und in den Details: Besonders die Reflexionen auf der Glasoberfläche, die zugleich die Außen- bzw. Atelierwelt in das Bild transportieren, variieren in Intensität und Darstellung. Hinzu kommen die Veränderungen über die Jahre. Dreher selbst spricht von wachsender malerischer Zurückhaltung, vom Ideal der Ausdrucksabstinenz.1 

 
 
Das hier zugrunde liegende ästhetische Prinzip der Wiederholung durchzieht aber sein gesamtes Œuvre. Die Ausstellung präsentiert beispielhaft einige solcher Bildgruppen. Die Wiederholung findet sich in seinen reduzierten Landschaften, den farbkräftigen Stillleben, den üppigen Blumenstücken sowie in den lichtdurchfluteten Interieurs. Zum einen sind es Wiederholungen desselben Sujets oder Motivs, das in Einzelgemälden aufgegriffen wird wie die Aubergine im schalenartigen Glas (»Vitrines«, 2004) oder der Hochschwarzwald mit seinen Bergketten und seinem Himmel. Zum anderen sind es die Wiederholungen eines Bildelements innerhalb einer Arbeit wie bei den Memento-mori-Bildern (»Skulls«, 2005-2007), in denen Totenschädel rhythmisch auf der Bildfläche verteilt sind. Ebenso zählen hierzu die »Blumen I« (2004) und »Blumen II« (2006), bei denen außerdem der Aspekt des Fragmentarischen hinzu tritt.
 
Immer wieder denselben Gegenstand zu malen ohne dabei einem Automatismus zu verfallen, dessen Ergebnis ein bloßes Reproduzieren wäre – hier geht es um nichts weiter als um Malerei und um das Erkennen eines Phänomens in seinem So-Sein. Damit deutet sich eine Analogie zu Edmund Husserls Methode der phänomenologischen Reduktion an.

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Aber auch meditativ erscheint dieses Unterfangen, dessen wichtigste Voraussetzung eine strenge Disziplinierung ist: Immer wieder mit gleichem Interesse und gleicher Aufmerksamkeit, letztlich mit Gleich-Gültigkeit an die Arbeit heranzugehen – sowohl im geistigen als auch im handwerklichen Sinn. Der Kommunikations- und Medienphilosoph Vilém Flusser beschreibt den Gehalt einer solchen Näherungsweise:
»Dinge so anzusehen, als sähe man sie zum erstenmal [sic!], ist eine Methode, an ihnen bisher unbeachtete Aspekte zu entdecken. Es ist eine gewaltige und fruchtbare Methode, aber sie erfordert strenge Disziplin […]. Die Disziplin besteht im Grunde in einem Vergessen, einem Ausklammern der Gewöhnung an das angesehene Ding. Dies ist schwierig, weil es bekanntlich leichter ist, zu lernen als zu vergessen.«2
In einigen Fällen dienen Peter Dreher vorgefundene Bildmedien als Ausgangsmaterial für das Befragen der eigenen malerischen Position. »Das Großplakat in Aquarell« (1988-1993) ist zum Beispiel die gemalte Übersetzung einer Plakatwand in ein anderes Medium. Am Realistischen geschult, bleibt die Malerei Drehers fast ausschließlich dem Gegenständlichen verpflichtet, teilweise weist sie fotorealistische Züge auf. Ihre Abstraktion und Verfremdung erfährt sie durch die aus dem räumlichen und zeitlichen Kontext herausgelösten Darstellungen.
 
Die ausgestellten Graphitzeichnungen »Blumenbilder« (2008) und die Darstellungen des Wasserglases in Tusche ergänzen die gezeigte Malerei und komplettieren den Blick auf einen Künstler, der uns lehrt, dass es nicht immer das große Thema, die überschwängliche Geste oder der spektakuläre Gegenstand sein muss, um unseren Blick zu fesseln.
 
1 Bauermeister, Volker: Wenn wir diesen ruhigen Fluss betrachten, in: Peter Dreher und seine Glasbildfolge „Tag um Tag guter Tag“, 2008.
2 Flusser, Vilém: Schach, in: Dinge und Undinge, Phänomenologische Skizzen, München, Wien 1993, S. 53.
 

Weitere Informationen

 
Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag 11-18 Uhr
Donnerstag 11-22 Uhr

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