Ausstellungsbesprechungen

Phänomen Informel – Pioniere, Grenzgänger, Durchreisende, Sammlung Hurrle - Museum für aktuelle Kunst Durbach, bis 22. Januar 2012

Die breite Vielfalt an gestisch bestimmten Werken aus den späten 40er bis in die Mitte der 60er Jahre in der Sammlung Hurrle ermöglicht es, das Augenmerk auf das Verbindende in der Erscheinungsweise, eine Art „Zeitgeist“, zu lenken und die unterschiedlichen Haltungen und Methoden des „Prinzips der Formlosigkeit“ (Wedeweder) zu vergleichen. Günter Baumann hat es sich angesehen.

Etwas abgelegen in der Provinz kann man sich einen dichtgedrängten Überblick über eine nach wie vor spannende Kunstströmung verschaffen: In Durbach bei Offenburg widmet sich eine Ausstellung dem Informel. Die europäische Nachkriegskunst brach zu neuen Ufern kreativer Gestaltung auf, die der Gegenständlichkeit so wenig vertraute, dass sie weitestgehend darauf verzichtete. Inspiriert von amerikanischen Kollegen wie Jackson Pollock und anderen – so ganz bei Null beginnt ja nichts im Leben – schufen sich die Maler des Informel eine eigene fiktive Welt, die dem ins Wanken geratenen Kosmos das »Prinzip der Formlosigkeit« entgegensetzte.

Zentren dieses auffälligen Phänomens lagen in Frankreich und Deutschland, ihre Protagonisten hießen Peter Brüning, Karl Otto Götz, Gerhard Hoehme, Bernard Schulze, Emil Schumacher und K.R.H. Sonderborg, sowie Jean Dubuffet, Jean Fautrier und Henri Michaux. Hans Hartung und Wols gehören zu den Kunstschaffenden, die in beiden Ländern präsent waren. Und den Geburtsjahrgängen zum Trotz: Das Informel lebt. Mit dem 1914 in Aachen geborenen Götz ist ein nach wie vor aktiver Hauptvertreter, wenn nicht Mitbegründer der Informel-Bewegung mit von der Partie – auch wenn er heute eher als Zeitzeuge auftritt. Weniger bekannt ist der ebenfalls noch lebende, gleichaltrige Thomas Grochowiak, der zu den Teilnehmern der Informel-Schau gehört. Das Museum für aktuelle Kunst, das in der oberen Etage eines Ex-Klinikbaus und heutigen Hotelbetriebs untergebracht ist, hat dem Informel seine Räume geöffnet – und bewiesen, dass auch die dritte Ausstellung seit seiner Eröffnung die Erstklassigkeit der Sammlung beweist.

Der breite Überblick, der mit rund 50 Künstlern großartig ausfällt, lässt das Informel nicht nur aus dem Schatten eines amerikanischen abstrakten Expressionismus treten, sondern er unterstreicht das zeitgeistige Phänomen innerhalb der mitteleuropäischen Kunst. Dass dabei am Rande auch die Figuration aufscheint, wie bei Bissier, Dahmen, Herkenrath, Wols oder Dubuffet und Baumeister – die beiden letztgenannten überraschen allerdings auch in diesem Kontext – verweist auf die relative Nähe zur COBRA-Bewegung in den Beneluxstaaten; Henri Michaux brilliert sogar mit einer aquarellierten Tuschezeichnung, die den Titel »Figures« trägt.

Die Relativität liegt darin, dass Karl Otto Götz zu den wenigen Informellen gehört, die mit den COBRA-Leuten unmittelbaren Kontakt hatten. Auch die Plastik und Objektkunst wird in der Regel kaum mit dem Informel in Berührung gebracht, in Durbach finden sich Arbeiten von Hubert Berke, Otto Herbert Hajek und Norbert Kricke. Die Ausstellung ist umso wichtiger, als sich in der Folge der expressiv-gestischen Malerei und deren Übertragung in die Plastik sozusagen geistige Trittbrettfahrer hervorgetan haben, die von der inneren Spannung und komplexen Originalität der informellen Meister weit entfernt sind. Die Stuttgarter Galerie Schlichtenmaier, aus deren Archiv ein Interview mit Karl Otto Götz auch den Katalog bereichert, tritt beispielhaft für die Maler dieser Richtung ein.

Die Sammlung Hurrle in Durbach, die der Ausstellung ihr Profil gegeben hat, ist eine Garantin für die grandiosen Positionen, die das Phänomen Informel beschreiben. Das Wort wurde übrigens 1951 von dem Franzosen Michel Tapié geprägt, hat sich aber auch in Deutschland so etabliert, dass es auch deutsch ausgesprochen verstanden wird. So sind die Grenzüberschreitungen nicht nur geografisch und ästhetisch, sondern auch verbal eklatant. Beim Durchforsten der kühnen Pinselschwünge, die keineswegs rein automatistisch über die Leinwand gejagt wurden, staunt man über die unglaubliche Fülle an Ausdrucksmöglichkeiten, auch wenn Willi Baumeister wie auch Georg Meistermann und andere aus einer anderen Welt zu kommen scheinen.