Ausstellungsbesprechungen

Picasso: Von Mougins nach Baden-Baden – Der späte Picasso

Die wahren Revolutionäre in der Kunst haben es nicht mehr nötig, sich nach den Zwängen des Marktes, der Auftraggeber oder der Öffentlichkeit zu richten: Michelangelo konnte »seinem« Papst Julius regelrecht vor den Kopf stoßen, was sonst kaum einer wagte (beide wussten aber, welch unersetzlicher Schatz der Künstler war).

Und Picasso war seiner Zeit ohnehin immer voraus – seine Zeitgenossen hatten es sich jedoch irgendwann angewöhnt, ihm mehr oder weniger rasch zu folgen. Nur mit dem Spätwerk haderten sie lange; eine rühmliche Ausnahme machte ausgerechnet die Kunsthalle Baden-Baden, die 1968 einen Blick in das erotomanische Oeuvre des alten Picasso zu riskieren. Im nebenan liegenden Haus der Sammlung Frieder Burda wird nun auf ein Neues – und das bereits in der Verlängerung wegen des großen Besucherinteresses – das Schaffen der 60er und 70er-Jahre präsentiert. Die Schamröte steigt wohl kaum noch jemandem ins Gesicht, und die Weichen waren längst gestellt: Die Sammlung besitzt sieben Gemälde und eine Skulptur aus den letzten Lebensjahren des Meisters – so war es ein Leichtes, mit einigen Leihgaben eine Schau mit über 30 Gemälden und einer Handvoll Plastiken zusammenzustellen, die einen umfassenden Eindruck dieses Werksegments gewährt.

Die Werke sind durchweg in Mougins entstanden. Dort hatte Picasso 1961 ein Landhaus gekauft; doch trotz seiner fast 80 Jahre – sein runder Geburtstag war noch im selben Jahr, am 25. Oktober – kann man es kaum als Altersruhesitz bezeichnen: Ungebremst war seine Schaffensgier, wie im Übrigen auch seine Lebensgier: Im Frühjahr desselben Jahres heiratete er Jacqueline Roque, die er rund zehn Jahre zuvor kennen gelernt hatte. Die Ausstellungen dieses Jahrzehnts heißen vollmundig »Bonne Fête, Monsieur Picasso«, »Picasso: An American Tribute« oder »Hommage à Pablo Picasso« (eine Retrospektive mit 700 Arbeiten), zum 90. Geburtstag 1971 werden Picasso Ausstellungsehren zuteil, die bis dahin kein zweiter lebender Künstler genießen durfte. Vom einfachen Kunstinteressierten bis zum Präsidenten Georges Pompidou machten alle ihre Verbeugung vor dem Jahrhundertgenie. Wenn ihn nicht eine Grippe 1973 dahingerafft hätte, Picasso wäre vermutlich kaum müde gewesen, immer wieder künstlerisches Neuland zu betreten. Die wunderbaren Fotografien von Edward Quinn und einige Aufnahmen von Kurt Wyss, die im Katalog zur aktuellen Ausstellung bei Frieder Burda zu sehen sind, vermitteln das Bild eines aktiv im Leben stehenden Menschen mit einem außerordentlich wachem Geist.

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Seine Themen kreisen denn auch um die geistige und körperliche Potenz des Menschen, sprich des Mannes und seines Verhältnisses zur Frau. Die anarchische Auflösung der anatomischen Gesetzmäßigkeiten war längst durchexerziert und erreichte in den 60ern eine neue Dimension. Mit barocker Lust und kraftvollem Pinselschwung widmete Picasso sich besonders dem Motiv »Maler und Modell«, gut und gern 200 Bilder entstehen hierzu, mal theatralisch überzeichnet, dann mal meditativ in sich gekehrt, mal ästhetisch überhöht, dann mal derb sinnlich. Die Staffelei mit dem durch gestreckten Daumen und/oder zusammen mit den in der Hand gebündelten Pinseln ergab eine Möglichkeit, unverkrampft, fast wie nebenbei, den erigierten Penis ins Spiel zu bringen, dessen Darstellung das eigentliche Ziel jener Gemälde zu sein schien. Doch war Picasso weit entfernt, sich in einer peinlichen Alterssenilität auszutoben, dazu war sein Energiehaushalt zu sehr aufgeladen und sein nach wie vor kindlicher Spieltrieb zu rege. Eine heiter Stimmung vermittelten andere Themengruppen wie die Flötenspieler, Wassermelonenesser oder die so genannten Musketiere, rauchende Edelleute, die den Grandseigneur schlechthin versinnbildlichten – dazu gehörte auch der »Matador und Frauenakt«, eine Arbeit von einzigartig erotischer Ausstrahlung (das Schwert in der Hand mit rotem Griff wiederum mit doppeldeutiger Zuordnung), die jedem weitaus jüngeren Kollegen zur Ehre gereicht hätte.

Ganz spät, in den 70ern fällt das Unfertige, das Vergängliche auf, Picasso rebelliert selbst noch gegen jedwede Stilprägung. Kunstlos wirken Bilder wie der »Sitzende Mann mit Hut«: noch immer mit hellwachem Blick dargestellt, die großen Hände in Lauerstellung (nicht in den Schoß gelegt) – und doch auch der Blick eines Menschen, dessen gelebtes Leben für drei hätte reichen können. Der einfühlsame Katalog setzt diesem Gemälde ein weises Schlusswort Picassos gegenüber: »Ich halte Kunst für eine Emanation von Trauer und Schmerz. Die Trauer eignet sich zur Meditation, und der Schmerz liegt dem Leben zugrunde.« Ein Lebemann war Picasso, wohl, aber groß war er durch seinen melancholischen Ernst, mit dem er so frei wie ein Kind werden wollte.

 

 

Weitere Informationen

 

Öffnungszeiten
Di–So 10–18 Uhr
Mi 11–20 Uhr

Eintrittspreise
Erwachsene: 8 € / 6 €; Schüler: 4 €

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