Ausstellungsbesprechungen

Reisen im Land der aufgehenden Sonne – Meisterwerke des japanischen Holzschnitts aus der Kunsthalle Bremen, Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen, bis 11. Juli 2010

Die neuartige Ästhetik, die kühnen Kompositionen und das feine Kolorit des japanischen Farbholzschnitts lösten im Europa des ausgehenden 19. Jahrhunderts eine Welle der Begeisterung aus und haben bis heute nichts an Faszination eingebüßt. Unser Autor Günter Baumann hat sich für Sie auf die Reise in den Fernen Osten begeben.

Es mag kulturell gesehen ein Miss- oder gar Unverständnis gewesen sein, doch besseres hätte der modernen Kunst in Europa nicht passieren können: Ohne wirkliche Kenntnis der ostasiatischen Ästhetik ließen sich die Künstler einfangen von der großzügigen Komposition und der flächenbetonten Farbigkeit der japanischen Holzschnitte. Vincent van Gogh, Gauguin, die Nabis und andere mehr bezogen ihre Inspiration daraus – und als wäre in Japan die Zeit stehen geblieben, schaut der Westen auch heute noch fasziniert auf die Hokusais und Hiroshiges, als seien diese Meister Stars unsrer Zeit, zumal das moderne Landschaftsbild, das ja mitunter von Hokusai & Co. beeinflusst ist, gerade in seiner heutigen Neuerfindung nach Asien schaut und sich wiederzuerkennen glaubt. Und um das Wechselspiel noch weiter zu treiben, muss ergänzend darauf hingewiesen werden, dass sich die Japaner früh schon beeindruckt zeigten von der Zentralperspektive, die bekanntlich eine europäische Erfindung war. Was sie daraus machten, war kühn genug, dass der Rücktransfer auf die Leinwand der europäischen Maler nahelag. So konnte der Bruch mit der Tradition vollzogen werden, nicht ohne sich über Umwege genau dieser zu versichern.

Dass die fernöstlichen Protagonisten aus dem 18./19. Jahrhundert nun in Bietigheim zu Gast sind, hat mehrere Gründe: Zum einen fühlt sich die Stadt vor den Toren Stuttgarts dem fernen Land verbunden durch ihren berühmten Sohn Erwin Baelz, dem 1905 geadelten Leibarzt der kaiserlichen Familie in Japan, der noch fast hundert Jahre nach seinem Tod 1913 in seiner schwäbischen Heimat für einschlägige Kontakte gut ist. Zum anderen pflegt Bietigheim auch seine Verbindungen mit norddeutschen Museen: Die führten zu Kooperationen mit Emden und Kunsthalle und nun auch mit Bremen, das über eine grandiose Sammlung japanischer Holzschnitte verfügt, die Station im Süden machen. Zum Glück für manche musealen Nutznießer ist die Bremer Kunsthalle bis 2011 wegen Sanierungsarbeiten geschlossen; so schickte sie ihre besten Stücke in die Welt hinaus, so etwa die Japonismus-Abteilung gen Bietigheim. Neu ist sicher nicht das Thema an sich, sondern eher die Schwerpunkte, welche insbesondere der altehrwürdigen, 500 km langen Reiseroute namens Tokaido galten. Die japanischen Meister folgten ihr und verewigten sie samt den vielen Geschichten, die sich darüber erzählen ließen: von dem Leben, dem Alltag, den Gedanken der Menschen.

Die 150 Arbeiten der Bremer Ukiyo-e-Sammlung werden zusätzlich aus den Beständen des Stuttgarter Linden-Museums sowie der Städtischen Galerie selbst bestückt worden. Dank dieser Objektschau füllen sich die Ausstellungsräume mit Leben, das bis in die Holzschnitte hineinpulst. Ob Gepäck oder Kleidung, es reichte auch damals nicht nur ein Pinsel, um gerüstet zu sein. Unter dem Tokaido-Aspekt wurden die Holzschnitte wohl noch nicht gezeigt, umso näher rücken die Motive von damals. In der Städtischen Galerie kann man besser denn je nachvollziehen, welch epochale Wirkung diese Arbeiten hatten. Auch heute geht die Rechnung auf, wenn Ando Hiroshige den Betrachter auf der 14. Station seiner Tokaido-Serie perspektivisch in die Komposition seiner Reisenden hineinzieht – und in der Ferne lockt der Berg Fuji.