Interviews

Richard Neutra: Wohnhäuser für Kalifornien. Interview mit Kurator Andreas Nierhaus, Wien Museum

Richard Neutra (1892–1970) zählt zu den wichtigsten Architekten seiner Zeit. In seiner Heimat Wien ist er dennoch nahezu unbekannt. 50 Jahre nach Neutras Tod nähert sich das Wien Museum nun dem Werk und der Wirkung des Architekten. Andreas Maurer hat Kurator Dr. Andreas Nierhaus für PortalKunstgeschichte interviewt.

Porträt Richard Neutra um 1960 © Österreichische Nationalbibliothek, Bildarchiv und Grafiksammlung
Porträt Richard Neutra um 1960 © Österreichische Nationalbibliothek, Bildarchiv und Grafiksammlung

Andreas Maurer: 1923 machte sich Richard Neutra von Wien aus auf den Weg in die USA. Wenige Jahre legte er gemeinsam mit seinem Landsmann Rudolph Michael Schindler die Basis für die moderne kalifornische Architektur. Wie kommt es aber, dass sich das Wien Museum nun auf Zeitreise in die kalifornische Moderne macht?

Andreas Nierhaus: Die Ausstellung basiert auf einer Forschungsreise nach Los Angeles, die ich als Kurator der Architektursammlung des Wien Museums im Sommer 2017 gemeinsam mit dem Fotografen David Schreyer unternommen habe. Ein Ziel des Projektes war es, die Bauten Richard Neutras in seinem Heimatland Österreich bekannt zu machen – mit der Ausstellung im Wien Museum ist uns dies gelungen. Zudem verband Neutra Zeit seines Lebens viel mit Wien und Österreich, und dieser engen, wechselvollen Beziehung ist ein eigener Teil der Ausstellung gewidmet.

AM: Warum ist Richard Neutra 1923 aber überhaupt in die USA emigriert? Was hat er sich in der Neuen Welt erhofft?

AN: Neutra war durch Adolf Loos mit Amerika in Berührung gekommen, der seinen Schülern begeistert von seinem Aufenthalt in den Vereinigten Staaten erzählte. Die Neue Welt übte um 1900 allgemein große Faszination aus, Neutra war insbesondere von den in Europa damals noch unbekannten Technologien im Bereich der Bauindustrie fasziniert, er wollte aber auch die Bauten seines Idols Frank Lloyd Wright im Original sehen und Erfahrung sammeln. An eine dauerhafte Übersiedelung in die USA dachte er zu Beginn seiner Reise wohl nicht.

AM: Sie haben Adolf Loos erwähnt, gibt es andere europäische Architekten und Vorbilder die Einfluss auf das frühe Werk Neutras hatten?

AN: Sicher Otto Wagner, der mit dem riesigen Verkehsbauwerk der Stadtbahn das Gesicht Wiens um 1900 maßgeblich geprägt hat. Zwar hat sich Neutra nicht in formaler Hinsicht an Wagner orientiert, wohl aber an seinem planerischen Rationalismus und an der selbstverständlichen Integration des Eisens in die ästhetische Wirkung der Architektur. In der Bauschule von Adolf Loos lernte Neutra, Architektur auf eine spezifische Weise räumlich zu denken. Der »Funktionalismus« Neutras ist nicht jener des Bauhauses, sondern hat Wiener Wurzeln.

McIntosh House, Silver Lake, Los Angeles, 1937–1939 Foto: David Schreyer 2017
McIntosh House, Silver Lake, Los Angeles, 1937–1939 Foto: David Schreyer 2017

AM: Während Neutra in den USA als Zeichner arbeitete hat er, so sagt man jedenfalls, die Technologie der Hochhäuser in New York und Chicago nicht nur beobachtet sondern »mit den Augen gegessen«. Welchen Impact hatte das Werk des US–amerikanischen Architekten Frank Lloyd Wright auf Richard Neutra?

AN: Die Bauten und Entwürfe von Frank Lloyd Wright waren durch die legendäre »Wasmuth–Mappe« von 1910 [Anm: die Sammlung von 100 Tafeln mit Wrights gebauten und ungebauten Werken vermittelt seine Vision einer »organischen Architektur«] auch Richard Neutra zugänglich, der sie in einer Wiener Bibliothek zum ersten Mal durchblätterte. Die Begegnung mit dem Werk Wrights – über Fotografien und Zeichnungen – war offenbar eine Art Erweckungserlebnis für den jungen Neutra. Offene Grundrisse, perfekt in die Landschaft eingepasste, ja mit ihr »verschmolzene« Bauten – diese Elemente übernahm er später auch in seinen eigenen Planungen.

AM: Neutras vorbildliche Raumökonomie und die gestalterische Qualität seiner Bauten wird bis heute gelobt. Gibt es aber so etwas wie einen »Neutra Stil« oder »typische« Bau–Elemente?

AN: Neutras Gestaltungsprinzipien fußten zu einem Teil auf der Vorstellung, dass industriell vorgefertigte Elemente wie etwa Stahlrahmenfenster die Basis einer neuen Architektur des 20. Jahrhunderts bilden könnten. »Sweet’s Catalogue«, ein Musterkatalog der Bauindustrie, war seine »Bibel«, wie sich ein Mitarbeiter später erinnerte. Dazu kam ein tiefes Bewusstsein für die Bedeutung des Bauplatzes, die Anlage des Hauses in Bezug auf Himmels– und Windrichtungen, die Öffnung zur umgebenden Landschaft und die Bedeutung architektonischer Qualität bis ins kleinste Detail – in diesem Punkt war er sicher auch von den umfassenden Gestaltungsansätzen der Wiener Moderne geprägt. »Typische« Elemente seiner Bauten sind offene, »fließende« Grundrisse, möglichst große Fensteröffnungen, weit vorgezogene Flachdächer und nicht zuletzt der berühmte »Spider Leg«, mit dem die Last von Unterzügen in den Boden abgeleitet wurde. Dadurch konnte in den Raumecken auf Stützen verzichtet und die Öffnung des Hauses maximiert werden.

Lovell House Foto: Michael J. Locke  Wikimedia Commons
Lovell House Foto: Michael J. Locke Wikimedia Commons

AM: Richard Neutras »Haus Lovell« aus den 20er Jahren wurde zur Ikone der kalifornischen Moderne. Wie setzt es sich gegenüber anderen Bauten ab?

AN: Das Lovell Health House war das erste private Wohnhaus in den USA, das als vorgefertigte Stahlrahmenkonstruktion errichtet wurde und in dieser Hinsicht allein technisch eine absolute Novität. Dazu kommt, dass es als das erste Haus in Kalifornien galt, in dem sich die funktionalistischen Prinzipien des »International Style« voll ausgeprägt wieder fanden. Heute scheint mir an dem Haus seine enge Beziehung zu zeitgenössischen Körper–, Gesundheits– und Hygienediskursen besonders relevant.

AM: Das Haus wurde für den Naturheilpraktiker und Gesundheitskolumnisten der Los Angeles Times, Dr. Philip Lovell, gebaut. Es verfügte über Schlafveranden, Bereiche zum nackten Sonnenbaden, ein Fitnessstudio und ein Schulzimmer im Freien, Fenster, die zusätzliche UV–Strahlen hereinlassen, und eine Küche, die für eine strenge vegetarische Ernährung ausgelegt war.
Doch was bedeutet eigentlich der Begriff »biorealistische Architektur«, der bei Neutra öfter zu lesen ist?

AN: Der Begriff des Biorealismus geht von der Vorstellung aus, dass der Mensch sich im Lauf der Zivilisation von seinen »natürlichen« Ursprüngen entfernt habe und im Bereich des Wohnens wieder mit der Natur versöhnt werden müsse. Neutra hat sich früh mit Physiologie und Psychologie beschäftigt, er ging im Hause Sigmund Freuds ein und aus, und korrespondierte später mit berühmten Verhaltensforschern. Der Architekt war für ihn ein »Arzt«, der die Zivilisationskrankheiten der Menschen durch gute Planung heilen oder ihnen vorbeugen sollte. Neutras Funktionalismus ist stark humanistisch geprägt, der Mensch und seine individuellen Bedürfnisse stehen immer im Mittelpunkt.

AM: Individuelle Bedürfnisse der Bauherr*in und die Vision der Architekt*innen gehen oft nicht Hand in Hand. Welche Rolle spielen die Bauherr*innen für Neutras Architektur?

AN: Der Austausch mit den Bauherr*innen war für Neutra ein zentraler Aspekt seiner Arbeit, und die Wünsche der AuftraggeberInnen flossen direkt in die Planung ein. Neutras Bauherr*innen mussten umfangreiche Fragebögen über ihre Gewohnheiten und Bedürfnisse ausfüllen, die zum Teil intimen Bekenntnissen gleichkamen. So wollte der Architekt in seinen Einfamilienhäusern für maßgeschneiderte Planungen – stets auf der Basis eines konstanten gestalterischen Repertoires – sorgen. Dass diese Häuser, wie in den USA üblich, häufig bald verkauft wurden und damit ganz anderen Wohnbedürfnissen dienten, steht auf einem anderen Blatt – es spricht jedoch für Neutra, dass seine Häuser bis heute, oft nach häufigem Besitzerwechsel, wunderbar funktionieren.

AM: Heute gelten die Häuser des Architekten als Luxusdomizile. 1949, auf dem Zenit seines Ruhmes, wurde Richard Neutra mit einem Titelbild auf dem Time Magazine geehrt. In den USA feierte er große Erfolge, dennoch kam der gebürtige Wiener 1966, gegen Ende seines Lebens wieder nach Europa. Warum?

AN: Gleich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nahm Neutra, dessen Verwandte unter den Nazis als Juden verfolgt worden waren, wieder Kontakt zur alten Heimat auf. Anders als viele 1938 aus Wien emigrierte Architekten gab es mit Neutra, der bereits in den 1920er–Jahren Österreich verlassen hatte, offenbar keine Berührungsängste. Neutra wurde in Wien und Österreich hofiert, man stellte ihm Planungsaufträge in Aussicht, die sich jedoch allesamt zerschlugen. In Deutschland und der Schweiz konnte er dagegen in den 1960er–Jahren einige wichtige Bauten, darunter zwei Siedlungen und das Ferienhaus des Zeit–Herausgebers Gerd Bucerius, realisieren.

Haus in der Werkbundsiedlung, 1932 Foto: Martin Gerlach jun. © Wien Museum
Haus in der Werkbundsiedlung, 1932 Foto: Martin Gerlach jun. © Wien Museum

AM: Ein Werk Neutras gibt es aber auch in Wien, das »Haus in der Werkbundsiedlung«. Wie reiht sich das in sein restliches Oevre ein?

AN: Das kleine Haus von 1932 sollte ursprünglich – wie auch das Lovell Health House, mit dem Neutra kurz zuvor berühmt geworden war – als Stahlrahmenkonstruktion errichtet werden, was jedoch an den Vorgaben der Wiener Baubehörden scheiterte. Es vertrat auf der Ausstellung von 1932 den Typus eines »amerikanischen Wohnhauses« – was immer man darunter verstand. Typisch für Neutra ist das – den klimatischen Bedingungen entsprechend reduzierte – Fensterband, aber auch die durchgehende Dachterrasse, die im Sommer eine Verdoppelung der mit etwa 60 m2 sehr kleinen Wohnfläche möglich machte. Als Siedlungshaus, das für die serielle Produktion gedacht war, stellt es in seinem damaligen Schaffen die Ausnahme dar.

AM: Neben aktuellen Fotografien der Wohnhäuser Neutras und bisher unveröffentlichten Dokumenten zeigt die Ausstellung im Wien Museum auch einen Film von 1969 mit dem Titel »Die Ideen des Richard Neutra«.
Doch abgesehen von den Bauten Neutras: was blieb? Wirkt er noch immer nach?

AN: Neutra ist durch seine eigenen Publikationen schon zu Lebzeiten zum »Klassiker« geworden, dessen Einfluss so groß ist, dass man ihn kaum benennen kann. Er schuf so etwas wie das Ideal des modernen Einfamilienhauses des 20. Jahrhunderts: leichte Konstruktionen und durchgehende Glaswände ermöglichten – das richtige Klima vorausgesetzt – ineinander fließende, zur Natur hin geöffnete Räume, eine architektonische »Versöhnung« von Mensch und Natur, als Reaktion auf die Erfahrungen des industriellen Zeitalters. Neutra wirkt bis heute nach – aber vorwiegend als Lieferant für noch immer als »modern« geltende Gestaltungsmotive. Doch anstatt bloß seine konkrete Formensprache zu kopieren, sollte man seine gestalterischen Absichten weiterdenken. Dazu laden unsere Ausstellung und das begleitende Buch »Los Angeles Modernism Revisited« ein.


Dr. Andreas Nierhaus (*1978)
Studium der Kunstgeschichte und Geschichte in Wien; 2004/2005 Assistent am Institut für Kunstgeschichte der Universität Wien, 2005-2008 Mitarbeiter der Kommission für Kunstgeschichte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften; seit 2005 Lehrveranstaltungen an der Universität Wien; seit 2008 Kurator am Wien Museum.

Miller House, Palm Springs, 1936/37 Foto: David Schreyer 2017
Miller House, Palm Springs, 1936/37 Foto: David Schreyer 2017