Rezensionen

Sabine Lata: Künstler im Mittelalter. Wie sie lebten, wie sie arbeiteten, E.A. Seemann Verlag 2009

Von der Kunst des Mittelalters geht noch 1000 Jahre nach ihrem Entstehen eine große Faszination aus: Mittelalterliche Dome, Bilder, Skulpturen und Handwerksarbeiten begeistern alle, die sich für Kunst und Kultur interessieren. Doch wer steht hinter all diesen fernen Zeugnissen? Welche Künstler haben die zahllosen Werke geschaffen, worin bestand ihre Motivation? Sabine Lata schildert in diesem reich bebilderten großformatigen Text-Bild-Band anschaulich, unter welchen Bedingungen im Mittelalter bedeutende Werke der Architektur, der Malerei, des Kunsthandwerks und der Bildhauerei geschaffen wurden.

Lata©E.A. Seemann Verlag
Lata©E.A. Seemann Verlag

Der Verlag E. A. Seemann/Henschel mit Sitz in Leipzig ist jedem Kunsthistoriker bestens bekannt, selbst wenn er manchem bewusst kein Begriff sein sollte. Sein Flaggschiff, welches das traditionsreiche Haus durch all die schwierigen Gewässer der deutschen Geschichte steuerte, ist nämlich der berühmte »Thieme/Becker«, jenes seit 1907 in 37 Bänden erschienene umfangreiche Lexikon aller bildenden Künstler. Im vergangenen Jahr ist bei Seemann dieses vermutlich überhaupt größte Nachschlagewerk für die Kunst als neu ergänzte CD-Rom-Ausgabe erschienen. Seit einigen Jahren hat sich der derart auf die Kunst spezialisierte Verlag (- wie sagt man das jetzt unweigerlich in zeitgemäßem Idiom?) »neu aufgestellt«.

Sein Programm richtet sich vor allem an ein breiteres Publikum. Dem entspricht auch die Aufmachung dieses Buches, zum Beispiel die großzügige Ausstattung mit Bildern: In aller Regel findet man hier zwei Farbabbildungen pro zweispaltig gedruckter Doppelseite, nicht selten noch durch eine kleine Marginalie aufgelo-ckert. Auch der Autorin Sabine Lata geht es ganz offensichtlich weniger um in-nerakademische Kontroversen oder die Eröffnung neuer Forschungsperspektiven als um Zusammenfassung, Bestandsaufnahme und Bündelung des Bekannten. Das Gros der aufgeführten Werke ist vertrautes Anschauungsmaterial, wie man es als Kunstgeschichtler spätestens in den Übungen des Grundstudiums kennen lernt. Auch sind beispielsweise die Zitate nicht, der gebotenen wissenschaftlichen Gepflogenheit folgend, durch Fußnoten oder einen Anmerkungsapparat nachge-wiesen; gleichwohl beweist das Literaturverzeichnis, dass hier die neueste Litera-tur zum Thema rezipiert wurde.

Wer das Feld der Sozialgeschichte der Künstler bearbeiten und Informationen zu den Techniken, Abläufen von Gewerken und traditionellen Gepflogenheiten des Kunsthandwerks erfassen will, muss in erster Linie querlesen können und disparate Zufallsfunde zusammentragen. Denn was sich vereinzelt hinter Initialen, in Marginalien und Zwickeln verbirgt, ist durchweg Ausdruck einer vormodernen Gesinnung, derzufolge der Macher ganz hinter seinem Werk und dessen Funktionen zurückzutreten hat. Der Begriff der Autonomie war dem Mittelalter nun einmal fremd. Kunst war stets funktional in die sozialen und religiösen Ord-nungen eingebunden, und das Wort »Zünfte« für jene Organisationen, die mit Strenge und penibler Reglementierwut alles regelten, hängt nicht von ungefähr etymologisch mit »sich ziemen« und »in Zaum halten« zusammen. So ist es na-türlich, dass ein Auftraggeber gewichtiger war als jeder Künstler: »’Die Kunst aber steht höher als Gold und Edelsteine, an höchster Stelle aber steht der Stifter’, so die Auffassung Heinrichs von Blois, des Bischofs von Winchester, in der Inschrift eines von ihm gestifteten Schreins« (hier S.119).
Auch wenn die Autorin hinter die Überschrift ihrer Einleitung »Vom Handwerker zum Künstler?« ostentativ ein Fragezeichen setzt und zunächst zugespitzt formu-liert »Eine gradlinige Entwicklung vom demütig schaffenden, namenlosen Hand-werker zur selbstbewussten Künstlerpersönlichkeit hat es in dieser Eindeutigkeit nicht gegeben« (S.9); so kann sie an einer grundsätzlichen Revision dieser tra-dierten Einschätzung jedoch nicht rütteln. Später lautet dann auch ihr Fazit: »Eine zweckfreie, allein vom Schaffensdrang des Künstlers abhängige Kunstproduktion, egal um welche Kunstgattung es sich handelte, gab es nicht« (S.101). Vermutlich möchte Lata die altbekannte These auch gar nicht kippen, nur etwas an dem romantischen Bild kratzen und zeigen, dass Künstler im Mittelalter weder allein für Gotteslohn gearbeitet haben, noch bescheidene Handwerker waren.
Der nüchterne Blick, den sie dem Klischee entgegensetzt, lohnt sich alles in al-lem. Die Verfasserin beleuchtet die unterschiedlichen Materialien, die Orte der Kunst (Klöster, Städte, Höfe, Bauhütten), die verschiedensten Techniken, die Rolle der Auftraggeber sowie die Abwicklung von Verträgen. Auch die privaten Seiten, wie die Weitergabe der Kunsttätigkeit vom Vater zum Sohn oder der Brauch aufgrund geschäftlicher Interessen innerhalb seiner Kreise zu heiraten, werden angesprochen.

Man sieht, der Bogen ist weit gespannt, zu weit, wie es manchmal scheint. Denn einmal neugierig gemacht, möchte der werte Leser gelegentlich doch dies oder das noch genauer erfahren, etwa eine quellenkritische Einschätzung bekommen. Ein für künstlerische Techniken so zentraler Autor wie Theophilus Presbyter, hin-ter dem sich bekanntlich der im 12. Jahrhundert lebende Roger von Helmarshau-sen verbirgt, hätte zum Beispiel unbedingt eine eingehendere Vorstellung ver-dient.
Häufiger vermittelt das Buch den Eindruck, eine Folge von kompilierten Hand-buchartikeln zu sein. So ist der Schreibstil nicht selten trocken und monoton, als hätte sich die die Autorin an einer kleinteiligen und dennoch assoziativ wirkenden Gliederung abarbeiten müssen. Ein Begriff reicht sozusagen dem nächsten die Klinke in die Hand, Aussagesatz reiht sich parataktisch an Aussagesatz, die Sub-jekte sind ungreifbare Anonyma oder werden hinter Passivkonstruktionen ver-borgen. Dann aber stößt man auch mal wieder auf einprägsame und anschauli-che Details. Ein Beispiel: Wie machte man im Mittelalter die Farbe Grün? – Ganz einfach, man nehme Platten aus Kupfer, lege diese zusammen mit Essig, Wein und Urin in ein Kästchen und vergrabe das dann mehrere Wochen in einer war-men Umgebung, am besten in einem Misthaufen (vgl. S. 60).
Fazit: Eine tour d’horizon durch ein schwieriges Feld, durchaus geeignet für das breite Publikum der interessierten Laien oder auch zur Einführung in technische und sozialgeschichtliche Zusammenhänge der mittelalterlichen Kunst.