Ausstellungsbesprechungen

Sammlung Kunstmuseum Wolfsburg. Ausgewählte Werke von Carl Andre bis Sergej Jensen, Kunstmuseum Wolfsburg, bis 8. Juli 2012

Das Kunstmuseum Wolfsburg zeigt seine Sammlung immer wieder in neuen Konstellationen. Aktuell präsentiert das Haus knapp 100 Arbeiten von 34 internationalen Künstlern der Minimal Art, Concept Art und Arte Povera sowie der jüngsten Gegenwart. Dorothea Schöne hat es sich angeschaut.

Einige der Arbeiten sind dem Besucher gut bekannt, der Gelegenheit hatte, die viel beachtete Ausstellung »Kunst der Entschleunigung« anzusehen, die das Kunstmuseum vom 12. November 2011 bis zum 9. April 2012 gezeigt hatte: Julius Popps medienkritische Installation »bit.fall« (2001-2006) gehört ebenso dazu wie die Videoinstallation des auf Zypern geborenen Künstlers Hussein Chalayan »Place to Passage« (2003) oder »Tavolo a Spirale in Tubolare die Ferro per Festino di Giornali Datati il Giorno del Festino« (1976) von Mario Merz, mit deren Ankauf vor nunmehr 18 Jahren die Sammlung begründet wurde. Auf einem spiralförmigen Tisch hat der Künstler Früchte und Gemüse der Saison arrangiert. Für Merz stellt der Tisch ein Instrument bei der Suche nach Dialog und gemeinsamer Kultur dar und spiegelt damit sinnbildlich auch das Konzept der gesamten Ausstellung wider: Bewusst hat man sich in Wolfsburg gegen eine festgelegte Dauerpräsentation entschieden und gestaltet stattdessen immer wieder aufs Neue einen Aufbau, der nicht nur Leitmotive der Sammlungszusammenstellung erklären , sondern zugleich auch eine Einladung zum Diskurs darstellen soll.

Seit 2006 hat sich das Kunstmuseum Wolfsburg zum Ziel gesetzt, zentralen gesellschaftlichen Themen in der Moderne durch die Kunst nachzugehen: Natur, Technik, Kommunikation, Mobilität und Massenkultur als Determinanten der conditio humana im 21. Jahrhundert bilden den thematischen Überbau zu einem ambitionierten Ausstellungsprogramm. Direktor Markus Brüderlin, der die Rolle heutiger Museen als »Spezialisten der Nachhaltigkeit« definiert, will diese Auseinandersetzung gerade in einer Zeit betont sehen, in dem Vieles nicht mehr für den Menschen gemacht zu sein scheint.

Wo der Mensch zu verorten ist, hinterfragt eine Reihe von künstlerischen Positionen in unterschiedlichster Herangehensweise. Gilbert & George betrachten ihr unmittelbares Lebensumfeld, Cindy Sherman macht gar den eigenen Körper zum Sujet ihrer Arbeit und Christian Jankowski stellt die Beziehungsunfähigkeit unserer Gesellschaft zur Schau. Der US-Amerikaner James Welling dokumentiert in seiner 1994 vom Wolfsburger Kunstmuseum in Auftrag gegebenen Serie die urbane Entwicklung der Autostadt als Lebens- und Arbeitsraum. Als Wiedergabe einer Realität in schwarz-weiß stehen sie in scharfem Kontrast zu Andreas Gurskys digital bearbeiteten Großformaten. Hier zeigt sich stilisierte Leere ebenso wie rhythmisch wiederholte, konforme Masse in beklemmender Entfremdung.

Ein besonderer, wenn auch aus aktuellem Anlass mit dem Tod des Künstlers David Weiss (1946-2012) trauriger Höhepunkt der Schau ist die seit langem wieder gezeigte Biennale-Arbeit (1995) des schweizerischen Künstlerduos Fischli/ Weiss »Der Lauf der Dinge« (1987). In dieser humorvoll pointierten Installation wird das Banale und Alltägliche zum Thema der Arbeit, verwischen und erweitern die Künstler die Grenzen dessen, was im Museumsraum als Thema der Kunst Geltung hat.

Wie man sich den Werken inhaltlich nähert, lassen die Kuratoren in Wolfsburg bewusst offen – das Themenspektrum ist weit gefasst. Gezeigt werden im Kunstmuseum Wolfsburg im Wesentlichen künstlerische Positionen weltweit bekannter und etablierter Namen. So lädt das Museum in diesem Sommer weniger zu einer Neuentdeckung junger Talente ein, als vielmehr zu einem Gedankenspiel mit den aufgeworfenen Diskursthemen und der Kunst als deren visualisierter Ausdrucksform.