Reiseberichte

Schloss Seehof bei Bamberg – ein Kleinod fürstbischöflicher Baukunst

Fährt man auf der Autobahn von Bayreuth kommend in Richtung Bamberg, bietet sich plötzlich zur Linken ein Blick auf ein kastellartiges Schloss mit vier Ecktürmen. Die Frage tut sich auf: Was ist das? Zunächst keinerlei Hinweisschild, aber dennoch der Drang, am Autobahnkreuz Richtung Nürnberg zu fahren und die nächste Ausfahrt zu nehmen und diese Anlage näher in Augenschein zu nehmen. Aha, Schloss Seehof bei Memmelsdorf.

Schloss Seehof, Innenhof © Bayerische Schlösserverwaltung
Schloss Seehof, Innenhof © Bayerische Schlösserverwaltung

Ein frisch geteerter, geräumiger Parkplatz liegt vor einem. Man stellt den PKW ab, nähert sich dem Parkeingang, liest die Informationstafel und flaniert die Parkwege entlang auf das Schloss zu, das trutzig den Mittelpunkt dieser Parkanlage einnimmt. Während die Orangeriebauten im Eingangsbereich rot-weiß gestrichen sind, leuchtet das Schloss strahlend in gelb und weiß.
 
Im Kassenbereich, der wie üblich auch einen kleinen Museumsshop beherbergt, wird man darauf hingewiesen, dass die Führungen unmittelbar nach den Wasserspielen beginnen.  Wasserspiele? Freundlich wird einem der Weg zur Rückseite des Schlosses gewiesen, an der sich die „große Hauptstiege“, die Kaskade, befindet. Man nimmt Platz und wartet, Ferdinand Tietz’ Figuren der Flussgötter Main und Regnitz betrachtend, über denen erhaben Herkules steht, von der Fama bekrönt und über seine Widersacher triumphierend, die rundum zu seinen Füßen niedergeworfen sind. Herkules stellvertretend für den Fürstbischof Adam Friedrich von Seinsheim, dessen Initialen und Wappen zu beiden Seiten der Kaskade von Löwen präsentiert werden. So weit, so gut: Pünktlich zur vollen Stunde beginnt das Wasser aus den Amphoren der Flussgötter zu quellen, wird von maskenhaften Gesichtern ausgespieen, schwillt an zu einem Rauschen, das nach und nach die gesamte Kaskade ausfüllt, bis letztlich sogar oberhalb des gigantischen Herkules Wasser in zwei Bögen herabsprudelt. Nachhaltig beeindruckt von diesem Schauspiel, das ähnlich bereits in der Rokokozeit zu erleben war, begibt man sich in die Führung durch die Schauräume.
 
Die heutige Anlage ließ Fürstbischof Marquard Sebastian Schenk von Stauffenberg (1683–1693) ab 1687 von Antonio Petrini als Sommerresidenz und Jagdschloss errichten. Ohne Frage handelte es sich bereits zu dieser Zeit um eine etwas altmodische Anlage mit geschlossenem vierflügeligen Grundriss und vier Ecktürmen. Auf die Funktion als Jagdschloss wird man bereits im Treppenhaus hingewiesen, in dem große Gemälde von Carl Ruthart hängen, die Jagdhunde zeigen, die sich auf Hirsche und einen Bären stürzen.

Unter den beiden auf Stauffenberg folgenden Fürstbischöfen Lothar Franz von Schönborn (1693–1729) und seinem Neffen Friedrich Karl von Schönborn (1729–1746) wurde der Schlosspark angelegt und mit den Orangeriebauten, Wachthäusern und Mauern versehen. Fürstbischof Johann Philipp Anton von Franckenstein (1746–1753) ließ 1751 den Festsaal ausstatten und berief Ferdinand Tietz, den bekanntesten Bildhauer des fränkischen Rokoko, zum Hofbildhauer.
 
Die strahlendste Epoche, die Blütezeit, erlebte Seehof allerdings unter dem Fürstbischof Adam Friedrich von Seinsheim (1757–1779). Zum einen nutzte er am häufigsten das auf dem Land gelegene Schloss als Rückzugsort, zum anderen kam er hierher, um Aufführungen im Heckentheater anzusehen, Konzerten zu lauschen und selbstverständlich um zu jagen. Unter seiner Regentschaft wurde der Park in einen Rokokogarten umgestaltet, wobei die Figuren von Ferdinand Tietz auf etwa 400 Stück anwuchsen. Davon sind heute nur noch ca. 20 an Ort und Stelle in Seehof erhalten, die zu ihrer Konservierung in die Orangerie verbracht wurden, die das Ferdinand-Tietz-Museum beherbergt. Bis auf wenige Ausnahmen stehen im Park also Kopien, die aber ebenso in Bleiweiß gefasst wurden, wie es bei den Originalen wohl der Fall gewesen sein dürfte.
 
Leider ließ bereits der Nachfolger Seinsheims Franz Ludwig von Erthal (1779–1795) etwa die Hälfte der Parkfiguren abbrechen und einlagern. Erthal, der erste aufgeklärte Fürstbischof Bambergs, investierte sein Geld statt in Prunk und Pomp eher in die Errichtung eines Krankenhauses und unterstützte soziale Projekte.

Seehofs glänzendste Zeit war mit dem Tod Seinsheims zu Ende. Der Weg führte von Erthal an in den unaufhaltsamen Abstieg. Nach der Säkularisation 1802 wurde der Besitz aus den Händen der Wittelsbacher 1842 an den preußischen Husarenoberst von Zandt verkauft. Dessen Erben hatten erhebliche Schwierigkeiten, den riesigen Besitz unterhalten zu können. Verschiedene Maßnahmen – wie die Umgestaltung einiger Teile des Gartens in landwirtschaftliche Nutzflächen – brachten nicht die erhofften Erfolge, so dass es zu Verfallserscheinungen der Gebäude kam. Nach dem tragischen Ertrinken des letzten Barons von Zandt im Weiher (1951) und der Wiederheirat seiner Witwe mit dem Baron von Hessberg begann ab 1956 der systematische Ausverkauf des Schlossinventars. Dies ging so lange, bis 1975 dank des neuen bayerischen Denkmalschutzgesetzes der Freistaat Bayern eingreifen konnte und das Schloss aus Mitteln des Entschädigungsfonds erwarb. Seitdem wird Seehof als Außenstelle des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege (Archäologie, Steinrestaurierung, Textilrestaurierung) genutzt. Es wurde viel unternommen, um verlorenes Mobiliar wieder aufzufinden, nach Seehof zu holen oder zumindest in Kopie wieder zeigen zu können. Heute erstrahlen einige Räume des Schlosses wieder in altem Glanz. Seit 1993 werden Führungen angeboten, seit 1995 laufen die Wasserspiele an der Kaskade wieder und seit 2003 gehört Seehof zur Bayerischen Verwaltung der staatlichen Schlösser, Gärten und Seen.
 
Beim Rundgang gelangt man vom Treppenhaus mit der bauzeitlichen Stuckdecke von Johann Jakob Vogel in den Gardesaal. In diesem Raum hat sich vormals die Leibgarde aufgestellt, um hohem Besuch die nötige Ehre zu erweisen. Gleichzeitig wurde der Saal aber bereits im 18. Jahrhundert als Gemäldegalerie genutzt, was heute durch die großen Gemälde mit Szenen aus dem Alten Testament und der griechischen Mythologie wieder nachvollzogen werden kann.
Betritt man den sich anschließenden Festsaal, den „Weißen Saal“, mit porzellanartig schimmernden Wänden und dem Deckengemälde von Giuseppe Appiani in pastelligen Tönen, meint man wirklich, in die alte Zeit zurückversetzt zu sein. Das Fresko greift Themenbereiche auf, die mit der fürstbischöflichen Sommerresidenz Seehof zu tun haben und anhand von antiken Gottheiten dargestellt sind. So tummeln sich der Meeresgott Neptun (man denke an den Namen „See“-hof!), die Jagdgöttin Diana samt Hirtengott Pan, die Blumengöttin Flora, die Fruchtbarkeits- und Getreidegöttin Ceres und der Weingott Bacchus in einem fröhlichen Götterreigen. Im Zentrum der Decke befindet sich ein kindlicher Amor, der mit seinem Pfeil auf jeden Besucher zu zielen scheint, egal, an welcher Stelle im Saal man sich aufhält.

Für hoch gestellte Persönlichkeiten oder ihre Gesandten wurden im Schloss mehrere Gästeappartements bereitgehalten. Eines davon ist heute wieder zu sehen, aufgeteilt in ein Vorzimmer mit verschiedenen Spieltischen und ein Schlafzimmer mit rekonstruiertem Bett und daneben befindlichem „Leibstuhl“, der nach Gebrauch in die Wand geschoben und vom dahinter liegenden Kammerdienerzimmer entleert werden musste. Unter Fürstbischof Seinsheim wurden nahezu alle Räume mit Chintztapeten mit floralem Dekor ausgestattet, so dass die luftig-leichte Atmosphäre des Gartens sich auch in die Innenräume überträgt.

Nach einem erneuten Gang durch den Weißen Saal gelangt man auf der gegenüberliegenden Seite in die Räume des Fürstbischofs selbst. Im Vorzimmer, das den einzigen bauzeitlichen Fußboden besitzt, steht ein zu einer „Treillage-Garnitur“ gehöriger Tisch, der als Leihgabe aus dem Metropolitan Museum of Art in New York wieder hierher kam. Es scheint fast, als wüchsen die geschnitzten, polychrom gefärbten Blumen und Ranken durch das Holz des Tisches.
Das Audienzzimmer wirkt außergewöhnlich durch die spinatgrüne Farbe der Tapete und das aufwändig gearbeitete Würfelparkett der Seinsheimzeit. Die originale so genannte „Pekingtapete“ ging beim Ausverkauf der 60-er Jahre verloren. Erhalten haben sich nur die Bezüge der Sitzmöbel, die passend dazu gearbeitet waren. Diese dienten als Anhaltspunkt, um 1992 vier Restaurateure von der Universität Peking hierher zu holen, die in einjähriger Arbeit die Tapete rekonstruiert haben. Im fürstbischöflichen Bereich des Schlosses zieren nahezu alle Supraporten Bilder von Tieren, die mit der Jagd zu tun haben, so dass man stetig auf die Funktion des Schlosses als Jagdschloss verwiesen wird. Mit dem Schreibkabinett beginnt der private Bereich des Schlosses. Hier wird eine Geheimtür gezeigt, hinter der sich ein großes Stück der originalen Chintzbespannung aus dem 18. Jahrhundert erhalten hat.

Nach dem kleinen Oratorium mit Orgelschrank und liturgischen Geräten kommt man in das Schlafzimmer des Fürstbischofs mit rekonstruiertem Paradebett, das durch die grüne Farbe und die aufgesteckten Pfauen- und Straußenfedern besticht. In diesem Raum befinden sich die einzigen beiden originalen Supraportenrahmen, die erneut das Motiv der Jagd aufgreifen, da oben in der Mitte der Kopf eines Jagdhundes auftaucht.


Von diesem Zimmer aus bietet sich ein hervorragender Ausblick auf die Kaskade und den Figurenweiher. Die Achse der Wege führt geradewegs auf das fürstbischöfliche Schlafzimmer zu, da in der Barockzeit ein Schloss immer der gebaute Ausdruck einer Staatsidee war, in deren Mitte der absolutistische Herrscher stand.

Weitere Informationen

Wasserspiele
Die Kaskade läuft von Mai bis 7. Oktober zu jeder vollen Stunde 10–17 Uhr.
 

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